Naturalismus (Kunst)

Naturalismus (Kunst)

Der Naturalismus in der Kunst ist eine Strömung von ca. 1880 bis 1900, ist aber als Epochenbegriff in der Bildenden Kunst weniger scharf als in der Literatur. Wie dort ist das Ziel des naturalistischen Künstlers eine Abbildung der gegenständlichen Welt, ohne das sozial Niedrige auszusparen. Die äußere Richtigkeit, die der Photorealismus auf die Spitze trieb, bietet allerdings keine Garantie für innere Wahrheit. Daher ist der bildnerische Naturalismus des 19. Jahrhunderts ebenso wie der literarische mit sozialem Engagement gekoppelt. Ein Wegbereiter war der Maler Gustave Courbet.

Im übertragenen Sinne spricht man in der Kunstgeschichte auch unabhängig von einer Epoche von einer Tendenz zum Naturalismus oder einer naturalistischen Darstellungsweise, wenn Künstler in ihrer Arbeit teilweise naturalistische Ziele verfolgten. Beispiele finden sich etwa in den spätmittelalterlichen Handschriften und Tapisserien, sowie in der altniederländischen Malerei.

Inhaltsverzeichnis

Definition nach Georg Schmidt

Darstellungsmittel

Der Kunsthistoriker Georg Schmidt versuchte in einer Zeit der werkimmanenten Interpretation nach dem Zweiten Weltkrieg, den bildnerischen Naturalismus vom Sozialen und Weltanschaulichen zu lösen. So kam er zu relativ zeitunabhängigen Definitionen. Dem Naturalismus komme es nicht auf die „Wahrheit“, sondern auf die „Richtigkeit“ an. Folgende Kriterien seien für ihn bestimmend:

3 Illusionen

  • Räumlichkeit (Zentral-, Farb-, Luftperspektive, Schlagschatten etc.)
  • Körperlichkeit (Linearperspektive, Schattenmodellierung)
  • Stofflichkeit (korrekte Darstellung des Stoffes, Materials etc., haptische Oberflächenbeschaffenheit)

3 Richtigkeiten

  • zeichnerische Richtigkeit (Schärfegrad des Auges)
  • anatomische Richtigkeit (Einzel- und Gesamtform)
  • farbliche Richtigkeit (Gegenstands-/Lokalfarbe (bei neutralem Licht); Erscheinungsfarbe)

Naturalismus – Realismus – Idealismus

Ferner versuchte Schmidt, den Begriff Naturalismus von den Begriffen Realismus und Idealismus abzugrenzen. Während der Naturalismus nach „äußerer Richtigkeit“ strebe, komme es dem Realismus auf „innere Wahrheit“ an. Dem Idealismus gehe es um „Erhöhung der Wirklichkeit“, während der Realismus nach „Erkenntnis der Wirklichkeit“ strebe. So kam Schmidt zu folgenden Kombinationen aus diesen drei Begriffen:

  • Realistischer Naturalismus: griechische Klassik, italienische Kunst (14./15. Jh.), deutsche und niederländische Kunst (15. Jh.).
  • Realistischer Antinaturalismus: Abbau der einzelnen Elemente des Naturalismus (Rembrandt van Rijn, Vincent van Gogh, Paul Klee, Pablo Picasso).
  • Idealistischer Antinaturalismus: Maya, Inka, archaische/frühchristliche/byzantinische Kunst (frühe Hochkulturen).
  • Idealistischer Naturalismus: Widerspruch zwischen künstlerischem Mittel und Gesinnung: Kitsch.

Künstler des Naturalismus Ende des 19. Jahrhunderts

Die Liste ist in chronologischer Reihenfolge nach den Geburtsdaten der Künstler geordnet.

  • Constantin Meunier (1831–1905), belgischer Maler und Bildhauer
  • Jean-Charles Cazin (1841–1901), französischer Maler
  • Léon Lhermite (1844–1925), französischer Maler
  • Alfred Roll (1847–1919), französischer Maler
  • Jules Bastien-Lepage (1848–1884), französischer Maler
  • Jean-François Raffaelli (1850–1924), französischer Maler
  • Marie Bashkirtseff (1860–1884), russische Malerin

Literatur

  • Georg Schmidt: Naturalismus und Realismus (1959) in: Ders., Umgang mit Kunst Ausgewählte Schriften 1940-1963, Verein der Freunde des Kunstmuseums, Basel 1976.

Siehe auch

Weblinks


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