Orden wider den tierischen Ernst

Orden wider den tierischen Ernst

Der Orden wider den tierischen Ernst ist ein jährlich gegen Ende der Karnevalszeit vom Aachener Karnevalsverein an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vergebener Orden und Kulturpreis, der regelmäßig eine bundesweite, häufig sogar internationale, mediale Beachtung erhält.[1]

Inhaltsverzeichnis

Zielsetzung

Der Orden wider den tierischen Ernst wird an bekannte nationale und internationale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verliehen, „[...] die Individualität, Beliebtheit und Mutterwitz in sich vereinen, vor allem aber Humor und Menschlichkeit im Amt bewiesen haben.“[1]. Er gilt als einziger Orden, der nicht für, sondern wider etwas vergeben wird.[1] Die bisher Ausgezeichneten sind überwiegend Politiker, Diplomaten oder Juristen. Die Geehrten werden auf Lebenszeit Ordensritter des Ordens wider den tierischen Ernst.

Geschichte

Der erste Orden wurde 1950 an J. A. Dugdale verliehen, der als Staatsanwalt in der zum britischen Besatzungsgebiet gehörenden Stadt Aachen einen Delinquenten, der einen belgischen Besatzungssoldaten verprügelt hatte, über die Karnevalstage aus der Haft entließ, nachdem man ihm erzählt hatte, dass es sich dabei um die höchsten Feiertage im Rheinland handelte.

Der Orden wurde besonders durch die Fernsehübertragungen der ordensverleihenden Sitzungen bundesweit bekannt. Internationale Bekanntheit entstand durch die Vergabe des ungewöhnlichen Ordens auch an international bekannte Persönlichkeiten.

Am 3. Februar 2007 erhielt Joachim Hunold, Chef der Fluggesellschaft Air Berlin, die Auszeichnung als Anerkennung dafür, „dass es auch heute noch Männer gibt, die den Mut haben, ein Typ zu sein“. Die Verleihung blieb nicht ohne Konflikte, da der Vorwurf der Schleichwerbung im Raume stand. Hunold und andere hatten mehrfach den Namen des Unternehmens genannt und dessen Leistungen propagiert. Da auch die Reden anderer Politiker, besonders Rainer Brüderles, als langweilig empfunden wurden, überlegte der WDR, die Sitzung künftig nur im Regionalprogramm auszustrahlen. Der Hauptsponsor Zentis zog daraufhin seine Unterstützung als Hauptsponsor vorerst für das Jahr 2007 zurück.

Siehe auch: Aachener Karneval

Liste der Ordensritter

Seit 1950 wurden folgende Personen zu „Ordensrittern“ mit folgenden Begründungen geschlagen:[2]

Jahr Preisträger Beruf Bemerkung
1950 J. A. Dugdale Staatsanwalt Gewährte einem Delinquenten während der Karnevalszeit Urlaub, weil er ihm es nicht zumuten wollte, „die höchsten Feiertage im Rheinland“ hinter Gittern zu verbringen.
1951 Die Ordenvergabe an J. A. Dugdale in 1950 war der erste AKV-Jahresorden an einen Engländer und ursprünglich als einmalige Aktion gedacht gewesen.

Das ungeahnte Presse-Echo, das die Auszeichnung des Engländers zur Folge hatte, löste im Elferrat den Gedanken aus, künftig regelmäßig solche fröhliche Taten auszuzeichnen. Daher reifte 1951 die Idee, daraus eine alljährliche Ordensverleihung zu machen. Den nächsten Ordensritter gab es somit erst wieder 1952.

1952 Jules von Jouanne Regierungsrat Ließ vor versammelten Gästen in Mölln anstelle eines Festmahls einfachen Eintopf auftischen: „Schleswig-Holstein ist arm.“
1953 Hans Sachs Staatsanwalt Beantwortete als Oberstaatsanwalt in Nürnberg eine ihm zugesandte Schmähschrift in Knittelversen im Stile seines Namensvetters Hans Sachs.
1954 Leo M. Goodman Richter Entschärfte ein Urteil gegen eine Deutsche und einen Italiener, die sich wegen einer Portion Ravioli mit einem Amerikaner geprügelt hatten, auf „kabarettistische“ Art.
1955 August Dresbach (CDU) Bundestagsabgeordneter Gelang es laut Protokoll in einer Bundestagsrede 46-mal „Heiterkeit“ oder sogar „stürmische Heiterkeit“ hervorzurufen.
1956 Willem Baron Michiels van Kessenich Bürgermeister Stoppte auf „humorvolle“ Art den Kriegsminister, der einen Fußballplatz beschlagnahmen wollte.
1957 Max Becker (FDP) Bundestagsvizepräsident Zur Auswahl Bonns als westdeutsche Hauptstadt: „Bonn ist die Oase, in der die Regierungskarawane vorübergehend lagert auf ihrem Weg zum endgültigen Ziel Berlin.“
1958 Carlo Schmid (SPD) Bundestagsvizepräsident Der Bundestagsvizepräsident wurde als einer der „geistreichsten und schlagfertigsten“ Redner ausgezeichnet.
1959 Konrad Adenauer (CDU) Bundeskanzler Für sein Talent, komplizierte Sachverhalte einfach darzustellen.
1960 Rudolf Eberhard (CSU) Finanzminister Für seine „unbürokratische und unorthodoxe“ Steuerpolitik.
1961 Bruno Kreisky (SPÖ) österr. Außenminister Ging im Spaß auf den Wunsch der bayerischen Stadt Burgau ein, wieder österreichisch zu werden.[3]
1962 Rochus Spieker Geistlicher Für seine „streitbare, humorvolle“ Art.
1963 Henry Chauchoy Professor Als treuer Mitarbeiter bei der Mainzer Bütt.
1964 Ewald Bucher (FDP/DVP, später CDU) Bundesjustizminister Wegen seiner Politglossen „Blaue Briefen der Bundesregierung“.
1965 Paul Mikat (CDU) Kultusminister Für seine hemdsärmelige Art, vermeintliche Persönlichkeiten auf Normalmaß zurückzustutzen.
1966 Pietro Quaroni Botschafter Spitzname: „lachender Diplomat“.
1967 Karl-Günther von Hase Leiter d. Bundespresseamts Für „Schlagfertigkeit und Ironie“ als oberster Pressesprecher.
1968 Per Haekkerup dän. Landwirtschaftsminister Ließ sich wegen seiner Leibesfülle mit Käse aufwiegen.
1969 Hermann Höcherl (CSU) Bundeslandwirtschaftsminister Für seine spöttisch-humorvolle Art.
1970 Denis W. Healey brit. Regierungsmitglied, Schatzkanzler Für große „Bonmots“ an diplomatischer Gewandtheit.
1971 Josef Ertl (FDP)
Franz Xaver Unertl (CSU) †
Politiker Trotz verschiedener Parteizugehörigkeit schlagfertiges bayerisches Rednerpaar.
1972 Helmut Schmidt (SPD) Verteidigungsminister Als Verteidigungsminister erlaubte er den Soldaten die damals modische Haarlänge.
1973 Lance Pope Botschafter Konnte als Brite platteln und jodeln wie waschechte Bayern.
1974 Walter Scheel (FDP) Außenminister Für „rheinisch-fröhliche“ Offenheit.
1975 Willfried Gredler Botschafter Komponierte diplomatische Sonaten.
1976 Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck (CDU) Präsident des Deutschen Bauernverbandes Konnte handfeste wirtschaftliche Interessen mit Humor vertreten.
1977 Raymond Broger Beamter Seine Reden gegen die Bürokratie im Ständerat wurden „mit (anerkennenden) Lachsalven“ quittiert.
1978 Ephraim Kishon Humorist, Schriftsteller Beleuchtete satirisch den Kampf gegen die (meist israelische) Bürokratie.
1979 Hans-Dietrich Genscher (FDP) Außenminister Als Dienstherr des (fiktiven) Ministerialdirigenten Edmund Dräcker.
1980 Richard Stücklen (CSU) Bundestagspräsident Zitat: „Humor ist der Mutterboden der Demokratie.“
1981 Heinz Werner Ketzer Kölner Dompropst Galt als „kirchlich-ernster“, aber auch „rheinisch-fröhlicher“ Kirchenmann.
1982 Manfred Rommel (CDU) Oberbürgermeister Der Stuttgarter Oberbürgermeister verband die „schwäbische Mentalität mit hintergründigem Humor“.
1983 Bernhard Vogel (CDU) Ministerpräsident Gab in seinem „Vogelhaus“ (seiner Staatskanzlei) „närrische Vogelschauen für gefiederte Freunde aller Farbschattierungen“.
1984 Friedrich Nowottny Journalist Teilte seine Interviewpartner in zwei Gruppen ein: Austern – schwer zu knacken aber ertragreich – und Heiße-Luft-Produzenten.
1985 Norbert Blüm (CDU) Bundesminister Für seine „eigenwillige, aber farbige“ Art.
1986 Johannes Rau (SPD) Ministerpräsident Als „bibelfester, (selbst)ironischer“ Politiker.
1987 August Everding bayerischer Generalintendant „Verband Kunst und Kommerz, Managertum, Pädagogik und Glauben in all seinen Widersprüchen in sich.“
1988 Gertrud Höhler (CDU) Professorin Motto: „Wissen kann man nur vermitteln, wenn man unterhält.“
1989 Franz Josef Strauß (CSU) † Ministerpräsident Für seine Kombination aus intellektueller Schärfe und rauflustiger Kumpelhaftigkeit bekannt.
1990 Lothar Späth (CDU) Ministerpräsident Für seine „pfiffige“ Einführung des Transrapid.
1991 1991 fiel der närrische Staatsakt wegen des Golfkrieges aus.
1992 Jack Lang Professor, französischer Bildungs- und Kulturminister „Paradiesvogel“ im Pariser Kabinett.
1993 Ruud Lubbers Niederländischer Ministerpräsident Im Maastrichter Karneval trat er als er selbst auf: „Damit mich keiner erkennt, muss ich so aussehen wie ich selbst.“
1994 Renate Schmidt (SPD) Vizepräsidentin d. Deutschen Bundestages Wegen ihres „Mutes zur Menschlichkeit“.
1995 Heiner Geißler (CDU) ehem. CDU-Generalsekretär Zitat: „Narren sind die wahren Humanisten. Sie lieben die Menschen, und nur deshalb dürfen sie ihnen auch weh tun.“
1996 Bernard Henrichs Kölner Dompropst Leistete Fürbitte im Hohen Dom für einen stadtbekannten „Sünder aus dem Milieu“ zum Dank für dessen Hilfe bei der Wiederbeschaffung eines gestohlenen Domschatz-Kreuzes.
1997 Theodor Waigel (CSU) Bundesfinanzminister Wegen seiner Schlagfertigkeit zu Zeiten komplizierter Steuer- und Sparmaßnahmen.
1998 Heide Simonis (SPD) Ministerpräsidentin Wegen ihrer „scharfsinnigen, unkonventionellen und herzlichen“ Art.
1999 John Kornblum Botschafter der USA in Deutschland Beleuchtete satirisch-treffend Deutschland aus Sicht der Vereinigten Staaten.
2000 Edmund Stoiber (CSU) Ministerpräsident u. CSU-Vorsitzender Wegen seiner bayerisch-jovialen Art und seiner unfreiwillig-komischen Wortverdreher.
2001 Guido Westerwelle (FDP) Bundesvorsitzender d. FDP Für seine Schlagfertigkeit.
2002 Thomas Borer-Fielding Botschafter der Schweiz in Deutschland Wegen seiner humorvollen Beiträge zum deutsch-schweizerischen Verhältnis.
2003 Wendelin Wiedeking Porsche-Chef Für die Verbindung aus wirtschaftlicher Kompetenz und Menschlichkeit.
2004 Henning Scherf (SPD) Bürgermeister (Bremen) Hielt in einer politisch schweren Zeit das SPD-Bundesland Bremen mit seiner „offenen, herzlichen Art.“
2005 Karl Kardinal Lehmann Bischof von Mainz Motto: „Ich möchte meinen Weg gehen, ob gelegen oder ungelegen.“
2006 Friedrich Merz (CDU) stellv. CDU-Fraktionsvorsitzender Für seinen Kampf gegen die deutsche Steuerbürokratie. Die Rede von Merz zur Verleihung des Preises erregte größeres Aufsehen, als sich später herausstellte, dass Merz diese zum Teil lediglich aus einem Magazin abgeschrieben hatte.[4]
2007 Joachim Hunold Vorstandsvorsitzender der Fluggesellschaft AIR BERLIN Zitat: „Wenn man etwas falsch gemacht hat, es aber nicht mehr ändern kann, dann kann man darüber nur noch herzhaft lachen. Allerdings: Dasselbe darf nicht noch einmal passieren.“ (Seine Wahl wurde mit einem Vorwurf der Schleichwerbung kritisiert)
2008 Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis Unternehmerin Für ihren „mütterlich warmen“, karitativen Einsatz.
2009 Mario Adorf Schauspieler "mit Mario Adorf [ist] eine Persönlichkeit der Kultur auszuzeichnen, welche mit feinsinnigem Humor und schlagfertigem Witz ausgestattet ist, wobei er ganz viel 'menschelt'"
2010[5] Jürgen Rüttgers (CDU) Ministerpräsident "Nah bei den Bürgern sein, ist ihm wichtig. Dabei ist es ganz gleich, ob er in Kalifornien bei Gouverneur Arnold Schwarzenegger über Drehorte für Hollywood in Nordrhein-Westfalen verhandelt oder aber in Bochum mit den Opel-Arbeitern für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpft. Dieser Mann ist geerdet!"
2011[6] Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) Verteidigungsminister Mit Tatendrang und Tacheles bringe er Politikerkollegen ins Schwitzen und Bürger zu Begeisterungsstürmen. Sich selber nehme er erfrischend wenig wichtig. Zitat Guttenberg: "Wenn einem das Wasser bis zum Halse steht, ist es außerordentlich ungesund, den Kopf hängen zu lassen."[7]

† posthum geehrt

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c Zum Orden wider den tierischen Ernst auf aachen.de
  2. Die Tafelrunde wider den tierischen Ernst, wdr.de
  3. [Seit 60 Jahren haben die Narren das Zepter in der Hand http://www.augsburger-allgemeine.de/guenzburg/Seit-60-Jahren-haben-die-Narren-das-Zepter-in-der-Hand-id9298576.html]. Augsburger Allgemeine, 14. Januar 2011.
  4. Stern: Merz' gemopste Spaß-Dragees, 13. Februar 2006
  5. Dr. Jürgen Rüttgers ist der designierte Ritter des Ordens "WIDER DEN TIERISCHEN ERNST" 2010. Aachener Karnevalsverein, abgerufen am 7. September 2009.
  6. Überflieger mit Bodenhaftung - Karl-Theodor zu Guttenberg landet im Narrenkäfig. AKV, abgerufen am 12. Dezember 2010.
  7. "Tatendrang und Tacheles" - Warum der AKV Guttenberg kürt. Aachener Zeitung, abgerufen am 10. November 2010.

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