Rafetseder

Rafetseder

Hermann Rafetseder (* 7. April 1956 in Bad Vöslau) ist ein österreichischer Historiker. Er wurde durch seine Forschungen über Bücherverbrennungen sowie zur Zwangsarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus in Oberösterreich bekannt. Seit 1984 wohnt er in Linz.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Hermann Rafetseder studierte im Hauptfach Geschichte und im Nebenfach Germanistik an der Universität Wien. Daneben war er redaktioneller Mitarbeiter an Publikationsprojekten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, auch etwa Vorstandsmitglied des Niederösterreichischen Leichtathletikverbandes. 1983 promovierte er zum Dr. phil. mit einer grundlegenden Arbeit über öffentliche Bücherverbrennungen als Sonderfall der Zensurgeschichte. Die 1988 in der Reihe Böhlau Kulturstudien erschienene Druckfassung wurde mittlerweile zum oft zitierten Standardwerk.

Von 1984 bis 1993 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtgeschichtsforschung in Linz und forschte über Gebiets- und Namensänderungen, Wahlverhalten im Bereich österreichischer Stadtgemeinden, etc. Daneben absolvierte er 1992-1994 den Hochschullehrgang „Museumspädagogik“ (Kulturvermittlung) der Universität Klagenfurt.

Seit 1998 ist Rafetseder als Mitarbeiter des Österreichischen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung für eine Bibliographie zur Geschichte der österreichischen Stadtgemeinden zuständig: erst als CD-ROM-Ausgabe, dann als Online-Fassung mit jährlichen Updates[1]. Auswahlbibliographien dazu erscheinen jährlich ab 1999 in der Zeitschrift „Pro Civitate Austriae“.

1996 begann Rafetseder für das Archiv der Stadt Linz Forschungen über das Thema Zwangsarbeit der NS-Zeit in Oberösterreich. 2001 erschien dazu die umfangreiche Studie „Der "Ausländereinsatz" zur Zeit des Nationalsozialismus am Beispiel der Stadt Linz“[2], eine detailreiche Aufarbeitung der Verwaltungs- und Organisationsstrukturen der Zwangsarbeit in Linz. Rafetseder belegt die enge Verzahnung von privatem und öffentlichem Sektor bei der Ausbeutung immer neuer ausländischer Gruppen von Arbeitern und Arbeiterinnen in unfreien Arbeitsverhältnissen. Aufgrund des Manuskripts wurde er noch vor dessen Veröffentlichung im Dezember 2000 von der Regierungsbeauftragten Maria Schaumayer zum Historiker des Österreichischen Versöhnungsfonds bestellt. Die Funktion als Fondshistoriker bekleidete Hermann Rafetseder von 2001 bis zum Ende der Tätigkeit des Versöhnungsfonds 2005. Er kooperierte mit ausländischen Partnerinstitutionen, erstellte über 1000 Seiten an vertraulichen Gutachten, und war neben der Prüfung diverser Arten von (vor allem unklaren) Einzelfällen auch an der Entwicklung von Beurteilungskriterien beteiligt.

Für jene Tätigkeit als Versöhnungsfonds-Historiker wurde ihm von Bundespräsident Heinz Fischer im August 2007 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen (die Überreichung erfolgte im Dezember 2007).[3]

2004 wurde Hermann Rafetseder (ab 2001 im Rahmen eines Gewerbescheins für „Historische Dienstleistungen“ arbeitend) von der Gesellschaft für Landeskunde (ehemals Oö. Musealverein) zum Bearbeiter der Bibliographie zur oberösterreichischen Geschichte bestellt. Eine Druckfassung für den Zeitraum 2001-2005 erschien 2008, demnächst wird auch eine entsprechende Online-Version verfügbar sein[4].

Außerdem ist Hermann Rafetseder auch seit längerer Zeit als Familienforscher tätig, von kleineren Auftragsrecherchen bis hin zu größeren genealogischen oder hausgeschichtlichen Dokumentationen, nicht nur für Privatpersonen, sondern auch etwa für die Kommunalkredit Austria AG.

Veröffentlichungen in Auswahl

  • Öffentliche Bücherverbrennungen durch den Henker. Versuch einer allgemeinen Theorie sowie Darstellung der historischen Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung in Wien bzw. von Wien aus durchgeführter Fälle. - Wien: Univ., Geisteswiss. Diss. 1983, X, 583 Bl.
  • Stadterhebungen in Österreich seit 1945. (Offizielle sowie inoffizielle Bedingungen und Hintergründe dieser Rangerhöhungen); in: Pro civitate Austriae, Heft 7 (1988), S. 13-59.
  • Bücherverbrennungen. Die öffentliche Hinrichtung von Schriften im historischen Wandel (= Kulturstudien. Bibliothek der Kulturgeschichte, Hrsg.: Hubert Ch. Ehalt und Helmut Konrad, Band 12). - Wien, Köln und Graz: Böhlau 1988, 360 S.
  • Buchhinrichtungen. Öffentliche Schriftenverbrennungen durch Henkershand als Extremfälle der Zensur; in: "Unmoralisch an sich ... ". Zensur im 18. und 19. Jahrhundert (= Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Band 13, Hrsg.: Herbert G. Göpfert und Erdmann Weyrauch). - Wiesbaden 1988, S. 89-103 (Druckfassung eines Vortrags beim 7. Jahrestreffen des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Geschichte des Buchwesens im Mai 1985 in der Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel).
  • Gebiets- und Namensänderungen der Stadtgemeinden Österreichs seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. (= Forschungen zur Geschichte der Städte und Märkte Österreichs, Hrsg.: Wilhelm Rausch, Band 2). - Linz 1989, XIV, 442 S., eine Übersichtskarte.
  • Bibliographie zur Geschichte der Städte Österreichs. Hrsg.: Österreichischer Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung. – Linz 1999, CD-ROM.
  • Der "Ausländereinsatz" zur Zeit des Nationalsozialismus am Beispiel der Stadt Linz; in: Nationalsozialismus in Linz. Hrsg.: Fritz Mayrhofer – Walter Schuster. – Linz 2001, Bd. 2, S. 1107-1269 (unveränd. Neuauflage 2002).
  • “Das KZ der Linzer Gestapo”. Neue Quellen im Rahmen des Österreichischen Versöhnungsfonds zum "Arbeitserziehungslager" Schörgenhub; in: Stadtarchiv und Stadtgeschichte. Forschungen und Innovationen. Festschrift für Fritz Mayrhofer zur Vollendung seines 60. Lebensjahres. Hrsg.: Walter Schuster - Maximilian Schimböck - Anneliese Schweiger (= Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 2003/2004). - Linz 2004, S. 523-539;[5]
  • NS-Zwangsarbeits-Schicksale. Erkenntnisse zu Erscheinungsformen der Oppression und zum NS-Lagersystem aus der Arbeit des Österreichischen Versöhnungsfonds. Eine Dokumentation im Auftrag des Zukunftsfonds der Republik Österreich. – Linz 2007, 706 S. (die vereinbarte Drucklegung unterblieb infolge verschärfter Datenschutzpolitik, wegen der Fülle enthaltener Aktenzahlen).
  • Bibliographie zur oberösterreichischen Geschichte 2001 - 2005. Nach Vorarbeiten von Johannes Wunschheim. Hrsg.: Gesellschaft für Landeskunde.- Linz 2008, XIV, 644 S.
  • Von Hermann Rafetseder erstellte Online-Dokumentation: Bibliographie zur Geschichte der Städte Österreichs (auf Basis einer FileMaker-Datenbank, Stand November 2007: 53.000 Datensätze, ab Dezember 2008 rund 57.300) [6]

Einzelnachweise

  1. Siehe [1]
  2. Inhaltsangabe dazu auf [2]
  3. [3]
  4. [4]

Weblinks


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