Sowjetsk (Kaliningrad)

Sowjetsk (Kaliningrad)
Stadt
Sowetsk/Tilsit
Советск
Wappen
Wappen
Föderationskreis Nordwestrussland
Oblast Kaliningrad
Oberhaupt W. Swetlow
Erste Erwähnung 1365
Frühere Namen Tilsit (bis 1946)
Stadt seit 1552
Fläche 44 km²
Höhe des Zentrums 10 m
Bevölkerung 43.048 Einw. (Stand: 2006)
Bevölkerungsdichte 978 Ew./km²
Zeitzone UTC+2 (Sommerzeit: UTC+3)
Telefonvorwahl (+7) 40161
Postleitzahl 238750–238769
Kfz-Kennzeichen 39, 91
OKATO 27 430
Geographische Lage
Koordinaten: 55° 5′ N, 21° 53′ O55.08333333333321.88333333333310Koordinaten: 55° 5′ 0″ N, 21° 53′ 0″ O
Sowetsk (Kaliningrad) (Russland)
DEC
Sowetsk (Kaliningrad) (Oblast Kaliningrad)
DEC
Oblast Kaliningrad
Liste der Städte in Russland

Sowetsk (russisch Советск, auch als Sowjetsk transkribiert; bis 1946 Tilsit) ist eine rajonsunabhängige Stadt in der russischen Exklave Kaliningrad (deutsch Königsberg), im ehemaligen Ostpreußen.

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Sowetsk liegt am Zusammenfluss der Tilse (russisch Тыльжа, litauisch Tilže) mit der Memel (memelis, mimelis: stiller, langsamer/ russisch Njemen, litauisch Nemunas) und ist somit Grenzstadt nach Litauen. Der frühere Ortsname Tilsit (ehemals auch Schalauerburg) kam vom Flüsschen Tilse – abgeleitet von prußisch-schalauisch tilse: sumpfig (litauisch tilžti: unter Wasser stehen, quellen, weichen, sich voll Wasser saugen).

Sowetsk ist der Oblast administrativ direkt unterstellt (rajonunabhängig, d. h. kreisfrei).

Geschichte

Die Königin-Luise-Brücke über die Memel im April 2006
Historische Karte
Tilsit, Marktplatz mit Rathaus und Schenkendorf-Denkmal 1930

Die Geschichte von Tilsit beginnt mit dem Deutschen Orden, der am Zusammenfluss von Memel und Tilze schon 1365 die Burg Splitter besaß. In den Jahren von 1406 bis 1409 errichtete der Orden aufgrund der litauischen Bedrohung dann die Burg Tilsit. Bald darauf setzte eine Besiedelung im Einzugsbereich der Burg ein, aus der sich bis zum Ende des 15. Jahrhunderts ein wirtschaftliches Zentrum der Region entwickelte. Im Jahre 1552 verlieh Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach Tilsit das Stadtrecht.

Obwohl Tilsit während des Siebenjährigen Krieges von 1758 bis 1762 von russischen Truppen besetzt war, blieb es unbeschädigt, ebenso, als französische Truppen auf ihrem Russlandfeldzug 1807 durch die Stadt zogen. Am 7. und 9. Juli 1807 wurde hier der Tilsiter Friede zwischen Frankreich, Russland und Preußen geschlossen.

Im 19. und 20. Jahrhundert war Tilsit Sitz zahlreicher litauischer Verbände, denn im Umland sprachen damals rund 50 % der Einwohner litauisch. Dennoch sprachen sich 1921 nur 42 von über 1000 in der Stadt lebenden Litauern für deren Anschluss an Litauen aus.

Bis 1914 konnte sich die Stadt unbehelligt von weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen wirtschaftlich weiter entwickeln. Tilsit wurde zu einem bedeutenden Standort der Holzindustrie, nachdem schon im Mittelalter die Holzflößerei auf der Memel die Stadt geprägt hatte. 1832 wurde die Straße nach Königsberg gebaut, 1853 die Straße nach Memel. 1865 wurde Tilsit an das Eisenbahnnetz angeschlossen, 1875 wurde die Eisenbahn nach Memel verlängert. Die Stadt Tilsit wurde weltweit bekannt für ihre Käseproduktion (Tilsiter). Im Ersten Weltkrieg war Tilsit 1914 für zwei Monate von russischen Truppen besetzt, die der Stadt aber keinen weiteren Schaden zufügten. Nach dem Krieg wirkte sich die Okkupation des Memellandes durch Litauen negativ auf die Tilsiter Wirtschaft aus, da die Stadt einen wichtigen Teil ihres Hinterlandes verloren hatte.

Bis 1945 war Tilsit seit 1895 ein selbstständiger Stadtkreis im Regierungsbezirk Gumbinnen, Ostpreußen im Deutschen Reich. Die Verwaltung des Landkreises Tilsit, später Tilsit-Ragnit, befand sich ebenfalls in Tilsit.

Am 21. April 1943 musste die Stadt den ersten Bombenangriff während des Zweiten Weltkriegs über sich ergehen lassen, dem bis zum Juli 1944 weitere schwere Großangriffe folgten. Im Oktober 1944 war die Front bis an die Memel vorgerückt, Tilsit wurde zur Frontstadt erklärt und es wurde mit der Evakuierung der Stadt begonnen. Nach einem schweren Artilleriebombardement, das die Stadt bis zu 80 % zerstörte, wurde Tilsit am 20. Januar 1945 von sowjetischen Truppen eingenommen. Auf Grund des Potsdamer Abkommens kam die Stadt zusammen mit den nördlichen Teilen Ostpreußens vorbehaltlich eines Friedensvertrags zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik der Sowjetunion.

Häuserzeile in Sowetsk

Seit 1946 trägt die nunmehr russische Stadt den Namen Sowetsk (übersetzt etwa Rätestadt von Sowjet = Rat). Das nördliche Ostpreußen mit Sowetsk wurde als Oblast Kaliningrad aus militärischen Gründen hermetisch abgeriegelt. Die bisherige deutsche Wohnbevölkerung wurde, sofern nicht gegen Kriegsende geflohen, bis 1947 vertrieben. Es wurden hauptsächlich Russen aus Zentralrussland und aus dem Gebiet des heutigen Föderationskreises Wolga sowie Weißrussen angesiedelt.

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die Oblast Kaliningrad zu einer russischen Exklave zwischen Polen und Litauen und Sowetsk zur Grenzstadt an der durch die Memel gebildeten russisch-litauischen Grenze. Gleichzeitig wurde die Absperrung der Oblast Kaliningrad aufgehoben und damit auch Sowetsk für ausländische Besucher erreichbar.

Einwohnerentwicklung

Jahr Einwohnerzahlen
1875 19.753 *
1880 21.400 *
1890 24.545 *
1900 34.539 *
1910 39.013 *
1925 50.834 *
1933 57.286 *
1939 56.573 *
1946 6.500
1959 31.900 **
1979 40.200 **
1989 41.881 *
2002 43.224 *
2006 43.048

Anmerkung: * Volkszählung ** Volkszählung (gerundet)

Politik

Oberbürgermeister

  • 1912–1924: Eldor Richard Guido Pohl
  • 1934–1937: Dr. Erich Mix, NSDAP
  • 1937–1945: Fritz Nieckau

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Sehenswert sind die in der Innenstadt vielfach erhaltenen Jugendstilhäuser, das Theater, die Königin-Luise-Brücke (Grenzübergang nach Litauen) und der Gorodskoje osero (Stadtsee; früher Schloßmühlenteich), ein ehemaliger großer Mühlenweiher aus der Ordenszeit. Die ursprünglichen Kirchen der Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört und ihre Ruinen in der Nachkriegszeit abgerissen. Die ehemalige Synagoge wurde in eine russisch-orthodoxe Kirche umgewandelt. Eine weitere große russisch-orthodoxe Kirche in traditionell russischem Baustil steht kurz vor ihrer Fertigstellung. Daneben existiert ein Neubau einer römisch-katholischen Kirche für die in der Stadt ansässigen Litauer.

Söhne und Töchter der Stadt

Wirtschaft und Infrastruktur

Heute gibt es in Sowetsk Betriebe der Zellstoff- und der Lebensmittelindustrie. Die Stadt besitzt einen Flusshafen, mehrere Werften und einen der wichtigsten Straßengrenzübergänge zwischen Russland und Litauen an der Route KaliningradVilnius.

Es bestehen Eisenbahnverbindungen nach Tschernjachowsk (Insterburg), über Slawsk (Heinrichswalde), Polessk (Labiau) und Gurjewsk (Neuhausen) nach Kaliningrad sowie ins nahe Neman (Ragnit, nur Güterverkehr).

Tilsiter Käse

Zubereitung von Tilsiter Käse, Ostpreußen, 1930er Jahre. Quelle: Bundesarchiv

Käsereien gab es bereits zu Ordenszeiten, denn 17 Ortschaften führten gleichzeitig den Namen Milchbude. Der Tilsiter Käse ist ein Ergebnis verbesserter Rezepturen durch holländische Mennoniten, Salzburger und Einwanderer aus der Schweiz. Diese waren nach der Großen Pest in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Religionsflüchtlinge ins entvölkerte nördliche Ostpreußen zugewandert oder folgten den Aufrufen der preußischen Herrscher. Die runden rotbraunen Käselaibe waren 10 cm hoch und hatten einen Durchmesser von ca 25 cm. Sie wurden in Pergament (später in Stanniol) verpackt und wurden zu je zehn in Holzrollen versandt. 1893 wurde im Kanton Thurgau (Schweiz) mit der Produktion eines entsprechenden Käses nach Tilsiter Art begonnen. Auch heute wird in Sowetsk noch Käse produziert, wenn auch nicht mehr die Sorte „Tilsiter“.

Siehe auch

Literatur

  • Ulla Lachauer: Die Brücke von Tilsit, Begegnungen mit Preußens Osten und Rußlands Westen, Rowohlt 1995, ISBN 3-499-19967-X
  • Lepa, Gerhard (Hrsg): Die Schalauer, Die Stämme der Prußen, Tolkemita-Texte 52, Dieburg 1997
  • Hermanowski, Georg: Ostpreußen Lexikon, Adam Kraft Verlag Mannheim 1980

Weblinks


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