Stehsatz

Stehsatz

Stehsatz oder Stehender Satz ist ursprünglich ein Fachbegriff aus dem Buchdruck. Die einzelnen Bleisatz-Seiten eines Buches wurden nach dem Druck auf Bretter oder feste Pappen geschoben und für eine spätere Neuauflage in Stehsatzregalen übereinander gestapelt. Die Seiten, auch Blöcke für Visitenkarten, Geschäftsvordrucke, Formulare, etc. wurden, um ein Auseinanderfallen zu verhindern, mit einer Schnur ("Kolumnenschnur") zusammengebunden ("ausgebunden"). Für diese Arbeit, mit ihren speziellen Bindetechniken und Knoten war die Ahle des Setzers wichtiges Werkzeug. Im Stehsatz konnte früher in den Setzereien ein Buch je nach Umfang ganze Wände einnehmen und mehrere Tonnen wiegen.

Mit Kolumnenschnur ausgebundener Stehsatz

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts war es beim Buchdruck – insbesondere beim Druck so umfangreicher Bücher wie der Bibel – üblich, immer nur wenige Druckseiten mit Bleilettern zu setzen (Bleisatz), diese zu drucken und anschließend die Lettern für die nächsten Seiten umzusetzen. Diese Tätigkeit erforderte viel Zeit und damit mehrere angestellte Schriftsetzer und barg zudem das Risiko von immer neuen Satzfehlern (nicht zu verwechseln mit "Druckfehlern", die fehlerhaften Druck beschreiben). Andererseits musste der Drucker nur einen kleinen Bestand an beweglichen Lettern anschaffen, was Kosten sparte.

Im Zuge der evangelistischen Bemühungen des 18. Jahrhunderts überlegte der Theologe und Verleger Carl Hildebrand Freiherr von Canstein, wie er größere Auflagen der Bibel kostengünstiger herstellen kann. Er wollte dadurch erreichen, dass auch ärmere Bevölkerungsschichten Bibeln kaufen können. Hierzu erwarb er für die von ihm in Zusammenarbeit mit August Hermann Francke 1710 in Halle (Saale) gegründete Cansteinsche Bibelanstalt einen sogenannten „stehenden Satz“, d. h. alle ca. 1300 Druckseiten der Bibel wurden mit ca. 5 Millionen Bleilettern auf einmal gesetzt, und dieser komplette Satz wurde für weitere Auflagen dauerhaft stehengelassen. So konnten Bibeln schnell, in hohen Auflagen und kostengünstig gedruckt werden. Lediglich die erstmaligen Anschaffungskosten waren sehr hoch: Zu diesem Zweck spendete Carl Hildebrand Freiherr von Canstein den größten Teil seines privaten Vermögens und rief in der Bevölkerung, besonders in privilegierten Kreisen, zu Spenden auf.

Die Erfolge dieses Systems ermöglichten schließlich nicht nur die kostengünstige Verteilung der Bibel an Arme, sondern auch andere Projekte wie beispielsweise die Ausrüstung der preußischen Armee mit ca. 105.000 Bibeln im Auftrag des Preußischen Königs.

Begriff im Journalismus

Heute wird der Begriff in journalistisch arbeitenden Redaktionen häufig für bereits fertiggestellte Artikel oder Beiträge verwendet, die in der aktuellen Ausgabe einer Publikation nicht veröffentlicht wurden und als „Stehsatz“ für eine mögliche Veröffentlichung in einer der kommenden Ausgaben eingeplant werden.

Begriff im Notensatz

Im Notensatz werden der Notenschlüssel sowie die Tonartvorzeichnung, die in jedem Notensystem an der gleichen Position am Zeilenanfang stehen, als Stehsatz bezeichnet[1]. Gelegentlich wird der Stehsatz (mit Ausnahme der ersten Zeile) auch auf die Tonartvorzeichnung reduziert (etwa in einigen Kirchengesangbüchern) oder ganz weggelassen (wie in manchen Leadsheets).

Einzelnachweise

  1. Helene Wanske: Musiknotation. Von der Syntax des Notenstichs zum EDV-gesteuerten Notensatz. B. Schott's Söhne, Mainz 1988, ISBN 3-7957-2886-X, S. 110.

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Игры ⚽ Нужно решить контрольную?

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Stehsatz — Steh|satz 〈m. 1u; unz.〉 Schriftsatz, der nicht abgelegt, sondern stehengelassen wird, weil man ihn nochmals (für eine neue Auflage) braucht * * * Steh|satz, der (Druckw.): ↑Schriftsatz (1), der nach dem Ausdrucken (1 a) zur möglichen… …   Universal-Lexikon

  • Stehsatz — Steh|satz, der; es (Druckwesen) …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Stehender Satz — Stehsatz oder Stehender Satz ist ursprünglich ein Fachbegriff aus dem Buchdruck. Die einzelnen Bleisatz Seiten eines Buches wurden nach dem Druck auf Bretter oder feste Pappen geschoben und für eine spätere Neuauflage in Stehsatz Regalen… …   Deutsch Wikipedia

  • Druckersprache — ist die Bezeichnung für eine Fachsprache, die in der polygraphischen Industrie, insbesondere in der Drucktechnik, entstanden ist. Dabei ist der Begriff Drucker hier aus dem „druckenden“ Handwerk entstanden. Erst mit der Herausbildung der… …   Deutsch Wikipedia

  • Католикон (книга) — Католикон (The Summa grammaticalis quae vocatur Catholicon)  латинская грамматика, написанная доминиканцем Иоганном Бальбом и законченная 7 марта 1286 года в Генуе. Книга состоит из курсов по орфографии, этимологии, грамматики, просодии,… …   Википедия

  • Beschnitt — Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Druckersprachen im Sinne von Programmiersprachen zur Ansteuerung von Druckern befinden sich im Artikel zu Druckern im Abschnitt Druckersprachen. Der Ausdruck Druckersprache bezeichnet die Fachsprache der… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelanstalt — Die Artikel Bibelwerk und Bibelgesellschaft überschneiden sich thematisch. Hilf mit, die Artikel besser voneinander abzugrenzen oder zu vereinigen. Beteilige dich dazu an der Diskussion über diese Überschneidungen. Bitte entferne diesen Baustein… …   Deutsch Wikipedia

  • Bibelgesellschaft — Eine Bibelgesellschaft ist eine gemeinnützige überkonfessionelle Organisation, Stiftung mit dem Zweck der massenhaften Herstellung der Bibel oder biblischer Schriften zur kostenlosen oder kostengünstigen Verbreitung. Viele Bibelgesellschaften… …   Deutsch Wikipedia

  • Bleisatz — Bleisatzzeile einer Setzmaschine Ab 1886 (Linotype Setzmaschine) …   Deutsch Wikipedia

  • Buchdruck — im 16. Jahrhundert Beim klassischen Buchdruck handelt es sich um ein Hochdruckverfahren. Am 11. Mai 868 wurde die erste Druckversion des Diamant Sutra in China mittels Holztafeldruck hergestellt. Dieser war wahrscheinlich schon um 1040… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”