Straßen-Radweltmeisterschaft 1960

Straßen-Radweltmeisterschaft 1960
DDR-Briefmarke zur Straßen-Radweltmeisterschaft 1960

Die Straßen-Radweltmeisterschaft 1960 fand vom 3. bis zum 14. August 1960 in Leipzig, Karl-Marx-Stadt sowie auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal statt. Es war die 27. Weltmeisterschaft im Straßenradsport und die einzige in der Radsportgeschichte, die in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ausgetragen wurde. Den Weltmeistertitel der Profis gewann der Belgier Rik van Looy, bei den Amateuren siegte Bernhard Eckstein aus der DDR und bei den Frauen die britische Starterin Beryl Burton.

Die Weltmeisterschaft war bereits im Vorfeld durch Bemühungen der DDR-Staatsführung geprägt, sowohl die Ausrichtung selbst als auch mögliche Erfolge von DDR-Sportlern propagandistisch zu nutzen. Durch den überraschenden Sieg von Bernhard Eckstein im Einzelrennen der Amateure, der auf einem taktischen Verzicht seines Mannschaftskameraden und Titelverteidigers Gustav Adolf Schur beruhte, wurde die WM zu einem der denkwürdigsten Sportereignisse, die je in der DDR stattfanden.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Die Vergabe der Weltmeisterschaft an die DDR durch den internationalen Radsport-Verband UCI war aus politischen Gründen nicht unumstritten. Widerstand gegen die Entscheidung kam insbesondere von sportpolitischen Institutionen sowie von einigen Massenmedien der Bundesrepublik Deutschland, da von deren Seite ein Imagegewinn für die DDR befürchtet wurde. Andererseits akzeptierte die DDR-Staatsführung zugunsten des zu erwartenden Propagandanutzens der Veranstaltung die Austragung von Profiwettkämpfen, obwohl dies der Sportsdoktrin der DDR widersprach. Dem Präsidenten der UCI, dem Italiener Adriano Rodoni, wurde mit der Eröffnung der WM der Vaterländische Verdienstorden in Silber verliehen.

Sowohl die Radsport-Fans in der DDR als auch die Partei- und Staatsführung erwarteten für das Rennen der Amateure die Titelverteidigung und damit den dritten Gewinn in Folge durch den populären Fahrer Gustav Adolf Schur, genannt „Täve“. Im gleichen Jahr hatte er zwei Etappen der Friedensfahrt sowie zum vierten Mal in Folge die DDR-Meisterschaft für sich entscheiden können, die DDR-Mannschaft hatte zudem die Mannschaftswertung der Friedensfahrt vor der belgischen Mannschaft gewonnen. Die Zeitungen in der DDR berichteten dementsprechend im Vorfeld mit Sonderseiten und Beilagen. Zum Rennen selbst wurden bis zu 500.000 Zuschauer erwartet. Zur Bewältigung des Ansturms zum Sachsenring wurden dutzende Sonderzüge der Deutschen Reichsbahn der DDR eingesetzt.

Amateur-Rennen

Das Amateur-Rennen am 13. August 1960 führte über den 8,7 Kilometer langen Rundkurs des Sachsenrings, der 20-mal zu absolvieren war, so dass sich eine Gesamtdistanz von 174 Kilometern ergab. Das Rennen begann bei regnerischem Wetter, was sich auch auf die Zahl der Zuschauer auswirkte. Die Angaben dazu schwanken zwischen 150.000 und 300.000 Besuchern unmittelbar an der Strecke.

Im Rennverlauf setzten sich zunächst der Italiener Enzo Cerbini und Bernhard Eckstein vom Hauptfeld ab. Sechs weitere Fahrer, unter ihnen Livio Trapè aus Italien und der Belgier Willy Vandenberghen, nahmen die Verfolgung des Spitzenduos auf. Die so entstandene achtköpfige Ausreißergruppe lag drei Runden vor Ende des Rennens rund 90 Sekunden vor dem Hauptfeld mit Titelverteidiger Gustav Adolf Schur. In der drittletzten Runde erhöhte Schur das Tempo, wodurch sich der Vorsprung der Spitzengruppe auf rund 30 Sekunden reduzierte. Durch eine weitere Tempoverschärfung gelang es Schur, sich allein der Gruppe zu nähern.

In der vorletzten Runde erreichte er schließlich die führenden Fahrer, von denen sich kurz vorher jedoch Willy Vandenberghen allein abgesetzt hatte und zum Beginn der letzten Runde einen Vorsprung von rund 30 Sekunden erreichte. Aus der Verfolgergruppe versuchten nun nur noch Schur und Eckstein, den Belgier einzuholen. Dies gelang ihnen in der letzten Runde am Badberg, einem steilen Anstieg rund vier Kilometer vor dem Ziel. Kurz danach setzte sich Eckstein allein aus der Dreiergruppe ab. Vandenberghen zögerte und blieb bei Schur, da er davon ausging, dass sich Eckstein als Helfer von Schur dessen drittem Sieg unterordnen würde.

Schur nahm die Verfolgung von Eckstein hingegen nicht auf und bremste damit den Belgier aus, der weiterhin bei ihm blieb. Dieser bemerkte zu spät, dass der Titelverteidiger keinen Versuch unternahm, seinen Mannschaftskameraden noch einzuholen. Eckstein gewann durch diesen Verzicht das Rennen mit sieben Sekunden Vorsprung vor Schur, der den Sprint gegen den Belgier für sich entschied. Vandenberghen selbst äußerte sich einige Jahre später positiv über den Sportsgeist Gustav Adolf Schurs.

Weitere Entscheidungen

Bahn-Wettbewerbe im Ernst-Thälmann-Stadion in Karl-Marx-Stadt, 8. August 1960

Das Profi-Rennen fand am 14. August 1960 ebenfalls auf dem Sachsenring statt und führte in 32 Runden über eine Distanz von 279,3 Kilometer. Von den 67 gestarteten Sportlern erreichten 32 die Wertung. Sieger wurde mit einer Zeit von sieben Stunden, 47 Minuten und 27 Sekunden der Belgier Rik van Looy, auf den folgenden Plätzen kamen mit gleicher Zeit der Franzose André Darrigade und van Looys Mannschaftskamerad Pino Cerami ins Ziel.

Das Rennen der Frauen in Leipzig über eine Strecke von 61 Kilometern Länge gewann die Britin Beryl Burton vor der belgischen Starterin Rosa Sels und Elisabeth Kleinhaus aus der DDR. Für Beryl Burton war es dabei der zweite Titel bei dieser Weltmeisterschaft neben dem Sieg über 3.000 Meter Einzelverfolgung bei den ebenfalls ausgetragenen WM-Wettbewerben im Bahnradsport.

Propaganda und Legende

Sowohl die Begeisterung der Sportfans in der DDR über den Doppelsieg von Bernhard Eckstein und Gustav Adolf Schur als auch die propagandistische Verwertung des Ergebnisses trugen dazu bei, dass das Rennen in den Sportannalen der DDR einen legendären Status erreichte. Das Verhalten von Schur wurde in der DDR-Presse als selbstlose Entscheidung zugunsten seines Freundes Eckstein dargestellt, Schur wurde noch vor dem Weltmeister Eckstein zum eigentlichen Helden des Rennens hochstilisiert. Das Ergebnis, das als Sensation und Triumph angesehen wurde, galt als Sieg des „sozialistischen Kollektivgeistes“ und als Beleg für die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems. Gustav Adolf Schur wurde zur Sportlerlegende in der DDR und gewann neunmal in Folge die Wahl zum „DDR-Sportler des Jahres“.

Literatur

  • Wolfgang Schoppe, Werner Ruttkus: Im Glanz und Schatten des Regenbogens. Eigenverlag, 2005, ISBN 3-00-005315-8

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