Terrasigillata

Terrasigillata
Römische Terra Sigillata
TS-Formschüsseln im Terra-Sigillata-Museum Rheinzabern.
Punzenstempel aus Rheinzabern
Südgallische Bilderschüssel Drag. 29 mit Rankenmotiv in der Römerhalle Bad Kreuznach
Schüssel bzw. Napf Drag. 30 im Antiquarium in Mailand.
Teller Dragendorff 36 mit Barbotine-Verzierung; 2. Jahrhundert n. Chr.; Vor- und Frühgeschichtliche Sammlung im Wallenfels'schen Haus in Gießen
Rekonstruierte Ofenbefüllung eines Terra-Sigillata-Ofens im Museum in Rheinzabern.
TS-Trinkbecher (2 x Drag. 54, links, rechts Terra Nigra-Becher) aus Metz, musées de la Cour d'Or.
Terra sigillata-Gefäße; 2.-3. Jahrhundert n. Chr. im Wallenfels'schen Haus

Terra Sigillata (TS) ist die moderne Bezeichnung einer bestimmten Form römischen Tafelgeschirrs, die gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in italienischen Werkstätten (Arezzo) entwickelt wurde. Das gehobene Tafelgeschirr wurde in großen Mengen in Handwerksbetrieben (Manufakturen) hergestellt, die ihre Ware meist mit einem Manufaktursiegel versahen. Die Ware fand in verschiedenen Variationen Absatz im gesamten Römischen Reich.

Inhaltsverzeichnis

Herstellung

Das glänzend rot überzogene Geschirr wird grundsätzlich unterschieden in glatte Ware oder mit Modeln hergestellte reliefverzierte Gefäße. Beide wurden mit der schnellgedrehten Töpferscheibe angefertigt, jedoch war die Herstellung der reliefverzierten Ware aufwändiger. Zur Herstellung wurden meist dickwandige Schüsseln, sogenannte Formschüsseln angefertigt. Die Innenseite wurde mit einzelnen (positiven) Punzen verziert. Ein sogenannter Eierstab schließt die verzierte Zone in der Regel nach oben ab. Bei südgallischen Bilderschüsseln sind Ränder mit Kerbschnittverzierung geläufig. Nach dem Brand konnten in einer Formschüssel, in der die Dekoration negativ erscheint, zahlreiche Einzelgefäße ausgeformt werden. Die so gestalteten Gefäße, vor allem Schalen, wurden anschließend nachgedreht (Anbringen von Fuß und Formgebung des Randes).

Den glattwandigen Glanzton-Überzug (Engobe) erhielten die Gefäße in lederhartem Zustand. Hierzu wurden sie in sehr fein geschlämmten Ton getaucht. Die Gefäße wurden etwa fünf Tage in speziellen Öfen oxidierend bei Temperaturen von rund 950°C gebrannt. Störungen dieses Vorgangs konnten hohe Verluste zur Folge haben, die durch Funde von Fehlbränden an den Herstellungsorten gut belegt sind. Die Öfen besaßen eine verstärkte Tenne und einen langen Schürkanal. Bruchstücke von Töpfereirechnungen aus La Graufesenque bei Millau in Südfrankreich zeigen durchschnittliche Ofenfüllungen mit 30000 Gefäßen.

Chronologie

Forschungsgeschichte

Der Begriff Terra Sigillata entstammt dem 18. Jahrhundert und wurde von dekorierten Pastillen roter Heilerde auf die antike Keramik übertragen. Ein antiker Name ist nicht gesichert. Der im englischen Sprachraum verwendete Begriff Samian Ware entstammt der Erwähnung von vasa Samia bei Plinius dem Älteren, von der jedoch nicht ganz sicher ist, ob es sich auf TS bezieht.[1] Die Erforschung der Terra Sigillata hat in der Archäologie eine lange Tradition. Die Chronologie stützt sich vor allem auf die Hersteller- und Bildstempel. Erste chronologische Einteilungen stammen von Hans Dragendorff (1896)[2] und Robert Knorr [3]. Besonders die Töpferstempel, die Verzierungen sowie die Verbreitung des Materials haben TS zu einem bevorzugten Datierungsmittel der provinzialrömischen Archäologie werden lassen. Aus zahlreichen Produktionsorten sind die Hersteller aufgrund der Herstellerstempel namentlich bekannt. Hinzu kamen Beobachtungen an gut zu datierenden Fundorten wie dem Römerlager Haltern[4], den Kastellen des Odenwaldlimes oder dem Kastell Niederbieber[5]. Die Weiterverwendung und Abformung der Punzenstempel hat es ermöglicht, chronologische Abfolgen der einzelnen Töpfer an den Herstellungsorten zu ermitteln. Das alles hat dazu geführt, dass sich der Zeitpunkt der Herstellung eines verzierten oder gestempelten TS-Gefäßes meist auf wenige Jahre genau datieren lässt. Ähnlich genaue Datierungen erreicht man je nach vorliegendem Fundmaterial nur mit Münzfunden oder durch Dendrochronologie.

Die heutigen Bezeichnungen der Gefäßformen gehen meist auf bekannte Forscher (Dragendorff, Knorr, Déchelette[6]), oder auf Fundorte (Haltern, Hofheim[7]) zurück.

Italische Terra Sigillata

Als preiswerte Nachahmung von Metallgefäßen war Glanztonware im hellenistischen Mittelmeerraum Jahrhunderte vor dem Aufkommen der Terra Sigillata verbreitet. Die im südlichen Italien verwendete, sogenannte Campana war allerdings reduzierend gebrannt und deshalb vorwiegend schwarz. Erste Versuche mit oxidierenden Bränden sind im Falle der Eastern Sigillata aus Nordsyrien bekannt. Um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. scheint eine Gruppe von Töpfern in Arezzo diese Technik übernommen zu haben. Die Keramik erlangte schnell große Beliebtheit und wurde mit der Expansion des Reiches weit exportiert.

Südgallische Terra Sigillata

siehe Hauptartikel: Südgallische Terra Sigillata

Von Italien kam die Produktion in die Nordprovinzen, zunächst nach Südfrankreich. Die früheste Produktion erfolgte bei Lugdunum (Lyon) als Filialbetrieb der italischen Töpfereien. Bald darauf bildeten sich große südgallische Töpferzentren, etwa in Montans, La Graufesenque[8] oder Banassac. Sie stellten zunächst wie in Lyon Gefäße nach italischen Vorbildern her, um dann eigene Formen zu etablieren. Beliebte Gefäßformen der südgallischen Töpfereien sind die steilwandigen Schüsseln Dragendorff 29 und 30, später kam zu diesen verzierten Formen noch die Schüssel Drag. 37 hinzu, welche eine stärker gerundete Wandung besitzt und die Form Drag. 29 ablöste. Verzierungen bestehen häufig aus Ranken und anderen floralen Motiven.

Mittel- und Ostgallische Töpfereien

Die Produktion verlagerte sich im Verlauf des 2. Jahrhundert n. Chr. näher zu den Absatzmärkten und den Flüssen. Bekannte Produktionsorte der mittelgallischen Töpfereien waren Lezoux, Vichy, Lubié und Toulon-sur-Allier. Ostgallische Produktionszentren waren Lavoye, La Madeleine, Chemery, Mittelbronn, Blickweiler[9]. oder Heiligenberg[10]. Die Motive auf den Bilderschüsseln wurden lebhafter, dargestellt finden sich neben floralen Motiven häufig Tiere, Jagdszenen, mythologische oder erotische Darstellungen und Gladiatoren.

Im 3. Jahrhundert wird die Produktion dominiert durch die Großbetriebe von Rheinzabern[11] und Trier[12], die vor allem über gute Transportmöglichkeiten und Rohstoffe verfügten. Der Terra Sigillata-Produktion in Rheinzabern widmet sich das Terra-Sigillata-Museum, wo zahlreiche Produktionsfunde ausgestellt werden. Das Wissen um die Herstellung der Punzen scheint in dieser Zeit allmählich verloren gegangen zu sein. Deren Qualität lässt im Verlauf des 3. Jahrhunderts nach, wie die der Ware insgesamt. Statt der Punzen wird nun sogenannte Barbotine-Verzierung häufig verwendet – Spritzer von sehr fein geschlämmtem Ton, mit dem man rundplastische Verzierungen auf die Gefäße auftrug. Das Aufkommen von TS-Reibschüsseln (mit feinem Gries auf der Innenseite; Drag. 43 und 45) lässt auf eine Änderung der Speisegewohnheiten schließen, nämlich das Zubereiten der Speisen bei Tisch.

Der ostgallische Produktionsort Rheinzabern in der Pfalz hatte Ende des 2. Jahrhunderts mehrere Filialgründungen, welche die sogenannte schwäbische Ware herstellten: in Nürtingen, Waiblingen und Stuttgart-Kräherwald. Weitere Manufakturen östlich des Rheins befanden sich in der Provinz Noricum, z.B. in Pfaffenhofen am Inn und Westerndorf (Rosenheim). In England ist lediglich aus Colchester eine TS-Manufaktur bekannt.

Eastern Sigillata

siehe Hauptartikel: Eastern Sigillata

spätantike Argonnen-Sigilata

In der Spätantike wurden neue Werkstätten in den Argonnen angelegt, welche die modelgeformte Reliefverzierung nicht mehr weiterführten, sondern einfache Rollstempelverzierungen direkt auf den Gefäßen anbrachten (Rädchensigillata). Bedeutung gewannen nun besonders nordafrikanische Werkstätten, deren Produkte gelegentlich auch im Rheinland zu finden sind. Die Verzierung besteht hier fast nur noch aus Medaillons, die häufig christliche Szenen zeigen (Guter Hirte, etc.).

Heute stellt das keramische Kunsthandwerk teilweise nachgeahmte Terra-Sigillata-Gefäße her.

Literatur

  • Pia Eschbaumer:Terra Sigillata. In: Th. Fischer (Hrsg.): Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie (Theiss-Verlag Stuttgart 2001) S. 267-290. ISBN 3-8062-1591-X
  • Fritz Fremersdorf: Die Herstellung von Relief-Sigillata im römischen Mainz Mainzer Zeitschr. 44/45, 1949/50, 34-37
  • Jochen Garbsch: Terra Sigillata. Ein Weltreich im Spiegel seines Luxusgeschirrs. Ausstellungskat. Prähist. Staatssamml. 10 (München 1982).
  • Oswald, F./Pryce, T.D.: An Introduction to the Study of Terra Sigillata. London 1920, Reprint 1965. - im Detail veraltet, aber immer noch die umfassendste Gesamtdarstellung des Phänomens TS.
  • Barbara Pferdehirt: Die römischen Terra-Sigillata-Töpfereien in Südgallien. Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands (Schriften des Limesmuseums Aalen) 18. Aalen 1978.
  • Eleni Schindler Kaudelka, Ulrike Fastner und Michael Gruber: Italische Terra Sigillata mit Appliken in Noricum, mit einem Beitrag von Gerwulf Schneider (Archäologische Forschungen Band 6 - Denkschriften der philosophisch-historischen Klasse Band 298), Wien, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2002, 205 S., 105 Taf., CD-ROM, ISBN 3-7001-3025-2

Anmerkungen

  1. Plinius, Naturalis historia 35,160; Eschbaumer 2001 S. 274.
  2. Hans Dragendorff: Terra sigillata. Bonner Jahrbuch 96/97, 1895/96, S. 18-155
  3. Robert Knorr:Töpfer und Fabriken verzierter Terra sigillata des ersten Jahrhunderts (Stuttgart 1919); Ders.: Terra-sigilata-Gefäße des ersten Jahrhunderts mit Töpfernamen (Stuttgart 1952)
  4. Siegmar von Schnurbein: Die unverzierte Terra Sigillata aus Haltern. Bodenaltertümer Westfalens 19 (1982).
  5. Franz Oelmann: Die Keramik des Kastells Niederbieber. 2. Nachdruck der Ausgabe Frankfurt am Main 1914, Habelt, Bonn 1976.
  6. Joseph Déchelette: Les vases céramiques ornés de la Gaule Romaine I-II (Paris 1934).
  7. Emil Ritterling: Das frührömische Lager bei Hofheim i. T. Nassauische Annalen 34, 1904 S. 1-110; 397-423; Nachtrag in 40, 1912 S. 1-416.
  8. Frédéric Hermet.: La Graufesenque (Condatomago) I-II(Paris 1934).
  9. Robert Knorr/Friedrich Sprater: Die westpfälzischen Töpfereien von Blickweiler und Eschweiler Hof. Speyer, Historisches Museum der Pfalz, 1927
  10. R. Forrer: Die römischen Terrasigillata-Töpfereien von Heiligenberg-Dinsheim und Ittenweiler im Elsaß. (Stuttgart 1912).
  11. Wilhelm Ludowici: Katalog V. Stempel-Namen und Bilder römischer Töpfer, Legions-Ziegel-Stempel, Formen von Sigillata und anderen Gefäßen aus meinen Ausgrabungen in Rheinzabern 1901-1914. Jockgrim 1927; derselbe: Katalog VI meiner Ausgrabungen in Rheinzabern 1901-1914. Die Bilderschüsseln der römischen Töpfer von Rheinzabern. Tafelband. Bearbeitet von Heinrich Ricken, Darmstadt 1942; Heinrich Ricken: Die Bilderschüsseln der römischen Töpfer von Rheinzabern. Textband mit Typenbildern zu Katalog VI der Ausgrabungen von W. Ludowici in Rheinzabern 1901-1904. Bearbeitet von Ch. Fischer. Frankfurt 1963.
  12. Ingeborg Huld-Zetsche: Trierer Reliefsigillata: Werkstatt I. Materialien zur römisch-germanischen Keramik 9 (R. Habelt, Bonn 1972); dieselbe: Trierer Reliefsigillata: Werkstatt II. Materialien zur römisch-germanischen Keramik 12 (R. Habelt, Bonn 1993).

Weblinks


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