Watseka-Wunder

Watseka-Wunder

Besessenheit bezeichnet einen ausgeprägten Erregungszustand, der als „Inbesitznahme” der betroffenen Person durch einen Gott, Dämon oder Geist gedeutet wird. Die Verhaltensänderung der Person wird somit auf das Eindringen eines fremden Geistwesens zurückgeführt.

Inhaltsverzeichnis

Besessenheit in der Religion

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Im christlichen Kontext wird die Besessenheit im Neuen Testament beschrieben. Die Evangelien berichten von zahlreichen Heilungen Besessener durch Jesus im Sinne einer „Austreibung” (Exorzismus) in der geistigen Tradition des Judentums. Ursachen der Besessenheit sollen Verfluchungen, okkulte Praktiken und Teufelspakte. Von Seiten der modernen Bibelkritik wird die Existenz von Dämonen und damit die diesbezüglichen neutestamentlichen Zeugnisse abgelehnt mit der Erklärung, dass der damaligen Zeit heutige Kenntnisse über psychische Krankheiten fehlten und solche somit irrigerweise als dämonische Besessenheiten bezeichnet worden seien (so z. B. Rudolf Bultmann: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“[1]).

Angenommene Besessenheit wird häufig als negativ oder krankhaft bewertet. Deshalb wird sie in vielen Religionen auch als Krankheitsursache gesehen, andere bewerten sie nur als Symptom. Die Folge ist typischerweise die Durchführung von Ritualen, die eine befallene Person von dem fremden Bewusstsein befreien soll, so z. B. der amtskirchliche Exorzismus in der Katholischen Kirche.

In afrikanischen Kulturen und sich daraus ableitenden synkretistischen Religionen (Voodoo, Santería, Candomblé, u. Ä.) gibt es einen Zustand der Trance oder künstlich herbeigeführten temporären Besessenheit, der sogar erwünscht ist, in dem Götter oder Geister Verstorbener, meist sogenannte „Ahnen”, von den Menschen Besitz ergreifen sollen, wie es z. B. der Regisseur Jean Rouch im Film Les Maitres Fous darstellte.

Bourguinon stellte fest, dass in 90 % der von ihr untersuchten 488 über die ganze Welt verteilten Kulturen Trancerituale institutionalisiert sind bzw. waren. Besessenheitstrancen, bei denen der Betroffene sich als von einem Dämon beherrscht und seiner Identität während der Dauer der Trance beraubt erlebt (Oft besteht nach der Trance eine retrograde Amnesie für die Zeit der Trance), herrschen dabei in Kulturen vor, die der Kulturstufe des Ackerbaus und der Viehzucht angehören. In diesen typischerweise männerdominierten Kulturen werden vornehmlich Frauen von Besessenheit „befallen”, was ihnen möglicherweise ein „Ventil” für die aufgestauten Aggressionen und anderen negativen Gefühle verschafft, die sich als Folge ihrer unterdrückten Lage, z. B. aus Konflikten mit Nebenbuhlerinnen und Schwiegermüttern ergeben. Das Verbot, die negativen Gefühle auszudrücken bzw. auszuleben, kann durch die Institution der Besessenheitstrancen unterlaufen werden, da die Verantwortung nicht der Betroffenen, sondern dem Dämon zugewiesen wird.

Angenommene Besessenheitsphänomene polarisieren stark. Sie werden zum einen von der römisch-katholischen Kirche als Beleg der Existenz dämonischer Wesen verstanden und dienen, wie schon im Neuen Testament, aufgrund der Wirkung des Exorzismus als Beleg für die Wahrheit des Glaubens. Andererseits werden sie von Skeptikern für Symptome von psychischen Erkrankungen oder organischen Störungen (z. B. Epilepsie) gehalten.

Besessenheit in der Medizin bzw. Psychologie

Als Trance- und Besessenheitszustände werden psychischen Störungen bezeichnet, bei denen ein „zeitweiliger Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung auftritt“, die nicht kulturell oder religiös akzeptiert sind. In einigen Fällen verhält sich ein Mensch so, als ob er von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit oder einer Kraft beherrscht wird. Diese Bewusstseinsstörungen werden unter der ICD-10-Codierung F44.3 zu den dissoziativen Störungen aufgeführt. Infolge von Besessenheitszuständen kann es zu unwillkürlichen Reaktionen wie etwa Erstarrung, „Weglaufen“, Gedächtnisstörungen etc. kommen. Die Besessenheit im Sinne der ICD-10 ist nicht gleichbedeutend mit dem Krankheitsbild der Manie. Die Vorstellung, ein äußeres Geisteswesen würde tatsächlich in den Patienten eindringen, ist medizinisch obsolet.

Besessenheit als Thema in der Kunst

Im Horrorfilm Der Exorzist von William Friedkin wird detailliert die Besessenheit eines Mädchens durch einen Dämon thematisiert.

Literatur

  • Kurt E. Koch: Okkultes ABC (Ulm 1984), ISBN 3-924293-02-3
  • Richard Kriese: Okkultismus im Angriff (Hänssler Verlag, Stuttgart 1976), ISBN 3-7751-0222-1
  • Ernst Modersohn: Im Banne des Teufels (Wuppertal 1955)
  • Gerhard Dammann: Besessenheits- und Trancezustände. In: A. Eckhardt-Henn & S.O. Hoffmann (Hrsg.): Dissoziative Störungen des Bewusstseins. Schattauer, Stuttgart, New York City 2004, ISBN 3-7945-2203-6, S. 161–174.
  • Augustin Calmet: Gelehrte Verhandlung der Materie von den Erscheinungen der Geister, und der Vampire in Ungarn und Mähren., (Erstmals erschienen Augsburg 1751: Digitalisat), Edition Roter Drache, 2007, ISBN 978-3-939459-03-3.

Weblinks

  • Pharmakeia.com – Synkretistische Neureligionen in Brasilien: Ursprünge, Typen und eine Skizze der Forschungsgeschichte zum Phänomen der Geistbesessenheit

Einzelnachweise

  1. Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie (1941), zitiert auf http://www.bautz.de/bbkl/b/bultmann_r.shtml

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