Berufung (Religion)

Berufung (Religion)

Unter Berufung im religiös-spirituellen Sinn wird das Vernehmen/Verspüren einer inneren Stimme verstanden, die einen zu einer bestimmten Lebensaufgabe drängt. So spricht man von einer Berufung zur Liebe und zum Leben (in Fülle), die im Herzen jedes einzelnen Menschen tief verankert ist.

Inhaltsverzeichnis

Berufung aus religiös-spiritueller Sicht

In diesem Sinn finden sich in den religiösen Schriften nahezu aller Religionen sog. Berufungsgeschichten. Erzählt werden darin meist die Geschichte von Religionsstiftern, Propheten oder Priestern.

Berufung aus biblischer Sicht

Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament wurden Leute zu einem Dienst berufen. Dabei können aufgrund dieser Berufungsgeschichten folgende Merkmale der Berufung herausgearbeitet werden:

  • Die Propheten wurden von Gott berufen, noch bevor sie geboren wurden.
  • Gottes Berufungen können ihn nicht gereuen.
  • Gott hat nicht zur Unreinheit berufen, sondern zur Heiligung.

Der Apostel Paulus schreibt über die Berufung der Christen, dass sie zur Freiheit berufen sind, die Freiheit jedoch nicht missverstanden werden solle. Es gehe vielmehr um die Freiheit zur Askese und Nächstenliebe.[1]

Dieses an der prophetischen Berufung orientierte Berufungsverständnis wird von der jüdischen und christlichen, aber prinzipiell auch von der islamischen Tradition geteilt.

Berufung aus römisch-katholischer Sicht

Die Kirche sieht Berufung als eine Gnade. Eine klassische Definition der Berufung gibt der hl. Alphons Maria Liguori: Um zum Stand eines Seminaristen oder Religiosen berufen zu sein, braucht man eine lautere Absicht und den festen Entschluss, alle verfügbaren Mittel einzusetzen, um diese Absicht zu verwirklichen.[2] Nach dieser Definition ist die Berufung nicht ein Gefühl, sondern eine gute Absicht. Gott gibt die Gnade, mittels der von der Kirche angebotenen Hilfen, diese Absicht zu verwirklichen. Dabei gibt es zwei eingrenzende Bedingungen: Der Kandidat muss über die gesundheitlichen und charakterlichen Eigenschaften verfügen, um den beabsichtigten Weg einzuschlagen, und er oder sie muss durch die von der Kirche eingesetzten Oberen bestätigt werden.

Hindernisse einer Berufung können gesundheitlich bedingt oder von der Not der Eltern bestimmt sein. Ebenso sollte ein geistlicher Begleiter einen Kandidaten vom Eintritt in den Stand des Religiosen verhindern, wenn deutlich ist, dass es dabei um eine Weltflucht oder das Verlangen nach einem bequemen Leben geht. Ebenso ist zu untersuchen, ob nicht der Kandidat von seinen Eltern zu diesem Schritt gezwungen worden ist. Solange aber die Absicht eine lautere ist und kein unüberwindbares Hindernis besteht, soll der Kandidat nicht verhindert werden.[3]

Als spätberufen bezeichnet man jene Kandidaten, die nicht schon während oder sofort nach Beendigung der Schulausbildung ihre Berufung zum Priestertum, Diakonat oder Ordensleben verspürt haben, sondern erst später. Für sie gibt es die so genannten Spätberufenenseminare, wo sie die notwendigen Voraussetzungen nachholen.

Berufung aus protestantischer Sicht

Martin Luther entwickelte seine Vorstellung von Beruf und Berufung vor allem aus der paulinischen Aufforderung Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde (1 Kor 7,20 LUT) und räumte jeden Vorrang einer religiösen Berufung vor weltlichen Tätigkeiten aus. Jeder äußere Beruf eines Menschen beruht demnach auf einer inneren Berufung durch Gott und jeder Einzelne erfährt diese Berufung aufgrund ganz besonderer Qualitäten und Fähigkeiten zum Dienst am Nächsten und darin für Gott. Mit Luther gesprochen ist unter diesem Gesichtspunkt die Stallmagd dem Fürsten gleich. Jegliche Berufserfüllung im engeren wie im weiteren Sinn, zum Beispiel auch das ehrenamtliche Wirken, wird von Luther als Gottesdienst verstanden. Damit entfällt in der protestantischen Ethik der Anspruch von Klerikern und Ordensleuten auf ein Privileg der religiösen Berufung.[4]

Religiöse und kirchliche Berufung aus soziologischer Sicht

Im rein soziologischen Kontext hängt auch die religiöse Berufung eng mit der Berufswahl zusammen. Bereits 1972 verwies der katholische Religionssoziologe und Pastoraltheologe Hermann Steinkamp auf ein distanzierteres Verhältnis zu kirchlich-geistlichen Berufen aufgrund der fortschreitenden „Demokratisierung und Säkularisierung des traditionellen ethisch-vocativen Berufsgedankens und der ihm immanenten individuellen Leistungs- und Aufstiegsideologie (hin). […] Im modernen Berufs-Bewußtsein ist der klassische kirchliche Beruf ein Un-Beruf.“ Er prognostizierte zutreffend, dass soziologisch gesehen der Spätberufene zum Normalfall einer Berufung im speziellen kirchlichen Sinne sein werde.[5]

Literatur

  • Burke O. Long, Falk Wagner: Art. Berufung I. Altes Testament II. Neues Testament III. Dogmatisch. In: Theologische Realenzyklopädie 5 (1980), S. 676-713
  • Antier, Yvette und Jean-Jacques: Flucht aus der Welt? Wie Menschen heute im Kloster leben. Fragen an Ordensleute, Freiburg im Breisgau 1982

Weblinks

Siehe auch

Referenzen

  1. Brief an die Galater 5,13
  2. Alphons von Liguori, Praxis Confessarii, Kapitel 7, Nr. 92, in: Theologia Moralis, Band 4, S. 578–579.
  3. Thomas von Aquin, Quodlib. 3, art. 14.
  4. Wolfgang Huber, Soziale Verantwortung und unternehmerisches Handeln, 10. April 2008, II.
  5. Steinkamp, Hermann, Jugend und kirchliche Berufe – soziologisch gesehen, in: Werkheft zur Berufungspastoral 10/1972, S. 14, 18 und 22.

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