Charles Dinarello

Charles Dinarello
Charles Dinarello, 2010

Charles Dinarello (* 22. April 1943 in Boston) ist ein US-amerikanischer Arzt und seit Mitte der 1970er-Jahre Forscher auf dem Gebiet der Zytokine, speziell des Interleukin-1 und des Tumornekrosefaktors. Er gilt als „Gründungsvater“ der Zytokinbiologie.

Inhaltsverzeichnis

Werdegang

Charles Dinarello studierte zunächst Medizin an der Boston University, wo er 1965 den Bachelor-Grad erwarb und danach an der Yale University. Dort erwarb er 1969 aufgrund einer Studie über die Ursachen für das Entstehen von Fieber den Doktorgrad. Anschließend arbeitete er zwei Jahre am Massachusetts General Hospital und von 1971 bis 1977 an den National Institutes of Health in Bethesda. Als Wissenschaftlicher Assistent (von 1977 bis 1982) unter Sheldon Wolff (1928–2008) und danach als Professor für Medizin und Pädiatrie war er an der Tufts University in Boston sowie am New England Medical Center Hospital in Boston tätig, bevor er 1996 als Professor an die School of Medicine der Universität von Colorado in Denver wechselte, deren Lehrkörper er seitdem angehört.

Forschungsthemen

Schon seine Doktorarbeit widmete Charles Dinarello 1969 den körpereigenen Proteinen der Leber, die zum Entstehen von Fieber führen. Die molekulare Struktur dieser damals so genannten endogenen leukozytischen Pyrogene war seinerzeit noch unbekannt. 1974 konnte Dinarello als erster nachweisen, dass diese leukozytischen Pyrogene aus zwei unterscheidbaren Gruppen von Molekülen bestehen; deren heutigen Bezeichnung lautet Interleukin-1α und Interleukin-1β. 1977 gelang Dinarello der Nachweis, dass hoch reine leukozytische Pyrogene des Menschen hohes Fieber auch beim Kaninchen verursachen können, und zwar noch in Spuren von 25 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht; ferner, dass das gleiche Protein die Lymphozyten von Mäusen aktiviert. 1979 wurde das von Dinarello nachgewiesen Pyrogen auf einer internationalen Konferenz zur Vereinheitlichung der Nomenklatur – da als erstes beschrieben – Interleukin-1 benannt.

Von diversen Forschergruppen wurde Anfang der 1980er-Jahre nachgewiesen, dass das als Interleukin-1 bezeichnete Protein nicht nur Fieber verursachen kann, sondern zum Beispiel auch eine Rolle beim Septischen Schock und beim Schlaf spielt, Anorexie und Muskelschwund hervorrufen und die Insulin produzierenden β-Zellen der Bauchspeicheldrüse schädigen kann. Daher wurde weithin angezweifelt, dass ein einziges Molekül solche scheinbar unspezifischen Wirkungen im Immunsystem haben kann. Ab Februar 1982 wurde Dinarello von der ärztlichen Verpflichtung zur Patientenversorgung freigestellt, so dass er Zeit fand, zu versuchen, das für Interleukin-1 codiende Gen zu klonieren – was bedeutete, erneut wissenschaftliches Neuland zu betreten, denn effiziente Methoden zur DNA-Sequenzierung waren erst 1977 entwickelt und 1982 waren erst drei menschliche Gene isoliert worden. Schon im Dezember 1984 publizierte seine Arbeitsgruppe jedoch die DNA-Sequenz von Interleukin-1β[1], was zur Folge hatte, dass die vielfältigen Wirkungen des Proteins nunmehr endgültig bewiesen werden konnten.

In den folgenden Jahren identifizierte Dinarello weitere Interleukine, er erforschte deren Zusammenspiel mit dem Tumornekrosefaktor und etablierte die Anwendung von Interleukin-1-Hemmstoffen für die Therapie. Angewendet werden Interleukin-1-Hemmstoffe zum Beispiel bei der Behandlung von Patienten mit periodischen entzündlichen Symptomen wie Gicht, Typ-2-Diabetes und Multiplem Myelom sowie bei Kindern, die an einer bestimmten schweren Form der Arthritis leiden.

Charles Dinarello veröffentlichte mehr als 600 Originalarbeiten über Zytokine. Er gilt ferner als Experte für die Erforschung der entzündungshemmenden Wirkung von Omega-3-Fettsäuren.

Auszeichnungen

1993 wurde Dinarello für seine Beiträge auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten und Zytokine mit dem Ernst-Jung-Preis ausgezeichnet; das gesamte Preisgeld (125.000 US-Dollar) spendete er Universitäten und Forschungsinstituten in den Vereinigten Staaten und in Israel und gründete die Sheldon-M.-Wolff-Professur an der Tufts University zur Ehrung seines Mentors. 1996 erhielt er die Ludwig-Heilmeyer-Medaille in Gold der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Weitere Auszeichnungen waren der Internationale Chirone-Preis der italienischen Nationalen Akademie für Medizin, der Carol-Nachman-Preis für Rheumatologie, den Sheikh Hamdan bin Rashdid al Maktoum Award (Vereinigte Arabische Emirate) und der Beering Award (USA).

2009 erhielt Dinarello den Albany Medical Center Prize und den Crafoord-Preis der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Im März 2010 wurde ihm in Frankfurt am Main der Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis verliehen.

Charles Dinarello ist Ehrendoktor der Universität Marseille, der Universität Frankfurt sowie des Weizmann-Instituts in Rechowot, Israel. Er ist ferner Mitglied im Kontrollrat der Proceedings of the National Academy of Sciences sowie zahlreicher weiterer wissenschaftlicher Zeitungen.

Einzelnachweise

  1. P. E. Auron, A. C. Webb, L. J. Rosenwasser, S. F. Mucci, A. Rich, S. M. Wolff und C. A. Dinarello: Nucleotide sequence of human monocyte interleukin 1 precursor cDNA. PNAS, Band 81 (24), 1984, S. 7907–7911, Zusammenfassung

Weblinks

 Commons: Charles A. Dinarello – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • idw-online vom 30. September 2009: Prof. Charles Dinarello erhält Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2010
  • cision.com Ausführliche Erläuterungen zu Dinarellos Forschung durch The Royal Swedish Academy of Sciences (auf Englisch, PDF; 266 kB)
  • uchsc.edu Kurzbiografie (auf Englisch)
  • uchsc.edu Literaturübersicht

Wikimedia Foundation.

Игры ⚽ Нужна курсовая?

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Charles A. Dinarello — Charles Dinarello, 2010 Born April 22, 1943 …   Wikipedia

  • März 2010 — Portal Geschichte | Portal Biografien | Aktuelle Ereignisse | Jahreskalender ◄ | 20. Jahrhundert | 21. Jahrhundert     ◄ | 1980er | 1990er | 2000er | 2010er         ◄ | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 | 2012… …   Deutsch Wikipedia

  • Crafoord Prize — The Crafoord Prize Awarded for in astronomy and mathematics, biosciences, geosciences or polyarthritis research, awarded by the Royal Swedish Academy of Sciences Presented by Royal Swedish Academy of Sciences Country Sweden First awarded 1982 …   Wikipedia

  • Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis — Die Preisträger des Jahres 2011: links Stephan Grill (Nachwuchspreis), rechts Cesare Montecucco (Hauptpreis) Der Paul Ehrlich und Ludwig Darmstaedter Preis wird seit 1952 jedes Jahr für wegweisende Forschungen in der Medizinwissenschaft vergeben …   Deutsch Wikipedia

  • Interleukin-1β — Vorhandene Strukturdaten: s. UniProt Masse/Länge …   Deutsch Wikipedia

  • Liste von Persönlichkeiten der Stadt Boston — Die Liste von Persönlichkeiten der Stadt Boston enthält Personen, die in der Hauptstadt des US Bundesstaates Massachusetts geboren wurden sowie solche, die in Boston ihren Wirkungskreis hatten, ohne dort geboren zu sein. Beide Abschnitte sind… …   Deutsch Wikipedia

  • Ernst Jung-Preis — Der Ernst Jung Preis ist zurzeit mit 300.000 Euro dotiert und wird seit 1976 jährlich für bedeutende Arbeiten im Gebiet der Humanmedizin verliehen. Er wird von der Jung Stiftung für Wissenschaft und Forschung gestiftet und dient zur Unterstützung …   Deutsch Wikipedia

  • Prix Crafoord — Le Prix Crafoord a pour objectif de récompenser et de promouvoir la recherche dans les disciplines scientifiques qui ne sont pas reconnues par un Prix Nobel. Ces domaines sont les mathématiques, la géologie, la biologie (en particulier l écologie …   Wikipédia en Français

  • Ralph Steinman — Pour les articles homonymes, voir Steinman. Ralph Marvin Steinman Naissance 14 janvier 1943 Montréal …   Wikipédia en Français

  • Премия Крафорда — Премия Крафорда  одна из шести международных премий, вручаемых Шведской королевской академией наук. Учреждена шведским экономистом и промышленником Хольгером Крафордом и его супругой Анной Гретой в 1980 году. Крафорд (1908 1982) получил… …   Википедия

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”