Ludlul bel nemeqi

Ludlul bel nemeqi

Ludlul bel nemeqi (akkadisch: Ludlul bēl nēmeqi - "Preisen will ich den Herrn der Weisheit") ist eine babylonische Dichtung, in der es um das unverstandene Leiden und die Rettung eines Menschen geht. Der Text wird auch als "babylonischer Hiob"[1] oder als Dichtung vom "leidenden Gerechten"[2] bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Die Dichtung ist auf vier Keilschrifttafeln aufgezeichnet. Sie beginnt mit einem Hymnus, in dem der Sprecher seine Absicht kundtut, den babylonischen Gott Marduk als "Herrn der Weisheit" zu preisen. Die Eingangsworte Ludlul bēl nēmeqi ("Preisen will ich den Herrn der Weisheit") werden zugleich als Titel verwendet. Der Hymnus beschreibt Marduk als zürnenden, aber im Herzen gütigen Gott, der allen anderen Göttern überlegen ist. Anschließend schildert der Sprecher schwerstes Leid und seine Wende, die allein durch Marduk bewirkt wird. Die üblichen mesopotamischen Praktiken der Leidensbewältigung (Omina, Löserituale) versagen; Marduk kündigt jedoch die Leidenswende in Träumen an und führt sie schließlich aus. Am Ende wird der Sprecher wieder in die babylonische Kultgemeinde aufgenommen, und es folgt ein Marduklob, in das nun alle Babylonier einbezogen sind.

Zur Interpretation

Als Kern der Dichtung kann die Reflexion des Sprechers über sein Leiden in II 12-48 gelten, die sich wiederum in drei Teile gliedert: In II 12-32 stellt er fest, dass es ihm trotz Erfüllung aller religiösen Pflichten ergeht wie jemandem, der die Götter nicht verehrt hat; anschließend stellt er in II 33-38 die Frage, ob das, was die Menschen mit gutem Willen tun, den Göttern überhaupt gefällt, er stellt fest, dass der Ratschluss der Götter für die Menschen nicht einsichtig ist (II 36-38); in II 39-48 wird festgestellt, dass im menschlichen Ergehen kein erkennbarer Sinn liegt (II 48).

Vor dem Hintergrund der mesopotamischen Auffassung, dass das Ergehen der Menschen durchweg von den Göttern bestimmt ist, verarbeitet die Dichtung die Einsicht, dass ein Lebenswandel nach den Maßstäben traditioneller Frömmigkeit nicht dazu führt, dass die Menschen die Gunst der Götter erwerben und so vor Leiden bewahrt bleiben. Vielmehr ist für die Menschen nicht durchschaubar, was den Göttern gefällt und was sie wollen. Es wird sogar mit der Möglichkeit gerechnet, dass der Mensch sich gerade dadurch in den Augen der Götter versündigt, dass er um ein den Göttern wohlgefälliges Leben bemüht ist (II 33-35). Die traditionelle Frömmigkeit bietet somit keinen Maßstab, um im menschlichen Wohlergehen oder Leiden einen Sinn zu erkennen.

Indem die Dichtung darstellt, wie Marduk ohne alles menschliche Zutun die Leidenswende bewirkt, und indem sie mit einem Marduklob beginnt und schließt, besteht ihre Antwort auf das genannte Problem offenbar darin, dass der Mensch trotz mangelnder Einsicht in den Willen der Götter und in den Sinn seines eigenen Ergehens auf Marduks Macht und Güte vertrauen kann, und das selbst noch im tiefsten Leid. "Ludlul bel nemeqi" kann somit als "Lehrdichtung zur Ausbreitung und Vertiefung der persönlichen Mardukfrömmigkeit" charakterisiert werden.[3]

Fraglich ist, ob die Reflexion über die Unerkennbarkeit des göttlichen Willens (II 33ff.) einen Vorwurf gegen die Götter enthält[4], und inwiefern man im Blick auf die Thematik von "Ludlul bel nemeqi" vom "Leiden des Gerechten" sprechen kann. Bei der zweiten Frage ist immerhin zu berücksichtigen, dass der Sprecher im Unterschied zum biblischen Hiob nicht auf seiner Unschuld beharrt, sondern die Möglichkeit einer ungewollten Versündigung - auf Grund mangelnder Einsicht in die Maßstäbe der Götter - durchaus einräumt.[5]

Zur geschichtlichen Einordnung

Nach III 42 trägt der Sprecher den Namen Schubschi-meschre-Schakkan. Tatsächlich ist aus der Zeit um 1300 v. Chr. ein Würdenträger dieses Namens bekannt. Allerdings liegt in der Dichtung keine authentische autobiographische Schilderung vor, sondern die idealisierte Darstellung eines Menschen, der exemplarisches schwerstes Leid durchlebt und daraus gerettet wird. Sollte mit der Nennung des Namens auf den historischen Schubschi-meschre-Schakkan angespielt sein, muss die Entstehung der Dichtung in den Zeitraum zwischen dessen Lebenszeit und die ältesten Textzeugen fallen, die aus neuassyrischer Zeit (9.-8. Jh. v. Chr.) stammen. Üblicherweise wird sie in das späte 1. Jt. v. Chr. datiert.[6]

Auf Grund der Hochschätzung Marduks und seines Heiligtums, zu dem der Sprecher nach der Leidenswende zurückkehrt, ist als Entstehungsort Babylon oder sein Umkreis anzunehmen.

"Ludlul bel nemeqi" enthält eine Reihe von Anklängen an das babylonische Weltschöpfungsepos Enuma elisch[7], so dass möglicherweise Kenntnis des Epos, zumindest aber ein gemeinsamer religiöser Hintergrund anzunehmen ist. Wird im Enuma elisch Marduk als Götterkönig und Weltenschöpfer dargestellt, so kann die Theologie von "Ludlul bel nemeqi" als „almost the logical extension of Marduk’s lordship over creation and history into the domain of individual lives“ charakterisiert werden.[8]

Einzelnachweise

  1. So im Titel des Aufsatzes von W. Moran: "The Babylonian Job".
  2. So im Titel der Übersetzung von W. v. Soden.
  3. So schon im Titel von R. Albertz, Ludlul; zu dieser Interpretation vgl. auch Meik Gerhards, Lob des unverständlichen Gottes, dem die bisherige Darstellung im Haupttext weitgehend folgt.
  4. So H. Spieckermann, Ludlul, S. 111f.
  5. Nach H. Spieckermann, Ludlul, S. 110, ist dem "Erkenntniswert" zuzuschreiben; vgl. auch R. Albertz, Ludlul, S. 103; auch M. Gerhards, Lob, S. 114-116. Gerhards hält es für irreführend, "Ludlul bel nemeqi" als "Dichtung vom leidenden Gerechten" o. ä. zu bezeichnen.
  6. Vgl. u. a. M. Gerhards, Lob, S. 97f.
  7. Vgl. M. Gerhards, Lob, S. 130 Fn. 81
  8. So W. Moran, Job, S. 198.

Literatur

Textausgabe

  • A. Annus / A. Lenzi (Hrsg.), Ludlul bēl nēmeqi. The Standard Babylonian Poem of the Righteous Sufferer, SAA.CT VII, Helsinki 2010.

Übersetzungen

  • Deutsch: W. v. Soden, Der leidende Gerechte. Ludlul bēl nēmeqi - „Ich will preisen den Herrn der Weisheit“, in: O. Kaiser (Hrsg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Bd. III, Gütersloh 1990-1997, S. 110-135.
  • Englisch: B.R. Foster, The Poem of the Righteous Sufferer, in: B.R. Foster, Before the Muses. An Anthology of Akkadian literature, Bethesda (Md.) (3. Auflage) 2005, S. 392-409.

Sekundärliteratur

  • Rainer Albertz, Ludlul bēl nēmeqi – eine Lehrdichtung zur Ausbreitung und Vertiefung der persönlichen Mardukfrömmigkeit, in: R. Albertz, Geschichte und Theologie. Studien zur Exegese des Alten Testaments und zur Religionsgeschichte Israels, Beihefte zur Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft (BZAW) 326, Berlin (u. a.) 2003, S. 85-105.
  • Meik Gerhards, Lob des unverständlichen Gottes. Annäherung an die babylonische Dichtung Ludlul bēl nēmeqi, in: M. Gerhards, Der undefinierbare Gott, Rostocker Theologische Studien 24, Berlin (u. a.). 2011, S. 93-152.
  • William Moran, The Babylonian Job, in: W. Moran, The Most Magic Word. Essays on Babylonian and Biblical Literature, The Catholic Bible Quarterly. Monograph Series (CBQ.MS) 35, Washington (D.C.) 2002, 182-200.
  • Hermann Spieckermann, Ludlul bēl nēmeqi und die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, in: H. Spieckermann, Gottes Liebe zu Israel. Studien zur Theologie des Alten Testaments, Forschungen zum Alten Testament (FAT) 33, Tübingen 2001, S. 103-118.

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