Luftangriffe auf Frankfurt am Main

Luftangriffe auf Frankfurt am Main
Zerstörte Altstadt 1945

Die Luftangriffe auf Frankfurt am Main wurden im Zweiten Weltkrieg zwischen Juni 1940 und März 1945 von der Royal Air Force (RAF) und der United States Army Air Forces (USAAF) auf den Großraum Frankfurt am Main geflogen. Dabei haben mehrere Angriffe im letzten Quartal 1943 sowie zwei verheerende 1000-Bomber-Angriffe am 18. und 22. März 1944 das Gesicht der Stadt für immer verändert. Obgleich mit etwas über 5.500 Menschen die Gesamtzahl der Toten des Krieges in Frankfurt für eine Großstadt relativ niedrig gemessen an den enormen materiellen Schäden ausfiel, verbrannten im Feuersturm der Märzangriffe fast alle bedeutenden Kulturdenkmäler und die gesamte mittelalterliche Alt- und Neustadt.

Inhaltsverzeichnis

Erste Luftangriffe vom Juni 1940 bis Dezember 1942

Nach mehreren Probealarmen und Überflügen, die keine Bombardements mit sich brachten, erlebte die Stadt am 4. Juni 1940 den ersten Luftangriff. Rund 40 Sprengbomben, abgeworfen von einem halben Dutzend Flugzeugen, schlugen im Stadtteil Nied ein und trafen Wohnhäuser an der Schloßborner und der Rebstöcker Straße. Dabei starben sieben Anwohner, zehn wurden verletzt. Dieses Bombardement konnte in Umfang und Folgen als exemplarisch für insgesamt zwölf weitere Angriffe gesehen werden, die Frankfurt bis zum Jahresende 1940 noch erlebte. Bereits die frühesten Angriffe offenbarten jedoch die große Hilflosigkeit der Luftabwehr, konnten die Flugabwehrkanonen doch nur einen Bruchteil der Angreifer beschädigen, geschweige denn zerstören.

Eher glücklich erschien es da, dass die Stadt 1941 bis zum Monat Mai von weiteren Angriffen zunächst verschont blieb. Dies war jedoch weniger in Glück als in der Tatsache zu suchen, dass die britische Luftwaffe in der Luftschlacht um England im eigenen Territorium gebunden war. Die Zeit wurde genutzt, um insgesamt 38 über das Stadtgebiet verteilte Bunkeranlagen zu errichten. Da die Arbeiten auch im kalten Winter 1941 fortgesetzt wurden, war Frankfurt eine der ersten Städte, die mit einem dichten Netz an Bunkeranlagen aufwarten konnte. Ergänzt wurden die Bunkeranlagen von 24 über das Stadtgebiet verteilten Rettungsstellen, die eine krankenhausunabhängige Notfallversorgung gewährleisteten.

Ab Mai 1941 erreichte der Krieg wieder die Stadt, und gegenüber dem Vorjahr hatte sich die Stärke der Angriffe bereits gesteigert. Im Durchschnitt waren an jedem Angriff nun schon 15 - 20 Flugzeuge beteiligt und es wurden neben Spreng- nun auch verstärkt Brandbomben eingesetzt. Doch weiter gingen die Bomben hauptsächlich in den Außenbezirken der Stadt nieder und richteten eher zufällige Schäden an.

Aus der Reihe fiel nur ein Angriff in der Nacht des 12. auf den 13. September 1941, als 50 bis 60 Flugzeuge das Stadtgebiet in mehreren Wellen überflogen, und dabei 75 Spreng- und 600 Brandbomben sowie 50 Phosphorkanister abwarfen. In Folge gab es 8 Tote und 17 Verletzte, durch zerstörte Wohnhäuser wurden rund 200 Menschen obdachlos. Nach einem weiteren schwachen, dem insgesamt fünfzehnten Angriff des Jahres 1941, schloss nun wieder ein halbes Jahr ohne Attacken an.

In diesen sechs Monaten änderte sich die Lage des Weltkriegsgeschehens für Deutschland dramatisch: die Luftschlacht um England war seit Mai 1941 verloren, die für die Luftabwehr so wichtige Luftwaffe in Folge größtenteils zerrieben, und ein außergewöhnlich harter Winter brach Ende des Jahres über die sich im Krieg gegen die Sowjetunion befindlichen deutschen Soldaten herein. Am 14. Februar 1942 gab das britische Luftfahrtministerium die Area Bombing Directive heraus, in deren Folge im April und Mai 1942 Angriffe von nie gekannter Stärke auf Lübeck, Rostock und Köln geflogen wurden, die die Städte fast völlig zerstörten.

Dennoch erlebte Frankfurt im Jahr 1942 nur sechs Angriffe von im Vergleich dazu nur geringer Stärke, den schwersten am 25. August 1942, als 50 Flugzeuge rund 100 Spreng- und 8.000 Brandbomben auf das nördliche Stadtgebiet sowie auf die bereits am 18. Dezember 1940 ausgebrannte Festhalle abwarfen. Ein Angriff von ähnlicher Stärke richtete sich am 9. September gegen Eschersheim und Höchst, doch wieder wurden nur wenige Menschen getötet und einige Dutzend verletzt. Erneut schlossen anbetrachts der verheerenden Kriegszerstörungen in anderen Teilen Deutschlands unnatürlich ruhig erscheinende sieben Monate ohne jegliche Bombardements an.

Schwere Luftangriffe zwischen Januar 1943 und Anfang März 1944

1945: Frankfurt in Trümmern,
Luftbild der US Air Force
Luftbild der Altstadt vom März 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg: die Altstadt lag in weiten Teilen in Trümmern
(Trümmermodell aus dem Historischen Museum)

Ende 1942 hatten deutsche Truppen in Nordafrika erstmals Kontakt mit der US-amerikanischen Armee, der Januar 1943 brachte die verheerende Niederlage in der Schlacht von Stalingrad. Wenig später vereinbarten die britische und US-amerikanische Luftwaffe die combined bomber offensive, die die Luftangriffe auf Deutschland strategisch bündeln sollte.

Die steigende Kriegsbelastung bekamen auch der städtische Haushalt und letztlich die Bürger Frankfurts zunehmend zu spüren. Gleichzeitig stieg die psychische Belastung der Bevölkerung durch die Meldungen über die erheblichen Zerstörungen anderer deutscher Großstädte und Drohungen, die über massenhaft abgeworfene Flugblätter verbreitet wurden.

Dennoch blieb auch das Jahr 1943 bis zum 11. April ohne Angriffe, als wieder ein Bombardement eines aus 15 bis 20 Flugzeugen bestehenden Geschwaders die Nacht erschütterte. Der Angriff war jedoch, wie schon zuvor, strategisch planlos, und die auf das gesamte Stadtgebiet sowie Offenbach verteilten rund 50 Spreng- und 4.500 Brandbomben konnten nur vereinzelte Zerstörungen und Schäden anrichten.

Das Gegenteil trat am 4. Oktober 1943 ein, als die Stadt den ersten Großangriff erlebte: während am Morgen ein gezieltes Bombardement der Heddernheimer Kupferwerke erfolgte, der auch in Heddernheim selbst sowie Bonames und der Römerstadt Verwüstungen anrichtete, folgte in den späten Abendstunden ein noch wesentlich heftigerer Angriff auf das Stadtgebiet selbst. Hierbei wurde eine Kombination von Spreng- und Brandbomben als Angriffswaffe eingesetzt. Diese Kombination führte im militärischen Optimalfall zu einem Feuersturm. Das Feuer vervielfachte dabei die Schäden der als Verursacher eingesetzten Spreng- und Brandbomben. Zur Vorbereitung deratiger Luftangriffe erfolgte eine genaue Auswahl der zu bombardierenden Stadtteile anhand von Luftbildern, Bevölkerungsdichtekarten und Brandversicherungskatasterkarten. Die Katasterkarten waren durch deutsche Feuerversicherungen bei britischen Rückversicherungsgesellschaften vor dem Kriege hinterlegt worden. Die historische Frankfurter Altstadt wurde als Kerngebiet des Angriffs ausgewählt, da hier der Holzanteil an der Gesamtbaumasse am Höchsten war. Damit stellte sie zum Entzünden eines Feuersturms in Frankfurt das optimale Kernzielgebiet dar. Vor dem Bombardement wurde das Zielgebiet von Mosquito-Schnellbombern durch rote und grüne Markierungskörper (sogenannte Christbäume) abgegrenzt. Dies wurde überwacht durch einen in großer Höhe fliegenden Masterbomber, der über Funk mit den Markierungsfliegern verbunden war. Nachdem dies beendete war, überprüfte der Masterbomber auf einer tieferen Flugbahn nochmals das Frankfurter Zielgebiet, legte die exakten Anflughöhen fest und gab den Angriff frei.

Zuerst wurden 4000 Sprengbomben sowie mehrere hundert Luftminen abgeworfen. Durch die Druckwellen der Explosionen wurden die Dächer aufgerissen. Danach wurden 250.000 Elektron-Thermitbrandbomben über dem Stadtgebiet abgeworfen, die nun in die aufgerissen Dachstühle der Häuser fielen und diese innerhalb kürzester Zeit in Vollbrand versetzten. Binnen einer Stunde breiteten sich tausende kleinere Gebäudebrände zu einem Großbrand aus.

Insgesamt waren rund 500 britische Flugzeuge an dem zweistündigen Luftangriff beteiligt. Die Wucht dieses Angriffs übertraff jede vorangegangene Attacke um mehrere Größenordnungen. Obgleich es zu keinem befürchteten Feuersturm kam, brachen in mehreren Teilen der Stadt Großfeuer aus, die erst nach mehreren Tagen völlig gelöscht waren, und auch erst dann zeichneten sich die katastrophalen Folgen des Oktoberangriffs wirklich ab:

529 Menschen waren direkt oder in Folge des Bombardements gestorben, ein Vielfaches teils schwer verletzt. Besonders verheerend war ein Volltreffer im Luftschutzkeller des Kinderkrankenhauses, der 90 Kinder und 16 Angestellte tötete, was von der gleichgeschalteten Presse genutzt wurde, die angebliche Grausamkeit der Alliierten als „den Frankfurter Kindermord“ anzuprangern.

Vor allem im Nordosten Frankfurts hatte der Angriff Verheerungen angerichtet: in der Alten Gasse, der Großen Friedberger Straße, der Friedberger und der Obermain-Anlage, im Zoologischen Garten, am Ostbahnhof, rund um den Ostpark, an der Hanauer Landstraße und in Oberrad waren ganze Straßenzüge durch die Einwirkung von Brandbomben niedergebrannt. Die 1719 nach dem Großen Christenbrand weitestgehend neu errichtete Neustadt trug zwischen Tönges-, Trier- und Hasengasse schwerste Schäden davon. Auch das östliche Sachsenhausen war betroffen.

Die Kirchen blieben dagegen fast völlig verschont, nur an der Liebfrauenkirche brannte ein Teil des Dachstuhls nieder. Von den öffentlichen Bauten war der Römer am schwersten in Mitleidenschaft gezogen, als hier viele Dächer ebenfalls durch Brandbombeneinwirkung niederbrannten und die darunter liegenden, kostbaren Räume zertrümmerten. Schwer beschädigt waren von den Baudenkmälern ebenfalls die ehemaligen Patriziersitze Haus Lichtenstein am Römerberg sowie die Häuser Grimmvogel und der Große Braunfels an der Neuen Kräme.

Literatur

  • Armin Schmid: Frankfurt im Feuersturm. Verlag Frankfurter Bücher, Frankfurt am Main 1965
  • Karl Krämer, Gerhard Beier: Christbäume über Frankfurt 1943. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 1983
  • Hartwig Beseler, Niels Gutschow: Kriegsschicksale Deutscher Architektur - Verluste, Schäden, Wiederaufbau - Band 2, Süd. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1988, S. 799 - 831
  • Evelyn Hils-Brockhoff, Tobias Picard: Frankfurt am Main im Bombenkrieg - März 1944, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2004

Weblinks


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