Complutensische Polyglotte

Complutensische Polyglotte
Die erste Seite des Complutenser Polyglotte
Complutensische Polyglotte

Die Complutensische Polyglotte ist der Name der ersten gedruckten Polyglotte der vollständigen Bibel. Sie wurde von Erzbischof Gonzalo Jiménez de Cisneros (1436-1517) angeregt und finanziert. In ihr findet sich die erste gedruckte Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, die vollständige Septuaginta und das Targum Onkelos. Von den 600 gedruckten Ausgaben sind nur noch 123 erhalten.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Mit dem Aufkommen der Druckpressen in den 1450er Jahren wurde es möglich, Bibeln weit effizienter und preiswerter herzustellen. Unter großem persönlichen Einsatz erwarb Kardinal Cisneros viele Handschriften und lud die bekanntesten Philologen seiner Zeit (einschließlich Hernán Núñez) ein, an dem ambitionierten Werk der Zusammenstellung einer vollständigen Polyglotte "zur Wiederbelebung der Sprachstudien an den Heiligen Schriften" mitzuarbeiten. Die Gelehrten trafen sich in der Stadt Alcalá de Henares (in Latein Complutum) an der Universität Alcalá des Kardinals. Die Arbeit begann 1502 unter der Leitung von Diego Lopez de Zúñiga und dauerte 15 Jahre an.

Das Neue Testament wurde 1514 fertiggestellt und gedruckt. Jedoch wurde die Auslieferung der Publikation während der Arbeit am Alten Testament hinausgezögert, um ein vollständiges Werk veröffentlichen zu können. In der Zwischenzeit erreichte Desiderius Erasmus in Rotterdam der Bericht von dem Complutensischen Projekt, während er selbst eine gedruckte Ausgabe des griechischen Neuen Testaments herstellte. Erasmus erwirkte 1516 ein exklusives vierjähriges Veröffentlichungsprivileg von Maximilian I. (HRR) und Leo X.. Der Text des Erasmus wurde als Textus Receptus bekannt. Spätere Ausgaben waren die Grundlage der King James Version des Neuen Testaments.

Das Complutensische Alte Testament wurde 1517 fertiggestellt. Wegen der Exklusivrechte von Erasmus wurde die Veröffentlichung der Polyglotte verschoben, bis Papst Leo X sie 1520 freigeben konnte. Man ist überzeugt, dass sie vor 1522 keine weite Verbreitung fand. Kardinal Cisneros starb im Juli 1517, fünf Monate nach der Fertigstellung der Polyglotte, und bekam seine Publikation nie zu Gesicht.

Inhalt

Die Complutensische Polyglotte wurde als ein Set aus 6 Bänden veröffentlicht. Die ersten vier Bände enthalten das Alte Testament. Jede Seite besteht aus drei parallelen Textspalten: Hebräisch auf der Außenseite, der Text der lateinischen Vulgata findet sich in der Mitte und die griechische Septuaginta auf der Innenspalte. Auf jeder Seite des Pentateuch sind der aramäische Text des Targum Onkelos und seine eigene lateinische Übersetzung am Fuß hinzugefügt. Der fünfte Band, das Neue Testament, besteht aus parallelen Spalten der griechischen und lateinischen Vulgata. Der sechste Band enthält verschiedene hebräische, aramäische und griechische Wörterbücher und Studienhilfsmittel. Für den griechischen Text wurden wahrscheinlich die Minuskel 140, 234 und 432 verwendet.

Hieronymus' Version des Alten Testaments ist zwischen die Versionen in griechisch und hebräisch gesetzt. Wie die Einleitung erklärt, stehen damit die Synagoge und die Östlichen Kirchen wie die Diebe an je einer Seite, während Jesus (also die Römische Kirche) in der Mitte steht.

Eine prächtige Faksimileausgabe in voller Größe (folio) wurde 1984-87 in Valencia veröffentlicht. Sie wurde vom Biblischen Text (Band 1-5) der Ausgabe in der Bibliothek der Jesuitenvereinigung in Rom reproduziert. Der seltene sechste Band mit den Wörterbüchern wurde von der Kopie der Universitätsbibliothek Madrid kopiert.

Der Zeichensatz, den Arnaldo Guillén de Brocar für die Complutener Polyglotte verwendete, wurde von Typografen wie Robert Proctor als der Höhepunkt der Entwicklung der griechischen Typographie in den ersten Jahren des Drucks bezeichnet, bevor Aldus Manutius' manuskriptbasierte Zeichensätze den Markt für die folgenden 2 Jahrhunderte übernahm. Proctor stützte seinen Otter Griechisch Zeichensatz von 1903 auf die Polyglotte. Auch der GFS Complutensian Greek der Griechischen Fontgesellschaft basiert auf der Complutenser Polyglotte.

Siehe auch

Weblinks


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