David Grosman

David Grosman
David Grossman (2007)

David Grossman[1] (hebräisch ‏דויד גרוסמן‎; * 25. Januar 1954 in Jerusalem) ist ein israelischer Schriftsteller von Kinder- und Jugendbüchern, Romanen und Essays.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Grossman studierte Philosophie und Theater an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Anschließend arbeitete er als Korrespondent und Moderator für Kol Israel, die öffentlich-rechtliche Hörfunkanstalt des Landes. Zwischen 1970 und 1984 war er für eine populäre Kindersendung verantwortlich. Sein Jugendbuch Ein spätes Duell wurde hier zuerst als Hörspiel gesendet.

Grossman ist als linksgerichteter Friedensaktivist hervorgetreten und hat sich in mehreren Büchern kritisch zum Nahostkonflikt geäußert. Im August 2006 forderte er gemeinsam mit Abraham B. Jehoshua und Amos Oz von Israels Regierungschef Ehud Olmert ein sofortiges Ende der Kämpfe im Libanon. Wenige Tage später, am 12. August 2006, starb Grossmans Sohn Uri im Südlibanon, als sein Panzer von einer Panzerabwehrrakete getroffen wurde.

David Grossman lebt in Mevaseret Zion, einem Vorort Jerusalems. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Einzelne Werke

Wohin du mich führst

Im mehrfach ausgezeichneten Jugendbuch Wohin du mich führst verwebt Grossman zwei Handlungsstränge miteinander. Die erste Geschichte erzählt von einem 16-jährigen Jungen namens Assaf, der einen Ferienjob in der Jerusalemer Stadtverwaltung hat. Eine seiner Aufgaben ist es, den Besitzer eines Hundes zu finden. Dieser Hund führt ihn zu verschiedenen Freunden der Besitzerin, die ihm Geschichten über diese erzählen. Allmählich entsteht bei ihm ein Bild von der Besitzerin. Im Mittelpunkt der zweiten Handlung steht die ebenfalls 16-jährige Tamar, die Besitzerin des Hundes. Sie ist, wie sich herausstellt, plötzlich mit ihrer Hündin untergetaucht, um ihrem drogenabhängigen Bruder zu helfen, der ein talentierter Musiker ist und im Heim eines skrupellosen Mäzens gefangen gehalten wird. Am Ende des Buches treffen sich die Protagonisten der beiden Stränge. Rezensenten lobten die phantasievoll entwickelten Charaktere des Buches und seine „stimmige Dramaturgie[2].

Löwenhonig. Der Mythos von Samson

Löwenhonig erschien 2005. Das Buch ist eine aus dem Geist einer „Chavrutah“[3] (einer Art jüdischem Bibel-Lesekreis) entstandene Deutung des Samson-Mythos aus dem Buch der Richter.[4] Der Titel spielt auf die Lösung des Rätsels an, das Samson den Philistern aufgibt: „Was ist süßer als Honig? Was ist stärker als ein Löwe?“(Ri 14,18)

Grossmans Samson ist ein tragischer Held, ein jüdischer Sisyphos; Samsons göttliches Auserwähltsein wird als schicksalhaftes Stigma gedeutet. In einer einfühlenden, ebenso tiefenpsychologisch wie gegenwartskritisch argumentierenden Auseinandersetzung mit dem Helden Israels[5]erwächst hier die These von Samson als dem mythischen Prototyp eines Selbstmordattentäters.[6] Die Deutung des Mythos gerät zugleich zu einer Kritik der Politik des Staates Israel, dem Grossman ein „problematisches Verhältnis“ zur eigenen Macht unterstellt. Die Demonstration von Stärke, das Beantworten von Gewalt mit übermächtiger Gegengewalt sei „eindeutig ein ‚samsonsches‘ Handlungsmuster“.[7]

Die Übertragung des Mythos auf die aktuelle Situation stieß teilweise auf Kritik. Die Analogie werde, so etwa die Jüdische Allgemeine, dem komplizierten Nahostkonflikt nicht gerecht.[8]

Die Kraft zur Korrektur

Der Essayband enthält Grossmans wichtigste Beiträge zur Politik und Literatur. So beschreibt er seine Faszination für die Texte von Scholem Alejchem, die ihm die untergegangene Kultur des osteuropäischen Schtetl nahegebracht hätten. Die Geschichten über Tewje, den Milchmann, und die anderen Bewohner einer galizischen Kleinstadt führten ihn in ein exotisches Land, in dem es nach „Sauerteig, Essig, Rauch“ roch. Schon als Kind habe sich seine Sicht auf diese literarischen Figuren jedoch geändert: „Als ich etwa neuneinhalb Jahre war, wurde mir mitten in der Trauerfeier am Gedenktag für die sechs Millionen Opfer der Shoah, mitten in einer jener unsensiblen, abgedroschenen hilflosen Zeremonien, mit einem Mal klar: Diese sechs Millionen, diese Ermordeten, diese Opfer, diese "Märtyrer der Shoah", wie man sie auch nannte - das waren meine Leute. Das waren Mottel, Tewje, Lili und Shimek.“

Zu den anderen Beiträgen des Buches zählen die Rede zur Eröffnung des Berliner Literaturfestivals 2007 und seine Ansprache anlässlich der Gedenkfeier für den ehemaligen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Jitzhak Rabin im November 2006. Hier forderte er Ehud Olmert auf, trotz der Terroraktion der Hamas auf die Palästinenser zuzugehen. In vielen Texten Grossmans schwingt deutlich Pessimismus mit: „Seht, was aus dem jungen, mutigen, enthusiastischen Staat geworden ist!“

Bibliographie

Übersetzungen

  • Zickzackkind
  • Wohin du mich führst („מישהו לרוץ איתו“)
  • Stichwort: Liebe
  • Sei du mir das Messer
  • Joram und der Zauberhut
  • Eine offene Rechnung
  • Ein spätes Duell
  • Diesen Krieg kann keiner gewinnen (Death as a way of life)
  • Der Kindheitserfinder
  • Der geteilte Israeli. Über den Zwang, den Nachbarn nicht zu verstehen
  • Der gelbe Wind. Die israelisch-palästinensische Tragödie
  • Das Lächeln des Lammes
  • Das Gedächtnis der Haut
  • Löwenhonig. Der Mythos von Samson
  • Die Kraft zur Korrektur. Über Politik und Literatur

Auszeichnungen

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Die deutsche Schreibweise des Namens schwankt zwischen „Grosman“ (Deutsche Nationalbibliothek), „Grossman“ (dtv, Jüdische Zeitung) und „Grossmann“ (ebenfalls dtv).
  2. Neue Zürcher Zeitung, 25. September 2002
  3. „Ich gehöre einer ‚Chavrutah‘ an. Eigentlich versteht man unter einer ‚Chavrutah‘ zwei Jeschiwa-Schüler, aber wir sind zu dritt: ich, ein weiterer Mann und eine Frau. Eine wunderbare Sache. Wir treffen uns jede Woche und sitzen vier Stunden zusammen und nehmen einen Bibeltext unter die Lupe. Wir machen eben genau das, was Juden während ihrer ganzen Geschichte getan haben.“ Vgl. Weblinks: «Es ist Zeit, dass wir unser wirkliches Leben leben». Eine Chavrutah ist als Textarbeit zu zweit Teil der Jeschiva (Talmudschule).
  4. Die Geschichte Samsons wird erzählt in den Kapiteln 13 bis 16.
  5. vgl. D. Grossman. Löwenhonig, S. 17: „Samson, der Held, so lernt ihn jedes jüdische Kind von klein auf kennen.“ Grossman weist darauf hin, dass bsw. der Plan zur atomaren Aufrüstung Israels "Samsons Entscheidung" genannt wurde. Vgl. ebd. S. 84
  6. „Heute (...) wird man den Gedanken nicht los, dass Samson in gewisser Weise der erste Selbstmordattentäter war. Und obwohl die Umstände seiner Tat andere waren als die Attentate im heutigen Israel, ist es denkbar, dass sich jenes Prinzip - durch Selbstmord Rache und Mord an Unschuldigen zu verüben - im Bewußtsein der Menschen verankert hat, jenes Prinzip, das in den letzten Jahren so sehr perfektioniert wurde.“ ebd. S. 122 f.
  7. vgl. ebd. S.83; „Die Macht wird als ein Wert an sich angesehen, der immer wieder bestätigt werden muss; beinahe automatisch beschreitet man den Weg der Gewalt, statt andere Reaktionsmöglichkeiten auszuloten - und dies ist ein eindeutig ‚samsonsches‘ Handlungsmuster.“
  8. R. Bahlke 2006 in der "Jüdischen Allgemeinen":„Solche Analogien muss man nicht gut finden, liefern sie doch genau jenen Kommentatoren Munition, die den komplizierten Nahostkonflikt auf die zum Verständnis wenig hilfreichen Phrasen von David gegen Goliath oder ähnlich dummes Zeug reduzieren wollen.“

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