Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein
Illustration von Karl Fahringer (1874-1952)

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein ist ein bekanntes Tiermärchen (ATU 123). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der Erstauflage von 1812 an Stelle 5 (KHM 5) und ist ab der 5. Auflage beeinflusst durch Die sieben Gaislein in August Stöbers Elsässisches Volksbüchlein (1842, Nr. 242). Ludwig Bechstein übernahm es ebenfalls nach Stöber in sein Deutsches Märchenbuch als Die sieben Geißlein (1845 Nr. 56, 1853 Nr. 47).

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Illustration von Leutemann/ Offterdinger

Mutter Ziege muss das Haus verlassen und gibt ihren sieben Geißlein auf, während ihrer Abwesenheit niemanden ins Haus zu lassen. Kurz nachdem sie gegangen ist, kommt bereits der böse Wolf vorbei und begehrt Einlass. Die Geißlein erkennen jedoch, dass der Wolf und nicht ihre Mutter vor der Türe steht und lassen ihn nicht hinein. Aus Tücke frisst der Wolf daraufhin Kreide, um damit seine Stimme zarter zu machen und kehrt daraufhin zum Haus der Geißlein zurück. Da der Wolf allerdings seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett legt, erkennen die Geißlein den Betrugsversuch und lassen ihn nicht hinein. Für den dritten Versuch lässt sich der Wolf vom Bäcker Teig auf den Fuß streichen und zwingt danach den Müller diesen mit Mehl zu bestäuben. So gelingt es ihm nun die Geißlein gänzlich zu täuschen, die daraufhin die Tür öffnen. Der böse Wolf stürmt hinein und frisst sechs der sieben Geißlein, eines kann sich in der Standuhr verstecken. Als die Mutter wieder nach Hause kommt, schlüpft das Geißlein aus seinem Versteck und berichtet von dem Überfall und den gefressenen Geschwistern. Der Wolf liegt noch schläfrig auf der Wiese vor dem Haus, woraufhin Mutter Ziege zurück ins Haus eilt und ihr Nähzeug holt. Damit öffnet sie den Bauch des Wolfes und es zeigt sich, dass alle Geißlein noch am Leben sind und dem Bauch entspringen können. Die Mutter beauftragt ihre Kinder, Steine zu sammeln, die sie dann in den Bauch des Wolfs einnäht. Als der Wolf wieder aufwacht und zum Trinken an den Brunnen geht, wird er durch die Last der Steine hinein gezogen und ertrinkt.

Stil

Verglichen mit Jacob Grimms handschriftlicher Urfassung ist der Erstdruck von 1812 mit wörtlichen Reden ausgeschmückt, womit auch das in der Anmerkung noch wiedergegebene französische Fragment auf deutsch in den Text integriert wird.[1] Die Auflage letzter Hand von 1857 ist besonders nach der Wiederkunft der Geißenmutter noch lebendiger erzählt, dazu der Ausspruch des Wolfes:

„was rumpelt und pumpelt
in meinem Bauch herum?
ich meinte es wären sechs Geislein,
so sinds lauter Wackerstein.“

Die Alliteration „so frisst er euch alle mit Haut und Haar“ gehört zu Grimms Standardrepertoire (vgl. KHM 23, 119,134, 70a, DS 213, 2. Ma 7,7), besonders Jacob Grimm kannte sie auch aus den Deutschen Rechtsaltertümern. Nicht langes Federlesen und seine Lust büßen waren bekannte Wendungen (Weish 19,12, Ps 78,29). [2]

Herkunft

Grimms Anmerkung notiert Aus der Maingegend (wohl von Familie Hassenpflug). In einer pommerschen Erzählung (wohl nach der Schauspielerin Hendel-Schütz) werde ein Kind vom Kindergespenst verschlungen, das aber Steine mit verschlingt und schwer zur Erde fällt, dass das Kind herausspringt. Sie nennen Stöbers Volksbüchlein S. 100, Boner Nr. 33, Reinhart Fuchs 346, Bukard Waldis Kap. 24, Hulderich Wolgemuths Esopus, Haltrich Nr. 33, Lafontaine IV 1, 15, und erinnern ein französisches Märchenbruchstücks (wohl nach Familie Hassenpflug), wo der Wolf zum Müller sagt: „meunier, meunier, trempe moi ma patte dans ta farine blanche“. „non, non!“ „alors je te mange“ („Müller, Müller, tunk mir meine Pfote in dein reines Mehl.“ „Nein, nein!“ „Dann fresse ich dich.“). Asamathe setzte den Wolf auf Peleus' und Talamons Herden an, da versteinerte er. [3]

Interpretation

Sigmund Freud berichtet von der Angst eines Knaben, wie eines der sieben Geißlein vom Wolf gefressen zu werden, der den Vater repräsentiere (Ödipuskomplex).[4]

Wilhelm Salber sieht hier das Bedürfnis, alles in den eigenen Liebeszwang einzubinden, was zu Versteinerung führt, zugelassene Ausnahmen aber werden als Eindringen empfunden. Entscheidungen werden anderen zugeschoben, um sich kindliche Freiheit unter Bedingungen von Folgsamkeit zu erhalten. [5]

Parodie

Iring Fetscher meint ironisch, Grimms Überlieferung solle Tieren kapitalistisches Verhalten unterstellen, um es beim Menschen zu rechtfertigen, und erfindet eine Vorgeschichte von der Heimsuchung der Wolfskinder durch die Geiß, die den bürgerlichen Neid ihrer Besitzer angenommen hatte.[6]

Rezeption in der Forschung

Die Märchenforschung hat bereits darauf hingewiesen, dass hier eine Wandererzählung zumindest aus dem griechischen Kulturkreis über die Geburt des obersten Gottes Zeus vorliegen müsse (vgl. dort): Die Geiß entspreche zunächst der Rheia, zugleich auch der den geretteten (jüngsten!) Titanensohn Zeus nährenden Ziege Amaltheia; das siebte Geißlein also dem Zeus; der Wolf seinem Vater Kronos; der Uhrkasten dem Höhlenversteck; die Wackersteine dem großen Stein, den Rheia den Kronos verschlingen lässt; der Sturz in den Brunnen dem Sturz in den Tartaros usw. Darüber hinaus findet man in der Erzählung auch Anklänge an die Frau Perchta (oft mit Frau Holle gleichgesetzt), die ungehörigen Kindern den Bauch aufschlitzt und Steine hineintut. Auch der Brunnen, in den der Wolf am Ende fällt, ist ein Anklang an Frau Perchta, die brave und fleißige Mädchen oftmals mit Münzen aus dem Brunnen, bzw. Münzen in Eimern, die man aus Brunnen heraufzieht, belohnt.[7]

Auch die Psychoanalyse (Otto Rank) hat die „Wolfs-“ als Vaterfigur vermutet.[8]

Theater

  • Der Wolf und die sieben Geißlein, Schweiz, Figurentheater Tokkel-Bühne, Umsetzung des Märchens ins Figurenspiel.

(Quelle:Tokkel-Bühne Figurentheater)

Film

Literatur

  • Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994. ISBN 3-15-003193-1, S. 27, 444-445.
  • Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. Cologny-Geneve 1975, S. 46-51, 352. (Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland).
  • Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997. ISBN 3-7776-0733-9, S. 44-45.
  • Oskar Negt: Das eigensinnige Kind und die enteigneten Sinne. in: Freibeuter Nr. 5 (1980), S. 118ff. ("Kommentar" zum Märchentext)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. Cologny-Geneve 1975, S. 46-51, 352. (Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland).
  2. Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997. ISBN 3-7776-0733-9, S. 44-45.
  3. Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994. ISBN 3-15-003193-1, S. 27, 444-445.
  4. Sigmund Freud: Hemmung, Symptom und Angst. In: Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey (Hrg.): Sigmund Freud. Studienausgabe. Band VI. Hysterie und Angst. 9. Auflage, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-10-822726-2, S. 249.
  5. Wilhelm Salber: Märchenanalyse. 2. Auflage. Bouvier Verlag, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 16-17, 78-81.
  6. Iring Fetscher: Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das Märchen-Verwirrbuch. Hamburg und Düsseldorf 1974. Claassen Verlag. ISBN 3-596-21446-7, S. 19-23.
  7. Heinrich Tischner: Märchen erklärt - Der Wolf und die sieben Geißlein
  8. Rank, Otto: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung: Gesammelte Studien aus den Jahren 1912 bis 1914, Severus Verlag 1919, ISBN: 978-3-9423-8241-0, Seite 109ff]

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