Ernö Gerö

Ernö Gerö

Ernő Gerő [ˈɛrnøː ˈɡɛrøː] (eigentl. Ernő Singer; * 8. Juli 1898 in Terbegec; † 12. März 1980 in Budapest) war ein ungarischer Politiker und Parteichef der Kommunistischen Partei zwischen 1945 und 1956.

Inhaltsverzeichnis

Politischer Lebenslauf

Als die sowjetische Rote Armee Ungarn von den Nazis befreit und das Land besetzt hatte, wurde Gerő nach 1944 als Vertrauensmann Moskaus mehrmals Minister. Von 1952 bis 1954 war er Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident unter dem diktatorisch regierenden Mátyás Rákosi und führte Rákosis 1949 begonnene Verfolgung der Regimegegner weiter. Wichtigste Stütze war dabei die „Sicherheitspolizei“ ÁVH, die Tausende Ungarn verhaftete oder ums Leben brachte.

Mitte 1953, als nach dem Tod Stalins im Ostblock die „Entstalinisierung“ begann, wurde der Reformkommunist Imre Nagy Ministerpräsident. Um diese Zeit – einige Jahre vor dem Ungarischen Volksaufstand – wurde Gerő auch stellvertretender Parteichef der KP (Magyar Dolgozók Pártja). Als solcher war er in den wiederholten Machtkampf zwischen dem stalinistischen Parteichef Rákosi und dem Reformer Nagy involviert. Am 14. April 1955 wurde Imre Nagy wegen „Abweichung“ von der Parteiführung aller seiner Ämter enthoben und einige Monate später aus der Partei ausgeschlossen.

In der nun folgenden restaurativen Phase wurden viele der Reformen von 1953–55 wieder rückgängig gemacht, bis im Februar 1956 die berühmt gewordene Geheimrede von Russlands KP-Chef Nikita Chruschtschow gegen den stalinistischen „Personenkult“ durchsickerte. Am 17. Juni 1956, als sich ein Volksaufstand schon abzuzeichnen begann, musste der vielfach gefürchtete Rákosi auf russischen Druck als KP-Generalsekretär zurücktreten. Im Zuge der „zweiten Entstalinisierung“ wurde nun Gerő zum neuen Parteichef bestimmt. Doch verminderte dies die gärende Unruhe in Ungarn kaum, und insbesondere die Studenten und Intellektuellen empfanden diesen Wechsel als äußerst unbefriedigend.

Gerő und der beginnende Volksaufstand

Als auch in anderen Ländern des Ostblocks eine Überprüfung der Parteilinie gefordert wurde und in Polen die Niederschlagung des Posener Aufstandes der Arbeiter begann, kumulierte die Stimmung gegen das KP-Regime auch in Ungarn. Am 23. Oktober 1956 begann die Ungarische Revolution mit einer bewilligten Demonstration der Budapester TU-Studenten („Solidarität mit Polens Arbeitern“). Nach Verlesung ihrer politischen Forderungen schlossen sich bis zum Abend 300.000 Ungarn spontan an. Die Bewegung griff schon am nächsten Tag auf alle Großstädte des Landes über.

Auf Forderungen nach Demokratisierung und Wiedereinsetzung Nagys als Ministerpräsident antwortete Gerő mit der Alarmierung sowjetischer Truppen und einer Rundfunkrede, die die Gemüter zusätzlich erhitzte. Die ÁVH (ungarische Staatsicherheits-Polizei) schoss auf die Demonstranten vor der Rundfunkzentrale, was als einer der Auslöser der Revolution gilt. Teile der Bevölkerung bewaffneten sich, kämpften gegen sowjetische Truppen und die Polizei, stürzten die Budapester Stalinstatue und erzwangen Gerős Rücktritt. Imre Nagy wurde wieder Ministerpräsident.

Der 25. Oktober („Blutiger Donnerstag“) brachte schwere Kämpfe im ganzen Land und ÁVH-Massaker vor dem Parlament und in der Provinzstadt Mosonmagyaróvár. Die sowjetischen Führer Mikojan und Suslow kamen nach Budapest und setzten Gerő auch als KP-Chef ab; sein Nachfolger wurde János Kádár, doch auch dieser konnte die Lage nicht mehr beruhigen.

Während der fünftägigen Kämpfe und eines Generalstreiks bildeten sich Arbeiterräte in Fabriken und Bergwerken, und Nationalkomitees übernahmen die Provinzen. Oberst Pál Maléter hielt die wichtige Kilián-Kaserne gegen die sowjetischen Truppen. Die Regierung nahm auch Nichtkommunisten auf und ordnete am 28. Oktober eine allgemeine Feuerpause an. Nagy führte wieder ein Mehrparteiensystem ein, löste die ÁVH auf und verkündete den Abzug der sowjetischen Truppen, mit denen Gerő das Land verließ.

Weitere Entwicklung

Zur weiteren Entwicklung siehe Ungarischer Volksaufstand

Zum einsetzenden Flüchtlingsstrom nach Österreich siehe Brücke von Andau.

Gerős Nachfolger als KP-Generalsekretär und Ministerpräsident, János Kádár, wurde nach der Niederschlagung des Volksaufstandes von der Sowjetunion wieder in seine Ämter eingesetzt und konnte sie bis 1988 ausüben. Unter Kadar trat allmählich eine politische Entspannung ein; die Zulassung gewisser wirtschaftlicher Freiheiten ab den 1960er Jahren wurde als „Gulaschkommunismus“ bezeichnet.

Siehe auch

Weblinks

„Vom Traum zum Trauma“ – Chronik bis Anfang 1957

Weitere Quellen


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