Grounded Theory

Grounded Theory

Grounded Theory (zum Problem der Übersetzung siehe unten) ist ein sozialwissenschaftlicher Ansatz zur systematischen Auswertung vor allem qualitativer Daten (Interviewtranskripte, Beobachtungsprotokolle) mit dem Ziel der Theoriegenerierung. Sie stellt dabei keine einzelne Methode dar, sondern eine Reihe ineinandergreifender Verfahren. Oft wird die Grounded Theory als eine Methode der qualitativen Sozialforschung bezeichnet. Es handelt sich dabei um einen Forschungsstil, welcher eine pragmatische Handlungstheorie mit bestimmten Verfahrensvorgaben kombiniert. Dieses Verfahren basiert auf der Theorie des Symbolischen Interaktionismus. Ziel ist es, eine realitätsnahe Theorie zu entwickeln, um diese für die Praxis anwendbar zu machen und insofern die Theorie-Praxis-Schere zu mindern. Grundlegendes Erkenntnisinteresse ist nicht die Rekonstruktion subjektiver Sichtweisen, sondern es sollen ihnen zugrundeliegende (soziale) Phänomene sichtbar gemacht werden.

Weitere Ziele sind:

Inhaltsverzeichnis

Grounded Theory oder gegenstandsverankerte Theoriebildung?

Im Deutschen wird der Begriff oft als „Grounded Theory“ verwendet, oder aber als „gegenstandsverankerte/gegenstandsnahe/gegenstandsbezogene Theoriebildung“ umschrieben. „Grounded“ im Namen „Grounded Theory“ soll auf die Verankerung der Theoriebildung in der Empirie, in den Daten hinweisen. Die englische Bezeichnung ist insofern ungünstig, als es sich hierbei um die Theoriebildung, nicht jedoch um die Theorie selbst, handelt, wie die englische Bezeichnung suggeriert. Eine vielleicht treffendere, jedoch zu umständliche Formulierung lautet „Forschungsstil zur Erarbeitung von in empirischen Daten gegründeten Theorien“.[1]

Entstehung und Grundkonzepte des GT-Ansatzes

Entstanden ist die GT Anfang der 1960er Jahre in Chicago, als Anselm Strauss, ein Schüler von Herbert Blumer, in Zusammenarbeit mit Barney Glaser medizinsoziologische Studien durchführte und das dabei entwickelte Instrumentarium systematisierte.

Kategorien und das Kodieren spielen eine zentrale Rolle im Ansatz von Glaser und Strauss.

Zur Entstehungsgeschichte der GT äußern sich Strauss und Glaser folgendermaßen:

„Wir entschieden Mitte 60, ein Buch über Methoden zu schreiben. Wir spürten schon, dass Veränderungen in der Luft lagen, denn wir wollten für die ‚Kids‘ schreiben - Leute über 30 schienen uns schon zu festgelegt. Barney hatte das bessere Gefühl, dass ein solches Buch ankommen würde, ich war skeptischer, weil ich älter war. Der Titel ‚the discovery of grounded theory‘ zeigt schon, worauf es uns ankam, nicht wie üblich mit Schullehrbüchern die Überprüfung von Theorie, sondern deren Entdeckung aus den Daten heraus. ‚Grounded-Theory‘ ist keine Theorie, sondern eine Praktik, um die in den Daten schlummernde Theorie zu entdecken.“[2]

Glaser und Strauss erläutern das Verfahren zusammenfassend:

„[Die gegenstandsverankerte Theorie] wird durch systematisches Erheben und Analysieren von Daten, die sich auf das entdeckte Phänomen beziehen, entdeckt, ausgearbeitet und vorläufig bestätigt. Folglich stehen Datensammlung, Analyse und die Theorie in einer wechselseitigen Beziehung zueinander.“

Das damit beschriebene Vorgehen entspricht der Logik der Abduktion (vgl. Pragmatismus, Charles S. Peirce).

Komparative Analyse

Die Komparative Analyse wird zur Theoriebildung genutzt. Glaser und Strauss empfehlen dazu die Strategie des theoretischen Samplings. Dabei steht bei der Fallauswahl für eine Untersuchung nicht Repräsentativität im Vordergrund, sondern die zu untersuchenden Fälle werden nach dem Kriterium ausgewählt, ob sie neue Erkenntnisse vermuten lassen bis z.B. eine theoretische Sättigung erreicht ist. Bei der Grounded Theory ist die Erhebung mit der Auswertung von Daten eng verknüpft. Dem gegenüber steht die statistische Stichprobenziehung.

Analyseverfahren

Methode des permanenten Vergleichs

Eine, die GT spezifizierende Datenanalysetechnik, ist die „Methode des permanenten Vergleichs“. Bei dieser Methode findet die Datensammlung sowie das Kodieren und Analysieren der Daten gleichzeitig statt.

Für die Kodierung werden substantielle und theoretische Codes verwendet: Die substantiellen Codes werden in offene und selektive Codes unterteilt. Zu Beginn der Analyse werden offene Codes verwendet (offene Kodierung). Offene Codes sind z.B. bestimmte Worte, die in den Daten wiederkehrend vorkommen. Die forschende Person sucht anhand der offenen Codes Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Handlungsmuster, etc., mit dem Ziel, Kategorien bilden zu können. Die Kategorien können gebildet werden, sobald diejenigen Verhaltensmuster identifiziert wurden, die für die Studienteilnehmenden bedeutsam oder problematisch sind. Diese Verhaltensmuster werden auch Kernvariablen genannt. Im zweiten Teil der Analyse kodiert die forschende Person nur noch selektiv (selektive Kodierung), d.h. anhand der entwickelten Kategorien.

Die andere Form von verwendeten Codes, sind die theoretischen Codes, die von Glaser entwickelt wurden. Theoretische Codes sind „Themengruppen“, z.B. zum Thema „Strategien“, anhand deren die einzelne Datensegmente gruppiert werden können. Das Ziel ist, dadurch Beziehungen und Zusammenhänge herausarbeiten zu können. (Polit, Tatano Beck & Hungler, 2004)

Memos

Die forschende Person dokumentiert während der ganzen Analyse ihre Hypothesen und Gedanken, die sie bezüglich den Daten, der möglichen Zusammenhänge, etc. hat, in sogenannten Memos. Durch das Niederschreiben wird das Reflektieren über Beziehungen, Muster, Hypothesen, etc. gefördert. Dies unterstützt auch die Analyse der Daten. (Polit, Tatano Beck & Hungler, 2004)

Differenzen zwischen Glaser und Strauss

Seit den 1970er Jahren haben sich die von Strauss bzw. von Glaser propagierten Verfahren auseinanderentwickelt. Beide werden weiterhin als Grounded-Theory-Ansatz bezeichnet. Glaser (und das Grounded Theory Institute [3]) steht für ein stärker an Induktion orientiertes Vorgehen, für ein „just do it“ und ein Vertrauen in die Emergenz von Theorien aus Daten, wenn diese nur lang genug analysiert werden. Der Ansatz von Strauss ist stärker an wissenschaftlichen Überprüfbarkeitskriterien ausgerichtet. Jörg Strübing sieht diese Differenzen bereits im grundlegenden Werk The Discovery of Grounded Theory angelegt; dessen Ambivalenzen seien z.T. durch die unterschiedlichen epistemologischen Hintergründe der beiden Autoren erklärbar: „Während Strauss von der pragmatisch vorgeprägten interaktionistischen Sozialtheorie kommt und diese wesentlich weiterentwickelt hat, ist Glaser ein Schüler der positivistisch-funktionalistisch geprägten Columbia School.“ (Strübing 2002: 320).

In einem kurz vor seinem Tod durchgeführten Interview nennt Strauss drei Grundelemente, die eine Vorgehensweise, die sich Grounded Theory nennen möchte, enthalten sollte:

„Erstens die Art des Kodierens. Das Kodieren ist theoretisch, es dient also nicht bloß der Klassifikation oder Beschreibung der Phänomene. Es werden theoretische Konzepte gebildet, die einen Erklärungswert für das untersuchte Phänomen haben. Das Zweite ist das theoretische Sampling. Ich habe immer wieder diese Leute in Chicago und sonstwo getroffen, die Berge von Interviews und Felddaten erhoben hatten und erst hinterher darüber nachdachten, was man mit den Daten machen sollte. Ich habe sehr früh begriffen, dass es darauf ankommt, schon nach dem ersten Interview mit der Auswertung zu beginnen, Memos zu schreiben und Hypothesen zu formulieren, die dann die Auswahl der nächsten Interviewpartner nahelegen. Und das Dritte sind die Vergleiche, die zwischen den Phänomenen und Kontexten gezogen werden und aus denen erst die theoretischen Konzepte erwachsen.“ [4]

Siehe auch

Literatur

  • Barney G. Glaser; Anselm L. Strauss: The Discovery of Grounded Theory. Strategies for Qualitative Research (1967), deutsch als: Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung (1998)
  • Barney G. Glaser; Anselm L. Strauss: "Die Entdeckung gegenstandsbezogener Theorie: Eine Grundstategie qualitativer Sozialforschung", in: Hopf/Weingarten: Qualitative Sozialforschung (1979).
  • Barney G. Glaser: Theoretical Sensitivity. Advances in the Methodology of Grounded Theory (1978).
  • Barney G. Glaser; Judith Holton: "Remodeling Grounded Theory", in Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, Vol. 5, Nr. 2, Art. 4, 2004 [1]
  • Udo Kelle: "Emergence" vs. "Forcing" of Empirical Data? A Crucial Problem of "Grounded Theory" Reconsidered", in Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [2], Vol. 6, Nr. 2, Art. 27, 2005
  • Guenter Mey; Katja Mruck (Hrsg.): Grounded Theory Reader (HSR-Supplement-Heft 19). ZHSF, Koeln 2007.
  • Denise F. Polit; Cheryl Tatano Beck; Bernadette P. Hungler: Lehrbuch Pflegeforschung - Methodik, Beurteilung & Anwendung, Hans Huber, Bern u.a. 2004, ISBN 978-3-456-83937-0.
  • Wolfgang Pomowski: "Das Pädagogische Psychodrama in Besonderen Bildungsgängen. Eine Grounded-Theory-Studie bei benachteiligten Jugendlichen" EUSL-Verlag, ISBN 3-933436-74-5
  • Odis E. Simmons & Toni A. Gregory: Grounded Action: Achieving Optimal and Sustainable Change, in Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [3], Vol. 4, Nr. 3, Art. 27, 2003
  • Anselm Strauss im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie: "Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen", in Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [4], Vol. 5, Nr. 3, Art. 22, 2004
  • Anselm L. Strauss: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen und soziologischen Forschung. (1991)
  • Anselm L. Strauss; Juliet Corbin: "Grounded Theory Research: Procedures, Canons and Evaluative Criteria", in: Zeitschrift für Soziologie, 19. Jg, S. 418 ff. (1990)
  • Anselm L. Strauss; Juliet Corbin: Basics of Qualitative Research (1990), deutsch als Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung (1996)
  • Jörg Strübing: "Just do it? Zum Konzept der Herstellung und Sicherung von Qualität in grounded-theory basierten Forschungsarbeiten", in Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 54, H. 2 (2002), S. 318-342.
  • Jörg Strübing: Grounded Theory. VS Verlag, Wiesbaden 2004.
  • Jörg Strübing: Pragmatismus als epistemische Praxis. Der Beitrag der Grounded Theory zur Empirie-Theorie-Frage, in: Herbert Kalthoff; Stefan Hirschauer; Gesa Lindemann (Hgg.): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2008, S. 279-311.

Einzelnachweise

  1. Jörg Strübing: Grounded Theory: Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, S. 13f.
  2. Legewie, H., Schervier-Legewie, B. (1995): Im Gespräch: Anselm Strauss. Journal für Psychologie 3 (1). S. 64-75
  3. Grounded Theory Institute
  4. Anselm Strauss im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie: „Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen“ Forum Qualitative Sozialforschung Volume 5, No. 3, Art. 22 – September 2004.

Weblinks


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