Gyburc

Gyburc

Gyburg (auch Gyburc) ist die Ehefrau von Willehalm in der gleichnamigen mittelalterlichen Verserzählung "Willehalm" von Wolfram von Eschenbach.

An der Seite ihres Ehemannes Willehalm spielt sie eine der zentralen Rollen in diesem für die mittelhochdeutsche Epik sehr bedeutenden Werk und fällt durch für das Mittelalter sehr unkonventionelle Verhaltensweisen auf.

Willehalm, der christliche Protagonist, wird von dem heidnischen König Tybalt während eines Kampfes in Kriegsgefangenschaft genommen und nach Arabi verbracht, wo er Tybalts Frau Arabel kennenlernt und um sie wirbt. Arabel lässt sich von ihm zum christlichen Glauben bekehren, verliebt sich in ihn und flieht mit ihm zusammen. Sie lässt sich taufen und nimmt den Namen "Gyburc" an. Willehalm besetzt Tybalts Land in der Provence und gründet dort seine Grafschaft Orange. Tybalt zieht daraufhin mit seinem Schwiegervater und einem riesigen heidnischen Heer gegen Willehalm in den Krieg. Was als Minnefehde um Gyburc beginnt, wächst sich im Verlauf der Handlung zu einem mächtigen Glaubenskrieg aus, in dem sich Gyburc mehrmals standhaft weigert, ihren neuen Glauben aufzugeben und vehement ihre Religion und ihre Liebe zu Willehalm verteidigt.

Besonders berühmt wurde ihre sogenannte "Toleranzrede", die sie vor dem versammelten Fürstenrat hält, bevor Willehalm im Verbund mit den Fürsten in die zweite Schlacht gegen die Heiden zieht. Hierin appelliert sie an die Männer, im Falle eines Sieges über die Heiden, diese gnädig zu behandeln, da auch Heiden Geschöpfe Gottes seien. Im Rahmen einer beeindruckenden Bibelexegese argumentiert sie gegen die verbreitete Meinung, man könne Heiden bedenkenlos töten, da sie ohnehin zu Höllenqualen verdammt seien. Auch in zwei Gesprächen, die sie mit ihrem Vater Terramer führt, wird ihr großes Wissen und ihre Kompetenz in Religionsfragen sichtbar.

Dass sie als Frau den christlichen Part in einem Religionsgespräch einnehmen darf ist in der mittelalterlichen Literatur in dieser Zeit ohne Parallele, normalerweise füllen diesen Part Theologen aus. Auch dass sie als Frau am Fürstenrat teilnimmt und darüber hinaus noch aufsteht und eine Rede vor den Männern hält, ist für eine Frau der damaligen Zeit sehr ungewöhnlich. Doch dies sind nicht die einzigen Situationen, in denen Wolfram von Eschenbach Gyburc mittelalterliche Konventionen brechen lässt: Während der Abwesenheit Willehalms (der den französischen König um Unterstützung im Kampf gegen die Heiden gewinnen will) verteidigt Gyburc in Rüstung und mit gezücktem Schwert die heimische Burg Glorjet in Orange gegen die Angriffe der Heiden.

Dieser Kampf mit dem Schwert ist aber eher ein Nebenaspekt ihrer Figur, ihre wahre Waffe ist ihr Wissen und ihr Glaube. Zentraler Aspekt ist, dass sie die verbale Auseinandersetzung mit den Heiden führt, während Willehalm die Kampfeshandlungen auf dem Schlachtfeld leitet. Somit kommt ihr ein sehr wichtiger Part im Gesamtwerk zu, dessen Bedeutung vielleicht sogar mit dem Willehalms gleichzusetzen ist.

Textausgabe

Wolfram von Eschenbach: Willehalm. Studienausgabe. Mhdt. Text nach der 3. Auflage von Werner Schröder. Übersetzung von Werner Katschoke. Berlin, 2003.

Literatur

Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. Stuttgart, 2004.


Wikimedia Foundation.

Игры ⚽ Поможем написать реферат

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Willehalm — Handschrift aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts (III,161,20 bis IV,162,15) Der Willehalm ist eine Verserzählung Wolframs von Eschenbach, die zu den bedeutendsten epischen Werken der mittelhochdeutschen Literatur zählt. Über seine… …   Deutsch Wikipedia

  • Gyburg — ist ein weiblicher Vorname. Namensträgerinnen Gyburg Uhlmann (* 1975), deutsche Philologin, Leibnizpreis 2006 Fiktive Personen Gyburc, weibliche Hauptfigur in Wolfram von Eschenbachs Epos Willehalm Kategorie: Weiblicher Vorname …   Deutsch Wikipedia

  • Kudrun — Vorstellungen des Historismus vom Mittelalter: Gudrun am Meer Kudrun (auch Gudrun oder Gudrunsage) ist ein anonymes strophisches Heldenepos in mittelhochdeutscher Sprache und somit das zweite große Heldenepos der mittelalterlichen deutschen… …   Deutsch Wikipedia

  • Schleier — Die Perlenwägerin von Johannes Vermeer 1665 Ein Schleier ist eine Kopfbedeckung aus leichtem Gewebe mit meist angenähert rechteckiger Grundform und von unterschiedlicher Länge. Der Schleier kann entweder das Gesicht freilassen, auch den unteren… …   Deutsch Wikipedia

  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie — Unter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf versteht man seit dem 20. Jahrhundert die Möglichkeit Erwachsener im arbeitsfähigen Alter, sich zugleich Beruf und Karriere einerseits und dem Leben in der Familie und der Betreuung von Kindern und… …   Deutsch Wikipedia

  • Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und Beruf — Unter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf versteht man seit dem 20. Jahrhundert die Möglichkeit Erwachsener im arbeitsfähigen Alter, sich zugleich Beruf und Karriere einerseits und dem Leben in der Familie und der Betreuung von Kindern und… …   Deutsch Wikipedia

  • Vereinbarkeit von Familie und Beruf — Unter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf versteht man seit dem 20. Jahrhundert die Möglichkeit Erwachsener im arbeitsfähigen Alter, sich zugleich Beruf und Karriere einerseits und dem Leben in der Familie und der Betreuung von Kindern… …   Deutsch Wikipedia

  • Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit — Unter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf versteht man seit dem 20. Jahrhundert die Möglichkeit Erwachsener im arbeitsfähigen Alter, sich zugleich Beruf und Karriere einerseits und dem Leben in der Familie und der Betreuung von Kindern und… …   Deutsch Wikipedia

  • Wilhelm von Oranse — Wilhelm (Willehalm) von Oranse od. der Heilige, althochdeutsches Gedicht aus dem Sagenkreise Karls des Großen von Wolfram v. Eschenbach, um 1215 auf der Wartburg nach einem welschen Original gedichtet. Inhalt: W. (Willehalm), der Sohn des Grafen… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • WOLFRAM D’ESCHENBACH — Wolfram, chevalier bavarois, est un des grands poètes qui ont présenté aux milieux courtois allemands la matière d’œuvres françaises, selon une technique (l’«adaptation courtoise») qui respecte les structures narratives mais joue sur… …   Encyclopédie Universelle

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”