Häretiker

Häretiker

Als Häresie (von griechisch αἵρεσις, haíresis „Wahl, Auswahl“) oder Heterodoxie (Andersgläubigkeit) wird eine Lehre bezeichnet, die im Widerspruch zur Lehre der christlichen Großkirche oder einer anderen Bezugsgröße steht und beansprucht, selbst die Wahrheit richtiger zum Ausdruck zu bringen. Gegenbegriff ist Orthodoxie (Rechtgläubigkeit). Eine Lehre oder Lebensform kann prinzipiell nur relativ zu einer anderen – als „orthodox“ beurteilten – als häretisch bezeichnet werden.[1]

Der Begriff Häresie wird sowohl im Kontext der katholischen Kirche gebraucht wie auch in orthodoxen Kirchen, protestantischen bzw. evangelischen Kirchen, im Judentum, im Islam und in einigen anderen Religionen (siehe unten).

Inhaltsverzeichnis

Begriffsabgrenzung

Der Ausdruck Ketzerei (und Ketzer, nach dem Namen der mittelalterlichen Bewegung der Katharer) war ursprünglich synonym zu Häresie und wird in der Gegenwartssprache oft im Sinn einer beliebigen Abweichung von „einer allgemein als gültig erklärten Meinung oder Verhaltensnorm“ verwendet, die durchaus sympathisch gesehen werden kann, während Häresie und Häretiker auch heute noch auf die spezifische kirchlich-theologische und historische Bedeutung beschränkt sind.[1]

Häresiologie ist die Lehre von Häresien. In der Häresiologie beschreibt eine Kirche, was sie als Häresie sieht und wie sie sie erkennt. Eine Häresiologie ist immer der subjektive Standpunkt einer Kirche.[1]

Häresiographie ist eine Abhandlung, die Häresien beschreibt.

Von der Häresie unterschieden wird das Schisma, wo in einem Konflikt um die kirchliche Ordnung die organisatorische Einheit der Kirche nicht aufrechterhalten wird.[1] Ein Schisma kann mit einer Häresie einhergehen wie beispielsweise beim Donatismus, aber es ist ebenso möglich, dass zwei schismatische Gruppen die gleichen Glaubensinhalte teilen, wie das beispielsweise beim abendländischen Schisma der Fall war.

Ebenfalls von Häresie unterschieden wird Apostasie, bei der jemand der kirchlichen Lehre widerspricht, weil er sich persönlich nicht mehr als Glaubender sieht und sich von seiner früheren Religion völlig losgesagt hat[1], und Blasphemie, eine gotteslästerliche Äußerung.

Angehörige anderer Religionen werden nicht als Häretiker bzw. Ketzer, sondern als Andersgläubige oder Ungläubige bezeichnet.

Häresien im Christentum

Häresien im Ur- und Frühchristentum

Im Urchristentum gab es ebenso wie im Neuen Testament einen Pluralismus von theologischen Sichtweisen. Schon im Neuen Testament wurde unterschieden zwischen Adiaphora (z. B. 1. Korintherbrief: Dürfen Christen Fleisch von Tieren essen, die den heidnischen Göttern geopfert wurden) und verbindlichen Lehren (z. B. Galaterbrief: Man darf Heidenchristen nicht zur Beschneidung zwingen).

Zu Lebzeiten der Apostel lag die letzte Autorität über die richtige Lehre bei den Aposteln (zum Beispiel beim Apostelkonzil).

Die Alte Kirche kannte bis ins 4. Jahrhundert zunächst keine zentrale Autorität, die über solche Fragen der Lehre hätte entscheiden können (auch der Bischof von Rom war zur damaligen Zeit keine Autorität). Es entwickelten sich zuerst drei gleichberechtigte kirchliche Metropolen in Antiochia, Alexandria und Rom. Konstantinopel und in weit geringerem Maße Jerusalem kamen später hinzu. Deren Bischöfe waren in ihrem Umkreis bestimmend.

Daneben entstanden durch herausragende Personen im Laufe der Zeit auch noch andere theologische Schwerpunktzentren wie zum Beispiel in Nordafrika durch Augustinus und in Kleinasien durch die Kappadozier. Diese Theologen setzten sich mit den in ihrer Umgebung kursierenden abweichenden Lehren auseinander, wobei ihnen außer Argumenten und der Exkommunikation (dem Kirchenausschluss) nicht viele Machtmittel zur Verfügung standen. Eine solche Exkommunikation traf den Häretiker in der damaligen Zeit weit weniger als im europäischen Mittelalter, da das Christentum noch nicht Staatsreligion war. Außerdem war der Häretiker ja davon überzeugt, dass er dem rechten Glauben anhing, und sich die Kirche im Irrtum befände.

Vom 4. bis ins 10. Jahrhundert waren es die ökumenischen Konzilien, die Lehrentscheidungen für die ganze Kirche trafen. Diese Lehrentscheidungen sind bis heute bei den orthodoxen, katholischen und den meisten protestantischen Kirchen anerkannt. Sie wurden ja auch zeitlich weit vor dem Schisma (Abtrennung von der orthodoxen Kirche) und der protestantischen Bewegung beschlossen. Gewöhnlich ging einer Verurteilung einer Lehre durch ein ökumenisches Konzil eine Zeit der intensiven Auseinandersetzung, Diskussion und Argumentation voraus.

Die Lehrentscheidungen der ersten Jahrhunderte wurden in der Regel auf der Basis eines Mehrheitskonsenses getroffen. In einigen Fällen, zum Beispiel bei der Auseinandersetzung mit dem Arianismus lag die politische Macht allerdings auf der nicht-orthodoxen Seite (siehe auch Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz, Ambrosius von Mailand).

Synkretistische Häresien

Eines der frühen Probleme des Christentums war, sich in der synkretistischen Kultur des Hellenismus gegenüber synkretistischen Religionen wie Gnostizismus und Manichäismus abzugrenzen, die die christlichen Dogmen ganz oder teilweise mit anderen Religionen oder Eigenkonstruktionen vermischten. Solche Bewegungen waren:

Christologische Häresien

Die orthodoxen, katholischen und protestantischen Kirchen lehren, dass Christus völlig göttlich („wahrer Gott“) und gleichzeitig völlig menschlich sei („wahrer Mensch“) und dass die drei Personen der Trinität gleichrangig und ewig seien. Die Formulierung der trinitarischen Lehre wurde im Verlauf von Jahrhunderten entwickelt, wobei die Definitionen immer wieder verfeinert wurden, um neu aufgekommene Meinungen bezüglich der Natur Jesu Christi, dem Verhältnis zwischen Christus und Gott Vater sowie der Trinität abzuwehren.

Zu diesen Häresien gehörten:

  • Adoptionismus oder dynamischer Monarchianismus erstmals im 2. und 3. Jahrhundert: Jesus sei bei seiner Taufe von Gott adoptiert worden. Jesus sei nicht Gott, sondern ein Mensch, durch und in dem Gott wirke. Wird heute von Christadelphians und Unitariern vertreten.
  • Apollinarianismus, von Apollinaris von Laodicea dem Jüngeren um 360 in Syrien: Jesus Christus könne nicht gleichzeitig Gott und Mensch sein, sondern der göttliche Logos sei an die Stelle einer menschlichen Seele getreten. Nur sein Körper sei menschlich geblieben.
  • Arianismus, als Lehre erstmals im 3. Jahrhundert: Jesus Christus stände unter Gott und sei eine geschaffene Kreatur, allerdings vor allen anderen Wesen geschaffen und somit auch nicht Mensch im üblichen Sinne.
  • Modalismus, modalistischer Monarchianismus, Patripassianismus, Sabellianismus, erstmals im 2. und 3. Jahrhundert: Gott sei eine einzige Person, die sich während der Geschichte auf verschiedene Art (als Schöpfer, als Jesus Christus, als Heiliger Geist) offenbart habe. Wird heute von manchen Pfingstgemeinden (Oneness Pentecostals) und der Vereinigten Apostolischen Kirche vertreten.
  • Monophysitismus, Doketismus 2. Jahrhundert, 5. Jahrhundert: Jesus habe nur eine – göttliche – Persönlichkeit, sei entweder nur scheinbar Mensch, oder seine menschliche Natur sei in der göttlichen aufgegangen wie ein Tropfen im Ozean.
  • Nestorianismus: 5. Jahrhundert, lehrt, Jesus habe zwei klar unterschiedene Persönlichkeiten als Gott und Mensch, die vor allem den Körper gemeinsam hatten.

Das nicänische Glaubensbekenntnis ist als Reaktion auf christologische Häresien entstanden.

Ekklesiologische Häresien

  • Donatismus 4. Jahrhundert: Gültigkeit christlicher Sakramente (insbesondere Taufe, Priesterweihe) hingen vom Charakter und Glauben des Priesters ab (das heißt Taufen und Priesterweihen durch während der Verfolgung abgefallene Priester sind ungültig und müssen von einem nicht abgefallenen Priester neu gespendet werden; Abgefallene dürften nach der Verfolgung nicht wieder in die Kirche aufgenommen werden.)
  • Pelagianismus: 5. Jahrhundert. Lehnt die Erbsünde ab und lehrt, der Mensch könne von sich aus alle Gebote Gottes einhalten.

Judenchristliche Häresien

Gruppierungen, die in irgendeiner Form am jüdischen (Ritual-)Gesetz festhalten wollten:

Katholische Kirche und Häresie

Definition von Häresie in der Katholischen Kirche

Die katholische Kirche differenziert zwischen einzelnen abweichenden Erscheinungsformen des Glaubens und deren Nähe zur ausdrücklichen Häresie.

Nur ein Glaube, der direkt einem Artikel des Glaubens zuwiderhandelt oder der ausdrücklich festhält, was durch die Kirche zurückgewiesen wird, wird tatsächlich Häresie genannt, wobei zwingende Voraussetzung ist, dass der Häretiker vorher katholischer Christ war. Häresie ist demnach die beharrliche Leugnung oder das beharrliche Zweifeln an einer zu glaubenden Wahrheit, nachdem die Taufe empfangen wurde. Während die Bezeichnung häufig von Laien verwendet wurde, um jeden möglichen falschen Glauben als Heidentum zu denunzieren, kennzeichnet diese Definition nur jenen als Häretiker, der als ursprünglicher Gläubiger der Katholischen Kirche später von dieser rechtgläubigen Kirche zugunsten eines gegensätzlichen Glaubens abwich.

Einen Glauben, den die Kirche nicht direkt abgewiesen hat, oder der im Gegensatz zu einer weniger wichtigen Kirchenlehre steht, nennt man sententia haeresi proxima, „eine Meinung nahe der Häresie“.

Ein theologisches Argument oder ein Glaubenssystem, das keine Häresie behauptet, aber zu häretischen Schlussfolgerungen führen könnte, nennt man propositio theologice erronea, eine „irrige theologische Angelegenheit“.

Wenn eine theologische Position nur Konflikte wohl denkbar macht, aber nicht notwendigerweise dazu führt, sprach man abgemildert von suspecta sententia de haeresi, „vermuteter Abweichung“.

Vorgehen gegen Häresie

Siehe Hauptartikel: Inquisition

Im Mittelalter war Häresie nicht nur ein Problem der Kirche, sondern ebenso der weltlichen Macht, die eine Abweichung vom rechten Glauben einer staatsfeindlichen Haltung gleichsetzte und zwar deshalb, weil Häretiker oft die Leistung von Eiden verweigerten, die jedoch ein zentraler Bestandteil des mittelalterlichen Vertragswesens waren. Es kam vor, dass weltliche Fürsten von der Kirche forderten, Häretiker zur Ordnung zu rufen.

Im 11. und 12. Jahrhundert befahlen Päpste, Häresie mit Gefangenschaft und Einzug des Eigentums zu bestrafen und drohten den Fürsten, die Häretiker nicht bestraften, mit Exkommunikation.

Exkommunikation galt im Mittelalter als schwerste Bestrafung, und wurde auch so empfunden, da sie die einzelne Person vom Leib Christi, seiner Kirche, trenne und somit die Erlösung verhindere. Die Exkommunikation oder die Androhung der Exkommunikation genügten oft, Häretiker zum Abgehen von ihren Überzeugungen zu bewegen.

Nach Auseinandersetzungen mit Häresien wie den Katharern (Albigensern) oder den Waldensern wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Inquisition gegründet. Die Inquisition war von Anfang an eine Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat gegen Häretiker.

So klagte König Philip IV. von Frankreich (Philip der Schöne) den Templerorden wegen Ketzerei und Homosexualität an. Da er hoch verschuldet war, unter anderem auch bei den Templern, wollte er sich die legendären Reichtümer des Ordens aneignen. Am 13. Oktober 1307, einem Freitag, wurden alle Templer in Frankreich verhaftet. Am 22. März 1312 hob Papst Klemens V. auf dem Konzil von Vienne unter dem Druck von König Philip den Orden auf. Am 18. März 1314 wurden der letzte Großmeister des Templerordens, Jacques de Molay, zusammen mit Geoffroy de Charnay in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Im 16. Jahrhundert wurden die Häresien von Alfonso de Castro systematisch geordnet und in einer alphabetischen Enzyklopädie zusammengefasst.

Die katholische Kirche und die Reformation

Die Reformation wurde von der katholischen Kirche zuerst auch als Häresie angesehen und in katholischen Gegenden entsprechend verfolgt.

Die Lehre der evangelischen Kirche bzw. der moderne Protestantismus wird heute von der katholischen Kirche nicht mehr als Häresie angesehen, dies war bis in die Zeit Papstes Pius X. so; wohl aber wurden die einzelnen Personen, die an der Entstehung des Protestantismus beteiligt waren und die der katholischen Lehre in wesentlichen Punkten widersprachen, durch die Kirche zu Häretikern erklärt. Einige der Lehren des Protestantismus, die die katholische Kirche als häretisch einstuft, sind der Glaube, dass die Bibel einzige Quelle und Richtschnur des Glaubens sei („sola scriptura“) (und nicht wie im katholischen Verständnis Schrift und Tradition), dass nur der Glaube alleine zum Heil führen könne („sola fide“) und dass das allgemeine Priestertum der Glaubenden das Weihepriestertum nicht nur ergänze, sondern überflüssig mache.

Sobald die Protestanten grundsätzlich die römisch-katholische Kirche in Frage stellten, galten sie als Schismatiker, nicht als Häretiker.

Eine Reaktion auf die Reformation war die Einrichtung der Kongregation für die Glaubenslehre (Sanctum Officium), die bis heute in der katholischen Kirche die letzte Instanz für Glaubensfragen ist.

Häretische Gruppen in der Neuzeit

In der Neuzeit wurde die Lehre von häretischen Gruppen offiziell vom Papst als Häresie verurteilt, es kam jedoch nicht mehr zu weltlichen Bestrafungen von Häresie.

Neuzeitliche Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche, die als Häresie verurteilt wurden:

Evangelische Kirchen und Häresie

Auch der Protestantismus glaubte bereits in der Reformationszeit die Notwendigkeit zu sehen, sich gegen radikale Bewegungen abzugrenzen, wobei die Bezeichnung Häresie im protestantischen Kontext kaum gebräuchlich ist. Zu weltlichen Strafen wegen Häresie kam es im evangelischen Raum nur im 16. und 17. Jahrhundert.

Dabei wurde in protestantischen Gegenden das Bündnis von Staat und Kirche gegen Häresien weitergeführt, wobei die abweichende Lehre manchmal auch eher das war, was der Staat als gefährlich ansah.

Lehren der katholischen Kirche, die bereits in der Reformation als Häresie gegen das biblische Christentum gesehen wurden, sind die Heiligenverehrung und die Lehre von der Transsubstantiation. Später kam auch die Marienverehrung dazu, die von den Reformatoren selbst nicht verurteilt wurde.

Verfolgt und verurteilt wurden bereits während der Reformationszeit Vertreter der radikalen Reformation, zum Beispiel Thomas Müntzer, die Wiedertäufer, oder der Antitrinitarier Michael Servetus.

Im 18. Jahrhundert kam es zu gegenseitigen Lehrverurteilungen von Calvinisten und Methodisten, insbesondere wegen der unterschiedlichen Auffassung von Prädestination. Dies blieb jedoch im Rahmen von theologischen Disputen ohne weltliche Konsequenzen – und da die Kontrahenten unterschiedlichen Kirchen angehörten auch ohne Kirchenstrafen.

Im 20. Jahrhundert hat der Gnadauer Verband und die deutsche Evangelische Allianz in der Berliner Erklärung von 1909 die Pfingstbewegung als Bewegung von unten (das heißt vom Teufel) verurteilt, was mittlerweile jedoch nur noch von manchen pietistischen Kreisen so gesehen wird. Auch da handelt es sich um eine theologische Stellungnahme ohne weltliche oder kirchliche Strafen.

1934 erklärte die Barmer Theologische Erklärung, verfasst vom evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth, die damalige protestantische Mehrheit der Deutschen Christen, das Führerprinzip und den nationalsozialistischen Weltanschauungsstaat zur „falschen Lehre“ (= Häresie). Diese „Verwerfung“ wurde zum Bekenntnis der Bekennenden Kirche, die sich damit als die wahre evangelische Kirche verstand. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Barmer Erklärung nach 1945 in ihre Bekenntnisschriften aufgenommen. Einige ihrer Landeskirchen ordinieren ihre Pastoren ausdrücklich darauf.

1974 erklärte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) den Rassismus für unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Dies richtete sich in erster Linie gegen rassistische Theologien, wie sie etwa unter weißen reformierten Buren Südafrikas vertreten wurden. Auch damit wurde faktisch eine „Häresie“ verurteilt und ausgegrenzt.

Ein Versuch von Christen in der Traditionslinie Karl Barths, auch die Massenvernichtungsmittel als „bekenntniswidrig“ (häretisch) zu verwerfen, wurde 1958 von der Mehrheit der evangelischen Synodalen abgelehnt.

Häresien im Judentum

Das orthodoxe Judentum stuft als häretisch ein, was von den traditionellen – biblisch-talmudischen – jüdischen Überlieferungen abweicht. Zwei schon in der Antike beziehungsweise Spätantike bekannte heterodox-häretische Gruppen bilden die nationale Sondergruppe der Samaritaner und die antitalmudischen Karäer. Im 17. Jahrhundert haben die messianisch inspirierten Anhänger des Sabbatai Zwi als jüdische Häretiker von sich reden gemacht.

Das heutige ultraorthodoxe Judentum ist der Ansicht, dass überhaupt alle Juden, die ihr spezifisches Verständnis von Maimonides' 13 Grundregeln des jüdischen Glaubens zurückweisen, Häretiker sind. Ultraorthodoxe Juden und die meisten modernen orthodoxen Juden betrachten jüdische Reformbestrebungen (Reformjudentum, Rekonstruktionismus, teilweise sogar schon das konservative Judentum) als häretische Bewegungen.

Allerdings bedeutet eine Verurteilung als Häretiker im Judentum nicht, dass die Verurteilten aus Sicht der Verurteilenden keine Juden mehr wären. Ihr Judentum, als Zugehörigkeit zur jüdischen Schicksalsgemeinschaft, bleibt bestehen, nur ihr rechter Glaube wird in Frage gestellt. Nichtjüdische Konvertiten, die zu einer als häretisch angesehenen Richtung des Judentums übertreten, werden allerdings von den Orthodoxen auch nach ihrer Konversion als nichtjüdisch betrachtet.

Häresien im Islam

Die zwei islamischen Hauptbekenntnisse, die Sunna (offizielles Bekenntnis der meisten arabischen Länder und Hauptströmung in der Türkei) und die Schia (Staatsreligion in Iran seit 1501), sahen einander lange Zeit gegenseitig als jeweils häretisch an. In den 1930er Jahren haben sich beide zu gegenseitiger Anerkennung durchgerungen.

Folgende Gruppierungen im Islam können als häretisch gelten: Ahmadiyya, Aleviten, Assassinen, Babis und Bahai, Drusen, Hurufi, Karmaten, Chawaridsch, Mu'tazila, Kadariyya, Murdschia.

Jedoch gibt es Unterschiede in den beiden Glaubensrichtungen: So gilt der Parsismus in der Sunna als häretisch, in der Schia aber ist er anerkannt.

Andere Bewegungen oder religiöse Haltungen, vor allem mystisch inspirierte (vergleiche beispielsweise Sufismus, Derwisch, Bektaschi), sind wohl allgemein einem erhöhten Misstrauen von Seiten der Orthodoxie ausgesetzt, können aber keinesfalls an sich als häretisch bezeichnet werden. Zudem werden heute je nach Land einige dieser Gruppen zugelassen, beziehungsweise von islamischen Gerichten und religiösen Institutionen respektiert, während andere, zum Beispiel die Ahmadis seit 1974 in Pakistan, ausgeschlossen und verfolgt werden.

Häresien im Buddhismus

Im in Japan begründeten Buddhismus der Nichiren-Tradition betrachten die verschiedenen Schulen einander sowie nahezu alle anderen buddhistischen Schulen, die nicht auf dem Lotos-Sutra aufbauen (insbesondere Amida- und Zen-Buddhismus, sowie Shingon-shū und Risshū) bzw. dieses anders als sie interpretieren (also auch andere Nichiren-Schulen), als häretisch und verhalten sich daher gegenüber diesen oft mit den Methoden des Shakubuku (折伏; wörtlich „brechen und unterwerfen“, eine aggressiv-argumentative Verurteilung der häretischen Lehren mit dem Ziel der Bekehrung) und des Fuju-fuse (不受不施; wörtlich „kein Geben, kein Nehmen“, d.h. es findet keinerlei Transfer von Leistungen oder Gütern statt).

Weitere Religionen und Weltanschauungsgruppen

Die Häresie ist ein grundlegendes Problem fast aller Weltreligionen, aus strukturellen Gründen aber besonders der monotheistischen – von fundamentalistischen Sondergruppierungen („Sekten“), die Häretiker (wenn nicht gar „Dämonen“) am laufenden Band produzieren und bekämpfen, ganz zu schweigen.

Die Scientology Organisation verwendet die Bezeichnung squirreling für nicht autorisierte Änderungen ihrer Lehre oder Methoden, bezeichnet Häretiker als Verbrecher und verfolgt sie, insbesondere unter der Anklage wegen angeblicher Copyright-Verletzungen. Die Freie Zone wird von der Scientology Kirche als Häretiker angesehen und mit allen Mitteln bekämpft.

Auch rein säkulare Ideologien der Moderne sind hier oft als Erben des alten monotheistischen Einzigkeits- und Einheitsanspruches zu erkennen. Besonders oft hervorgehoben oder vermutet wird diese Parallele für den Marxismus-Leninismus: In der Form des Stalinismus hat die Verfolgung und Verurteilung von Abweichlern (von der offiziellen Parteidoktrin), die man als Opportunisten, Revisionisten oder Renegaten brandmarkte, in ihrer mörderischen Intoleranz deutliche Parallelen zur den christlichen und islamischen Ketzerverfolgung und übertraf diese oft noch an Opferzahlen. Das gleiche gilt, oft mit starken Einschränkungen, auch für viele nationale, oft antikoloniale Erweckungsbewegungen weltweit. Schließlich ist zu erwähnen, dass in vielen schulbildenden Beiträgen zum Ideenreservoir der Moderne (zum Beispiel Psychoanalyse, Surrealismus, Ökologiebewegung und so weiter) das häretische Problem zumindest latent anwesend ist.

Einzelnachweise

  1. a b c d e Theologische Realenzyklopädie: Häresie

Siehe auch

Literatur

  • Christoph Auffarth: Die Ketzer. C. H. Beck Verlag, München 2005, ISBN 3-406-50883-9
  • Alfonso de Castro, Adversos omnes haereses libri XIV (Paris 1534, Antwerpen 1556)
  • Herbert Grundmann: Religiöse Bewegungen im Mittelalter, Berlin 1935, Nachdr. Darmstadt 1970
  • Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, Göttingen 1978
  • Johann Ev. Hafner: Selbstdefinition des Christentums. Ein systemtheoretischer Zugang zur frühchristlichen Ausgrenzung der Gnosis. Herder, Freiburg 2003, ISBN 3-451-28073-6
  • Alexander Patschovsky: Ketzer, Juden, Antichrist. Gesammelte Aufsätze zum 60. Geburtstag (PDF), mit einem Vorwort von Horst Fuhrmann, Konstanz 2001
  • Alfred Schindler: Häresie (Theologische Realenzyklopädie)

Weblinks


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