Johan Galtung

Johan Galtung
Johan Galtung bei einem Seminar im Netanya Academic College in Israel, 2007

Johan Galtung (* 24. Oktober 1930 in Oslo) ist ein norwegischer Mathematiker, Soziologe und Politologe. Er gilt als Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung, da er 1959 mit dem "Peace Research Institute Oslo (PRIO)" das allererste universitär verankerte Friedensforschungsinstitut Europas gründete.

Genaueres zu den Entstehungszusammenhängen des Institutes und zu dessen Zielen und Errungenschaften beschreibt Johan Galtung in dem Taschenbuch Launching Peace Studies – the first PRIO years.[1] [2]

Inhaltsverzeichnis

Wissenschaftlicher Hintergrund und Wirken

Als 23-Jähriger war Galtung Assistent des norwegischen Philosophen und Wissenschaftstheoretikers Arne Naess. Zusammen ergründeten sie die politische Ethik und die Prinzipien der Philosophie Mahatma Gandhis. Diese Arbeit sollte seine Arbeit bis in die Gegenwart prägen. Als 27 jähriger lehrte Johan Galtung dann drei Jahre am Institut für Soziologie der University of Columbia, wo er von 1957 bis 1960 als associate-professor von Paul Felix Lazarsfeld und Robert King Merton in der Fakultät für Soziologie tätig war.

Mit Lazarsfeld arbeitete er an der Weiterentwicklung soziologischer Methodologie und mit Merton arbeitete er an den epistemologischen Grundlagen gesellschaftswissenschaftlicher Theoriebildung.[3] Seit 1957 arbeitet Johan Galtung mit einer eigens entwickelten Heuristik – deren Merkmal es ist, penibel aufeinander abgestimmte Analysemethoden der Medizinwissenschaft (Diagnostik, Prognostik, Therapeutik), Mathematik (diskrete und strukturelle Mathematik, Kombinatorik und Stochastik), der Soziologie, der vergleichenden Kulturwissenschaften, und der Anthropologie zu verknüpfen –, um Konflikte auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen (Meta, Mega, Makro, Meso, Mikro, Intra – siehe "Systemstruktur") in ihre Ursachen, Triebfedern und Folgen differenziert begreifen zu können, um diese besser transformieren zu können. Einer derart ausgeprägten transdisziplinären Forschung verpflichtet, gründete Johan Galtung 1959 das Internationale Friedensforschungsinstitut PRIO in Oslo, das erste seiner Art in Europa. Wichtig: Sowohl Methodik und Forschungsansatz PRIOs haben sich graduell verändert seit die Finanzierungsgrundlage von PRIO auch staatlich mitgetragen wird. PRIO hat entsprechend den Akzent von der ursprünglich intendierten und praktizierten Friedensforschung hin zur Sicherheitsforschung verschoben.[4]

Für die Journalistik und Kommunikationswissenschaft bedeutsam sind die von ihm 1965 gemeinsam mit Mari Holmboe Ruge herausgearbeiteten Nachrichtenfaktoren sowie die neuerdings mit Jake Lynch erneuerten Methoden des Friedensjournalismus [5]. Für die Politikwissenschaft und Soziologie von Bedeutung sind seine "Theorie der Strukturellen Gewalt", seine "Social Position Theory", seine "Strukturelle Imperialismustheorie" und seine "Multidimensional Social Science Theory" um nur einige zu nennen. Für die Theologie spielt die aus seiner kulturwissenschaftlichen Arbeit stammende Unterscheidung zwischen "harter- und weicher Exegese" eine wichtige Rolle für die Konzeption ökumenischer und interreligiöser Dialoge.

„Ich selbst setzte mir jeweils ein Jahrzehnt, um in den folgenden Fächern Fuß zu fassen: Soziologie in den fünfziger Jahren, Politikwissenschaft in den sechziger Jahren, Theologie, Wirtschaftswissenschaften und Pädagogik in den siebziger Jahren, Geschichte in den achtziger Jahren und Kultur (Anthropologie, Ideengeschichte/Philosophie, Psychoanalyse = individuelle und kollektive Konstruktionen) in den neunziger Jahren.“

Johan Galtung[6]

Galtung war 1973 der erste Friedensforscher, der auf die Carl-von-Ossietzky-Gastprofessur für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Bonn berufen wurde.

Im Jahr 1987 erhielt er den Right Livelihood Award, 1993 den Gandhi-Preis.

Gegenwärtig ist Johan Galtung Rektor der 1992 von Ihm gegründeten TRANSCEND International Peace University und Mitglied des TRANSCEND-Netzwerks für Frieden, Entwicklung und Umwelt[7]. Zudem ist er Ehrenpräsident des aus diesem Netzwerk entstandenen Galtung-Institutes für Friedenstheorie und -praxis in Grenzach-Wyhlen (Baden-Württemberg)[8]. Die Hauptaufgabe des Netzwerkes liegt in der theoriegeleiteten und lösungsindikativen Konfliktmediation auf der Grundlage von Johan Galtung und befreundeten Sozialwissenschaftlern entwickelten methodologischen und praxeologischen Grundannahmen der Empathie, Gewaltlosigkeit und Kreativität. Eine Reihe von Forscherinnen und Praktikerinnen im deutschsprachigen Raum haben diese von Johan Galtung entwickelte Praxeologie für unterschiedliche Konfliktbearbeitungskontexte erweitert. Etwa Dietrich Fischer, Hajo Schmidt und Lutz Schrader im Rahmen der akademischen Lehre und Wilfried Graf & Gudrun Kramer [9] im Rahmen der Psychotherapie und der Entwicklungszusammenarbeit.

Galtung selbst verwendet seine multidimensionale Transcend-Methode der systematischen Dialogführung in seinen Mediations- und Beratungseinsätzen.[10] In den 50 Jahren zwischen 1957 und 2007 hat er in über 100 Konflikten weltweit unmittelbar und direkt als Vermittler oder Berater gewirkt. So in Dänemark im Falle der Mohammed-Karikaturen, Sri Lanka,Afghanistan, Nordkaukasus und Ecuador. Aus seiner Konfliktbearbeitungsexpertise sind das Handbuch "100 Fallbeispiele und Konfliktanalysen samt Lösungsvorschlägen"[11] sowie ein entsprechender Lehrgang am Galtung-Institut für Friedenstheorie und Friedenspraxis entstanden.

Er war maßgeblich an der Entwicklung des Konzeptes der sozialen Verteidigung beteiligt und prägte die Begriffe

Galtung setzt sich darüber hinaus für eine Demokratisierung der Vereinten Nationen (UN) ein. In zahlreichen Reden und Artikeln hat er sich für die Etablierung eines Weltparlaments ausgesprochen. Er gehört zu den Erstunterzeichnern des internationalen Aufrufs für eine Parlamentarische Versammlung bei den Vereinten Nationen.[13] Galtung ist Beiratsmitglied des 2004 gegründeten Komitees für eine demokratische UNO.[14]

Seit März 2009 engagiert er sich auch für das neu gegründete Russell-Tribunal zu Palästina. Kritik an den USA und Israel und positive Äußerungen gegenüber der Sowjetunion sowie Kuba und Venezuela haben ihm erhebliche Kritik eingebracht.

Prognostik

1980 hatte er die Vorhersage gewagt, dass vor 1990 die Mauer zusammenbrechen würde und danach das sowjetische Imperium.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sagte er, dass entweder die Grünen oder der Islam das neue Feindbild des Westens würden.

Im Jahr 2000 datierte er den Zusammenbruch des US-Imperiums in den Zeitraum von 2020 bis 2025. Aufgrund der beschleunigenden Wirkung der Präsidentschaft von George Bush jr. kürzte er später diese Frist um fünf Jahre ab und prognostizierte das Ende des US-Imperiums auf vor 2020.[15]

Siehe auch

Schriften

  • Modelle zum Frieden. Methoden und Ziel der Friedensforschung. Vorwort von Lutz Mez. Jugenddienst, Wuppertal 1972, ISBN 3-7795-7201-X.
  • Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung. Rororo, Reinbek bei Hamburg 1982, ISBN 3-499-11877-7.
  • Struktur, Kultur und intellektueller Stil. Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft. In: Leviathan. 2. Freie Universität Berlin, Berlin 1983, S. 303–338.
  • Die andere Globalisierung. Perspektiven für eine zivilisierte Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Agenda, Münster 1998, ISBN 3-89688-025-X.
  • Frieden mit friedlichen Mitteln. Frieden und Konflikt, Entwicklung und Kultur. Leske + Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-1864-3.
  • Preis der Modernisierung. Struktur und Kultur im Weltsystem. Promedia, Wien 1997, ISBN 3-85371-123-5.
  • Die Zukunft der Menschenrechte. Verständigung zwischen den Kulturen. Campus, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-36043-8.
  • Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren: Diagnose, Prognose, Therapie. Bund für Soziale Verteidigung, Minden 2003, ISBN 3-00-011703-2.
  • Konflikte und Konfliktlösungen. Eine Einführung in die Transcend-Methode. Kai Homilius Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89706-602-1.
  • 50 Years: 100 Peace and Conflict Perspectives. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0439-5.
  • mit Paul Scott: Democracy – Peace – Development. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0460-9.
  • 50 Years: 25 Intellectual Landscapes Explore. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0471-5.
  • mit Graeme MacQueen: Globalizing God: Religion, Spirituality and Peace. Transcend University Press, 2008, ISBN 978-82-300-0473-9.

Literatur

  • Peter Lawler: A question of values. Johan Galtung’ peace research. Rienner, Boulder, Col. 1995, ISBN 1-55587-507-6.
  • Hajo Schmidt, Uwe Trittmann (Hrsg.): Kultur und Konflikt – Dialog mit Johan Galtung. Agenda, Münster 2002, ISBN 3-89688-144-2.

Weblinks

 Commons: Johan Galtung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten

  1. Launching Peace Studies
  2. http://www.scribd.com/doc/57380383/23/%C2%84The-future-of-peace-studies#page=99
  3. http://transcend.org/tup/index.php?book=3, 25 intellectual Landscapes explored in 50 years, TUP, 2008. S.10
  4. http://www.prio.no/Research-and-Publications/Programmes/Security/Sources-of-Funding/
  5. http://sydney.edu.au/arts/peace_conflict/research/peace_journalism.shtml
  6. Aus seiner Autobiographie Johan Ohne Land – auf Friedenswegen durch die Welt. Agenda, 2006, S. 105.
  7. http://www.transcend.org
  8. http://www.galtung-institut.de
  9. http://www.iicp.at//
  10. http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6516580,00.html
  11. http://www.transcend.org/tup/index.php?book=1
  12. Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln, 1998, S. 341 ff., 362 ff.
  13. Aufruf zur Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung bei den Vereinten Nationen. Kampagne für die Einrichtung eines Parlaments bei den Vereinten Nationen. Abgerufen am 6. Januar 2009.
  14. Komitee für eine demokratische UNO
  15. Interview von Stefan Valentin: So funktioniert das System. In: junge Welt. 31. März 2006, abgerufen am 5. Januar 2009.

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