Martianus Minneus Felix Capella

Martianus Minneus Felix Capella

Martianus Min(n)e(i)us Felix Capella (meist kurz: Martianus Capella) war ein römischer Enzyklopädist des 5. oder frühen 6. Jahrhunderts. Sein Einfluss auf das abendländische Bildungswesen im Mittelalter war sehr groß.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Über das Leben des Martianus, der sich selbst Felix oder Felix Capella nannte, liegen nur sehr wenige, teils zweifelhafte Informationen vor, die aus autobiographischen Andeutungen in seinem Werk gewonnen werden. Chronologische Angaben fehlen, und in der Forschung sind sehr unterschiedliche Meinungen über seine Lebensdaten geäußert worden; die Vermutungen schwankten zwischen dem späten 3. und dem frühen 6. Jahrhundert, heute wird meist das 5. oder frühe 6. Jahrhundert angenommen.[1]

Martianus ist vermutlich in Karthago geboren; dort ist er aufgewachsen und hat er anscheinend den größten Teil seines Lebens verbracht. Ein Aufenthalt in Rom wird vermutet, doch ist dies sehr unsicher. Spekulativ sind auch die Hypothesen über seinen Beruf und seine soziale Herkunft; man hat vermutet, dass er aus bäuerlichem Milieu stammte und Autodidakt war, doch einer anderen, in der Forschung häufiger vertretenen Meinung zufolge gehörte er der Oberschicht an. Aus einer unklaren Formulierung hat man gefolgert, dass er Prokonsul in Afrika gewesen sei. Oft wird angenommen, dass er Jurist war; auch eine Tätigkeit als Rhetorik- oder Grammatiklehrer kommt in Betracht.[2] Anscheinend verfügte er über Griechischkenntnisse.[3]

Unklar ist auch, ob Martianus Christ war. Es fällt auf, dass sein Werk keinerlei Anspielungen auf das Christentum enthält. Dieses Schweigen und einige weitere Indizien, darunter seine Schilderung verlassener Orakelstätten des Gottes Apollon, deuten darauf, dass er Anhänger der alten paganen Religion und Kultur war, deren Hauptinhalte er in seinem Werk zusammenfassen wollte. In der Forschung wurde sogar eine verhüllte antichristliche Stoßrichtung vermutet. Möglicherweise war Martianus oberflächlich christianisiert.[4]

Werk

Das einzige bekannte Werk des Martianus trägt traditionell den Titel De nuptiis Philologiae et Mercurii („Die Hochzeit der Philologie mit Merkur“), der jedoch nicht vom Autor stammt. Er verfasste es in fortgeschrittenem Alter, als er im Ruhestand lebte, und widmete es seinem Sohn. Der mögliche Entstehungszeitraum reicht von 410 bis zum ersten Viertel des 6. Jahrhunderts.[5] Aufgrund einiger Indizien wird Abfassung in Rom vermutet.[6]

Es handelt sich um eine offenbar als Lehrbuch konzipierte Enzyklopädie in neun Büchern in der Form einer Menippeischen Satire. In die Prosa sind Verse in 15 verschiedenen Versmaßen eingestreut. Dargestellt wird der anscheinend schon seit Jahrhunderten fest ausgebildete Kanon der Sieben Freien Künste.

Seite einer Handschrift von De nuptiis, 10. Jahrhundert, Paris, Bibliothèque Nationale, Lat. 7900 A

Satura, die Personifizierung der Satire, hat dem Autor den Inhalt des Werks erzählt. Die Rahmenhandlung ist mythisch-allegorisch. Als Einleitung dient eine allegorische Szenerie. Geschildert wird eine Brautsuche und die anschließende „heilige Hochzeit“. Das Brautpaar sind der Götterbote Merkur, der Gott der Beredsamkeit, und eine sterbliche Jungfrau, die Philologie. Unter Philologie verstand man damals die gesamte Gelehrsamkeit, nicht wie heute speziell Sprach- und Literaturwissenschaft. Die ersten beiden Bücher handeln von den Vorbereitungen. Merkur ist bei der Brautschau erfolglos geblieben und wendet sich auf den Rat der Virtus (Tugend) an den Gott Apollon, der ihm die „überaus gelehrte“ Philologia empfiehlt. Nachdem der Göttervater Jupiter und seine Gemahlin Juno dem Hochzeitsplan zugestimmt haben, wird eine Götterversammlung einberufen, die ebenfalls einwilligt und beschließt, die sterbliche Braut unter die Unsterblichen aufzunehmen. Philologia wird zur Hochzeit geschmückt und erhält den Trank der Unsterblichkeit. Merkurs Hochzeitsgabe an seine künftige Gemahlin sind sieben jungfräuliche Dienerinnen, welche die Sieben Freien Künste personifizieren. Sie treten der Reihe nach auf, wobei jeweils Kleidung und Auftreten genau beschrieben werden, und jede legt in einem der restlichen Bücher (3–9) zusammenfassend ihre Wissenschaft dar. Buch 3 behandelt die Grammatik, Buch 4 die Dialektik, Buch 5 die Rhetorik, Buch 6 die Geometrie, Buch 7 die Arithmetik, Buch 8 die Astronomie und Buch 9 die Harmonie (Musik). Somit wird zunächst in den Büchern 3–5 das Trivium, dann in den Büchern 6–9 das Quadrivium dargestellt. Die Architektur und die Medizin sind aus dem Fächerkanon ausgeschlossen, da sie sich auf Irdisches und Vergängliches beziehen und daher nicht in die himmlische Götterwelt passen.[7] Schließlich geleitet die Harmonie das Brautpaar ins Schlafgemach.

Im dritten Buch, das von der Grammatik handelt, werden nacheinander Buchstaben, Silben, Redeteile, Deklination, Konjugation, Anomalie (Wörter, die nicht den sprachlichen Regeln folgen) sowie gelungener und fehlerhafter Sprachgebrauch behandelt. Dargestellt werden Lautlehre und Formenlehre, nicht jedoch die Syntax. Das vierte Buch handelt von der Dialektik (Logik, „Wissenschaft vom guten Disputieren“), und zwar zuerst hinsichtlich einzelner Wörter, dann hinsichtlich der Bestandteile und Arten von Sätzen; dann werden wahrheitsfähige Aussagen und schließlich die Syllogismen betrachtet. Im fünften Buch, dessen Thema die Rhetorik ist, werden erst ausführlich die einzelnen Aufgaben des Redners erörtert, nämlich „Stoffauffindung“ (inventio, mit der Lehre von den juristischen Fragestellungen und den Beweisen), Stoffgliederung, Darstellung, Auswendiglernen und Vortrag, und dann relativ knapp die Teile der Rede besprochen. Das Thema des sechsten Buches ist eigentlich die Geometrie, doch handelt der weitaus größte Teil von der Geographie. Die beiden Wissensgebiete erscheinen als eng miteinander verflochten. Die Ausführlichkeit der Rede Geometrias ruft den Unmut der Götter hervor. Im siebten Buch geht es um die Arithmetik; die Zahlen werden erst knapp unter qualitativem Gesichtspunkt (Zahlensymbolik) betrachtet, dann ausführlich unter quantitativem (eigentliche Arithmetik). Im achten Buch legt Astronomia ihre Lehre dar; Themen sind die Himmelskugel mit den zehn Himmelskreisen, die Fixsterne und die Planeten (zu denen Sonne und Mond gezählt werden). Martianus ist der Ansicht, dass die Planeten Merkur und Venus nicht die Erde, sondern die Sonne umkreisen; damit vertritt er eine Änderung gegenüber dem damals herrschenden rein geozentrischen Weltbild. Im letzten Buch tritt Harmonia auf und spricht über ihre Wissenschaft, die Musiktheorie; eigentlich ist sie nur für die Harmonik zuständig, doch behandelt sie auch die Rhythmik. Die Harmonie in der Musik wird im Sinne der pythagoreischen Tradition mit der Harmonie des Universums (Sphärenharmonie) in Verbindung gebracht. Zu den Themen gehören die Wirkungen der Musik auf Seele und Körper des Menschen und ihre Verwendung in der Heilkunst.

Rezeption

Das Werk des Martianus erfreut sich jahrhundertelang einer außerordentlichen Beliebtheit. Mindestens 241 Handschriften sind bekannt. Das Ausmaß der Verbreitung und der Nutzung für Unterrichtszwecke in der Spätantike ist unklar; im Mittelalter wird es zu einem Hauptpfeiler des Bildungswesens. Erstmals zitiert wird es im 6. Jahrhundert von dem Mythographen Fulgentius, der als erster den bis heute gängigen Titel anführt. Der gallorömische christliche Geschichtsschreiber Gregor von Tours nennt den Autor „unser Martianus“. Die ältesten erhaltenen Handschriften stammen aus der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts; nach der Mitte des 9. Jahrhunderts beginnt auch die mittelalterliche Kommentierung. Das Werk wird nun als Schulbuch verwendet. Prominente karolingerzeitliche Martianus-Kommentatoren sind Johannes Scottus Eriugena und Remigius von Auxerre. Notker der Deutsche übersetzt die ersten beiden Bücher ins Althochdeutsche. Im 12. Jahrhundert befasst sich die als „Schule von Chartres“ bekannte Gelehrtengruppe mit Martianus. Zahlreiche bildliche Darstellungen der Sieben Freien Künste im Mittelalter basieren auf seinen Beschreibungen. Ab dem Hochmittelalter schwindet das Interesse. Kopernikus lobt Martianus wegen dessen Eintretens für ein heliozentrisches Element innerhalb des in der Antike vorherrschenden geozentrischen Weltbilds.[8] Im Jahr 1599 besorgt Hugo Grotius eine Martianus-Edition.

In der Moderne wird Martianus oft wegen seines teils dunklen Stils und wegen übermäßiger Wortfülle getadelt.

Textausgaben

  • Martianus Capella, hrsg. James Willis, Teubner, Leipzig 1983
  • Martianus Capella: Les noces de Philologie et de Mercure (Neuausgabe der Collection des Universités de France, Les Belles Lettres, Paris; lateinischer Text mit französischer Übersetzung und Kommentar; bisher erschienen:)
    • Bd. 6: Livre VI: La géometrie, hrsg. Barbara Ferré, 2007
    • Bd. 7: Livre VII: L’arithmétique, hrsg. Jean-Yves Guillaumin, 2003

Übersetzungen

  • Hans Günter Zekl: Martianus Capella: Die Hochzeit der Philologia mit Merkur. De nuptiis Philologiae et Mercurii, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005. ISBN 978-3-8260-3043-7

Kommentare

  • Dunchad: Glossae in Martianum, hrsg. Cora E. Lutz, Lancaster Press, Lancaster 1944
  • The Berlin commentary on Martianus Capella’s De nuptiis Philologiae et Mercurii, hrsg. Haijo Jan Westra u.a., 2 Bände, Brill, Leiden 1994–1998
  • The Commentary on Martianus Capella’s De nuptiis Philologiae et Mercurii attributed to Bernardus Silvestris, hrsg. Haijo Jan Westra, Pontifical Institute of Mediaeval Studies, Toronto 1986. ISBN 0-88844-080-4

Literatur

Zum Werk
  • Barbara und Michel Ferré: Martianus Capella. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Bd. 4, CNRS Editions, Paris 2005, S. 288–302.
  • Sabine Grebe: Martianus Capella ‚De nuptiis Philologiae et Mercurii‘. Darstellung der Sieben Freien Künste und ihrer Beziehungen zueinander. Teubner, Stuttgart und Leipzig 1999, ISBN 3-519-07668-3.
  • Danuta Shanzer: A Philosophical and Literary Commentary on Martianus Capella’s De Nuptiis Philologiae et Mercurii Book 1. University of California Press, Berkeley 1986, ISBN 0-520-09716-5.
Zur Rezeption
  • Brigitte Englisch: Die Artes liberales im frühen Mittelalter (5.–9. Jahrhundert). Das quadrivium und der komputus als Indikatoren für Kontinuität und Erneuerung der exakten Wissenschaften zwischen Antike und Mittelalter. Steiner, Stuttgart 1994, ISBN 3-515-06431-1.
  • Sonja Glauch: Die Martianus-Capella-Bearbeitung Notkers des Deutschen. Band 1: Untersuchungen, Band 2: Übersetzung von Buch I und Kommentar, Niemeyer, Tübingen 2000.
  • Mariken Teeuwen: Harmony and the Music of the Spheres. The Ars Musica in Ninth-Century Commentaries on Martianus Capella. Brill, Leiden 2002, ISBN 90-04-12525-6.

Siehe auch

Weblinks

Anmerkungen

  1. Zur Datierungsproblematik siehe Grebe (1999) S. 16-21.
  2. Shanzer (1986) S. 2, Grebe (1999) S. 12-15, Guillaumin (2003) S. IXf.
  3. Shanzer (1986) S. 4, Grebe (1999) S. 33.
  4. Shanzer (1986) S. 21-28; Grebe (1999) S. 21f.; Samuel I. B. Barnish: Martianus Capella and Rome in the Late Fifth Century, in: Hermes 114 (1986) S. 107f.
  5. Shanzer (1986) S. 5-17, Grebe (1999) S. 19-21, Guillaumin (2003) S. X-XVI.
  6. Barnish (1986) S. 98-111.
  7. De nuptiis Philologiae et Mercurii 891.
  8. Grebe (1999) S. 571.

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