Nestor Makhno

Nestor Makhno
Nestor Machno

Nestor Iwanowitsch Machno (ukrainisch Нестор Іванович Махно, wiss. Transliteration Nestor Ivanovič Machno; * 27. Oktober 1888 in Huljai-Pole, Ukraine; † 6. Juli 1934 in Paris) war ein ukrainischer Anarchist, der zwischen 1917 und 1921 während des russischen Bürgerkriegs zum Anführer der nach ihm benannten Machnowschtschina, einer anarchistischen Volksbewegung in der Ukraine, wurde.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Frühe Jahre

Nestor Machno wuchs als ältester Sohn einer Bauernfamilie in ärmlichen Verhältnissen auf. Da sein Vater früh verstarb, musste Machno bereits im Alter von sieben Jahren als Schafhirt arbeiten. Mit acht Jahren begann er im Winter die Primarschule zu besuchen, um dann im Sommer bei ortsansässigen Gutsherren zu arbeiten. Im Alter von zwölf Jahren verließ er die Schule und wurde als Landarbeiter angestellt, arbeitete später als Maler und landete als siebzehnjähriger in einer Eisengießerei.

Nestor Machno im Jahre 1909

Durch die Ereignisse der Russischen Revolution 1905 und die darauffolgende Repression des Russischen Reiches begann er sich für den Anarchismus zu interessieren. In seinen Vorstellungen einer freien Gesellschaft war Machno beeinflusst von den Ideen der anarchistischen Theoretiker und Aktivisten Michail Bakunin und Fürst Kropotkin. Er wurde Mitglied in einer lokalen Gruppe von Anarchisten und 1908 von einem Polizeispitzel denunziert und landete im Gefängnis.

Zwei Jahre später wurde er mit dreizehn anderen durch ein Militärgericht zum Tode durch Erhängen verurteilt. Aufgrund seines Alters und den Bemühungen seiner Mutter wurde die Strafe in lebenslängliche Haft mit harter Arbeit reduziert. Im Gefängnis in Moskau freundete er sich mit Peter Arschinow an. Er erkrankte in dieser Zeit an Tuberkulose und es musste ihm ein Teil seiner Lunge entfernt werden.

Revolution und Bürgerkrieg

Nestor Machno mit einigen seiner Mitstreiter
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Durch die Februarrevolution 1917 wurde Machno in Russland befreit. Er kehrte in die Ukraine zurück, wo er im lokalen Umfeld begann, die Bauern und Arbeiter zu organisieren. Durch den Frieden von Brest-Litowsk wurde die Ukraine im März 1918 politisch und ökonomisch vorübergehend (bis 1920) von Sowjet-Russland getrennt. Bereits vor der Oktoberrevolution von 1917 und vor dem Erlass des Land-Dekrets durch die Bolschewiki kam es so zur Enteignung von Großgrundbesitzern und Unternehmern und zur Errichtung von anarchistischen Kommunen.

Die Machno-Bewegung wuchs schnell und hatte das Ziel eine anarchistische Ukraine zu verwirklichen. Die Anhänger Machnos kämpften mit bis zu 50.000 freiwilligen Partisanen in der Ukraine mit 7 Millionen Einwohnern, in deren bäuerlicher Bevölkerung sie starken Rückhalt hatten. Die somit als Volksarmee zu bezeichnende Bewegung Machnos war durch Verwendung von mit Pferden oder Maultieren bespannten (und oft mit Maschinengewehren bestückten) Kutschen und Bauernwagen hoch beweglich. Sie hatten durch ihre Verwurzelung in der bäuerlichen Bevölkerung, den Muschiks, nicht nur deren Unterstützung, sondern auch logistische Vorteile. Die Pferde wurden bei den Bauern nicht gewaltsam requiriert. Dokumente aus ukrainischen und russischen Archiven, die bisher der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren, belegen, dass Machno für eine Bezahlung mit Geld oder Naturalien sorgte.

Nestor Machno während des Bürgerkrieges

Im Juni 1918 traf Machno auf Vermittlung Swerdlows im Moskauer Kreml Lenin, der versuchte die Bewegung für seine bolschewistische Gegenregierung in Charkiw zu gewinnen. Der von der deutschen obersten Heeresleitung inzwischen eingesetzte Ataman Skoropadskyj wurde nach deren Zusammenbruch im November 1918, welches ein machtpolitisches Vakuum hinterließ, von Machnos Truppen vertrieben.

Das Eingreifen polnischer, bolschewistischer und rest-ukrainischer Militärverbände mündete in langwierigen Kriegshandlungen, in denen die Machno-Bewegung, die Machnowschtschina, über vier Jahre ihre Positionen erfolgreich gegen die Weiße Armee verteidigte. Offiziere Denikins wurden nach ihrer Gefangennahme durch Machno-Leute meist erschossen. Einfache Soldaten der Denikin-Armee ließ man dagegen laufen, nachdem man sie ihrer Oberbekleidung beraubt hatte. (Uniformen beziehungsweise Kleidung überhaupt waren während der Bürgerkriegswirren noch knapper als Waffen und Munition.)

Machno lehnte Verhandlungen mit den Weißen ab und schlug sich 1920 nach einer Phase des Partisanenkriegs gegen die sowjetische Regierung wieder auf die Seite der Roten Armee. Abgesandte der Weißen Armee General Wrangels wurden dabei exekutiert.

Der Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg hatte als politisches Ziel, die Integration der Machnowschtschina in die mit ihr vormals verbündete Rote Armee zu erreichen sowie die Ukraine zu bolschewisieren. Dagegen gab es aus den Reihen der Machnowschtschina, die weiterhin für eine anarchistische Ukraine kämpfen wollte, heftigen Widerstand. Die Rote Armee schlug die Bewegung endgültig gewaltsam nieder.

Exil und Tod

Machnos Grab im Friedhof Père Lachaise in Paris

Machno selbst, der mehrfach verwundet und wegen der Spätfolgen der Tuberkulose kränkelte, konnte über Rumänien und andere Exilstationen nach Paris fliehen, wo er sich 1927 unter anderem mit Buenaventura Durruti und Francisco Ascaso traf. Er schrieb ab 1926 zusammen mit russischen Exilanten für die Monatszeitschrift Dielo Truda und war Mitverfasser der Organisatorischen Plattform der libertären Kommunisten. Diese Schrift wurde zum Grundlagentext des Plattformismus, einer Strömung des Anarchismus, die stark von den Erfahrungen des Kampfes der Machnowschtschina beeinflusst war und auf eine starrere Struktur der revolutionären Organisation setzte. Von der Mehrheit der zeitgenössischen Anarchisten wie Volin und Errico Malatesta wurden diese Ideen aber als Versuche einer Hierarchisierung der Bewegung gesehen und als Bolschewisierung des Anarchismus bezeichnet und abgelehnt.

Durch die politische Isolation in Frankreich und die Entwicklung in der Ukraine verbittert, zog er sich mehr und mehr zurück. Er arbeitete als Zimmermann, als Bühnenarbeiter an der Pariser Oper und in einer Renault-Garage. Am 6. Juli 1934 starb Nestor Machno an Tuberkulose. 500 Personen besuchten sein Begräbnis, welches drei Tage nach seinem Tod im Pariser Friedhof Père Lachaise stattfand.

Literatur

  • Peter A. Arschinoff: Geschichte der Machno-Bewegung. Unrast-Verlag, Münster 2008, ISBN 978-3-89771-917-0
  • Volin: Die unbekannte Revolution. Band 3 zur Machnobewegung, Hamburg 1976.
  • Ettore Cinella: Machno in der ukrainischen Revolution 1917 bis 1921; in: Braunschädel, W. (Hg.): Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Nr.17, S. 311 ff.; Fernwald 2003; ISSN 0936-1014, ISBN 3-88663-417-5
  • Ralf Höller: Nestor Machno (1889-1934). Der Erfinder des modernen Partisanenkrieges. Derselbe in: Der Kampf bin ich. Rebellen und Revolutionäre aus sechs Jahrhunderten. Seite 257 ff., Aufbau TB Verlag, Berlin 2001.
  • Nestor Machno: The Struggle Against the State and other Essays, edited by Alexandre Skrida, AK Press, Edinburgh/San Francisco 1996.
  • Rudolf Naef: Russische Revolution und Bolschewismus 1917/18 in anarchistischer Sicht; Lich: Verlag Edition AV, 2005; ISBN 3-936049-54-8
  • Victor Peters, Nestor Machno. Das Leben eines Anarchisten, Echo Books, Winnipeg, Canada [ohne Jahr, Vorwort von 1969].
  • Rudolf Rocker: Memoiren eines deutschen Anarchisten. Auszug über Nestor Machno. Frankfurt a.M. 1974.
  • Augustin Souchy: Reise nach Rußland 1920; Berlin: Verlag Europäische Ideen; Berlin: Klaus Guhl Verlag, 1979; ISBN 3-921572-12-6; (Originalausgabe: Wie lebt der Arbeiter und Bauer in Rußland und der Ukraine? Resultat einer Studienreise von April bis Oktober 1920. Verlag Der Syndikalist Fritz Kater, Berlin 1920).

Film

  • Helene Chatalain, Dimitri Pliouchtch: "Nestor Machno - Paysane d'Ukraine". Frankreich La Sept-Arte 1996. (Deutscher TV-Titel: 'Nestor Machno - ukrainischer Bauer und Anarchist'.)
  • Nikolaj Kaptan, Wladimir Dostal: "Dewjatch Shisnej Nestora Machno/Девять жизней Нестора Махно". 12-teiliger Fernsehfilm Russland Pervyj Kanal/Первый канал Juli 2007, nach dem gleichnamigen Roman von Igor Bolgarin und Wiktor Smirnow

Weblinks


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