Oberrheinischer Revolutionär

Oberrheinischer Revolutionär

Als Oberrheinischer Revolutionär (OR) wird seit der Entdeckung von Herman Haupt (publiziert 1893) eine anonyme Reformschrift aus dem Oberrheingebiet bezeichnet, für die sich der Titel „buchli der hundert capiteln mit vierzig statuten“ eingebürgert hat. Sie ist wohl im Wesentlichen im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts entstanden und ungefähr 1509/10 abgeschlossen worden. Die teilweise chiliastisch geprägte Schrift verhandelt, ähnlich wie die Reformatio Sigismundi, die sozialen und politischen Fragen ihrer Zeit: Diskrepanz zwischen Rechtspraxis u. Rechtstheorie, klerikaler Fiskalimus, Verfall der kaiserlichen Gewalt sind einige Themen des Verfassers. Diese Gegenwartskritik leitet der OR v.a. aus reformbiblizistischen Annahmen ab. Als Grundlage seiner an Maximilian I. gestellten (Reform-) Forderungen dient dem Autor das historiographische Konstrukt eines deutschen Urreichs, das durch die absolute Anwendung des göttlichen Rechts Idealstaatlichkeit erreicht hatte. An diesem gilt es, sich zu orientieren.

In der Forschungsliteratur wird das „buchli“ manchmal als Beleg für die Utopiefähigkeit des Mittelalters aufgeführt(unter anderem Seibt).

Klaus Lauterbach, der die Neuedition des Pamphletes für die MGH erstellt hat, schlägt Mathias Wurm von Geudertheim, Sekretär Friedrichs III. und Maximilians I., als Verfasser vor, wogegen Volkhard Huth Dr. Jakob Merswin aus Straßburg als Autor identifiziert.

Inhaltsverzeichnis

Siehe auch

Literatur

Editionen

  • Lauterbach, Klaus H. (Hrsg.): Der Oberrheinische Revolutionär (Buchli der hundert Capiteln mit XXXX Statuten). MGH, Scriptores 10; Staatsschriften des späteren Mittelalters 7; Stuttgart 2009: ISBN 978-3-7752-0307-4
  • Oberrheinischer Revolutionär (Autor): Das Buch der hundert Kapitel und der vierzig Statuten des sogenannten O. R.s Hg. & textl. Bearbeitung Annelore Franke. – Histor. Analyse von Gerhard Zschäbitz. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967 (Reihe: Leipziger Übersetzungen und Abhandlungen zum Mittelalter : Reihe A ; Bd. 4) – Literaturverz.

Sekundärliteratur

  • Cohn, Norman: Das Ringen um das Tausendjährige Reich. Revolutionärer Messianismus im Mittelalter und sein Fortleben in den modernen totalitären Bewegungen (Aus dem Engl.: The pursuit of the millennium) Francke, Bern 1961. S. 107 – 117 – Weitere veränd. Neuauflagen unter je anderen dt. Titeln: ISBN 3499554720 (1988) ISBN 3451046385 (1998) ISBN 3867560323 (2007)
  • Doren, Alfred: Wunschräume und Wunschzeiten In: Saxl, Fritz (Hg.). Vorträge der Bibliothek Warburg 1924–1925. Leipzig, Berlin 1927; S. 158-205
  • Grabmayer, Johannes: Der „Oberrheinische Revolutionär“, ein rechtskundiger Anonymus des ausgehenden 15. Jahrhunderts – Diplomarbeit Univ. Klagenfurt 1982 (nicht eingesehen)
  • Haupt, Hermann: „Ein Oberrheinischer Revolutionär aus dem Zeitalter Kaiser Maximilians I.“ in: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Ergänzungsheft 8 (1893)
  • Kraft, Erich: Reformschrift und Reichsreform Diss. Darmstadt 1982.
  • Lauterbach, Klaus H.: Geschichtsverständnis, Zeitdidaxe und Reformgedanke an der Wende zum sechzehnten Jahrhundert. Das oberrheinische „Buchli der hundert Capiteln“ im Kontext des spätmittelalterlichen Reformbiblizismus Diss. Freiburg, Breisgau 1985.
  • ders.: Oberrheinischer Revolutionär in: Lexikon des Mittelalters, 10 Bände. Metzler, Stuttgart [1977]-1999), 6, cols 1333–1334, in Brepolis Medieval Encyclopaedias – Lexikon des Mittelalters Online <http://www.brepolis.net/bme>
  • ders: Der „Oberrheinische Revolutionär“ und Mathias Wurm von Geudertheim. Neue Untersuchungen zur Verfasserfrage in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 45, 1989, S. 109-172
  • Seibt, Ferdinand: Utopien im Mittelalter In: Historische Zeitschrift 208 (1969). 555-594
  • Struve, Tilman: „Oberrheinischer Revolutionär“ in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 2. Aufl. 7 (1989), Sp. 8-11

Weblinks


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