Photius I.

Photius I.
Ikone des Photios

Photios I. der Große (griechisch Photios ho Megas Φώτιος ὁ Mέγας, * etwa 820 in Konstantinopel; † 6. Februar 891 in Bordi, Armenien) war Patriarch von Konstantinopel von 858–867 und 878–886 und gilt bis heute in der östlich-orthodoxen Kirche als einer der bedeutendsten Patriarchen und als Heiliger, während er von der römisch-katholischen Kirche sehr kritisch betrachtet wird. Er war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, wurde als Laie zum Patriarchen gewählt, und war der Initiator der Slawenmission von Kyrillos und Methodios.

Inhaltsverzeichnis

Zeitumstände

Photios wurde in der Endphase des byzantinischen Bilderstreits geboren und war davon auch direkt betroffen: Eine Synode 837 verurteilte ihn und seinen Vater zusammen mit dem Patriarchen Tarasius. Nach Beilegung des Bilderstreits gab es unter den Ikonodulen (Bilderverehrern) zwei Fraktionen:

  • die Moderaten, zu denen die gebildete Elite bei Hof gehörte, und
  • die kompromisslosen Radikalen, hauptsächlich Mönche, die mit Unterstützung der Regentin Theodora II. auch jede weltliche Bildung ablehnten und die Paulikianer vernichten wollten.

Der erste Patriarch nach dem Bilderstreit, Methodios I., gehörte zur moderaten Fraktion, sein Nachfolger Ignatios I., Vorgänger Photios', war ein Radikaler. Im Westen waren seit (800) Karl der Große und sein Sohn Ludwig der Fromme vom Papst zu Kaisern gekrönt worden. Aus Sicht der hochkultivierten Kaiserstadt Byzanz war es ein absoluter Affront, einen ungebildeten, unkultivierten Barbarenfürsten als Parallel-Kaiser zu krönen. Das kam praktisch einer Rebellion des Papstes gegen die Ostkirche gleich, in der eine schlechte Meinung über die Kirche Roms vorherrschte.

Im Westen war, parallel zum Patriarchat von Photios, Papst Nikolaus I. (858–867) im Amt, ein entschiedener Verfechter des päpstlichen Primats über alle anderen Patriarchen. Ein latenter Konflikt zwischen Rom und Konstantinopel schwelte wegen Illyrien, Sizilien und Kalabrien, die Kaiser Leo III. im 8. Jahrhundert der Jurisdiktion von Konstantinopel unterstellt hatte, und die Nikolaus für Rom zurückgewinnen wollte. Ein anderer Konflikt betraf die Slawenmission im Osten, wo Missionare beider Seiten die gleichen Gebiete für ihre Kirche beanspruchten.

Leben

Photios kam aus sehr guter Familie: sein Vater Sergios gehörte zur Leibgarde des Kaisers, der Patriarch Tarasios Nikephoros (784–806) war der Onkel oder ältere Bruder seines Vaters, und einer seiner Brüder heiratete die Schwester der Regentin Theodora.

Er studierte in Konstantinopel, dem Zentrum der damaligen Bildung, und lehrte schon früh selbst an der dortigen Universität Grammatik, Rhetorik, Philosophie und Theologie, wobei er den Ruf eines außergewöhnlich gebildeten Mannes hatte. Zu seinen Schülern gehörte Kyrill, der spätere Slawenapostel und der spätere Kaiser Michael III.. Aus seinen Werken geht hervor, dass er ein ausgezeichneter Philologe, Exeget und Kenner der Patristik war.

Gleichzeitig machte er auch bei der byzantinischen Regierung Karriere. Er war Kommandant der Leibgarde und dann erster kaiserlicher Sekretär. Im Dienste der Regentin Theodora II. und ihres Sohnes Michael III. stand er auf Seiten der radikalen Gegner der Bilderstürmer und des Paulikianertums.

847 wurde der radikale Ignatios I., Sohn des Kaisers Michael I. und Abt eines Klosters von Theodora II. als Nachfolger des früh verstorbenen moderaten Patriarchen Methodios I. eingesetzt. Er verursachte innerhalb von kurzer Zeit eine Spaltung zwischen radikalen und moderaten Bischöfen. Als 856 Kaiser Michael III. volljährig wurde, legte sich Ignatios mit dessen Onkel Bardas an, der die gebildete moderate Fraktion unterstützte. Es ist historisch nicht möglich festzustellen, wie groß der jeweilige Wahrheitsgehalt der gegenseitigen Vorwürfe war – jedenfalls endete der Konflikt am 23. November 858 mit dem (mehr oder weniger erzwungenen) Rücktritt von Ignatios.

Kaiser Michael und Bardas wählten den Laien Photios, der sich durch administrative und akademische Fähigkeiten ausgezeichnet hatte, zum neuen Patriarchen, der innerhalb von einer Woche zum Patriarchen geweiht wurde. Wie üblich, informierte er seine Kollegen in Rom, Alexandria, Antiochia und Jerusalem bezüglich seines Amtsantritts, wobei er gegenüber Rom den traditionellen Ehrenprimat von Rom durchaus anerkannte.

Es gab keine Probleme mit den anderen östlichen Patriarchen. Auch Papst Nikolaus antwortete freundlich, wollte sich aber noch näher über die rasche Ordination informieren. Er sandte deshalb zwei Legaten, die als zweiten Auftrag Illyrien, Kalabrien und Sizilien wieder für die Jurisdiktion von Rom zurückgewinnen sollten. Die beiden Legaten kamen, nahmen 861 an einem von Photios einberufenen Konzil teil, untersuchten den Fall, und befanden den Rücktritt von Ignatios und Amtsantritt von Photios als legal und kanonisch. Das zweite Ziel konnten sie allerdings nicht erreichen.

Zurück in Rom erstatteten sie Bericht. Enttäuscht über den Fehlschlag bei der Rückgewinnung der Provinzen, erklärte Papst Nikolaus die Untersuchungsergebnisse für null und nichtig, exkommunizierte die beiden Legaten, und erklärte die Weihe von Photios sei ungültig, Photios sei abgesetzt, und Ignatios wieder eingesetzt. Photios ignorierte das offiziell, verfasste jedoch für den Kaiser einen Brief, in dem Nikolaus als Untertan des Kaisers angeredet wurde – was nicht überraschend eine hitzige Antwort von Rom bewirkte.

Unterdessen war es noch auf einem anderen Gebiet zum offenen Konflikt gekommen. Unterstützt von Kaiser Michael, engagierte sich Photios in der Mission bei den Rus, Bulgaren, Bewohnern Groß-Mährens und Chasaren. Photios hat einen entscheidenden Anteil an der Christianisierung dieser Völker. Bei den Bulgaren kam es zu einem weiteren Konflikt mit Rom, das ebenfalls Jurisdiktion über die Bulgaren beanspruchte – und hier erfuhr Photios alarmiert, dass die römischen Missionare ein anderes Glaubensbekenntnis lehrten (mit dem Filioque).

Nun schlug Photios offiziell zurück. In einer theologisch perfekt ausgearbeiteten Enzyklika an die östlichen Patriarchen exkommunizierte er seinerseits den Papst. Zur Begründung führte er an, dass die Lateiner (die Bewohner des ehemaligen weströmischen Reiches) falsche Bräuche hätten, da sie am Samstag fasten, die Fastenzeit erst am Aschermittwoch beginnen (anstatt drei Tage früher wie im Osten), den Priestern nicht erlauben, zu heiraten (lateinische Missionare hatten in Bulgarien Taufen von verheirateten Priestern für ungültig erklärt), den Priestern nicht erlauben, die Firmung zu spenden (lateinische Missionare hatten in Bulgarien Firmungen durch Priester für ungültig erklärt), und, als Wesentlichstes, auch einer häretischen Lehre anhingen, indem sie das Filioque zum Glaubensbekenntnis (Nicäno-konstantinopolitanum) hinzugefügt hatten. Zu den Mängeln in den religiösen Gebräuchen zählte er auch das Bartscheren der lateinischen Kleriker.

Aufgrund dieser Irrtümer seien der Papst und alle Lateiner Vorboten des Abfalls, Diener des Antichristen, die tausend Tode verdienen, Lügner, Kämpfer gegen Gott.

Diese Enzyklika wird von der römisch-katholischen Kirche als Ursache des Schismas angesehen. Aus orthodoxer Sicht verteidigte Photios die überlieferte Lehre und die traditionelle patriarchale Autonomie – er führte nichts Neues ein, sondern wehrte sich gegen die einseitigen Neuerungen von Seiten Roms.

Bei dem Konzil 867 wurde die Exkommunikation von Papst Nikolaus offiziell bestätigt. Papst Nikolaus stirbt jedoch ohne von seiner Exkommunikation zu hören.

Doch nun überstürzen sich auch in Byzanz die Ereignisse. Kaiser Michael III. wird ermordet. Photios verweigert dem Mörder und Usurpator die Teilnahme am Gottesdienst, der Usurpator Basileios I. der Makedonier stürzt Photios und setzt wieder Ignatios I. ein, um zugleich die radikale Fraktion in Byzanz und den neuen Papst Hadrian II. auf seine Seite zu bringen. Ein weiteres Konzil mit wenigen Teilnehmern, heute in der katholischen Kirche das vierte Konzil von Konstantinopel, und kontrolliert von päpstlichen Legaten exkommuniziert und verbannt Photios.

Dieser hatte jedoch immer noch die Unterstützung der großen Mehrheit der Metropoliten und Bischöfe (bei dem Konzil gegen ihn waren zuerst kaum 20 Bischöfe bereit, teilzunehmen). Er enthielt sich weise jeden politischen Angriffs, gab seinen Anhängern jedoch brieflich starke moralische Unterstützung. Schließlich wird er aus dem Exil zurückgerufen und zum Erzieher des späteren Kaisers Leon VI. gemacht. Seine Popularität ist so offensichtlich, dass er drei Tage nach dem Tod von Ignatios 878 wieder als Patriarch eingesetzt wird.

In Rom ist unterdessen wieder ein neuer Papst, Johannes VIII., der mit den Franken Probleme hat und deshalb gute Beziehungen mit Byzanz wünscht. Am Konzil von 879, in der Ostkirche das vierte Konzil von Konstantinopel, das der Papst ausdrücklich anerkennt, wird das antiphotianische Konzil von 869 aufgehoben und Photios voll rehabilitiert. Für den Westen wurde der römische Primat einschließlich Jurisdiktion anerkannt, für den Osten jede päpstliche Jurisdiktion abgelehnt. Auch wird der Originaltext des Nicäno-Konstantinopolitanum ohne Filioque bekräftigt. Damit ist das Photios-Schisma erst einmal beendet.

882 wird Papst Johannes VIII. durch Papst Marinus I. abgelöst, der Photios wieder exkommuniziert, worauf Photios seine Abhandlung über die Mystagogie des Heiligen Geistes veröffentlicht, in der er neben Bibelauslegungen und Zitaten der östlichen Kirchenväter auch spezifisch Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo und Hieronymus sowie Päpste von Damasus I. bis Hadrian III. zitiert, um seine Argumente zu unterstützen. Diese Abhandlung ist bis heute in der Ostkirche ein Standardwerk bezüglich des Filioque.

886 starb Kaiser Basileios I. unerwartet. Sein Nachfolger, Leon VI., setzte Photios zugunsten seines sechzehnjährigen Bruders Stefan ab. Den Rest seines Lebens verbrachte Photios in einem Kloster in Armenien.

Werke

Zu den wichtigsten Werken von Photios gehören das Myriobiblon oder die Bibliotheca, eine Sammlung von Notizen über die Lektüre von Klassikern, christlichen und heidnischen Schriftstellern, die teils zitiert und teils zusammengefasst werden. Viele dieser Texte sind nur durch dieses Werk erhalten. Das Myriobiblon ist das einzige überhaupt erhaltene byzantinische Werk über Literaturgeschichte, ein wesentliches Zeugnis über den im 9. Jahrhundert beginnenden byzantinischen Humanismus. Teilweiser Text des Myriobiblion (englisch)

Unter seinen zahlreichen theologischen Schriften sind die Ampilochia das bedeutendste, eine Sammlung von über 300 Fragen und Antworten zu schwierigen Bibelstellen, philosophischen und theologischen Problemen, gerichtet an den Erzbischof Ampilochius, daneben die Mystagogie, eine Abhandlung über den Heiligen Geist.

Von seinen ausführlichen Bibelkommentaren sind nur Fragmente erhalten (insbesondere Matthäus und Römer). Erhalten sind über achtzig Predigten und etwa zweihundert Briefe aus allen Phasen seines Lebens.

Dazu kommen zahlreiche Streitschriften gegen das Filioque und das Jurisdiktionsprimat des Papstes, die heute noch zur orthodoxen Standardliteratur über das Thema zählen, und kirchenrechtliche Arbeiten.

Der Nomokanon, das klassische Werk des orthodoxen kanonischen Rechts, wird ebenfalls Photios zugeschrieben, ist aber vermutlich älter und wurde von ihm nur revidiert.

Wertung

Die herausragenden Fähigkeiten von Photios als Gelehrter und byzantinischer Humanist werden von keiner Seite bestritten. Als Figur der Kirchengeschichte wird er von orthodoxer und römisch-katholischer Seite hingegen an entgegengesetzten Polen platziert:

  • Für die orthodoxe Kirche ist er ein Heiliger, der unter schwierigen Umständen und angesichts persönlicher Risiken die traditionelle Lehre der Kirche mit Mut und Geschick verteidigt hat. Sein Gedenktag ist am 6. Februar.
  • Die römisch-katholische Kirche gibt ihm traditionell die alleinige Schuld für das Schisma (was nicht mit den heute bekannten historischen Fakten übereinstimmt) und sieht ihn als einen der schlimmsten Feinde der christlichen Kirche.

Literatur

  • Josef Hergenröther: Photius, Patriarch von Konstantinopel: Sein Leben, seine Schriften und das griechische Schisma nach handschriftlichen und gedruckten Quellen, 3 Bände, Regensburg 1867–69, Nachdruck Darmstadt 1966
  • N. Wilson, ed.: Photius, The Bibliotheca Gerald Duckworth & Co. Ltd., 1994. Hbk., ISBN 0-715-62612-4. pp. 272
  • Christos Theodoridis (Hrsg.): Photii Patriarchae Lexicon, Vol.1, A-D. ISBN 3-110-085305

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