Butzkamm

Butzkamm

Wolfgang Butzkamm (* 1938) ist emeritierter Professor für Englische Sprache und ihre Didaktik an der RWTH Aachen.

Inhaltsverzeichnis

Lebenslauf

Butzkamm wurde 1938 geboren. Nach seinem Studium in Marburg, Münster, Dortmund und Appleton war er zunächst Lehrer für Deutsch als Fremdsprache als „German assistant“ an einer Schule in London. Nach seinem Referendariat wurde er Studienrat am Gymnasium Gevelsberg, später an der Gesamtschule Kamen. 1974 erhielt er einen Ruf an die Päd. Hochschule Rheinland, Abteilung Aachen, und ist seit 1989 an der RWTH Aachen. Seit 2003 ist er emeritiert.

Modell der aufgeklärten Einsprachigkeit

Butzkamm ist Begründer der aufgeklärten Einsprachigkeit (oder funktionalen Fremdsprachigkeit), d.h. die Fremdsprache soll als Verkehrssprache des Unterrichts durchgesetzt werden, zugleich sei die Mithilfe der Muttersprache unverzichtbar. Da Sprachen in erster Linie aus dem Gebrauch heraus erworben werden, gilt die Fremdsprache selbst als das wichtigste Mittel zu ihrem Erwerb. Sie ist das Ziel und auch der Weg zum Ziel. Dabei wirken aber die Muttersprache und mit ihr entwickelte Fähigkeiten und Fertigkeiten immer schon unaufgefordert mit, und sie sollten darüber hinaus auch methodisch explizit eingesetzt werden. So u.a. mittels der „Sandwich-Technik“ bei der Neueinführung von fremdsprachlichen Redemitteln und Konstruktionen, und zwar nach folgendem Muster: (1) neues fremdsprachliches Element – (2) idiomatische, sprechübliche Übersetzung (leiser, etwa in der Art des Beiseite-Sprechens) – (3) nochmalige Nennung des fremdsprachlichen Elements:

Lehrer: How did you make out?- Wie bist du zurecht gekommen? – How did you make out?

Außerdem können im Zusammenspiel von idiomatischer und wörtlicher Übersetzung, für die Butzkamm den Ausdruck Spiegelung (mirroring) gebraucht, grammatische Probleme auf Anhieb gelöst werden. Z.B. können Anglophonen deutsche Konstruktionen (soweit sie diese nicht aufgrund des Vorwissens oder der Sprachverwandtschaft auf Anhieb durchschauen) wie folgt klar gemacht werden, im Prinzip ohne weitere grammatische Erklärungen:

  • Wir müssen Brot kaufen = We must buy bread = *We must bread buy
  • …weil wir Brot kaufen müssen = …because we must buy bread = *because we bread buy must
  • Wir können schwimmen gehen = We can go swimming = *We can swim go
  • Wenn es sein muss = If it must be = *If it be must
  • Wenn er die Wahrheit sagen würde = If he said the truth = *If he the truth say would
  • Es gibt zu viele = There are too many = *It gives too many
  • Neununddreißig = thirty-nine =*nine-and-thirty

Beispiele für deutsche Chinesisch-Lerner:

  • Nǐhǎo = Hallo / Guten Tag = *Du gut.
  • xièxiè = Danke = *danke danke.
  • měigèrén dōu dǒng yīngyǔ = Jeder versteht Englisch = *jeder alle verstehen Englisch.
  • Běijīng bǐ Shànghǎi dà = Peking ist größer als Schanghai. = *Peking vergleichen Schanghai groß
  • Wǒ xiǎng yào yī bēi píjiǔ = Ich hätte gern ein Bier = *Ich wünschen haben ein Glas Bier. (Die Konstruktion „ein Bier“ ist nicht möglich; es muß ein „Messwort“ wie „Glas“ eingefügt werden)

Im Gegensatz zu Krashens „comprehensible input“ ist für Butzkamm dieses doppelte Verstehen die Grundbedingung jeden Spracherwerbs: Der Lerner muss sowohl verstehen, was gemeint ist (functional understanding / decoding), aber auch verstehen, wie es gesagt ist (structural understanding / codebreaking). Denn nur so können die Lerner nach vorgefundenem, verstandenem Muster eigene Sätze bilden (generatives Prinzip). Sie können nun auf Chinesisch Sätze riskieren wie „Rom ist älter als Berlin“ oder „Mozart ist bekannter als Schumann“, indem sie sich an das obige Muster halten: *Rom vergleichen Berlin alt / *Mozart vergleichen Schumann bekannt. Die Mitwirkung der Muttersprache beim Fremdsprachenlernen geht aber noch weiter. So sind nach Butzkamm bilinguale Textausgaben ein vorzüglicher Einstieg in die fremdsprachige Originallektüre. Neue Wörter sollten nicht nur an bekannte und verwandte Wörter der Fremdsprache selbst angeschlossen, sondern auch mit der Muttersprache und mit ihr verknüpftem Weltwissen vernetzt werden. (‚history’ sollte auch an ‚historisch’ erinnern, und umgekehrt). Die Rolle der Muttersprache im Fremdsprachenunterricht muß folglich neu gedacht werden. Richtig eingesetzt, ist sie der größte Aktivposten des Fremdsprachenlerners und Wegbereiter für alle weiteren Sprachen. Denn wir lernen Sprache nur einmal, als Kind. Anders gewendet: Die in der Erstsprache heranreifende und sich entwickelnde Sprachlichkeit des Menschen bildet das Fundament für alles weitere Sprachenlernen:

  • Wir haben in der Muttersprache und durch sie die Welt auf den Begriff gebracht und denken gelernt.
  • Wir haben in der Muttersprache und durch sie kommunizieren gelernt. Das Schulkind bringt eine praktisch von Geburt an geübte hochentwickelte kommunikative Kompetenz und eine damit verbundene Weltklugheit mit. Zu lernen wären in erster Linie die fremdsprachlichen Ausdrucksweisen, damit die schon vorhandene Kompetenz in Aktion treten kann, nicht diese selbst.
  • Wir haben in der Muttersprache und durch sie eine grammatische Grundordnung intuitiv zu erfassen gelernt. Die Muttersprache stößt das Tor zu allen Grammatiken auf, insofern wir fremdsprachige Konstruktionen verstehen und muttersprachlich abbilden können. Z.B. sind schon die Grundzüge der Temporalität, Kausalität, Konditionalität, Finalität und Konzessivität erworben, und zwar in dieser Reihenfolge. Neu zu lernen wären nur deren spezifische fremdsprachlichen Ausprägungen. Grammatiken, die Bedingungen ausdrücken, ohne ein Wörtchen wie „wenn“ zu haben, sind nachvollziehbar, weil wir schon die zugrunde liegende Idee der Konditionalität haben.
  • Zugleich sind anhand der Muttersprache Sprech- und Schreibmotorik vorgebildet und wir können lesen.

Aufgeklärte Einsprachigkeit bedeutet, diese muttersprachlichen Vorleistungen durch verschiedene zweisprachige Lehrtechniken (neben den einsprachigen) auszunutzen. Damit wird nach Butzkamm die Durchsetzung der Fremdsprache in ihrer Funktion als den Unterricht tragende Arbeitssprache nicht gefährdet, sondern im Gegenteil sogar erleichtert. Auch im bilingualen Sachfachunterricht müsse die Muttersprache geschickt eingeschleust werden.

Die Theorie der aufgeklärten Einsprachigkeit, also Fremdsprachenunterricht mit einer genau bestimmten Zuhilfenahme der Muttersprache, entstand als Reaktion auf das nach Butzkamm unökonomischere, ineffektivere und zu weit getriebene Prinzip der Einsprachigkeit (monolingual principle). Mit der Neubewertung der Muttersprache würden nach Butzkamm Theorie und Praxis der Fremdsprachenmethodik wieder vom Kopf auf die Füße gestellt.

Wichtigste Veröffentlichungen

  • 1973: Aufgeklärte Einsprachigkeit: Zur Entdogmatisierung der Methode im Fremdsprachenunterricht. Heidelberg: Quelle & Meyer. (2. Auflage 1978)
  • 1989: Psycholinguistik des Fremdsprachenunterrichts: Von der Muttersprache zur Fremdsprache. Tübingen/Basel: Francke. (3., neu bearb. Auflage 2002)
  • 1998: “Code-Switching in a Bilingual History Lesson: the Mother tongue as a Conversational lubricant”, International Journal of Bilingual Education and Bilingualism 1.2: 81-99.
  • 1999: (mit Jürgen Butzkamm): Wie Kinder sprechen lernen: Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen. Tübingen/Basel: Francke. (2., vollständig neu bearb. Auflage 2004)
  • 2000: „Generative principle". In: Michael Byram (ed.), Routledge Encyclopedia of Language Teaching and Learning. London and New York: Routledge, 232-234.
  • 2003: "We only learn language once: The role of the mother tongue in FL classrooms - death of a dogma", in: Language Learning Journal, 28: 29-39.
  • 2004: Lust zum Lehren, Lust zum Lernen: Eine neue Methodik für den Fremdsprachenunterricht. Tübingen/Basel: Francke. (2., verbess. Auflage 2007)
  • 2005: Der Lehrer ist unsere Chance. Essen: Geisler.
  • 2008: (mit Gisela Schmid-Schönbein): "Funktionale Fremdsprachigkeit", Grundschulmagazin Englisch/The Primary English Magazine 5: 6-8.

Weblinks


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