Giessener Wingolf

Giessener Wingolf

Der Gießener Wingolf ist eine christliche, überkonfessionelle Studentenverbindung. Sie wurde nach verschiedenen Vorstufen am 15. August 1852 an der damaligen hessischen Landesuniversität in Gießen, der Ludoviciana, gegründet. Der Gießener Wingolf ist damit die älteste nicht-schlagende Korporation in Gießen und im damaligen Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Der große Anteil an evangelischen Theologen unter seinen Mitgliedern machte ihn zu einer bestimmenden Kraft innerhalb der Evangelischen Landeskirche von Hessen-Nassau. In Gießen wurde ab den 1890er Jahren das Bundesarchiv des Wingolfsbundes eingerichtet und die wesentlichen historischen Arbeiten zum Wingolf geleistet.

Chargierter des Gießener Wingolf 1861

Eine besondere Bedeutung hat der Gießener Wingolf für die hessische Landesgeschichte, da der sogenannte Kaufmann-Will-Kreis mit einer Reihe Gießener Wingolfiten und dem Gießener Wingolfshaus verbunden wird. Eine weit über Gießen hinausgehende Bedeutung hatten auch mehrere Mitglieder des Gießener Wingolf, so einer der bedeutendsten Schüler Justus von Liebigs, Jacob Volhard, Theologen wie Ferdinand Kattenbusch und der als „Prediger von Buchenwald“ bekannt gewordene Pfarrer Paul Schneider. Der Gießener Wingolf ist Mitglied im ältesten Korporationsverband, dem Wingolfsbund und war von 2005 bis 2007 dessen präsidierende Verbindung (Vorort).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Vorgeschichte

„Gießener Schwarzer“ um 1819

Am Ende der Napoleonischen Befreiungskriege 1815 verstärkte sich nach knapp 25 Jahren politischer und wirtschaftlicher Instabilität in Mitteleuropa die Hinwendung zu religiösen Fragen. Diese orientierte sich weniger an der rationalen Theologie im Zuge der Aufklärung als vielmehr an einer neuen verinnerlichten, pietistischen Strömung. Gleichzeitig ist in den studentischen Vereinigungen ein deutliches religiöses Moment festzustellen; so trugen 1814 die Mitglieder der „Teutschen Lesegesellschaft“ in Gießen (Vorläufer der Gießener Schwarzen) als Zeichen ihres christlichen Prinzips ein Kreuz am schwarzen Barett, sie verfochten neben dem National-Vaterländischen eine strenge christliche Sittlichkeit und Keuschheit. Das erste Wartburgfest 1817 (anlässlich des 300. Jahrestages von Luthers Thesenanschlag) erlebte nicht nur die Verbrennung der „alten Zöpfe“, sondern als viel zentralere Veranstaltung die gemeinsame Feier des Abendmahles. Es existierte also in den frühen burschenschaftlichen Bestrebungen bereits ein deutlicher protestantischer Akzent. Doch im Zuge der politischen Radikalisierung und Konflikte nach den Karlsbader Beschlüsse 1819 und dem Hambacher Fest 1832 wurden die christlichen Beweggründe zunehmend vom Politischen, Nationalen und Duellwesen innerhalb der Studentenschaft zurückgedrängt.

Den politischen Bestrebungen entgegengesetzt verbreitete sich in der Studentenschaft die Strömung des damals sogenannten „neuerwachten Glaubensleben“ oder auch Neupietismus. Sie war typischerweise keine kirchliche Bewegung, sondern entwickelte sich in den 1830er Jahren in kleineren, bürgerlichen Zirkeln und „Erbauungskränzchen“. Die einflussreichsten Theologen dieser Richtung der Erweckungstheologie waren beispielsweise Friedrich Schleiermacher, August Neander und August Tholuck. Die Zentren dieser Bewegung an den Universitäten waren zunächst Berlin, Halle, Erlangen und Bonn. An der hessischen Landesuniversität in Gießen waren hingegen fast ausschließlich Dozenten des theologischen Rationalismus vertreten; Studenten mit erweckungstheologischem Hintergrund aus Hessen-Darmstadt nahmen ihr Studium bis in die 1830er Jahre an anderen Universitäten auf. So finden wir aus Gießen stammende Studenten als Mitglieder der frühen Uttenruthia in Erlangen 1839, des Erbauungskränzchens in Jena 1841 und des ersten Berliner Wingolfsvereins 1841. [1]

Rosenbund 1841 und Allemannia 1844

Gießener Wingolfit in altdeutscher Tracht, 1852

Um Prinzessin Elisabeth von Preußen bildete sich nach ihrer Hochzeit mit Karl Wilhelm Ludwig von Hessen 1836 am Hof und der Hofkirche in der Residenzstadt Darmstadt ein von Berlin beeinflusstes Sammelbecken des „neuerwachten Glaubenslebens“. In diesem Darmstädter Umfeld wuchs auch Gustav Baur (1816-1889) auf, der 1841 als Privatdozent und 1847 als Professor für Theologie in Gießen lehrte. Sein jüngerer Bruder Wilhelm Baur (1826-1897) gründete ab 1840/41 einen christlich-literarischen Kreis am Gymnasium in Darmstadt, dessen „Bundesbrüder“ besonders die Autoren des Göttinger Hainbundes und Klopstock verehrten. Mit dieser literarischen Prägung, der erweckungstheologischen Absicht und dem Willen zur jugendlichen Verbrüderung hatte dieser Kreis, der sogenannte „Rosenbund“, Anteil an den geistigen Wurzeln der späteren Wingolfsverbindungen. [2] Die Mitglieder des Rosenbundes bezogen ab 1843 die Landesuniversität in Gießen. Hier trafen sie jedoch ausschließlich auf Corps, ohne dass ein christliches Moment vertreten wäre. So gründeten sie 1844 die Reformverbindung Allemannia, die das Duell ablehnte und auf einem christlichen Fundament stand. Die Allemannia entwickelte sich zu einem Sammelbecken all jener, die das bisherige Verbindungsleben im Zuge des „Progreß“ ablehnten. Diese Allemannia nahm noch im selben Jahr Kontakt zum Bonner Wingolf auf und bat um ein Treffen, „um sich vom Corpsunwesen loszusagen“. [3] Dies bedeutete: Ablehnung von Duell und Mensur, exzessiver Trinksitten und Streben nach christlicher Lebensführung. Zu weiteren Kontakten kam es jedoch nicht, da sich die Allemannia in drei Verbindungen aufspaltete, darunter die besonders von Theologen dominierte Cattia von 1845. Die Cattia löste sich nach der Märzrevolution 1850 auf; ein Mitglied trat später dem Gießener Wingolf als geistiger Nachfolgeverbindung bei. [4]

Gründung 1852

Burg Gleiberg

Auch nach 1848 behielt Gustav Baur seinen theologischen Kreis bei. Ein weiterer Bruder von ihm, Hermann Baur, bezog 1851 die Gießener Universität und es formierte sich aus diesem Kreis ein wingolfitischer Verein. Zentrale Personen waren der vom Marburger Gymnasium (unter August Vilmar) kommende Otto Zöckler sowie zwei Mitglieder des sogenannten „Nassauer Hofs“ (Vorläuferkreis der Gießener Burschenschaft Germania 1851) Otto Schlapp und Friedrich Meyer. Gefördert und unterstützt wurde dieser noch lose Verein durch den Rektor der Universität Friedrich Gotthilf Osann (1794-1858). Der Verein nahm Kontakte zu den Wingolfen in Halle und Marburg auf. Nach dem Besuch des Wartburgfestes des Wingolfs 1852 in Eisenach beschlossen die 14 Mitglieder des Vereins die Gründung eines Wingolf. Am 1. Juli 1852 wurde die Statuten verabschiedet und die Stiftung am 15. August in der Gaststätte „Zum schwarzen Walfisch“ auf der bei Gießen gelegenen Burg Gleiberg vollzogen. Das 1852 festgelegte (und bis heute gültige) Prinzip zeigt Züge der Theologie Schleiermachers („Durchdringung aller Lebensbereiche“) und ist von seinem Wesen her überkonfessionell angelegt, wie auch die gesamte damalige Erweckungsbewegung nicht konfessionell gebunden war. Das Prinzip lautet:

Der Gießener Wingolf ist eine Studentenverbindung, die es sich zur Aufgabe macht, den Glauben an Christum, welcher die ganze Menschheit erfüllen soll, zu dem Grunde zu machen, durch welchen er das wissenschaftliche Leben als auch das studentische Treiben allseitig läutern und durchdringen will.

Im Gegensatz zu anderen Verbindungen (auch Wingolfsverbindungen) legten die Gießener Statuten die Führung der Verbindung in die Hände von zwei Präsides (Erster (x) und Zweiter (xx) Präses), die alle sechs Wochen neu gewählt wurden. Die Bezeichnungen Senior und Kneipwart wurden explizit vermieden.

Die ersten Jahre bis 1870

Brief Ernst Moritz Arndts vom 2. Januar 1860 an den Gießener Wingolf
Exbummel der Aktivitas 1863

Die Verbindung bekam rasch großen Zulauf, so dass 1854 als dritte Charge die des Fuchsmajor eingeführt wurde. Daher wird bis heute im Unterschied zu anderen Korporationen dieser als xxx bezeichnet. Regelmäßige Treffen mit dem Bonner Wingolf wurden in Burbach (Siegerland), mit dem Marburger Wingolf auf der Burg Staufenberg (Staufenberger Konvention) abgehalten. Selbst August Tholuck besuchte 1854 die Gießener, um die Kontakte zu Halle zu vertiefen. Bei den Besuchen der Aktivitas in Bonn wurden auch die Vorlesungen des emeritierten Ernst Moritz Arndt gehört, mit dem der Gießener Wingolf in Korrespondenz trat. Arndt sah den Wingolf als Bundesgenossen „gegen die alten Erbübel deutscher Universitäten“ (Duelle und Trinkgelage). Bereits 1854 leitete Gießen den Kommers des Wartburgfestes des Wingolfs, 1858 wurde der Verbindung die Präsidentschaft des Wartburgfestes übertragen. Im selben Jahr konstituierte sich eine erste Altherrenorganisation, die als „Philisterausschuß“ bis zur Gründung des eigentlichen Philistervereins 1871 bestand und als erste Altherrenorganisation im Wingolfsbund gilt.
Die politischen Verwerfungen nach dem deutsch-deutschen Krieg 1866 trafen auch den Wingolf, wo teilweise die Annexion etlicher Gebiete durch Preußen zu Konflikten führte. 1867 übernahm Gießen den Vorsitz des Bundes und versuchte mit dem Entwurf einer gänzlich neuen Verfassung für den Wingolfsbund einen geeigneten Ausgleich zwischen Einzelverbindung und Wingolfsbund zu finden. Dieser Gießener Entwurf wurde 1869 angenommen und gilt bis heute in ihren Grundzügen als vorbildlich und richtungsweisend für den Wingolfsbund.

Etliche Mitglieder mussten an dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 als Kombattanten, Feldgeistliche oder Lazarettärzte teilnehmen. Von den drei gefallenen Angehörigen der Gießener Ludwigs-Universität, zu deren Gedenken im Botanischen Garten ein Monolith errichtet wurde, waren zwei Mitglied des Gießener Wingolf.

Kaiserreich

Wingolfshaus 1895

Nach der Gründung des Kaiserreiches wurde die Altherrenschaft 1871 in einem jährlich in Frankfurt am Main stattfindenden sogenannten „Frankfurter Philistertag“ zusammengeführt. Durch die nun auch im Wingolfsbund erscheindenden „Wingolfsblätter“ konnte der Kontakt deutschlandweit intensiviert werden. Der Gießener Wingolf schloss sich gemeinsam mit dem Bonner, Marburger und Heidelberger Wingolf 1873 zu einer Konvention (Kartell) zusammen und trafen sich seither regelmäßig zunächst in Limburg an der Lahn, schließlich in Diez zur „Diezer Konvention“. Innerhalb des Wingolfsbundes kam es zu prinzipiellen Streitfragen über die Auslegung des christlichen Prinzips und zur Ablehnung des Duells auch bei Mitgliedern, denen der damalige Ehrenkodex als Offiziere die Satisfaktion mit der Waffe und damit das Duell auferlegte. Ein Streit zwischen dem Leipziger Wingolf und dem Hallenser Wingolf führte zur Auflösung des Wingolfsbundes. In dieser Zeit übernahm der Gießener Wingolf kommissarisch den Vorsitz des Bundes, organisierte das „Wartburgfest ohne Wingolfsbund“ 1878 und legte die Grundlage zur Wiedergründung im selben Jahr.

Oft wechselnde Kneiplokale und eine größer werdende Aktivitas führten zum Wunsch nach einem eigenen Haus. Anlässlich des 40. Stiftungsfestes 1892 wurde der Bau beschlossen, der „Hessische Wingolfsverband e.V.“ als Bauträger gegründet und Anleihen bei den Mitgliedern erworben. Die Grundsteinlegung erfolgte 1893, nur ein Jahr später konnte das Wingolfshaus in der neu erschlossenen Wilhelmstraße im oberen Universitätsviertel eingeweiht werden. Damit besaß der Gießener Wingolf nach dem Corps Hassia und dem gleichzeitig entstandenen und benachbarten Haus des Corps Starkenburgia das dritte Verbindungshaus in Gießen.
Bereits zuvor wurde die Geschichte des Wingolfsbundes durch den Gießener Theologen und Historiker Hans Waitz erforscht und die Gründung eines Bundesarchives für die umfangreichen Akten des Wingolfsbundes angemahnt. Dieses wurde dann in den 1890er-Jahren im Gießener Wingolfshaus eingerichtet und ermöglichte Waitz die Publikation der „Geschichte des Wingolfsbundes“ (1896, 1904 und 1926) und die „Geschichte der Wingolfsverbindungen“ (1913). Zusammen mit den heraldischen Publikationen von Hermann Knodt gilt daher der Gießener Wingolf als Zentrum der Erforschung der Wingolfsgeschichte.

Weimarer Republik

Nach Ende des Ersten Weltkrieges kam es im Zuge der politischen Instabilitäten und der erschwerten Studienbedingungen zu einer Politisierung der Studentenschaft. Obwohl der Gießener Wingolf eine politische Positionierung oder ein nationales Prinzip wie bei den Burschenschaften in seiner Geschichte stets abgelehnt hatte, da sie mit dem höheren christlichen Prinzip nicht vereinbar seien, wurde nun unter Protest etlicher älterer Mitglieder eine Verpflichtung zu „vaterländischer Gesinnung“ in der Satzung verankert. Dieser Irrweg bestimmte in großen Teilen die Entwicklung der Verbindung in der Weimarer Republik.
Um die Folgen der Wirtschaftskrise für sozial schwächere Studenten zu mildern und ihnen eine Mitgliedschaft im Wingolf zu ermöglichen, wurde 1924 ein eigener Unterstützungsfonds, die „Patenschaftskasse“, eingerichtet. Im selben Jahr erschienen erstmals die noch heute publizierten „Mitteilungen aus dem Gießener Wingolf“


Bekannte Mitglieder

Literatur

  • Anonymus: Aus dem Wingolf, Halle 1853 (bei Plötz), zum Gießener Wingolf: S. 147-156
  • Anonymus: Aus dem Wingolf — Eine Blüthenlese, Marburg 1860, 2. Aufl. Erlangen 1866, 3. Aufl. Halle/Erlangen 1875
  • Hans Waitz: Geschichte des Wingolfbundes aus den Quellen mitgeteilt und dargestellt. Darmstadt 1896, 2. Aufl. 1904, 3. Aufl. 1926 (Verlag Joh. Waitz)
  • Friedrich Waas: Der Gießener Wingolf. In: Hans Waitz (ed.): Geschichte der Wingolfsverbindungen, Darmstadt 1913
  • Christian G. Schüttler: Festschrift zur 50. Wiedergründung des Gießener Wingolf, Gießen 1998

Anmerkungen

  1. O. Imgart; in: Aus dem Gießener Wingolf; 14 (1938), Nr. 2, S. 44
  2. Ausführliche Beschreibung des Rosenbundes in: Karl Esselborn (Hg.): Wilhelm Baur. Lebenserinnerungen; Darmstadt 1911
  3. Aus den Tagebüchern des stud. theol. Raillard; in: Wingolfsnachrichten 1936, S. 80
  4. Hermann Haupt: Zur Geschichte der Gießener Cattia (1845-1850); in: Burschenschaftliche Blätter, 17 (1902), S. 25-30

Weblinks

Bilder

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