Kastell Neuwirtshaus

Kastell Neuwirtshaus
Kleinkastell Neuwirtshaus
ORL NN
Limesabschnitt Obergermanischer Limes,
Strecke 5
(Östliche Wetteraustrecke)
Datierung (Belegung) hadrianische Zeit;
Zeitpunkt der Aufgabe unklar
Typ Kleinkastell
Einheit unbekannte Vexillatio
Größe 21 x 25 m = 0,0525 ha
Bauweise Holz-Erde Kastell;
Wall zumindest teilweise Rasensoden
Erhaltungszustand Geländeverformungen im Wald sichtbar
Ort Hanau-Wolfgang
Geographische Lage 50° 6′ 42,9″ N, 8° 58′ 59,7″ O50.1119111111118.98325110Koordinaten: 50° 6′ 42,9″ N, 8° 58′ 59,7″ O
Höhe 110 m ü. NHN
Vorhergehend ORL 22: Kastell Rückingen
(nördlich)
Anschließend ORL 23: Kastell Großkrotzenburg
(südlich)

Das Kleinkastell Neuwirtshaus ist ein ehemaliges römisches Kastell an der Wetteraustrecke des Obergermanischen Limes, der im Jahre 2005 den Status des UNESCO-Weltkulturerbes erlangte. Das Bodendenkmal befindet sich heute in einem dichten Waldgebiet etwa 500 Meter südöstlich des heutigen Ortsrandes von Hanau-Wolfgang (Main-Kinzig-Kreis, Hessen) und 500 m nordöstlich der Waldsiedlung von Hanau-Großauheim, nahe dem Neuwirtshaus, einer kleinen Ansammlung von Häusern und zwei Gaststätten, die aber nicht über den Status eines Stadtteils verfügt.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Lageplan des Kleinkastells. Grau: Kastellgräben; schwarz: Wall; blau: Baracke; braun: neuzeitliche Forstwege.

Das Kleinkastell Neuwirtshaus liegt 87 Meter (300 römische Fuß) vom Limes entfernt, der hier relativ genau von Norden, aus der Wetterau kommend, nach Süden, auf den Main beim Kastell Großkrotzenburg zuläuft. Das Kleinkastell befindet sich auf einer kaum sichtbaren Sanddüne in der Waldabteilung 75 „Torfhaus“.

Blick von NO auf das Kastell.
Befunde zur Zeit der Untersuchung durch die Reichs-Limes-Kommission (1883).
Blick vom Tor in den Innenraum des Kastells.

Nördlich schließt sich der „Doppelbiersumpf“ an, ein ausgedehntes Sumpfgebiet südlich der Kinzig und Teil der Bulau. Stellenweise wurde der Limes hier als Knüppelweg mit davorliegender Palisade ausgeführt. Weiter südlich befindet sich die „Schiffslache“, ein alter Mainarm, ebenfalls ein Feuchtgebiet. Damit war das Gebiet von den benachbarten Kastellen Großkrotzenburg und Erlensee-Rückingen – vor allem bei feuchter Witterung – schlecht erreichbar. Etwa 300 Meter südlich des Kastells überquert aber ein bereits in vorgeschichtlicher Zeit benutzter Verkehrsweg, die sogenannte Birkenhainer Straße den Limes. Diese Situation hat die römische Militärverwaltung veranlasst, ein eigenes Kleinkastell einzurichten, um den Limesübergang zu überwachen.

Der Limes verläuft in der Nähe des Kastells vorwiegend unter einem neuzeitlichen Forstweg. Dem aufmerksamen Beobachter wird lediglich die Höhe der Wegtrasse sowie östlich davon stellenweise der Graben auffallen. Wesentlich besser sichtbar ist der Limes auf kurzen Abschnitten südlich des Grillplatzes am Neuwirtshaus sowie ganz besonders nördlich der Bundesautobahn 45, wo, geschützt durch das Waldgebiet, der Wall die beste Erhaltung an der östlichen Wetteraustrecke insgesamt aufweist.

Bis vor wenigen Jahren war das Areal nur schwer auffindbar, weil es sich in einer Schonung befand. Im Jahr 2002 wurde eine Infotafel aufgestellt. Das Kastellareal selbst ist immer noch von dichtem Gestrüpp bewachsen, aber immerhin teilweise begehbar.

Forschungsgeschichte

Frühe Ausgrabungen in dem Kleinkastell fanden 1856, 1862, 1883 und 1913 statt. Doch lieferten diese nur recht ungenaue Ergebnisse, vor allem, weil mit den damaligen Grabungsmethoden der reine Holz-Erde-Befund des Lagers schwer zu deuten war. Eine Nachuntersuchung 1977 tat sich damit wesentlich leichter: Da von ähnlichen Kastellen bereits zahlreiche Grundrisse bekannt waren, genügte ein einziger Grabungsschnitt im Süden der Anlage, um den Befund zu klären. Dieser führte (von außen) durch beide vorgelagerten Verteidigungsgräben, den Wall und den südlichen Teil der Mannschaftsbaracke (mit nachgewiesenem Traufgräbchen außen und Porticus-Bereich an der Innenseite).

Archäologischer Befund

Die Anlage war nach Osten, zum Limes hin ausgerichtet. Sie wird umschlossen von zwei umlaufenden Spitzgräben, vor dem einzigen Tor befand sich vermutlich eine Brücke. Der äußere Graben ist noch gut zu sehen, der Innere ist durch den Versturz des Walles eingeebnet. Der 3,5–4m breite Wall bestand vermutlich aus Rasensoden, die durch regelmäßig eingefügte Holzstreben verstärkt waren. Er schloss eine rechteckige Innenfläche von 21 x 25 Metern ein (=0,0525 ha).

Darin befand sich ein U-förmiges Holzgebäude, von dem wahrscheinlich der mittlere Teil Dienstzimmern oder der Kommandantenwohnung vorbehalten war. Der Innenhof war zum Tor hin offen und teilweise vom überhängenden Dach der Baracke vor dem Wetter geschützt. Da keine Dachziegel gefunden wurden, dürfte das Gebäude wohl mit Holzschindeln oder einem Strohdach gedeckt gewesen sein. Das Fragment eines Glasfensters belegt, dass zumindest einige Fenster verglast waren. Zwei Steinfundamente zwischen dem Tor und dem Gebäude lassen auf einen Wehrgang über dem Tor schließen.

Datierung/Deutung

Die regelmäßige Anordnung der nahe gelegenen Wachtposten Wp 5/11[A 1] bis 5/15 sowie die Nähe zu Wp 5/13 lässt eine spätere Einfügung des Kleinkastells in die bestehende Postenkette vermuten. Das Fundmaterial legt eine Erbauung in hadrianischer Zeit nahe. Ein seltenes Fundstück aus dem Kastell ist ein silberner Fingerring mit blattförmigen Verzierungen an den Enden. Der Zeitpunkt der Aufgabe der Anlage lässt sich durch die wenigen Funde nicht datieren. Auch ist eine gewaltsame Zerstörung nicht festzustellen. Der Mangel an datierenden Funden ist aufgrund des sehr kleinräumigen Grabungsschnittes auch nicht verwunderlich. Funde aus den Altgrabungen fehlen – wie weitgehend für den gesamten Altkreis Hanau –, da sie im Zweiten Weltkrieg mit den Sammlungen des Historischen Museums Hanau größtenteils verbrannt sind.

Hauptaufgabe des Kleinkastells war es wohl, den Grenzverkehr der Birkenhainer Straße zu überwachen. Besonders bei anhaltend schlechtem Wetter wurden von hier aus wahrscheinlich die nächstliegenden Wachtürme besetzt, versorgt und die Kommunikation entlang des Limes aufrechterhalten.

Keine Hinweise gibt es auf die hier stationierte Truppe. Das Lagergebäude bot Platz für maximal 40–50 Mann. Wahrscheinlicher ist eine Belegung mit 20-30 Mann. Dabei dürfte es sich um ein Kommando aus einem der benachbarten Kohortenkastelle Rückingen oder Großkrotzenburg gehandelt haben.

Denkmalschutz

Das Kleinkastell Neuwirtshaus ist als Teil des Obergermanisch-Raetischen Limes seit 2005 Teil des UNESCO-Welterbes. Außerdem ist es ein Bodendenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde an die Denkmalbehörden zu melden. Diese Vorschriften konnten in der Vergangenheit allerdings nicht verhindern, dass das Bodendenkmal von Raubgräbern heimgesucht wurde. Zahlreiche kleine Löcher zeugen von deren Wühlarbeit.

Limesverlauf zwischen dem Kleinkastell Neuwirtshaus und dem Kastell Großkrotzenburg

Spuren der Limesbauwerke zwischen dem Kleinkastell Neuwirtshaus und dem Kastell Großkrotzenburg:

ORL[A 2] Name/Ort Beschreibung/Zustand
KK [A 3] Kleinkastell Neuwirtshaus siehe oben
Wp 5/14
Wp 5/14
Während der Grabungskampagnen der Reichs-Limes-Kommission konnten 1883 und 1889 noch zwei Turmstellen, die eines ehemaligen Steinturms und die eines älteren Holzturms nachgewiesen werden. Der Steinturm, der an einer Fundamentecke angegraben wurde, schien dem üblichen Steiturmschema dieses Limesabschnittes zu entsprechen. Der quadratische Holzturm mit einer Seitenlänge von rund sechs Metern war von einem Drainagegraben von etwa zwanzig Metern Durchmesser umgeben.

Die Turmstellen wurden beim Bau der Bundesstraße 8 zerstört, so dass heute nichts mehr im Gelände wahrzunehmen ist. [1] Südlich dieser Turmstelle ist der Limes im Wald auf einer Länge von 750 gut erkennbar.

Wp 5/15 „Groß-Auheimer Torfbruch“
Limes nördlich des Großauheimer Torfbruchs.
Wp 5/15
Wp 5/15 befand sich etwa 30m hinter dem Limes nördlich des Groß-Auheimer Torfbruchs und der Schiffslache und überwachte die heute noch feuchte Niederung. Vermutlich wurde sie in ähnlicher Weise wie der nördlich gelegene Doppelbiersumpf mittels eines Knüppeldamms und davor liegendem Flechtwerkzaun überquert. Hier endet einer der am besten sichtbaren Teile des Wetteraulimes. Südlich des Torfbruchs verläuft er bis nach Großkrotzenburg unter einem Forstweg sowie dem neuzeitlichen Pfaffendamm.[2]
Wp 5/16 Flacher Schutthügel eines ehemaligen Steinturms, dessen basaltene Fundamente bei eine Mauerstärke von etwa einem Meter die Seitenlängen von 5,10 m mal 5,30 m aufwiesen. Der Turm befand sich in rund 30 Metern Entfernung hinter dem Palisadengraben. Zwischen dem Bahnhof Großkrotzenburg und dem Franziskanergymnasium Kreuzburg befindet sich eine Hinweistafel auf den Limes. Von der Turmstelle sind keine oberirdischen Reste erkennbar.[3]
ORL 23[A 4] Kastell Großkrotzenburg siehe separaten Artikel Kastell Großkrotzenburg


Siehe auch

Literatur

  • Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage. S. 172f. Gebr. Mann, Berlin 2000. ISBN 3-7861-2347-0.
  • Claus Bergmann: Limesverlauf und Kleinkastell Neuwirtshaus. In: Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland, 27. Hanau und der Main-Kinzig-Kreis. S. 170–173. Theiss, Stuttgart 1994. ISBN 3-8062-1119-1
  • Wolfgang Czysz: Das Kleinkastell Neuwirtshaus. In: Dietwulf Baatz und Fritz-Rudolf Herrmann: Die Römer in Hessen³. Lizenzausgabe der Auflage von 1989, S. 337–340. Nikol, Hamburg 2002. ISBN 3-933203-58-9
  • Wolfgang Czysz: Archäologische Nachuntersuchung am Kleinkastell Neuwirtshaus bei Hanau. Neues Magazin für Hanauische Geschichte 6, Nr. 5, 1977, S. 121ff. Hanauer Geschichtsverein, Hanau 1977.
  • Wolfgang Czysz: Der römische Limes zwischen Kinzig und Main. (Archäologische Denkmäler in Hessen, 3). Abteilung für Vor- und Frühgeschichte im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 1979. ISBN 3-89822-003-6
  • Margot Klee: Der Limes zwischen Rhein und Main. Theiss, Stuttgart 1989. ISBN 3-8062-0276-1

Grabungsberichte der Reichs-Limes-Kommission

Weblinks

Online-Publikation

  • Welterbe Limes auf der offiziellen Webpräsenz des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen mit vollständigem, herunterladbarem Limesentwicklungsplan Hessen (pdf, 248,50 MB, 650 Seiten; darin Limesstrecke Wp 5/13 bis 5/16 S. 607-610, Kleinkastell Neuwirtshaus S. 611-613)

Anmerkungen

  1. Wp = Wachposten, Wachturm. Die Ziffer vor dem Schrägstrich bezeichnet den Limesabschnitt, die Ziffer hinter dem Schrägstrich in fortlaufender Nummerierung den jeweiligen Wachturm.
  2. ORL = Nummerierung der Limesbauwerke gemäß der Publikation der Reich-Limes-Kommission zum Obergermanisch-Rätischen-Limes
  3. KK = nicht nummeriertes Klein-Kastell
  4. ORL XY = fortlaufende Nummerierung der Kastelle des ORL

Einzelnachweise

  1. ORL A, Band 2.1, S. 171f.; Limesentwicklungsplan S. 608f.; Baatz 1989 S. 413.
  2. ORL A, Band 2.1, S. 172f.; Limesentwicklungsplan S. 610; Baatz 1989 S. 413.
  3. ORL A, Band 2.1, S. 173; Limesentwicklungsplan S. 619; Baatz 1989 S. 413.

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