Lernorientierter Fremdsprachenunterricht

Lernorientierter Fremdsprachenunterricht

Lernorientiert ist jeder Fremdsprachenunterricht, in dem fremdsprachliche Kenntnisse und Kompetenzen weniger (wie bis in die 1960er/70er Jahre) über unterrichtliche Instruktion vermittelt als vielmehr von den Schülern selbst in einem eigenständigen Lernprozess erworben ("konstruiert") werden. Dabei spielen Informationen von Seiten der Lehrperson, des Lehrwerks und anderer Medien nur eine Vermittlerrolle; maßgebliche Grundlage für Lernprozesse sind die individuellen Konzept- und Regelbildungen der Lernenden selbst. Lernorientiert ist insbesondere der handlungsorientierte Fremdsprachenunterricht, weil in ihm die Rolle der lehrerseitigen Instruktion zurückgedrängt ist gegenüber einem eigenaktiven, selbstbestimmten learning by communicating, in dem auch die Entwicklung individueller Lerntechniken und Lernstrategien eine große Rolle spielt.[1]

Inhaltsverzeichnis

Konstruktivismus

Die Frage, wie Lebewesen - auch Schüler - Informationen wahrnehmen und strukturieren ("lernen"), ist Gegenstand von Erkenntnistheorien. Nach der Theorie des Radikalen Konstruktivismus erhält das Gehirn über die Sinnesorgane keine direkten Informationen, sondern lediglich bedeutungsleere Signale, die es, unter Rückgriff auf vorangegangene Erfahrungen, in einem Prozess der Selbstorganisation oder Autopoiesis in eigene Wahrnehmungen und Strukturierungen "übersetzt". [2] Danach ist das, was wir wahrnehmen, kein Abbild der „Realität“, sondern ein Konstrukt. Dieses muss sich dann allerdings im praktischen Leben (in der sozialen Gemeinschaft) bewähren (vgl. Soziale Norm); tut es dies nicht, muss die jeweilige Wahrnehmung entweder diskursiv (im Sinne von Habermas) geklärt oder stillschweigend revidiert werden (Prinzip von "Versuch und Irrtum").

Konstruktivismus in der Fremdsprachendidaktik

Im Gegensatz zu radikal-konstruktivistischen Vorstellungen vom Lernen handelt es sich beim Fremdsprachenlernen in Bildungsinstitutionen nicht nur um Prozesse der Selbstorganisation, sondern auch um Prozesse des Verstehens und der Speicherung von lehrerseitigen Informationen. Damit ist die Position der lernorientierten Fremdsprachendidaktik die eines „gemäßigten“, informations- bzw. lerntheoretisch orientierten didaktischen Konstruktivismus. [3] (Vgl. auch Konstruktivistische Didaktik.)

Lernorientierung: Handlungs- und prozessorientierte Unterrichtsverfahren

Lernorientierung im Fremdsprachenunterricht konkretisiert sich über handlungs- und prozessorientierte Unterrichtsverfahren. Während handlungsorientierte Aktivitäten das eigenaktive, engagierte Sprachhandeln der Schüler fördern, fördert die Prozessorientierung die mentalen Verarbeitungs- und Lernaktivitäten der Schüler: einerseits unbewusste kognitive Prozesse, andererseits trainierbare (teils automatisierte, teils planvoll einzusetzende) Strategien.

Zum Zusammenhang von Lernen und Lehren

Ihrem Zweck entsprechend, sind Definitionen von Lehrpersonen, Wörterbüchern und Grammatiken immer auf Eindeutigkeit aus. Ihre scharfen Kategorisierungen reduzieren jedoch die in ihren Ein- und Abgrenzungen immer unscharfen („fuzzy“) konkreten Erfahrungen (z. B. im Englischen der Tempusgebrauch in der indirekten Rede oder der Gebrauch von Present Perfect, Simple Past und ing-Form) in einer Weise, die sie zwar für Lern-, Lehr- und Nachschlagezwecke sehr geeignet erscheinen lässt, den Lernenden jedoch nie das für den Sprachgebrauch so wichtige Gefühl für die breite und häufig diffuse Palette von Bedeutungen ("Sprachgefühl") vermitteln kann. Deshalb müssen die Schüler Bedeutungen in einer Vielzahl authentischer, sie direkt berührender Situationen Bedeutungen konkret handelnd selbst „erfahren“. (Statt von "Lernorientierung" könnte man deshalb auch von "Erfahrungsorientierung" sprechen; dieser Begriff ist allerdings etwas anders belegt.)

Aufgabe der Unterrichtenden ist es also, den Schülern beim Lernen zu helfen, d.h. ihnen eine motivierende Lernumgebung sowie vielfältige sprachliche Erfahrungsmöglichkeiten in vielfältigen Handlungssituationen anzubieten; darüber hinaus können sie den Schülern dabei helfen, sprachliche Formen und Regularitäten im Rahmen dieser Kontexte selbst zu verstehen (vgl. Bewusstmachung (Fremdsprachenunterricht)) sowie - nach einer ausreichenden "Inkubationszeit" [4] - mit zunehmender Sicherheit und Geläufigkeit selbst zu gebrauchen. Lehrer und Schüler interagieren also nicht als teachers und teachees, sondern als learning facilitators und learners.

Methodische Aspekte der Lernorientierung

(1) Reflektiertes Zusammenspiel von Offenheit und Steuerung

Beim schulischen Fremdsprachenlernen ist völlige Lernerautonomie nicht möglich. Unterrichtliches Fremdsprachenlernen kann vielmehr nur in einem reflektierten Zusammenspiel von kommunikativem Handeln und notwendigen Lernhilfen gelingen. (Vgl. hierzu auch Handlungsorientierung (Fremdsprachenunterricht)#Öffnung des Unterrichts.)

(2) Förderung bedeutsamen, inhaltsorientierten Lernens

Besonders geeignet sind unterrichtliche Kommunikationssituationen (Themen und Inhalte), die

  • sich an den persönlichen Erfahrungen und Interessen der Schüler orientieren und sie so motivieren, sich mit ihnen gedanklich und damit auch sprachlich auseinanderzusetzen,
  • sprachlich in ihrer Reichweite liegen, dabei aber ein reichhaltiges, nicht erkennbar vorstrukturiertes Sprachangebot machen,
  • Intellekt, Gefühl und Sinne gleichermaßen ansprechen (vgl. Ganzheitlichkeit (Fremdsprachenunterricht))
  • und ohne Zeit- und Leistungsdruck Freiräume zum handelnden Umgang bieten.

Hierfür bieten sich Gespräche und schriftliche Äußerungen über aktuelle Themen des Tagesgeschehens, Filmausschnitte, Kurzfilme, Werbespots, Videoclips, Songs usw., kreatives Schreiben sowie Simulationen und Projekte an, also Aktivitäten, bei denen Inhalte verhandelt, Probleme aufgeworfen und Lösungsmöglichkeiten diskutiert werden. (Vgl. auch Handlungsorientierung (Fremdsprachenunterricht)).

(3) Förderung der Entwicklung individueller Lernstrategien

Empirische Forschungen belegen, dass erfolgreiche Fremdsprachenlerner bei der Sprachverarbeitung sowie bei der Organisation ihres Lernumfeldes zumindest teilweise spezifische Lernstrategien entwickeln und gezielt einsetzen können. Für das Erlernen und Anwenden dieser Lernstrategien benötigen die Schüler implizite und explizite Hilfen von Lehrerseite insbesondere im Rahmen prozessorientierter, auf die Reflexion ihrer Strategien gerichteter Trainingsphasen. Im Sinne einer konstruktivistisch-lernorientierten Fremdsprachendidaktik gilt jedoch auch hier: Entscheidend ist, was die Lernenden daraus machen.

Methodische Umsetzung

Projektunterricht, Simulation, szenisches Spiel

und andere Formen eines handlungs- und prozessorientierten Unterrichts (vgl. Projektunterricht, Simulation, szenisches Spiel).

Lernen durch Lehren

Lernen durch Lehren (LdL): Seit 1980 hat sich in allen Schultypen und allen Fächern, vor allem aber im Fremdsprachenunterricht die Methode Lernen durch Lehren etabliert, die eine Vertiefung und Intensivierung des Lernprozesses durch die Übernahme von Lehrfunktionen durch Schüler anstrebt.[5] In LdL finden die oben genannten Aspekte einer lernorientierten Didaktik konsequente Anwendung:

  • Reflektiertes Zusammenspiel von Offenheit und Steuerung
  • Förderung bedeutsamen, inhaltsorientierten Lernens
  • Förderung der Entwicklung individueller Lernstrategien

Quellen

  1. Für eine ausführliche Darstellung vgl. Timm: "Lernorientierter Fremdsprachenunterricht ..."; s. Literaturangaben.
  2. Vgl. Paul Watzlawick (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus (6. Aufl.). München, Zürich: Piper, 1995.
  3. Zur sog. "Konstruktivismusdebatte" in der Fremdsprachendidaktik vgl. die Arbeiten von Wendt, Wolff und Reinfried sowie das entsprechende Themenheft der Zeitschrift für Fremdsprachenforschung (Literaturverzeichnis).
  4. F. Lionel Billows: The techniques of language teaching. London: Longman, 1961, 36f.
  5. Für eine knappe Übersicht über "Lernen durch Lehren" vgl. Jean-Pol Martin & Rudolf Kelchner: "Lernen durch Lehren". In: Johannes-Peter Timm (Hg.): Englisch lernen und lehren. Didaktik des Englischunterrichts.. Berlin: Cornelsen, 1998, 211-219.

Literaturangaben

  • Marcus Reinfried: "Der radikale Konstruktivismus: eine sinnvolle Basistheorie für die Fremdsprachendidaktik?". In: Gerhard Bach & Britta Viebrock (Hg.): Die Aneignung fremder Sprachen. Perspektiven - Konzepte - Forschungsprogramm. Frankfurt am Main: Lang, 2002, 29-50.
  • Johannes-Peter Timm: "Lernorientierter Fremdsprachenunterricht: Förderung konstruktiver Lernprozesse". In: Gerhard Bach & Johannes-Peter Timm (Hg.): Englischunterricht. Grundlagen und Methoden einer handlungsorientierten Unterrichtspraxis (3., vollst. überarb. und verbess. Aufl.). Tübingen, Basel: A. Francke, 2003, 22-37.
  • Michael Wendt: Konstruktivistische Fremdsprachendidaktik. Lerner- und handlungsorientierter Fremdsprachenunterricht aus neuer Sicht. Tübingen: Narr, 1996.
  • Michael Wendt: Konstruktion statt Instruktion: Neue Zugänge zu Sprache und Kultur im Fremdsprachenunterricht. Frankfurt am Main: Lang, 2002.
  • Dieter Wolff: "Der Konstruktivismus: Ein neues Paradigma in der Fremdsprachendidaktik". Die neueren Sprachen, 93 (1994), 407-429.
  • Zeitschrift für Fremdsprachenforschung, Heft 2, Jg. 13 (2002).

Siehe auch


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