Lied von der Erde

Lied von der Erde

Das Lied von der Erde ist ein großer sinfonischer Liederzyklus, den Gustav Mahler 1908-1909 auf Nachdichtungen altchinesischer Lyrik von Hans Bethge komponierte. Als Besetzung sind großes Sinfonieorchester (Besetzung: 4 3 5 3 – 4 3 3 1 – Pk, Schl(4), Hf(2), Cel, Mand, Str) und zwei Solisten (Alt oder Bariton sowie Tenor) vorgesehen. Die Uraufführung fand postum am 20. November 1911 in München unter Bruno Walter statt.

Inhaltsverzeichnis

Aufbau

Das Lied von der Erde besteht aus sechs Teilen, in denen Mahler jeweils ein Gedicht aus der Gedichtsammlung „Die chinesische Flöte“ von Hans Bethge vertont hat. Bethge wiederum hatte die Gedichte aus dem Französischen in der Version von Marquis D'Hervey de Saint-Denys übersetzt (in Klammern jeweils der Verfasser des chinesischen Originals):

  1. Das Trinklied vom Jammer der Erde (Li-Tai-Po [701–762])
  2. Der Einsame im Herbst (Tschang-Tsi [ca. 765–ca. 830])
  3. Von der Jugend (Li-Tai-Po)
  4. Von der Schönheit (Li-Tai-Po)
  5. Der Trunkene im Frühling (Li-Tai-Po)
  6. Der Abschied (Mong-Kao-Yen [689/691–740] und Wang-Wei [698–761])

Einordnung und Rezeption

Mit dem Lied von der Erde setzt das Spätwerk Gustav Mahlers ein, in dem er zu einer deutlich anderen Tonsprache als in seinen früheren Kompositionen fand. Mahler begann mit der Komposition 1907, in dem ihn drei schwere Schicksalsschläge ereilten: Mahlers ältere Tochter Maria Anna, genannt „Putzi“, war im Alter von vier Jahren an Diphtherie gestorben. Nach einer antisemitisch motivierten Pressekampagne gegen seine Person hatte er als Direktor der Wiener Hofoper zurücktreten müssen. Außerdem wurde in diesem Jahr eine schwere Herzkrankheit diagnostiziert, die vier Jahre später zu seinem Tod führte. In dieser Phase beschäftigte er sich mit Hans Bethges Sammlung „Die Chinesische Flöte“ mit Nachdichtungen altchinesischer Lyrik. Die Texte ließen ihn zu einer Reduziertheit und Kargheit der Tonsprache finden, die in krassem Gegensatz zu dem Aufgebot von Riesenorchestern und -chören seiner früheren Werke steht.

Mahler vermied den Titel „Sinfonie“, da er Angst hatte, dass eine 9. Sinfonie wie bei seinen Vorbildern Ludwig van Beethoven und Anton Bruckner seine letzte sein könnte. Allerdings genügt das Werk den Formkriterien der Sinfonie ebenso wie die anderen späten Mahler-Sinfonien, so dass es mit gleichem Recht als Liederzyklus und als Sinfoniekantate angesehen werden kann. Das Werk – das rund zwei Jahre vor der 9. Sinfonie entstand – verunsicherte die Kunstwelt erheblich, zum einen wegen seiner ungewöhnlichen orchestralen Dichtung, andererseits wegen seiner Stimmung. Mahlers Freund und Dirigent der Uraufführung, Bruno Walter, wunderte sich selbst:

„Ist es wirklich derselbe Mensch, der 'in Harmonie mit dem Unendlichen' den Bau der Achten errichtet hatte, den wir nun im 'Trinklied vom Jammer der Erde' wiederfinden? Der einsam im Herbst zur trauten Ruhestätte schleicht, nach Erquickung lechzend? Der mit freundlichem Altersblick auf die Jugend, mit sanfter Rührung auf die Schönheit schaut? Der in der Trunkenheit Vergessen des sinnlosen irdischen Daseins sucht und schließlich in Schwermut Abschied nimmt? [...] Es ist kaum derselbe Mensch und Komponist. Alle Werke bis dahin waren aus dem Gefühl des Lebens entstanden [...] Die Erde ist im Entschwinden, eine andere Luft weht herein, ein anderes Licht leuchtet darüber [...]“.

Bruno Walter blieb für viele Jahre einer der wichtigsten Interpreten des Lieds von der Erde, das er wiederholt dirigierte und auf Schallplatte aufzeichnete, und so wesentlich zur Verbreitung der Komposition beitrug. Für viele bekannte Sänger war und ist das Stück eine ungeheure Herausforderung und emotional bewegend.

Die von Arnold Schönberg als Fragment hinterlassene, von Rainer Riehn vollendete Kammerensemble-Fassung des »Liedes von der Erde« von Gustav Mahler ist im letzten Jahrzehnt weltweit fast so häufig, zeitweilig sogar häufiger aufgeführt worden als die Mahlersche Originalfassung mit großem Orchester. Die Einrichtung durch Schönberg reicht nur bis etwa zur Mitte des ersten Satzes; die Bearbeitung von dessen zweiter Hälfte sowie der fünf übrigen Sätze stammt von Rainer Riehn.

Eine Aufnahme mit dem Staatsopern-Tenor Julius Patzak, Kathleen Ferrier und den Wiener Philharmonikern unter Bruno Walter ist noch nach Jahrzehnten auf Schallplatten begehrt. Auch die Aufnahme mit Fritz Wunderlich, Christa Ludwig und dem Philharmonia Orchestra unter Otto Klemperer fand viele Anhänger und ist seit Jahrzehnten im Handel erhältlich.

Literatur

Weblinks

Diskographie (Auswahl)


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