Marcus Aurelius Antoninus Augustus

Marcus Aurelius Antoninus Augustus
Mark Aurel
Glyptothek München

Mark Aurel[1] (* 26. April 121 in Rom; † 17. März 180 in Vindobona oder eventuell Sirmium) war von 161 bis 180 römischer Kaiser und der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa. Als Princeps und Nachfolger seines Adoptivvaters Antoninus Pius nannte er sich selbst Marcus Aurelius Antoninus Augustus[2]. Mit seiner Regierungszeit endete die dauerhafteste Phase der Prosperität des Römischen Reiches, die durch innere und äußere Stabilität gekennzeichnet war. Auch war Mark Aurel der letzte der sogenannten Adoptivkaiser, denn mit Commodus, der ein dem Regierungsstil des Vaters entgegengesetztes Willkürregime errichtete, stand ein leiblicher Erbe der Herrscherfunktion bereit.

Innenpolitische Akzente setzte Mark Aurel in Gesetzgebung und Rechtsprechung bei der Erleichterung des Loses von Benachteiligten der damaligen römischen Gesellschaft, vor allem der Sklaven und Frauen. Außergewöhnlichen Herausforderungen hatte er sich hinsichtlich einer katastrophalen Tiberüberschwemmung zu stellen sowie in der Konfrontation mit der Antoninischen Pest und angesichts spontaner Christenverfolgungen innerhalb des Römischen Reiches. An den Reichsgrenzen musste er nach einer längeren Friedenszeit wieder an mehreren Fronten gegen eindringende Feinde vorgehen. Insbesondere waren der Osten des Reiches durch die Parther und der Donauraum durch diverse Germanen-Stämme bedroht. Sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte Mark Aurel daher vorwiegend im Feldlager. Hier verfasste er die Selbstbetrachtungen, die ihn der Nachwelt als Philosophenkaiser überliefert haben und die zur Weltliteratur zählen.[3]

Inhaltsverzeichnis

Leben bis zum Herrschaftsantritt

Herkunft und Jugend

Mark Aurel als Knabe

Der Urgroßvater Mark Aurels war aus den hispanischen Provinzen nach Rom gekommen. Unter Kaiser Vespasian hatte er es bis zum Praetor gebracht. Sein Sohn Marcus Annius Verus, der Großvater Mark Aurels, bekleidete bereits dreimal das Amt des Konsuls. Er verheiratete seinen Sohn Annius Verus, Mark Aurels Vater, mit Domitia Lucilla, einer Verwandten Kaiser Hadrians, deren Familie durch den Besitz von Ziegeleien reich geworden war. Nach dem frühen Tod des Vaters 128 wuchs Marcus im Haus seines Großvaters auf.

Das in der Ämterlaufbahn erworbene Ansehen der Familie und das ernsthafte Naturell des jungen Marcus verschafften ihm frühzeitig die Beachtung Kaiser Hadrians,[4] der ihn wegen seiner Wahrheitsliebe scherzhaft mit dem Spitznamen Verissimus („der Wahrhaftigste“) belegte und den Achtjährigen in das Priesterkollegium der Salier aufnehmen ließ.[5] Im Zuge seiner Nachfolgeregelung adoptierte er im Februar 138 Antoninus Pius mit der Maßgabe, dass dieser wiederum seinen Neffen Marcus zu adoptieren hatte. Nach dem Tode Hadrians im Juli desselben Jahres zog der nun siebzehnjährige Mark Aurel zu Antoninus Pius, seinem Adoptivvater und neuen Kaiser, in den Regierungspalast. Schwerpunkte der Ausbildung waren zunächst Studien zur griechischen und lateinischen Rhetorik bei den Lehrern Herodes Atticus und Marcus Cornelius Fronto. Mit letzterem führte er einen regen Briefwechsel, der in Teilen erhalten ist. Erneut weit vorfristig, nämlich schon mit 18 Jahren, bekleidete Mark Aurel sein erstes Konsulat. Anscheinend ging es Antoninus Pius darum, Mark Aurel so früh wie möglich in eine unangreifbare Position zu bringen.[6]

Philosophische Orientierung

Deutsche Übersetzung der Selbstbetrachtungen, Hamburg 1727

Die stoischen Philosophen unter seinen Lehrern, denen Mark Aurel zeitlebens dankbar war, mögen entscheidend zu einer Wendung beigetragen haben, die er bereits als Zwölfjähriger genommen hat, als er sich in den Mantel der Philosophen kleidete und fortan auf unbequemer Bretterunterlage nächtigte, nur durch ein von der Mutter noch mit Mühe verordnetes Tierfell gepolstert.[7] Hier hat offenbar eine Lebenshaltung ihren Anfang genommen, die in den auf Griechisch verfassten Selbstbetrachtungen (ta eis heautòn) der späten Jahre festgehalten wurde. Dabei dürften die Grundlagen der dort formulierten Überzeugungen bereits frühzeitig gegolten haben, denn sie fußten auf einer bald 500-jährigen und gleichwohl lebendigen Tradition stoischen Philosophierens. Qualifizierungsprozess und Herrschaftspraxis sind gerade darum in engem Zusammenhang mit seinen Selbstbetrachtungen zu sehen, weil die Einheit von Denken und Handeln, von Wort und Tat für seine Daseinsauffassung vorrangig war:

„Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes dich zu besprechen – vielmehr ein solcher zu sein.“ (X, 16)
„Du kannst nicht im Schreiben und Lesen unterrichten, wenn du es nicht selber kannst; viel weniger lehren, wie man recht leben soll, wenn du es nicht selber tust.“ (XI, 29)

Ebenso deutlich akzentuiert hat Mark Aurel das Bewusstsein für Wahrheit und Wirklichkeit, das schon Hadrian an ihm geschätzt hatte:

„Kann mir jemand überzeugend dartun, dass ich nicht richtig urteile oder verfahre, so will ich’s mit Freuden anders machen. Suche ich ja nur die Wahrheit, sie, von der niemand je Schaden erlitten hat. Wohl aber erleidet derjenige Schaden, der auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit beharrt.“ (VI, 21)
„So oft du an der Unverschämtheit jemandes Anstoß nimmst, frage dich sogleich: Ist es auch möglich, daß es in der Welt keine unverschämten Leute gibt? Das ist nicht möglich. Verlange also nicht das Unmögliche.“ (IX, 42)

Der Stellenwert dieser Notate für die Lebenspraxis Mark Aurels erschließt sich aus dem Entstehungszusammenhang der Selbstbetrachtungen. Es handelte sich um eine Form geistiger Übungen, die darauf zielten, eine mit den Grundsätzen der Stoa übereinstimmende Lebensführung im Bewusstsein wachzuhalten und zu aktualisieren (Adrogans) sowie abweichende Emotionen zu kontrollieren. Darum ging es u.a. auch in der Einstellung zu den Mitmenschen:

„Die Menschen sind füreinander da. Also belehre oder dulde sie.“ (VIII, 59)
„Willst du dir ein Vergnügen machen, so betrachte die Vorzüge deiner Zeitgenossen, so die Tatkraft des einen, die Bescheidenheit des andern, die Freigebigkeit eines Dritten und so an einem Vierten wieder eine andere Tugend. Denn nichts erfreut so sehr wie die Muster der Tugenden, die aus den Handlungen unserer Zeitgenossen uns in reicher Fülle in die Augen fallen. Darum habe sie auch stets vor Augen.“ (VI, 48)

Vielerlei Unangenehmes zu verarbeiten, Schicksalsschläge durchzustehen und mit der eigenen Unvollkommenheit auszukommen, auch dazu qualifizierten ihn Reflexionen im Geiste der Stoa in besonderem Maße:

„Rührt ein Übel von dir selbst her, warum tust du’s? Kommt es von einem andern, wem machst du Vorwürfe? Etwa den Atomen oder den Göttern? Beides ist unsinnig. Hier ist niemand anzuklagen. Denn, kannst du, so bessere den Urheber; kannst du das aber nicht, so bessere wenigstens die Sache selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu frommt dir das Anklagen? Denn ohne Zweck soll man nichts tun.“ (VIII, 17)
„Empfinde keinen Ekel, laß deinen Eifer und Mut nicht sinken, wenn es dir nicht vollständig gelingt, alles nach richtigen Grundsätzen auszuführen; fange vielmehr, wenn dir etwas mißlungen ist, von neuem an und sei zufrieden, wenn die Mehrzahl deiner Handlungen der Menschennatur gemäß ist, und behalte das lieb, worauf du zurückkommst.“ (V, 9)

Mitunter ist kritisch gegen Mark Aurels Selbstbetrachtungen eingewandt worden, dass sie der philosophischen Originalität entbehrten. Dabei wurde in der Regel außer Acht gelassen, dass ein Anspruch auf Originalität im gemeinten Sinne mit den Aufzeichnungen Mark Aurels zweifellos gar nicht verbunden war. Der Kaiser hat sie für sich geschrieben, nicht für die Philosophiegeschichte.

Einarbeitung in die Regierungsgeschäfte

Eine bessere Vorbereitung auf politische Verantwortungsübernahme, als sie Mark Aurel durchlaufen hat, ist kaum vorstellbar. Bis zum Antritt der eigenen Herrschaft hatte er 23 Jahre lang (138-161) die umfassend genutzte Gelegenheit, sich auf die Anforderungen des Amtes einzustellen, sich in die Verwaltungsstrukturen des Römischen Reiches einzuarbeiten und alle wichtigen Bewerber und Inhaber einflussreicher Ämter kennenzulernen. Er erlangte dabei einen so sicheren Blick für die menschliche und aufgabenbezogene Eignung der Amtsträger und Postenkandidaten, dass Antoninus Pius sich schließlich in allen Stellenbesetzungsfragen auf das Urteil des Marcus stützte. Die von Hadrian aufeinander Verwiesenen harmonierten auch von ihrem ganzen Naturell her. Die Charakterisierung des Antoninus, die Mark Aurel im Ersten Buch der Selbstbetrachtungen gibt, dürfte sowohl die Vorbildfunktion wie auch die Wesensverwandtschaft zum Ausdruck bringen, die den Jüngeren mit seinem Adoptivvater verbunden hat:

„An meinem Vater bemerkte ich Sanftmut, verbunden mit einer strengen Unbeugsamkeit in seinen nach reiflicher Erwägung gewonnenen Urteilen. Er verachtete den eitlen Ruhm, den beanspruchte Ehrenbezeigungen verleihen, liebte die Arbeit und die Ausdauer, hörte bereitwilligst gemeinnützige Vorschläge anderer, behandelte stets jeden nach Verdienst, hatte das richtige Gefühl, wo Strenge oder Nachgiebigkeit angebracht ist, verzichtete auf unnatürliche Liebe und lebte nur dem Staatswohl. (…) Niemand konnte sagen, er sei ein Sophist, ein Einfältiger, ein Pedant, sondern jeder erkannte in ihm einen reifen und vollkommenen Mann, erhaben über Schmeicheleien, fähig, sowohl seine eigenen Angelegenheiten als die der andern zu besorgen. Dazu ehrte er die wahren Philosophen und zeigte sich nichtsdestoweniger nachsichtig gegen diejenigen, die es nur zum Scheine waren. Im Umgang war er höchst angenehm, er scherzte gern, jedoch ohne Übertreibung.“ (I, 16)

Angesichts dieser engen inneren Bindung Mark Aurels an Antoninus Pius hätte es der zusätzlichen verwandtschaftlichen Bande kaum bedurft, die dadurch hergestellt wurden, dass Mark Aurel eine bestehende Verlobung zu lösen hatte, um Faustina, die Tochter des Antoninus zu heiraten. Aus dieser Ehe gingen insgesamt 13 Kinder hervor, die in der Mehrzahl allerdings noch im Kindesalter starben.

Mit dem Tode des Antoninus Pius ging das Kaisertum auf Mark Aurel über, der sogleich eine Probe seines reflektierten Verhältnisses zur eigenen Machtvollkommenheit gab, indem er seinen Adoptivbruder Lucius Verus zum gleichberechtigten Mitkaiser erhob. An auctoritas freilich war Marcus überlegen, zumal er auch das Amt des Pontifex maximus für sich behielt. Verus hat sich zeitlebens in dieses Arrangement gefügt; 164 heiratete er die Tochter Mark Aurels, Lucilla.

Beide Kaiser standen binnen kurzem einer im Vergleich zu den vorhergehenden Jahrzehnten des äußeren Friedens veränderten Situation gegenüber, als ab 161 die Parther die Ostgrenze des Römischen Reiches in Frage stellten und die Germanen im Donauraum von 168 an ernsthaft die Nordgrenze bedrängten. Die Aufgabenteilung der beiden Kaiser ergab, dass Mark Aurel faktisch das Reich regierte, während Lucius Verus bis zu seinem Tode die Durchführung wichtiger Militäroperationen oblag.

Der Prinzipat des Mark Aurel

Politische Leitsätze

Mark Aurel als Imperator

Das über alle geschichtlichen Epochen hinweg fortwirkende Charisma Mark Aurels liegt sicher nicht zuletzt begründet im Bilde des Philosophen auf dem Thron, in der mit ihm auch Gestalt gewordenen Verknüpfung von politischer Philosophie und Herrschaftspraxis. Die Belege für das politische Denken Mark Aurels sind ebenfalls seinen Selbstbetrachtungen zu entnehmen. Manches davon erscheint wie zeitlos und in der Gegenwart keineswegs überholt.

„Severus war mir ein Beispiel in der Liebe zu unseren Verwandten wie auch in der Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe (…), durch ihn bekam ich einen Begriff, was zu einem freien Staate gehört, wo vollkommene Rechtsgleichheit für alle ohne Unterschied herrscht und nichts höher geachtet wird als die Freiheit der Bürger.“ (I, 14)

Freiheit und Gerechtigkeit, vor allem im Sinne gleichen Rechts für alle, gehörten also zu den früh angeeigneten und stets beibehaltenen politischen Leitvorstellungen Mark Aurels. Gegen die Versuchungen absolutistischen Machtmissbrauchs, denen er in seiner Stellung unvermeidlich ausgesetzt war, schützten ihn sein philosophischer Reflexionshintergrund und Selbstermahnungen wie die folgende:

„Hüte dich, dass du nicht ein tyrannischer Kaiser wirst! Nimm einen solchen Anstrich nicht an, denn es geschieht so leicht. […] Ringe danach, dass du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte.“ (VI, 30)

Nur zu bewusst war Mark Aurel sich der Grenzen seiner politischen Gestaltungsmöglichkeiten und der Hinfälligkeit utopischer Gesellschaftsmodelle:

„Hoffe auch nicht auf einen platonischen Staat, sondern sei zufrieden, wenn es auch nur ein klein wenig vorwärts geht, und halte auch einen solchen kleinen Fortschritt nicht für unbedeutend. Denn wer kann die Grundsätze der Leute ändern? Was ist aber ohne eine Änderung der Grundsätze anders zu erwarten als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein erheuchelter Gehorsam?“ (IX, 29)

Dass Mentalitäten nicht ohne weiteres formbar und disponibel sind und daher im politischen Handeln berücksichtigt werden müssen, war für Mark Aurel klar, weil er der Bürgerfreiheit auch in der Meinungsäußerung Priorität einräumte.

Worauf es ihm ankam, war ein vernunftgeleiteter und gemeinwohlorientierter Machtgebrauch, der mit den Grenzen der eigenen Kompetenz rechnete und dem größeren Sachverstand den Vortritt ließ bzw. die Problemlösung übertrug:

„Reicht mein Verstand zu diesem Geschäft hin oder nicht? Reicht er hin, so verwende ich ihn dazu als ein von der Allnatur mir verliehenes Werkzeug. Im entgegengesetzten Falle überlasse ich das Werk dem, der es besser ausrichten kann, wenn anders es nicht zu meinen Pflichten gehört, oder ich vollbringe es, so gut ich’s vermag, und nehme dabei einen andern zu Hilfe, der, von meiner Geisteskraft unterstützt, vollbringen kann, was dem Gemeinwohl gerade jetzt dienlich und zuträglich ist.“ (VII, 5)

In der Rechtspflege lag für Mark Aurel der Kern der guten gesellschaftlichen Ordnung und der Bereich, für den er sich persönlich am meisten verantwortlich fühlte:

„Wenn du Scharfsinn besitzest, so zeige ihn in weisen Urteilen.“ (VIII, 38)

Mark Aurel hat seinem Dasein auch eine kosmopolitische Komponente zugeordnet und sogar bereits ein ökologisches Bewusstsein aufscheinen lassen:

„Meine Natur aber ist eine vernünftige und für das Gemeinwesen bestimmte; meine Stadt und mein Vaterland aber ist, insofern ich Antonin heiße, Rom, insofern ich ein Mensch bin, die Welt. Nur das also, was diesen Staaten frommt, ist für mich ein Gut.“ (VI, 44)
„Die Allnatur aber hat außerhalb ihres eigenen Kreises nichts. Das ist gerade das Bewundernswerte an ihrer Kunstfertigkeit, daß sie in ihrer Selbstbegrenzung alles, was in ihr zu verderben, zu veralten und unbrauchbar zu werden droht, in ihr eigenes Wesen umwandelt und eben daraus wieder andere neue Gegenstände bildet. Sie bedarf zu dem Ende ebensowenig eines außer ihr befindlichen Stoffes, als sie eine Stätte nötig hat, um das Morsche dorthin zu werfen. Sie hat vielmehr an ihrem eigenen Raum, ihrem eigenen Stoff und an ihrer eigenen Kunstfertigkeit genug.“ (VIII, 50)

Innenpolitik

Denar des Mark Aurel

Innere Belastungen für das Römische Reich ergaben sich bereits in der Anfangsphase der Regierungszeit Mark Aurels aus einer verheerenden Tiberüberschwemmung und vor allem aus einer Pestepidemie (so genannte Antoninische Pest), die 166/167 von den aus dem Osten zurückkehrenden Truppen eingeschleppt worden war und nahezu das ganze Römische Reich und auch die dicht besiedelte Hauptstadt Rom heimsuchte.

Seinen philosophischen Überzeugungen entsprechend, konzentrierte Mark Aurel sein Regierungshandeln, solange ihm dies möglich war, auf die inneren Strukturen des Reiches. Das besondere Augenmerk galt dabei den Schwachen und Benachteiligten der römischen Gesellschaft, den Sklaven, Frauen und Kindern, deren Situation er zu erleichtern suchte. Mehr als die Hälfte der überlieferten Gesetzgebungsakte des „Philosophen auf dem Kaiserthron“ zielten auf Verbesserung der Rechtsstellung und Freiheitsfähigkeit dieser Bevölkerungsgruppen. In gleicher Richtung hat er auch als oberstes Rechtsprechungsorgan des Reiches gewirkt, ein Amt, das er mit mustergültiger Sorgfalt und beispielloser Hingabe ausgeübt hat. Die Anzahl der Gerichtstage pro Jahr wurde auf seine Anordnung erhöht, so dass schließlich 230 Tage für Verhandlungen und Schlichtungstermine vorgesehen waren. Als er 168 selber gegen die Germanen ins Feld zog – mit Lucius Verus zunächst noch, nach dessen Tod 169 aber ganz auf sich gestellt –, hat er seine richterliche Tätigkeit vor Ort fortgesetzt. Die Prozessbeteiligten mussten ggf. zur Verhandlung im Feldlager anreisen. Der Historiker Cassius Dio berichtet darüber:

„Sooft ihm der Krieg etwas freie Zeit ließ, sprach er Recht. Den Rednern ließ er die Wasseruhren [wie sie bei Gericht gebräuchlich waren] reichlich füllen, und er beschäftigte sich sehr ausführlich mit den einleitenden Untersuchungen und Vernehmungen, um ein allseits gerechtes Urteil zu fällen. So verwandte er oft bis zu elf oder zwölf Tage auf die Verhandlung eines einzigen Falles, obwohl er manchmal sogar nachts Sitzungen abhielt. Denn er war fleißig und widmete sich den Aufgaben seines Amtes mit der größten Sorgfalt. Nie sprach, schrieb oder tat er etwas, als ob es sich um etwas Unwichtiges handle, sondern verbrachte bisweilen ganze Tage über irgend einer winzigen Kleinigkeit, weil er glaubte, es stehe einem Kaiser nicht an, etwas nur obenhin zu tun. Er war nämlich davon überzeugt, daß schon das geringste Versehen ein schlechtes Licht auch auf all seine übrigen Handlungen werfen werde.“[8]

Tiberüberschwemmung, Pestepidemie, Kriegskosten: Es war in einer äußerst bedrängten Lage, dass Mark Aurel sich auch in der Führung des Staatshaushalts zu bewähren hatte. Eine mit der Verminderung des Edelmetallgehalts der Münzen verbundene verdeckte Inflation war unter solchen Umständen wohl kaum vermeidbar. Ansonsten aber trug der Kaiser durch vorbildliche Zurückhaltung in der eigenen Lebensführung dazu bei, dass Ausgabenbegrenzungen etwa im Bereich der Zirkusspiele dem Volk vermittelbar waren. Auch zur Kriegsfinanzierung leistete das Kaiserhaus seinen Beitrag, indem eine Vielzahl wertvoller Gegenstände aus kaiserlichen Besitzständen auf dem Forum zur Versteigerung gebracht wurden. Der Historiker Cassius Dio (Senator unter Commodus; unter Severus Alexander Statthalter der Provinzen Africa, Dalmatien und Oberpannonien) zeigte sich besonders beeindruckt von Mark Aurels Auftreten gegenüber den im Felde siegreichen Soldaten, die als Siegprämie eine Sonderzahlung verlangten. Der Kaiser lehnte dies strikt ab und verwies darauf, dass jede solche Zahlung u.a. den Eltern und Verwandten der Legionäre abgepresst werden müsste.

Militärische Herausforderungen

Mark-Aurel-Säule, Piazza Colonna, Rom

Schon zur Regierungszeit des Antoninus Pius hatte der Partherkönig Vologaeses IV. wohl einen Krieg gegen Rom vorbereitet, um den römischen Einfluss in Armenien zurückzudrängen. Vielleicht haben ihn der Thronwechsel und das noch unerprobte Doppelkaisertum von Mark Aurel und Lucius Verus dann ermutigt, unverzüglich loszuschlagen. Als der römische Statthalter von Kappadokien eine Niederlage erlitt, wurde Lucius Verus mit einem Heer in den Osten entsandt. Verus, den noch vor der Einschiffung eine längere Erkrankung bei Canusium festhielt, gelangte erst Ende 162/Anfang 163 nach Antiochia am Orontes und widmete sich dort zunächst der Reorganisation des demoralisierten Heeres und der Koordination des Nachschubs (siehe auch Partherkrieg des Lucius Verus). Wie Mark Aurel hatte er persönlich keinerlei militärische Erfahrung. Die operative Führung der römischen Gegenoffensive, die 163 begann, oblag daher hauptsächlich erfahrenen Offizieren wie dem aus Syrien stammenden Avidius Cassius. Die Römer drangen schließlich nach Armenien vor, wo der pro-römische Arsakidenprinz Sohaemus als König eingesetzt wurde. 164 begann die römische Hauptoffensive in Mesopotamien; die Osrhoene wurde besetzt, und schließlich fiel 165 die parthische Doppelhauptstadt Seleukia-Ktesiphon in römische Hand, wobei die Königsburg zerstört wurde. Römische Truppen drangen sogar bis nach Medien vor. Der Krieg konnte im Jahr darauf erfolgreich beendet werden, wobei Rom aufgrund der Pestepidemie (siehe oben) aber keinen größeren Gewinn aus dem Sieg ziehen konnte.

War bis zum Sieg über die Parther die Lage im Donau-Grenzraum zwar auch bereits angespannt, aber doch im Wesentlichen beherrschbar geblieben, so änderte sich dies 167/168, als in Pannonien gegen die einfallenden Langobarden und Obier eine erste Schlacht geschlagen werden musste. Dies geschah auch im Zeichen einer Schwächung durch die Antoninische Pest, vermutlich eine Form der Pocken, die die vom östlichen Kriegsschauplatz zurückgekehrten Legionäre eingeschleppt hatten. Der Statthalter von Oberpannonien trat danach in Verhandlungen mit den Germanen, erreichte aber nur eine vorübergehende Beruhigung der Lage mit Hilfe des Markomannenkönigs Ballomar. Denn bereits 169 drangen Ballomars Markomannen gemeinsam mit den Quaden bis über die Alpen nach Norditalien vor und zerstörten die Stadt Opitergium. Noch auf Ammianus Marcellinus, den großen Historiker der Spätantike, verfehlte der Einbruch der Germanen nicht seine Wirkung. [9] Aus späterer Perspektive konnten diese Ereignisse wie Vorboten der großen Völkerwanderung wirken.

In Rom suchte Mark Aurel der nun neben der Pestdepression zusätzlich um sich greifenden Kriegsfurcht mit religiösen Mitteln beizukommen: „Die Opferaltäre rauchten, man schlachtete inmitten der Hungersnot in Massen ausgesuchte Tiere. […] Gleich eine Woche lang wurden die Statuen der Götter als Festgäste mit Köstlichkeiten bewirtet und zugleich um Erbarmen angefleht.“[10] Mark Aurel machte sich nun auch selbst bereit, mit den Truppen ins Feld zu ziehen. Hatte seit den Zeiten Trajans kein Kaiser mehr an der Spitze der Armee im Krieg gestanden, so kam nun die Militärmonarchie als Ursprung des Prinzipats wieder deutlich zum Vorschein.

Beide Augusti, Mark Aurel und Lucius Verus, fanden sich 168 an der Donaufront ein, um Truppeninspektionen durchzuführen und die Lage zu sondieren. Als Ergebnis wurde in der Folge eine spezifische Militärverwaltungszone mit großen Verteidigungsstützpunkten eingerichtet, die „praetentura Italiae et Alpium“. Das Hauptquartier befand sich zu dieser Zeit unweit östlich von Opitergium in Aquileia. Als auch hier die Pest sich ausbreitete, reisten die Imperatoren auf Anraten von Mark Aurels Leibarzt Galen nach Rom ab. Auf diesem Wege verstarb Lucius Verus Anfang 169, vermutlich infolge eines Schlaganfalls. Seine nun verwitwete Tochter Lucilla vermählte Mark Aurel auch gegen deren Widerstand mit Tiberius Claudius Pompeianus, einem besonders fähigen Offizier syrischer Herkunft, den er für die Germanenkriege an sich binden wollte.

Die Datierung der militärischen Operationen im Zuge der Markomannenkriege steht unter dem Vorbehalt einer nicht sehr ergiebigen Quellenlage, deren Deutung eher auf – mehr oder minder große – Wahrscheinlichkeiten hinausläuft als auf gesichertes Wissen.

170 überrannten Germanen und Jazygen das strategisch exponierte Dakien und stießen anschließend bis nach Obermoesien vor. Wohl ebenfalls in dieser Zeit scheiterte eine Offensive unter Mark Aurel äußerst verlustreich: 20 000 Legionäre kamen dabei ums Leben. Auch zwei neu ausgehobene Legionen konnten zunächst nicht verhindern, dass die gesamte Donaufront bedenklich bröckelte; in anderen Teilen des Reiches kam es zu Aufständen und Räubereinfällen. Im Südwesten erhoben sich die Mauren, überwanden die Grenzkastelle und verwüsteten die spanischen Provinzen, sodass Südspanien für zwei Jahre Kriegsgebiet blieb.[11] Der Osten wurde zu einem großen Militärdistrikt zusammengefasst und Avidius Cassius unterstellt.

Markomannenkriege: Mark Aurel begnadigt Germanenhäuptlinge

Nur mit bedeutenden Anstrengungen auch hinsichtlich der Kriegsfinanzierung (s.o.) und unter temporärer Ausweitung der Rekrutierungsbasis des Heeres z.B. auf Gladiatoren-Sklaven gelang es den Römern in der Folge, auch im germanischen Vorfeld jenseits der Donau wieder Fuß zu fassen, die Angreifer zurückzuschlagen und die verschiedenen germanischen Stämme je nach Einschätzung ihrer Zuverlässigkeit durch unterschiedlich bevorzugte Behandlung bei Vertragsschlüssen gegeneinander auszuspielen. In Teilen wurden sie nun auch als Hilfstruppen der Römer an den jeweils aktuellen Kriegsschauplätzen verwendet. Außerdem kam es zu allerdings wenig erfolgreichen Versuchen, begrenzte germanische Bevölkerungskontingente durch Ansiedlung innerhalb der Reichsgrenzen zu integrieren.

Die Lager im Grenzbereich, von denen aus Mark Aurel die militärischen Operationen leitete, wechselten mit den Erfordernissen der Situation. Als Noricum wieder vollständig in römischer Hand war, verlegte er sein Hauptquartier nach Carnuntum. Weitere Standquartiere befanden sich in Sirmium und Vindobona. Für mehrere im Zuge der Markomannenkriege an der Donau stationierte Legionen wurden neue Lager gegründet, so 179 Castra Regina, das heutige Regensburg.

In einer Offensive eroberten die Römer 172 die Region Moravia (Mähren), womit die ebenfalls feindlich gesinnten Sarmaten von den Quaden abgeschnitten waren, und unterwarfen schließlich bis ins Jahr 174 auch die Markomannen und Quaden. Die Gefahr, die von den Jazygen ausgegangen war, wurde gebannt, als Marcus von Sirmium aus gegen sie vorging.

Der wiederholte Hinweis in der Marcusbiographie der Historia Augusta, Mark Aurel habe jenseits der Donau die Einrichtung zweier neuer Provinzen, Marcomannia und Sarmatia, geplant, wird in der Forschung angesichts mangelnder Bestätigung aus anderen Quellen angezweifelt und kontrovers diskutiert. Einerseits hätten Gebirgszüge wie das Riesengebirge eine leichter zu verteidigende Grenze ergeben können, als es die Donau war; andererseits hätten Einrichtung und Ausbau zweier neuer Provinzen Ressourcen erfordert, die in der gegebenen, auf das Äußerste gespannten Lage kaum zur Verfügung standen. Sollte Mark Aurel sich aber tatsächlich mit solchen Absichten getragen haben, dann wurde er 175 durch den Usurpator Avidius Cassius und 180 durch den eigenen Tod an dem Versuch ihrer Verwirklichung gehindert.

Die Gesandtschaft nach China

In chinesischen Quellen findet man einen Bericht über eine römische „Gesandtschaft“, die 166 China erreichte. Die Männer brachten Geschenke mit und gaben an, von Andongni (chin. 安东尼, āndōngní), dem König von Daqin (Rom), (chin. 大秦, W.-G. Ta-ts’in ) geschickt worden zu sein. Mit Andongni (Antoninus) kann nur Antoninus Pius (in diesem Fall hätte die Reise jedoch über fünf Jahre gedauert) oder Mark Aurel gemeint sein. Allerdings dürfte es sich bei den „Gesandten“ nur um herkömmliche römische Kaufleute gehandelt haben.

Christenverfolgungen

In der Regierungszeit Mark Aurels kam es zu den härtesten Christenverfolgungen seit Nero. In den Jahren 166–168 – vermutlich im Zusammenhang mit der Pestepidemie – waren Christen zunächst in dem durch die Partherkriege in Mitleidenschaft gezogenen Ostteil des Römischen Reiches Opfer örtlichen Volkszorns, nicht jedoch einer staatlich gelenkten Initiative. Mark Aurel hielt gegenüber den Christen an der Linie fest, die seit Trajan galt: Sie sollten nicht behördlich belangt werden, solange sie auf öffentliche Bekenntnisse zu ihrem Glauben verzichteten. Im Privatleben konnten sie ihr Christentum demnach in der Regel ungestört praktizieren. Unter krisenhaft veränderten äußeren und inneren Bedingungen gewährleistete diese Regelung jedoch nicht überall die persönliche Sicherheit. So konnten beispielsweise Erlasse mit Aufforderungen an die Bevölkerung, die Staatsgötter angesichts der Pest durch Opfer zu versöhnen, zu Aversionen gegenüber den Christen führen, die solche Opfer aus Glaubensgründen verweigern mussten.

Weitere Christenverfolgungen fanden 177 in Gallien statt. Hierbei waren die bereits erwähnten angespannten Staatsfinanzen als mitursächlich anzusehen. Gladiatoren für die Veranstaltung von Zirkusspielen wurden zunehmend knapp und teuer, da sie teilweise zu Verstärkung der Legionen im Krieg gegen die Germanen verwendet wurden. So stiegen die Kosten für die Veranstaltung derartiger Spiele, die von den Amtsinhabern der städtischen Selbstverwaltungen in den Provinzen zu bestreiten waren, über das erträgliche Maß hinaus. Diesbezügliche Beschwerden aus Gallien dürften dazu geführt haben, dass Kaiser und Senat ein Dekret erließen, wonach zum Tode verurteilte Verbrecher künftig zu Billigpreisen als Gladiatoren in der Arena eingesetzt werden durften. In Lugdunum (Lyon) machten sich daraufhin Teile der Bevölkerung daran, Christen aufzuspüren und sie im Zusammenwirken mit den örtlichen Zuständigen aburteilen zu lassen, sofern sie ihrem Bekenntnis nicht abschworen. Auch eine fremdenfeindliche Komponente könnte zusätzlich bei diesen Vorgängen eine Rolle gespielt haben, denn unter den Märtyrern waren griechische Namen zahlreich vertreten. Der zuständige Prokurator sicherte die Verurteilung der bekennenden Christen durch eine Anfrage in Rom ab. Das kaiserliche Reskript verwies auf die seit Trajan gängige Regelung. Folglich erlitt die Todesstrafe, wer sich öffentlich zum Christentum bekannte.

Nachdem die standhaften Christen in Lugdunum 177 der Sensationslüsternheit des Volkes in der Arena zum Opfer gefallen waren, sind weitere Christenverfolgungen in der Regierungszeit Mark Aurels jedenfalls nicht überliefert. Vielleicht hat er nach Kenntnisnahme des Geschehensablaufs entsprechende Vorkehrungen getroffen.[12] Für den dauerhaften Bestand der christlichen Gemeinden, so Fündling, waren auf lange Sicht die zähen internen Auseinandersetzungen der vielen christlichen Strömungen ohnehin die bedrohlichere Gefahr.[13]

Die Usurpation des Avidius Cassius und das Nachfolgeproblem

Mark Aurel beim rituellen Opfer an den kapitolinischen Jupiter

Im Jahre 175 erhob sich als Usurpator der syrische Statthalter Avidius Cassius. Die Hintergründe sind nicht ganz klar, doch wird sowohl von Cassius Dio als auch in der (allerdings oft sehr unzuverlässigen) Historia Augusta angeführt, Faustina, die Frau des Kaisers, habe in Sorge um die angeschlagene Gesundheit ihres Mannes Kontakt zu Avidius Cassius aufgenommen. Faustina hatte wohl um das Weiterbestehen der Dynastie gefürchtet, da der einzig überlebende Sohn Commodus noch zu jung war. Wahrscheinlich spielte aber auch Faustinas Furcht vor einem Rangverlust eine Rolle, sollte jemand anders nach dem Tod Mark Aurels Kaiser werden. Eventuell wurde die Rebellion dann durch das Gerücht ausgelöst, Mark Aurel sei gestorben; im Osten fand Avidius Cassius, der sich als General im Partherkrieg bewährt hatte, bald großen Zuspruch. Als er jedoch erkannte, dass der Kaiser noch am Leben war, machte er den Fehler, sich ihm nicht zu unterwerfen, und ließ es stattdessen auf einen Kampf ankommen. Angesichts des Übergewichts der Donaulegionen, bei denen er keine Anerkennung fand, war die Lage für Cassius zwar wenig aussichtsreich, aber auch nicht aussichtslos.

Zu einem Bürgerkrieg kam es aber gar nicht erst, da Cassius kurz darauf aus den eigenen Reihen ermordet wurde. Noch an der Donaugrenze ließ Mark Aurel seinen Sohn Commodus aus Rom kommen, schloss mit den Sarmaten Frieden und zog in den Osten des Reichs, um die Lage in den dortigen Provinzen nach dem Aufstand des Avidius Cassius zu beruhigen. Bei dieser Reise starb Mark Aurels Ehefrau Faustina im Alter von 46 Jahren. Man hatte ihr Untreue gegenüber ihrem Gatten nachgesagt. Vielleicht im Wissen darum hatte Mark Aurel sie an die Donaufront kommen lassen und sie zur „Mutter des Feldlagers“ erhoben. Auch nach ihrem Tod verweigerte er ihr ein ehrendes Andenken nicht, was ihn andererseits nicht hinderte, alsbald eine Konkubine zu erwählen. Die Rückreise führte den Kaiser über Athen, wo er für die vier großen, traditionsreichen Philosophenschulen (die Platonische Akademie, das Aristotelische Lykeion, die Stoa und den Epikureismus) je einen Lehrstuhl stiftete.

Am 23. Dezember des Jahres 176 feierte Mark Aurel zusammen mit seinem Sohn Commodus in Rom den Triumph über die Germanen und Sarmaten (siehe oben). Am 1. Januar 177 machte er Commodus (der Zwillingsbruder Titus Aurelius Fulvus Antoninus war als Vierjähriger, der ein Jahr jüngere Bruder Annius Verus Caesar mit sieben Jahren verstorben) zum gleichberechtigten Mitkaiser. Es war das für alle Welt unübersehbare Signal: Commodus würde Mark Aurel nachfolgen. Das ist Marcus in der einschlägigen Literatur teilweise als gravierende Schwäche ausgelegt worden. Wäre es nicht gerade an ihm gewesen, die Tradition seiner Amtsvorgänger fortzusetzen und vermittels einer Adoption die Geschicke des Reiches in die bestmöglichen Hände zu übergeben? Hatte sich Commodus nicht schon in jungen Jahren durch unkalkulierbares, auf Genusssucht angelegtes Verhalten für Herrschaftsaufgaben disqualifiziert?

Commodus

Solche Fragen könnte Mark Aurel sich tatsächlich als Erster gestellt – und letztlich mit sich selbst ausgemacht haben. Zweierlei macht seine Entscheidung erklärbar: Keiner der Adoptivkaiser vor ihm besaß einen leiblichen männlichen Erben, den er hätte zum Nachfolger machen können. Commodus′ Anspruch – er war mit dem Titel „Caesar“ bereits als Fünfjähriger zum Nachfolgeanwärter geworden – war daher durch die von den Amtsvorgängern Mark Aurels während des laufenden Jahrhunderts eingeübte Adoptionspraxis nicht grundsätzlich in Frage gestellt, wobei die Kaiserwürde formal aber ohnehin nicht erblich war (siehe Prinzipat). Den endgültigen Ausschlag gegeben hat aber wohl – nach dem Gang der Ereignisse zu urteilen – der Usurpationsversuch des Avidius Cassius, der zeigte, dass die angeschlagene Gesundheit bzw. das Ableben des Kaisers (175 als Gerücht bereits gezielt gestreut) bei ungeregelter Nachfolgefrage zum Bürgerkrieg hätte führen können. Als verbindliche und möglichst unanfechtbare Lösung bot sich in der gegebenen Situation nur Commodus an.

Mark Aurel, der die problematischen Wesenszüge seines Sohnes registriert haben muss, blieb immerhin die Hoffnung, dass Commodus nach der Pubertät in seine Aufgaben hineinwachsen würde. Reisen und Feldzüge seines Vaters hatte er jedenfalls von Mitte des Jahres 175 an – und bis zu dessen Ende im März 180 – als bereits bestätigter Thronfolger zu begleiten. Gleichwohl blieben Art und Dauer seiner Vorbereitung auf die Herrscherrolle hinter den Möglichkeiten, die Mark Aurel zur Verfügung gestanden hatten, weit zurück. Hätte Mark Aurel zugunsten z. B. eines seiner Schwiegersöhne Commodus nicht zum Zuge kommen lassen, wäre dies nach Fündling im Sinne der Machtsicherung des neuen Herrschers einem Todesurteil gegen den eigenen Sohn gleichgekommen. Commodus’ alsbald bevorzugte Selbstinszenierung als keulenschwingender Herkules und Gladiator ist für Fündling weniger abwegig, als es auf den ersten Blick scheint. Demnach firmierte Herkules auch als Sinnbild eines rastlosen Herrschers, der die Welt in Übereinstimmung mit stoischen Grundsätzen von Plagen reinigt: „Das Spektakel des blutbespritzten Commodus mag ein Versuch gewesen sein, aus dem Vorbild etwas Eigenes zu machen, ein auf den Hund gekommener Stoizismus.“[14]

Tod und Nachwirkung

Am 3. August 178 brachen Mark Aurel und Commodus zum zweiten Markomannenkrieg auf. Auf diesem Feldzug starb der Kaiser am 17. März 180, vermutlich in Vindobona, dem heutigen Wien (Tertullian nennt allerdings Sirmium als Sterbeort) an einer uns nicht weiter bekannten Krankheit. Einige Wissenschaftlern gehen jedoch von der Antoninischen Pest als Todesursache aus[15], andere vermuten ein Krebsleiden. Mit Ausbruch der Krankheit und in Erwartung des nahen Todes ließ der Kaiser seinen Sohn Commodus rufen und mahnte ihn angeblich, den Feldzug bis zum Sieg fortzusetzen. Commodus habe es in dieser Situation – möglicherweise aus Angst vor Ansteckung - eilig gehabt, sich wieder zu entfernen. Daraufhin soll Mark Aurel, um das eigene Ende zu beschleunigen, das Essen und Trinken verweigert haben und bald darauf verschieden sein. Seinen klagenden Freunden entgegnete er der Überlieferung nach: „Was weint ihr um mich? Weint um die Pest und das Sterbenmüssen aller!“[16] Seine Asche wurde in Rom im Mausoleum Kaiser Hadrians, der späteren Engelsburg, beigesetzt. Ihm zur Ehren ließ der Senat von Rom eine Ehrensäule (Mark-Aurel-Säule) errichten. Diese ist auf der nach ihr benannten Piazza Colonna in Rom zu finden.

Die bekannteste Darstellung Mark Aurels ist sein bronzenes Reiterstandbild, das seit der Renaissance auf dem von Michelangelo gestalteten Platz (Piazza del Campidoglio) des Kapitols in Rom aufgestellt ist (jetzt in Nachbildung, das Original im benachbarten Museum). Dieses Reiterstandbild ist, seit der Einführung des Euro im Jahr 2002, auf der 50-Cent-Münze der italienischen Version dieser Währung abgebildet. Ein weiterer Abguss der Reiterstatue steht in Tulln an der Donau. Die Statue soll an die jahrhundertelange Anwesenheit der Römer an der Donaugrenze erinnern.

Das Bild, das Mark Aurel als Herrscher geboten hat, sowie seine überlieferten philosophischen Reflexionen haben ihm unter Zeitgenossen und Nachgeborenen vielfach Respekt und Bewunderung eingetragen, in breiten Bevölkerungskreisen des Römischen Reiches wie unter Aristokraten und Herrschern. In seine Nachfolge stellten sich etwa Septimius Severus und in der Spätantike der ebenfalls philosophisch interessierte Julian Apostata. Die Mark Aurel speziell bezeugte Verehrung mag noch verstärkt worden sein durch die nach seiner Regierungszeit einsetzenden Turbulenzen, die seinen Tod als Zäsur erscheinen ließen – mit den Worten des Senators und Historikers Cassius Dio als Abstieg in ein Zeitalter von „Eisen und Rost“.[17] Den Christen galt er – trotz der Christenverfolgungen in seiner Regierungszeit – als guter Kaiser.

Die neuzeitliche Wiederentdeckung Mark Aurels trug ihm erneut breite Verehrung ein: „Während der Aufklärung wurde er geradezu Modeautor, der besonders Voltaire begeisterte. Vernunft, Humanität, Pflichtgefühl und ein nichtchristlicher Gottesbegriff: So sollte ein König sein.“[18] Der berühmte Historiker Edward Gibbon vertrat in seinem Werk History of the Decline and Fall of the Roman Empire in Anlehnung an Cassius Dio die Meinung, dass mit dem Tod Mark Aurels ein goldenes Zeitalter endete.[19] Von der Neuzeit bis in die Gegenwart haben sich bedeutende Persönlichkeiten als seine Anhänger bekannt, darunter politisch Verantwortliche wie der aufgeklärte preußische Monarch Friedrich II. oder der deutsche Altbundeskanzler Helmut Schmidt, aber auch z. B. russische Literaten wie Anton Tschechow oder Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky.

Seine eigene Sicht zur Frage des Nachruhms hat Mark Aurel in den Selbstbetrachtungen behandelt:

„Einst gebräuchliche Worte sind jetzt unverständliche Ausdrücke. So geht es auch mit den Namen ehemals hochgepriesener Männer wie Camillus, Kaeso, Volesus, Leonnatus, und in kurzer Zeit wird das auch mit einem Scipio und Cato, nachher mit Augustus und dann mit Hadrian und Antoninus der Fall sein. Alles vergeht und wird bald zum Märchen und sinkt rasch in völlige Vergessenheit…“ (IV, 33)

Quellen

Neben den Selbstbetrachtungen (siehe unten):

Eine detailliertere Darstellung der Quellensituation bietet Birley.[20]

Die Selbstbetrachtungen
  • F. C. Schneider (Übers.), 1857: Selbstbetrachtungen bei Project Gutenberg; Meditationen bei zeno.org.
  • Wilhelm Capelle (Übers.): Selbstbetrachtungen. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-00412-7.
  • Rainer Nickel (Übers.): Wege zu sich selbst. Piper, München 2003, ISBN 3-492-23816-5.
  • Albert Wittstock: Selbstbetrachtungen. Reclam, Stuttgart 1949; Nachdruck 1995, ISBN 3-15-001241-4.

Es sei auch auf die englische Ausgabe mit Übersetzung und Kommentar von Farquharson hingewiesen:

  • A.S.L. Farquharson: The Meditations of the Emperor Marcus Antoninus. 2 Bde., Oxford 1944 (Zahlreiche Nachdrucke, auch ohne Originaltext und Kommentar.)

Literatur

Historisch-biografische Literatur
  • Anthony R. Birley: Mark Aurel. Kaiser und Philosoph. 2. durchgesehene und erweiterte Auflage. Beck, München 1977, ISBN 3-406-06760-3. Überarbeitete Ausgabe auf Englisch: Marcus Aurelius. A biography. Batsford, London 1987, ISBN 0-7134-5428-8. (Standardwerk)
  • Detlev von der Burg (Hrsg.): Marc Aurel. Der Reiter auf dem Kapitol. Hirmer, München 1999, ISBN 3-7774-8340-0. (Kunsthistorische Studie bezüglich der Reiterstatue.)
  • Richard P. Duncan-Jones: The impact of the Antonine plague. In: Journal of Roman Archaeology 9 (1996), S. 108–136.
  • Jörg Fündling: Marc Aurel. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008.
  • Pierre Grimal: Marc Aurèle. Paris 1991.
  • Richard Klein (Hrsg.): Marc Aurel. Darmstadt 1979, ISBN 3-534-07802-0. (Wichtige Aufsatzsammlung)
  • Cornelius Motschmann: Die Religionspolitik Marc Aurels. Hermes-Einzelschriften, H. 88, Franz Steiner Verlag. Stuttgart 2002, ISBN 3-515-08166-6.
  • Klaus Rosen: Marc Aurel. 3. Auflage. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50539-8. (Knappe, aber nützliche Einführung.)
  • Klaus Rosen: Die angebliche Samtherrschaft von Marc Aurel und Lucius Verus. Ein Beitrag der Historia Augusta zum Staatsrecht der Römischen Kaiserzeit. In: Historiae Augustae Colloquia, Nov.Ser. I, Macerata 1991, S. 271–285.
  • Greg R. Stanton: Marcus Aurelius, Lucius Verus, and Commodus. 1962–1972. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt II 2 (1975), S. 478–549. (Älterer Forschungsüberblick)
Sekundärliteratur zu den Selbstbetrachtungen
  • A.E. Adrogans: Marc Aurel als Kompassnadel – Lebenskunst in der Weltgesellschaft. Norderstedt 2004, ISBN 3-8334-1703-X.
  • Pierre Hadot: Die innere Burg. Anleitung zu einer Lektüre Marc Aurels. Eichborn, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-8218-0642-7. (Wichtiges Standardwerk)
  • R.B. Rutherford: The meditations of Marcus Aurelius. A study. Clarendon Press, Oxford 1989 und Nachdrucke, ISBN 0-19-814755-4.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Annähernd gleich oft findet sich die Schreibung „Marc Aurel“. Marcus Annius Verus (oder Marcus Catilius Severus, wie er auch genannt wurde) nahm nach seiner Adoption durch Kaiser Antoninus Pius den Namen Marcus Aelius Aurelius Verus an (die alternative Benennung als Aurelius Caesar Augusti Pii Filius ist ebenfalls überliefert).
  2. Name ohne kaiserliche Titulatur. Sein vollständiger Name nebst Titulatur zum Zeitpunkt seines Todes lautete Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus Augustus Germanicus Sarmaticus, Pontifex Maximus, Tribuniciae potestatis XXXIV, Imperator X, Consul III, Pater patriae.
  3. Alle nachfolgenden Zitate aus den Selbstbetrachtungen entstammen der Übertragung von Albert Wittstock; siehe dazu: Literatur
  4. Fündling hebt hervor, dass die Geburt des Marcus schon deshalb von speziellem Interesse für Hadrian war, weil Mark Aurels Großvater Annius Verus wegen seiner loyalen Haltung sowie in seinen Funktionen als amtierender Konsul und Stadtpräfekt (und damit als einziger in Rom über Truppen verfügender Angehöriger des Senatorenstandes) dem kinderlosen Herrscher besonders nahe stand: „Falls der kleine Annius überlebte, würde man über ihn nachdenken müssen …“ (Fündling, S. 17).
  5. Mit weniger als 16 Jahren war vor Mark Aurel niemand in diesen Kreis gewählt worden. Die Ausnahme ging offenbar auf Hadrian als Pontifex Maximus zurück (Fündling, S. 24).
  6. Fündling, S. 38.
  7. Historia Augusta, Marcus Aurelius 2, 6; Birley, S. 61
  8. Zitiert nach Birley 1977, S. 326f.
  9. Vgl. Ammian 29,6,1
  10. Fündling, S. 97.
  11. Fündling, S. 110.
  12. Vgl. Paul Keresztes: War Marc Aurel ein Christenverfolger?. In: Richard Klein (Hrsg.): Marc Aurel. Wiss. Buchges., Darmstadt 1979, ISBN 3-534-07802-0, S. 261–303. 
  13. Fündling, S. 159.
  14. Fündling, S. 173f.
  15. Stefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. Düsseldorf 1997. S. 434.
  16. Historia Augusta, Marcus Aurelius 28,4; Übersetzung nach Fündling, S. 171, der ebenda resümiert: „So wählte er sein Ende gewissermaßen doch noch selbst.“
  17. Fündling, S. 178: „Dass Marcus’ Zeit für Dio den letzten festen Punkt jenes Verhältnisses von Kaiser und Senat verkörperte, zu dem Rom zurückkehren sollte, steht fest.“
  18. Fündling, S. 180, der seine durchaus nicht apologetisch gemeinte biographische Darstellung an das Ziel gebunden hat, Mark Aurel im Kontext von „Bedingtheit, Abhängigkeit, Zwang, Denkhindernisse(n), Konventionen und automatische(n) Abläufe(n)“ zu betrachten (S. 12).
  19. Vgl. Gibbon, Decline and Fall, Kapitel 1.
  20. Birley, Mark Aurel, 1977, S. 409ff.; bzw. Marcus Aurelius, 1987, S. 226ff.
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