Sonnenstein (NS-Tötungsanstalt)

Sonnenstein (NS-Tötungsanstalt)
Ansicht von Pirna mit Festung Sonnenstein um 1757 von Canaletto
Schloss Sonnenstein, 2005

Der Sonnenstein in Pirna, Sachsen, ist ein Berg mit ehemaliger Festung und Schloss, heute unter dem Begriff „Schloss Sonnenstein“ bekannt. Erstmals 1269 genannt, sicherte er die Wege von Stolpen nach Prag und vom Königstein nach Meißen.

Inhaltsverzeichnis

Festung und Heilanstalt

Die frühe Burganlage, 1460 zum Schloss umgebaut, 1486 abgebrannt und fünf Jahre später wieder aufgebaut, wurde 1688 unter Kommandant Wolf Caspar von Klengel zur Festung erweitert. Im Siebenjährigen Krieg verfallen und bereits seit 1764 zivil genutzt, wurde die Anlage 1811 zur Anstalt für als heilbar angesehene Geisteskranke mit einem wegen ihres reformpsychatrischen Konzepts guten Ruf. Hausarzt und Direktor dieser Heilanstalt wurde Dr. Ernst Gottlob Pienitz. Doch schon am 14. September 1813 besetzten französische Truppen den Sonnenstein und erzwangen die Evakuierung der 275 Patienten, beschlagnahmten Vorräte und trugen die Dachstühle wegen drohender Brandgefahr ab. Im September 1813 wohnte Kaiser Napoleon zeitweilig im Marienhaus am Markt. Bis zur Kapitulation Dresdens am 11. November verteidigten die Franzosen die Festung. Erst im Februar konnte der Betrieb der Heilanstalt wieder notdürftig aufgenommen werden.

Nach den Befreiungskriegen war es Gottlob Adolf Ernst von Nostitz und Jänkendorf, der die Heilanstalt für Geisteskranke reformierte.

Zwischen 1855 und 1914 wurde die Anstalt durch zahlreiche Neubauten erweitert. 1902 wurde die Anstaltskirche eingeweiht. Von 1922 bis 1939 wurde die staatliche Pflegerschule auf den Sonnenstein verlegt.

Der vor allem durch Freuds Aufsatz 1910/11 Psychoanalytische Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia Paranoides) bekannte Gerichtssenatspräsident Dr. Daniel Paul Schreber war mehrere Jahre auf Sonnenstein interniert (vom Juni 1894 bis zum Dezember 1902). Der damalige Anstaltsdirektor Dr. Guido Weber, der von 1893 bis 1910 Direktor der Anstalt war, [1] hat in dem Entmündigungsprozess mehrere Gutachten über Schreber verfasst.

1928 wurde Prof. Hermann Paul Nitsche zum Direktor der auf über 700 Patienten angewachsenen Heilanstalt Sonnenstein berufen. Mit seinem Antritt begann die systematische Ausgrenzung der chronisch psychisch Kranken. Als Befürworter der „Rassenhygiene“ und „Euthanasie“ setzte er Zwangssterilisationen, fragwürdige „Zwangsheilbehandlungen“ und „Verpflegungssparrationierungen“ gegen „erbkranke“ Patienten durch. Im Herbst 1939 wurde die Anstalt durch einen Erlass des sächsischen Innenministers geschlossen und als Reservelazarett und Umsiedlerlager eingerichtet.

NS-Tötungsanstalt

Hauptartikel: Aktion T4 und Gedenkstätte Pirna Sonnenstein

Berüchtigt wurde die Anlage durch ihre Benutzung in der NS-Euthanasieaktion (oder Aktion T4), bei der unter der Leitung des Arztes Horst Schumann in Pirna von Juni 1940 bis August 1941 13.720 Patienten sowie 1.031 KZ-Häftlinge durch Vergasung getötet wurden. Die meisten Opfer stammten aus psychiatrischen Anstalten, Heimen für geistig behinderte Menschen sowie Alters- und Pflegeheimen. Es gab Wochen in denen bis zu 100 Menschen pro Arbeitstag vergast wurden. Ein Krematorium mit zwei Krematoriumsöfen wurde vom Unternehmen Kori (Berlin) geliefert. Sie wurden aus Ziegelsteinen gemauert, ähnlich später den Öfen im KZ Mauthausen.

Tötungsärzte

Die T4-Organisatoren Viktor Brack und Karl Brandt ordneten an, dass die Tötung der Kranken ausschließlich durch das ärztliche Personal erfolgen durfte, da sich das Ermächtigungsschreiben Hitlers vom 1. September 1939 nur auf Ärzte bezog. Die Bedienung des Gashahns war somit Aufgabe der Vergasungsärzte in den Tötungsanstalten. Allerdings kam es im Laufe der Aktion auch vor, dass bei Abwesenheit der Ärzte oder aus sonstigen Gründen, der Gashahn auch vom nichtärztlichen Personal bedient wurde. Alle Ärzte traten im Schriftverkehr nach außen nicht mit ihrem richtigen Namen auf, sondern verwendeten Tarnnamen. In Sonnenstein waren als Tötungsärzte tätig:

  • Leiter: Horst Schumann („Dr. Blume“): Juni 1940 bis August 1941
  • Stellvertreter: Curt Schmalenbach („Dr. Palm“): Herbst 1940 bis Dezember 1940
  • Stellvertreter: Klaus Endruweit („Dr. Bader“): 22. November 1940 bis August 1941
  • Stellvertreter: Kurt Borm („Dr. Storm“): Dezember 1940 bis August 1941

In der Pirnaer Bevölkerung kursierten trotz strengster Geheimhaltung Gerüchte über die Krankenmorde in der Tötungsanstalt. Dass die damalige Bevölkerung darüber schwieg, mag mit passiver Akzeptanz und diffuser Angst vor Sanktionen zusammengehangen haben. Heute erinnert daran die Gedenkstätte Pirna Sonnenstein und das Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein.

Haus C16, in dessen Keller die Vergasungen bis 1941 stattfanden, heute

Nach dem Ende der Krankenmorde 1941 wurden auf dem Gelände des Sonnensteins die Adolf-Hitler-Schule Gau Sachsen, die Reichsverwaltungsschule und ein Wehrmachtslazarett eingerichtet, welche bis 1945 Bestand hatten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren bis 1949 Flüchtlingslager und ein Quarantänelager für entlassene Wehrmachtsangehörige, das Landratsamt und eine Polizeischule (bis 1954) untergebracht.

Fabrik und seit 1977 Kreisrehabilitationszentrum

Von 1954 bis 1991 wurde ein großer Teil des Geländes überwiegend vom Strömungsmaschinenwerk zum Bau von Flugzeugturbinen genutzt.

1977 wurde das Kreisrehabilitationszentrum Pirna im Schlossbereich eingerichtet. 1991 ging daraus die Werkstatt für behinderte Menschen in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt hervor.

Gedenken, Dauerausstellung

Eine historische Dauerausstellung wurde im Dachgeschoss des Hauses C 16 2000 eröffnet. Sie wurde nach einer Phase des ehrenamtlichen Engagements der Bürgerinitiative im Auftrag der staatlichen Stiftung Sächsische Gedenkstätten eingeweiht. In einem weiteren Gedenkraum im Keller des Hauses, in dem sich die Gaskammer befand, werden stellvertretend Schicksale von 22 der Mordopfer dokumentiert.

Literatur

  • Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation“ (Hrsg.): Tödliches Mitleid. NS-„Euthanasie“ und Gegenwart; Münster: Klemm & Oelschläger, 2007; ISBN 978-3-932577-53-6
  • Boris Böhm: Geschichte des Sonnensteins und seiner Festung; hrsg. v. Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.V.; Pirna 1994
  • Literaturbeiträge zur nationalsozialistischen „Euthanasie“-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41 und f. Jahre im Hauptartikel: Gedenkstätte Pirna Sonnenstein sowie im Artikel Die Euthanasiemorde in der NS-Zeit oder Aktion T4
  • Tino Hemmann: „Der unwerte Schatz“. Die Lebensgeschichte eines Leipziger Kindes bis zur Tötung in Pirna/Sonnenstein; [Leipzig:] Engelsdorfer, 2007; ISBN 978-3-86703-223-0
  • Thomas Schilter: Unmenschliches Ermessen. Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41. In: Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Bd. 5, Leipzig 1998.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. einige biographische Angaben über Weber S. 25

Weblinks

50.96095833333313.9476777777787Koordinaten: 50° 57′ 39″ N, 13° 56′ 52″ O


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