Flugasche (Roman)

Flugasche (Roman)

Flugasche ist der Name eines Romans von Monika Maron, der 1981 im S. Fischer Verlag erschien.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsangabe

Der Roman Flugasche, veröffentlicht im Jahre 1981 in Frankfurt am Main, handelt von einer Journalistin namens Josefa Nadler, die eine Reportage über das gesundheitsschädigende Braunkohlekraftwerk in der Stadt Bitterfeld schreibt. Die Reportage wird aufgrund des Inhaltes nicht veröffentlicht, da die Regierung der DDR verbietet, dass die negativen Auswirkungen, die die Braunkohleverbrennung auf Bitterfeld hat, bekannt gemacht werden. Neben dem beruflichen Konflikt der Protagonistin beschreibt Monika Maron das einsame Privatleben Josefa Nadlers.

Die Journalistin Josefa Nadler arbeitet bei der Zeitung „Illustrierte Woche“ in Ost-Berlin und bekommt von ihr den Auftrag, eine Reportage über Bitterfeld zu schreiben. Sie entscheidet sich, die Wahrheit darzustellen, und schildert die Folgen der Emissionen des Kraftwerks auf Bitterfeld. Die Reportage wird nicht gedruckt, und Josefa Nadler muss sich vor der Parteileitung der SED sowie vor vielen Kollegen rechtfertigen und ihren eigenen Standpunkt erklären. Da ihre Reportage nicht veröffentlicht wird, schreibt sie einen Beschwerdebrief an den „Hohen Rat“, der der Partei den Auftrag gibt, die Beschwerdeführerin auf ihre politische Einstellung zu überprüfen. Am Ende des Romans steht der Erfolg, dass das Braunkohlekraftwerk in Bitterfeld „unter Berücksichtigung der Bürger von B.“[1] geschlossen wird. Die berufliche Zukunft der Journalistin lässt Monika Maron letztendlich offen.

Josefa Nadler ist 30 Jahre alt, geschieden, hat einen Sohn und ist allein erziehend. Ihr Privatleben leidet unter dem beruflichen Druck. Sie wünscht sich, in ihrem Beruf die Wahrheit schreiben zu dürfen, und sehnt sich somit nach Presse- und Meinungsfreiheit in der DDR. Andere wichtige Bereiche, mit denen sich die Autorin in ihrem Roman beschäftigt, sind die Gefühle der Journalistin wie zum Beispiel die Geborgenheit sowie die Angst und die Einstellungen der Bürger zu dem sozialistischen System.

Analyse

Der Roman „Flugasche“ ist in der Ich-Perspektive, aus der Sicht der Journalistin Josefa Nadler geschrieben. Der Leser weiß über die Gefühle und Gedanken der Protagonistin Bescheid und kann sich in sie hineinversetzen. Monika Marons Schreibstil ist nicht ungewöhnlich, sie verwendet kurze, aber auch sehr lange Sätze und viel direkte Rede. Die Gedanken der Protagonistin gehen manchmal in Träume über, sodass der Leser verwirrt ist und die Textstelle genauer nachlesen muss, um sie zu verstehen[2].

Interpretation

„B. ist die schmutzigste Stadt Europas“[3] ist der Titel der Reportage, die die Journalistin Josefa Nadler in Monika Marons Buch Flugasche über die Stadt Bitterfeld schreibt. In der Zeitung oder im Fernsehen wird Bitterfeld als ökonomisch hervorragende Stadt beschrieben, doch die ökologischen Probleme werden verschwiegen, indem über sie nicht in der Öffentlichkeit thematisiert werden. Der Schwerpunkt des Romans „Flugasche“ liegt damit auf der Umweltproblematik in der DDR. Monika Maron schreibt in ihrem Buch, dass ursprünglich in Bitterfeld ein neues Kraftwerk gebaut werden sollte, damit das alte abgerissen werden konnte. Doch die Regierung entscheidet, dass das alte Kraftwerk doch noch gebraucht wird, sodass zwar ein neues, sichereres und saubereres Kraftwerk gebaut, doch das alte weiter betrieben wird[4]. Monika Maron fordert, dass das alte Kraftwerk geschlossen wird, und kritisiert die Entscheidung der Regierung über den weiteren Betrieb. Zuerst macht diese den Bürgern Hoffnung über die Schließung des umweltschädlichen Kraftwerkes, doch letztendlich sind es nur leere Versprechungen. Wenn die Regierung höhere Produktionszahlen benötigt, sei es doch, so Maron, möglich, das alte Kraftwerk zu erneuern oder auf andere Kraftwerke umzusteigen, die Bitterfeld entlasten könnten. Es gebe also andere Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage in Bitterfeld, und für diese setzt sich Monika Maron ein. Aber der Regierung ist die wirtschaftliche Lage ihres Landes und somit auch die Produktionssteigerungen wichtiger als das Wohlbefinden ihrer Bürger.

Um den Roman Flugasche zu verstehen, muss man sich mit Monika Marons Intention auseinandersetzen. Sie wollte den Menschen die tatsächlichen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR näher bringen, um ihnen zu erklären, warum die Regierung so mit den Menschen umging beziehungsweise umgehen konnte und inwiefern sich die Menschen überhaupt wehren konnten. Die Autorin verdeutlicht, dass durch das sozialistische System die Demokratie völlig ausgeschaltet war und die Bürger nicht mitentscheiden durften[5]. Monika Maron kritisiert die Regierung, die die Einstellungen der Bürger in der DDR durch ihre Vorgehensweise manipuliert hat. „Die Menschen haben sich gewöhnt, und es geht eben nicht alles auf einmal, historische Notwendigkeiten und so weiter“[6], ist die Devise der Menschen in der DDR. Durch die Naivität, den Glauben an die Regierung und deren Versprechen und durch den Alltag haben die Menschen gelernt, sich nicht zu wehren und alles so hinzunehmen, wie es ihnen vorgegeben wurde. Die Autorin bewertet das als die „Willkür der Zeit, in die man geboren wurde“[7]. Es herrschte die Angst vor dem, was passieren könnte, falls man sich wehren würde oder nicht nach den Vorgaben der Regierung handeln würde. Durch das Ministerium für Staatssicherheit wurden viele Bürger und sogar Parteimitglieder der SED überwacht und bespitzelt. Sobald Auffälligkeiten vorkamen wie zum Beispiel ein besonders enger Kontakt zu einer anderen Person, die nicht in der Partei war, musste das der SED gemeldet werden, da man „Konterrevolutionärer Umtriebe“[8] verdächtigt wurde. Diese Überwachungsmethoden, die auch zur Unterdrückung führten, steigerten die Angst der Bürger, sodass diese sich möglichst unauffällig verhielten und nicht versuchten sich zu wehren. Wollten sie dennoch versuchen etwas zu verändern, gab es harte Konsequenzen, die das Leben der Person zerstören oder erheblich beeinträchtigen konnten, wie das Leben der Journalistin Josefa Nadler belegt. Diese steht unter erheblichen Druck aufgrund von Repressalien.

Monika Marons Protagonistin ist eine Frau, die durch ihre Träume und Phantasien ihre innerlichen Wünsche darstellt. Josefa Nadler soll ein Beispiel für die Bürger sein, die sich genau wie die Journalistin nach der Freiheit und Unabhängigkeit sehnen. Josefa Nadler wünscht sich die Presse- und die Meinungsfreiheit[9]. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Pressefreiheit in der DDR zwar offiziell wieder eingeführt. Allerdings wurden die Zeitungsinhalte vorgegeben und für Bücher musste man Druckgenehmigungen haben. Die Menschen in der DDR protestieren und wehrten sich nicht dagegen, sondern nahmen die Abschaffung der Pressefreiheit hin. Pressesprecher wie der des Kraftwerkes in Bitterfeld wurde es verboten, öffentlich zu den ökologischen Problemen Stellung zu beziehen, und auch Journalisten durften nicht die Wahrheit schreiben[10]: „Da Ammoniak und Salpetersäure und Kohlenstoffdioxid nicht einfach aus der Luft zu schaffen sind, ist es Aufgabe der Berichterstatter das Bewusstsein der Leser zu vernebeln.“[11].

Monika Maron hat sich nicht von der Regierung der DDR einschüchtern lassen und den Roman Flugasche veröffentlicht. Die Autorin wollte den Menschen die Augen öffnen und ihnen die Wahrheit über ihr Land mitteilen.

Historischer Hintergrund

Monika Maron war bis 1976 Reporterin bei der „Wochenpost“ und aus dieser Zeit stammt der Stoff für den Roman Flugasche. Sie veröffentlichte am 21. Juni 1974 eine Reportage über Bitterfeld in der „Wochenpost“, die nicht komplett der Zensur zum Opfer fiel, sondern mit Veränderungen gedruckt wurde. Monika Maron beschreibt größtenteils ihre eigenen Erlebnisse. Der „Wochenpost“ entspricht im Roman die fiktive „Illustrierte Woche“ und Josefa Nadler stellt Monika Maron dar. „Der Eingeweihte [kann] in vielen handelnden Personen Kollegen wiedererkenn[en], wenn ihm Vorgänge bekannt vorkommen.“[12]. Die Erfahrungen, die Monika Maron damals durch den Versuch der Veröffentlichung ihrer Reportage gemacht hat, hat sie in ihrem Roman niedergeschrieben, vor allem um den Menschen die Wahrheit über Bitterfeld mitzuteilen, die in der Reportage nur teilweise stand, da diese einen positiven Ausgang hatte. „Eine Konzession an die ZK-Beckmesser, die die ,Wochenpost‘ ohne den halbwegs optimistischen Ausklang gnadenlos attackiert hätten“, so ein Mitarbeiter der Wochenpost. Gegen 1978 trat die Autorin aus der SED aus und beendete ihre Kooperation mit der Regierung. Monika Maron weigerte sich schon vorher, Informationen über Freunde oder Bekannte preiszugeben, und wehrte sich gegen das sozialistische System. Sie konnte sich dieses leisten, da ihr 1975 verstorbener Stiefvater Karl Maron bis 1963 Innenminister der DDR sowie ein auch nach seinem Tod in der Parteiführung hoch angesehener Mann war. Aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Beziehung genoss sie das Privileg, ein Visum zu erhalten, mit dem sie nach Westdeutschland gelangen konnte. Vor Verhaftung war Monika Maron durch ihre Position geschützt. In der DDR wurde das Buch allerdings nicht veröffentlicht; der stellvertretende Kulturminister begründete das damit, dass Monika Maron darin Schwarzmalerei betreibe.

Die Autorin übernimmt größtenteils reale Fakten, wenn Probleme im Roman auch gelegentlich ein wenig übertrieben dargestellt werden. Nachweisbar ist das aufgrund von verschiedenen Untersuchungsergebnisse, die zur Zeit der DDR erarbeitet wurden, aber erst nach der Wende veröffentlicht wurden.

Selbstauskunft der Autorin

Die genauen Umstände der Entstehung ihres Romans Flugasche schilderte Monika Maron 2007 in einem Beitrag für die von Renatus Deckert herausgegebene Anthologie Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt.

Darin erzählt sie auch von der schwierigen Publikationsgeschichte ihres Erstlings, der in der DDR nicht erscheinen konnte, daraufhin aber vom S. Fischer Verlag in der Bundesrepublik veröffentlicht wurde. An den Tag des Erscheinens erinnert sie sich wie folgt: „Am 13. Februar 1981, dem Auslieferungstag von Flugasche, saß ich in meiner Wohnung in Pankow und stellte mir vor, wie über die bundesdeutschen Autobahnen in alle Himmelsrichtungen Lastwagen fuhren, mit meinem Buch in der Fracht.“[13]

Einzelnachweise

  1. „Flugasche“, S. 244
  2. vgl. „Flugasche“, S. 164
  3. „Flugasche“, S. 32
  4. vgl. „Flugasche“, S. 20
  5. vgl. „Flugasche“, S. 33
  6. „Flugasche“, S. 22
  7. „Flugasche“, S. 155
  8. „Flugasche“, S. 53
  9. vgl. „Flugasche“, S. 102 und 142
  10. vgl. „Flugasche“, S. 133
  11. „Flugasche“, S. 142
  12. Klaus Polkehn: 21. Juni 1974: Flugasche in Bitterfeld. In: Elke Gilson (Hrsg.): Zum Werk von Monika Maron. Frankfurt am Main. Fischer Verlag. 2006. S. 144f.
  13. Vgl. Monika Maron: Flugasche, in: Renatus Deckert (Hrsg.): Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt. Suhrkamp Verlag 2007, S. 209-211, 211.

Literatur

  • Monika Maron: Flugasche. Roman. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1981. ISBN 3-596-22317-2
  • Manuel Cuadra: Bitterfeld. Braunkohlebrachen. Probleme, Chancen, Visionen. München: Prestel Verlag 1998. ISBN 978-3-79-131267-5
  • Josef Hille, Ralf Ruske, Roland W. Scholz und Fred Walkow (Hrsg.): Bitterfeld. Modellhafte ökologische Bestandsaufnahme einer kontaminierten Industrieregion. Beiträge der 1. Bitterfelder Umweltkonferenz. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1992. ISBN 978-3-503-03348-5
  • Elke Gilson (Hrsg.): „Doch das Paradies ist verriegelt…“. Zum Werk von Monika Maron. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2006. ISBN 978-3-59-617199-6
  • Monika Maron: Bitterfelder Bogen. Ein Bericht. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2009. ISBN 978-3-10-048828-2

Weblinks


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