Relais (Dolmetschen)

Relais (Dolmetschen)

Simultandolmetschen ist eine Form des Dolmetschens, bei der die Verdolmetschung fast gleichzeitig mit dem Ausgangstext produziert wird. Der Begriff "simultan" bezieht sich hierbei nicht auf die zeitliche Dimension, sondern darauf, dass der Dolmetscher zwei Tätigkeiten zur gleichen Zeit ausübt, nämlich Hören und Sprechen. Der zeitliche Abstand zwischen den Äußerungen des Redners und des Dolmetschers wird fachsprachlich als Décalage (französisch: Décalage, Verschiebung) bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Formen des Simultandolmetschens

Die heute häufigste Form des Simultandolmetschens ist die Arbeit in der Dolmetschkabine (Kabinendolmetschen). Dabei sind meist hinten im Veranstaltungsraum eine oder mehrere schallisolierte Kabinen installiert, die üblicherweise mit zwei bis drei Dolmetschern besetzt sind. Simultandolmetscher arbeiten aufgrund der hohen psychischen (Konzentration) und physischen (Stimme) Belastung stets in Teams zusammen, wechseln sich regelmäßig ab und unterstützen sich bei eventuellen Schwierigkeiten (z. B. könnte der Dolmetscher, der gerade nicht spricht, den Techniker auf Störungen in der Tonqualität hinweisen). Die Dolmetscher hören den Redner per Kopfhörer und sprechen in ein Mikrofon, dessen Signal wiederum bis zu den Kopfhörern der Zuhörer weitergeleitet wird. Eine Sonderform des Kabinendolmetschens ist das Dolmetschen im Relais-System. Hierbei wird in einer sogenannten Leitkabine aus einer vergleichsweise selten international verwendeten oder "kleinen" Sprache (etwa Estnisch) in eine häufiger verwendete Konferenzsprache (etwa Englisch) gedolmetscht und diese Verdolmetschung dann von den anderen Dolmetschkabinen als Ausgangstext abgenommen.

Für Veranstaltungen mit geringer Teilnehmerzahl, insbesondere auch unter Bedingungen, die keine Nutzung einer Dolmetschkabine erlauben, z. B. im Freien, kommt das Simultandolmetschen mit Personenführungsanlage in Betracht. Der Dolmetscher hört dabei den Redner direkt und spricht in das Mikrofon der Personenführungsanlage, dessen Signal mittels mobiler Überstragungstechnik zu den Kopfhörern der Zuhörer weitergeleitet wird. Damit kann zum Beispiel eine Gruppe bei einer Betriebsbesichtigung begleitet werden.

Eine noch geringere Zahl von Zuhörern kann unter bestimmten Bedingungen auch ohne technische Hilfsmittel mit einer Simultanverdolmetschung versorgt werden. Beim Flüsterdolmetschen (auch Chuchotage von frz. chuchoter, flüstern) befindet sich der Dolmetscher schräg hinter seinem Zuhörer oder seinen beiden Zuhörern und spricht diesen sehr leise die Verdolmetschung zu. Ein tatsächliches Flüstern ist aufgrund der stimmlichen Belastung nicht vertretbar, aber da auch das sehr leise Sprechen beim Flüsterdolmetschen höchst anstrengend ist und die akustischen Bedingungen in der Regel schlecht sind, kann nur für kurze Zeit so gedolmetscht werden.

Schließlich wird auch das Vom-Blatt-Übersetzen oder Stegreif-Übersetzen gelegentlich als eine Form des Simultandolmetschens angesehen, da auch hier die Wiedergabe in der Zielsprache fast gleichzeitig mit der Aufnahme des Ausgangstextes erfolgt. Ein geschriebener Text wird dabei möglichst schnell und flüssig mündlich in einer anderen Sprache wiedergegeben. Streng genommen ist das Vom-Blatt-Übersetzen, wie die Benennung bereits vermuten lässt, eine Form des Übersetzens, da der Ausgangstext fixiert vorliegt und theoretisch mehrfach konsultiert werden könnte. Praktisch nähert es sich jedoch je nach den konkreten Arbeitsbedingungen dem Dolmetschen an bzw. stellt eine Mischform dar.

Siehe auch: Simultandolmetscheranlage

Geschichte

Über die Geschichte des Dolmetschens ist insgesamt nur wenig bekannt. Einige Namen von Dolmetschern, Berichte über Sprachschulen o. Ä. sind überliefert, da es aber kaum Informationen über die Arbeitsweise historischer Dolmetscher gibt, kann man auch keine Aussagen über die im Verlauf der Geschichte angewandten Formen des Dolmetschens treffen.

Das Flüsterdolmetschen ist sicher die älteste Form des Simultandolmetschens, da es keinerlei technische Hilfsmittel erfordert. Vermutlich wird es schon seit Jahrhunderten praktiziert.

Ihre jetzige Gestalt erhielten die heute bekannten Dolmetscharten jedoch erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Als Geburtsstunde des modernen Simultandolmetschens gelten die Nürnberger Prozesse.

Technische Hilfsmittel

Für Dolmetschkabinen gelten bestimmte Mindestanforderungen, die in den Normen ISO 2603 und DIN 56 924 Teil 1 (ortsfeste Kabinen) sowie ISO 4043 und DIN 56 924 Teil 2 (transportable Kabinen) festgeschrieben sind. Außerdem gilt die DIN IEC 914 Konferenzanlagen (elektrische und akustische Anforderungen). Meist verfügen nur Universitäten und sehr große oder stark auf mehrsprachigen Betrieb ausgerichtete Konferenzzentren über ortsfeste Dolmetschkabinen. Bei transportablen Kabinen muss zusätzlich zur guten Funktionsfähigkeit noch eine möglichst leichte Handhabbarkeit und gute Transportierbarkeit erreicht werden. Die normgerechte Innenraumgröße für eine transportable Dolmetschkabine mit drei Arbeitsplätzen beträgt 2,4 m Breite mal 2 m Höhe mal 1,6 m Tiefe. Die Kabinen sind nach vorne und nach den Seiten mit Fenstern ausgestattet und müssen so aufgestellt werden, dass die Dolmetscher freie Sicht auf den Redner und ggf. auf seine Präsentation haben. Zur Unterstützung kann die Präsentation auch zusätzlich auf einen Bildschirm in der Kabine übertragen werden. Vor den Fenstern befindet sich ein Ablagebrett, auf dem die Bedienpulte für die Dolmetscher installiert sind. Vor dem Ablagebrett stehen die Stühle. Zusätzlich müssen im engen Raum der Kabine natürlich die Dolmetscher, ihre Wasserflaschen und -gläser, Vorbereitungsmaterialien zu den Vorträgen des Tages, Wörterbücher und evtl. Laptops Platz finden. Die Kabinen müssen weiterhin bestimmte Schalldämmwerte erfüllen, und damit die Kabine geschlossen bleiben kann, muss die Lüftung entsprechend gut funktionieren.

Bei der Arbeit mit Dolmetschkabinen muss schließlich auch die Saaltechnik funktionstüchtig sein und intelligent eingesetzt werden. Wenn gedolmetscht wird, darf immer nur das Mikrofon des Redners eingeschaltet sein. Umhänge- oder Ansteckmikrofone sind vorzuziehen, besonders wenn der Redner sich viel bewegt. Die Tonübertragung vom Redner zum Dolmetscher und vom Dolmetscher zum Zuhörer kann über Kabel erfolgen (bei fest installierten Kabinen), sonst werden in der Regel Infrarotsignale verwendet.

Ein weiteres technisches Hilfsmittel ist die oben erwähnte Personenführungsanlage. Eine solche Anlage besteht aus einem oder mehreren mobilen Sendern mit Mikrofon für den/die Redner und Dolmetscher und mobilen Empfängern mit mehreren Kanälen für die Zuhörer. Der Dolmetscher ist bei der Arbeit mit Personenführungsanlage akustisch nicht von der Umgebung abgeschirmt und muss unmittelbar beim Redner bleiben, um diesen zu verstehen.

Abschließend ist der eigene Computer des Dolmetschers zu nennen, der besonders für die Vor- und Nachbereitung von Dolmetscheinsätzen unverzichtbar ist. Die immer kleiner, leichter, leistungsstärker und leiser werdende tragbare Rechentechnik kann jedoch auch in der Dolmetschkabine eingesetzt werden (Wörterbücher, terminologische Datenbanken, ggf. www-Recherche zwischen den Vorträgen).

Siehe auch

Literatur

  • Bowen, Margareta: Geschichte des Dolmetschens. In: Snell-Hornby, Mary et al.: Handbuch Translation. Stauffenburg, Tübingen 1999, S. 43-46.
  • Friese, Ralf: Dolmetschanlagen. In: Snell-Hornby, Mary et al.: Handbuch Translation. Stauffenburg, Tübingen 1999, S. 336-338.
  • Pöchhacker, Franz: Simultandolmetschen. In: Snell-Hornby, Mary et al.: Handbuch Translation. Stauffenburg, Tübingen 1999, S. 301-304.
  • Snell-Hornby, Mary et al.: Handbuch Translation. Stauffenburg, Tübingen 1999, ISBN 3-86057-992-4.

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