Timothy John Evans

Timothy John Evans

Timothy John Evans (* 20. November 1924; † 9. März 1950) war höchstwahrscheinlich das Opfer eines der bekanntesten britischen Justizirrtümer. Seine Hinrichtung durch Erhängen für einen Mord, den höchstwahrscheinlich sein Nachbar John Christie begangen hatte, führte zu erheblichem Aufsehen in England und letztlich zur faktischen Abschaffung der Todesstrafe und zur Legalisierung der Abtreibung in Großbritannien.

Inhaltsverzeichnis

Lebenslauf

Evans wurde in Wales geboren und wuchs dort auf. Als Kind hatte er sich beim Baden eine Schnittverletzung am Bein zugezogen, welche nur unzureichend behandelt wurde und daher nie vollständig ausheilte. Die Schule konnte er daraufhin nur unregelmäßig besuchen. Er war möglicherweise geistig zurückgeblieben und erfand weiterhin oft abstruse Geschichten über seine Herkunft. Außer seinem eigenen Namen konnte er keine weiteren Worte lesen oder schreiben. Nach der Schule fand er eine Anstellung als Chauffeur. Am 20. September 1947 heiratete er Beryl Susanna Thorley, die er erst wenige Monate zuvor kennengelernt hatte. Im Jahr 1948 zogen beide in das obere Stockwerk des Hauses Rillington Place 10, North Kensington, London. Im Erdgeschoss wohnte John Christie mit seiner Frau, im mittleren Stockwerk ein Mr. Kitchener, welcher sich allerdings zum Zeitpunkt der Morde in einem Londoner Krankenhaus aufhielt. Das Haus war relativ beengt, pro Stockwerk gab es nur zwei größere Räume.

Am 10. Oktober 1948 wurde Timothys und Beryls Tochter Geraldine Evans geboren. Es stellten sich jedoch bald wirtschaftliche Probleme ein, nachdem Evans aufgrund seiner Lügengeschichten entlassen worden war. In dieser Situation stellte Beryl Evans fest, dass sie erneut schwanger war. Bereits im Vorfeld war es immer öfter zum Streit unter den jungen Eheleuten gekommen. Am 10. November besuchte Evans seine Mutter und berichtete ihr, dass seine Frau mit der Tochter zu Beryls Vater nach Brighton gereist seien. Bereits nach kurzer Zeit wurde Evans Geschichte der Abreise seiner Frau von Verwandten angezweifelt.

Der Kriminalfall Evans

Am Nachmittag des 30. November 1949 erstattete Evans auf einer Polizeistation Selbstanzeige, er habe seine Frau getötet, indem er ihr Abtreibungsmittel gegeben habe. Danach habe er sie in einem Kanal versteckt. Er habe, nachdem er sie am nächsten Tag tot aufgefunden habe, die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung für 40 Pfund an einen Möbelhändler verkauft und seine Arbeitsstelle gekündigt. Polizeibeamte fanden jedoch die Leiche seiner Frau nicht in dem von ihm angegebenen Kanal. Darüber hinaus konnte der schwere Deckel nur unter Mühe von mehreren Polizisten geöffnet werden.

Als Evans damit konfrontiert wurde, widerrief er sein erstes Geständnis und erklärte nunmehr, er hätte Christie lediglich decken wollen, dieser habe die tödliche Abtreibung vorgenommen. Nach der misslungenen Abtreibung habe Christie die Leiche der Frau zunächst in der mittleren Wohnung untergebracht und ihm später gesagt, er habe sie in den Abwasserkanal geworfen. Evans' Kind wolle er zu seiner (Christies) Mutter bringen, bis sich die Angelegenheit beruhigt hätte.

Es kam zu einer erneuten Hausdurchsuchung. In einem Waschhaus im Garten wurden die Leichen von Beryl und Geraldine gefunden, beide erdrosselt. Evans wurde damit konfrontiert und gefragt, ob er es getan habe. Er antwortete mit: „Yes“. Er legte ein weiteres Geständnis ab, nach welchem er seine Frau und seine Tochter wegen der wirtschaftlichen Probleme ermordet habe.

Prozess, Verurteilung, Hinrichtung

Da er möglicherweise durch seine Frau provoziert worden war – die Streitigkeiten zwischen beiden gingen oft von ihrer Seite aus – wurde Evans nur wegen der Ermordung Geraldines angeklagt. Der Prozess wurde ab dem 11. Januar 1950 im Old Bailey verhandelt. Evans bekannte sich nicht schuldig und widerrief die früheren Geständnisse. Er behauptete nun, Christie habe seine Frau und seine Tochter erdrosselt. Als Hauptbelastungszeuge trat Christie auf. Wegen der häufig widerrufenen Geständnisse war die Glaubwürdigkeit von Timothy Evans jedoch schwer beeinträchtigt.

Die Geschworenen verurteilten ihn am 13. Januar 1950 zum Tode. Die Berufung wurde verworfen. Am 9. März 1950 wurde Evans im Pentonville-Gefängnis durch Englands Scharfrichter Albert Pierrepoint hingerichtet.

Der Kriminalfall Christie

Nachdem Christie am 20. März 1953 aus der unteren Wohnung ausgezogen war, führte der Nachmieter Beresford Brown Arbeiten in der Küche aus. Dabei stieß er auf eine Frauenleiche in einem Alkoven in der Wand. Bei einer nachfolgenden Durchsuchung durch die Polizei wurden im Haus vier Frauenleichen, unter anderem die Ehefrau Christies, und verschiedene Skelettteile und sonstige menschliche Überreste verschiedener Frauen aufgefunden. Alle waren von Christie mit Leuchtgas betäubt und anschließend erdrosselt worden – sowohl bevor Evans in dem Haus gewohnt hatte, als auch danach. Sofort erinnerte man sich des Falls Timothy Evans, der erst wenige Jahre zuvor hingerichtet worden war. Christie gestand auch den Mord an Beryl Evans, stritt den Mord an der kleinen Geraldine jedoch vehement ab. Nach längerer Diskussion um den Fall und mehreren Debatten im britischen Unterhaus wurde Timothy Evans 1965 rehabilitiert.

Folgen des Falls Evans

Die öffentliche Diskussion über den Kriminalfall trug in erheblichem Umfang zur Aufhebung der Todesstrafe in Großbritannien bei. Der Fall Evans wird noch heute von Gegnern der Todesstrafe als Beispiel für eine fatale Fehlentscheidung angeführt.

Der Film 10 Rillington Place aus dem Jahr 1971 (deutscher Titel „John Christie, der Frauenwürger von London“) geht auf diesen Kriminalfall zurück. Regie führte Richard Fleischer, Richard Attenborough spielte die Hauptrolle des John Christie. Evans' Rolle übernahm der damals noch vergleichsweise unbekannte John Hurt. Dieser erhielt für seine schauspielerische Leistung eine Nominierung für den BAFTA-Award.

Literatur

  • Jacta, Maximilian: Berühmte Strafprozesse. Sonderausgabe, Orbis Verlag, München 2001, ISBN 3-572-01242-2
  • Heermann, Christian: Der Würger von Notting Hill – Große Londoner Kriminalfälle. Verlag Das Neue Berlin, Berlin, 1983, S. 227 - 264

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