Victoria (Motorrad)

Victoria (Motorrad)
VictoriaSwing“, Baujahr 1955 im Motorradmuseum Ibbenbüren

Die Zweirad-Marke Victoria wurde 1886 zuerst alsFrankenburger und Ottenstein Nürnberggegründet, ging 1958 mit in die Zweirad Union über und endete 1968 mit der Übernahme durch Hercules.

Inhaltsverzeichnis

Firmengründung und erste Fabrikate

1886 gründeten Max Frankenburger und Max Ottenstein das UnternehmenFrankenburger und Ottenstein Nürnbergin Nürnberg. Es wurden zuerst Hochräder und sogenannte Sicherheitsräder produziert. 1888 verließ das tausendste VictoriaFahrrad die Fertigungshallen, und 1893 hatte das Werk 259 Mitarbeiter. 1895 wurde das Unternehmen in dieVictoria Fahrradwerke AG, vormals Frankenburger und Ottensteinumbenannt. Das Aktienkapital betrug 1,5 Millionen Mark. Als man 1899 mit dem Bau von Motorrädern beginnen wollte, wurde der Name des Werkes inVictoria Werke AGgeändert.

1896 gab es die ersten Fahrräder mit Luftreifen, die von Dunlop zugekauft wurden. 1900 war die Entwicklung zum erstenVictoria-Motorwagenabgeschlossen, welcher auf der damaligen Motorwagenausstellung in Nürnberg mit derGoldenen Medailleausgezeichnet wurde. Die Serienproduktion lief noch nicht an, auf Wunsch jedoch wurden einzelne Exemplare für den Verkauf gefertigt. 1901 stellte Victoria die ersten Motorräder her. Diese hatten 1,75 PS, einen Oberflächenvergaser und einen Flachriemen zur Kraftübertragung. Das Öl musste regelmäßig mit einer Handpumpe gefördert werden. Die Gabel war ungefedert, und das Tretlager des Fahrradrahmens wurde beibehalten. Als Einbaumotoren wurden Aggregate von Fafnir, FN, Cudell, Minerva und Zedel eingesetzt.

1904/1905 entstanden mit einem vorn angebauten zweispurigenBeiwagen Dreiräder auf der Basis des Motorrads. Außerdem wurden jetzt auch offiziell Automobile produziert. Das berühmteDoctors Cabriolet“, derkleine Motor-Gepäck-Wagen“; derZweisitzersowie diesechssitzige Limousinehatten allerdings nur wenig Erfolg und wurden nur bis 1912 hergestellt. 1906 waren die ersten Zweizylinder-Motorräder mit 2,5 bis 3 PS erhältlich. Wie die ersten Modelle wurden sie mit Pedalen bzw. mit einer Tretkurbel in Gang gesetzt.

Die Victoria-Modelle von 1920 bis 1939

Nach dem Ersten Weltkrieg begann 1920 die Produktion mit dem modernsten Motorrad seiner Zeit, derKR I“. Sie hatte einen längs eingebauten SV-Zweizylinder-Boxermotor („M II B 15“) von BMW, 494 cm³, zwei Gänge, 6,5 PS und die erste teleskopähnliche Vorderradgabel.

Nachdem BMW eigene Motorräder (Modell R 32) fertigte, fiel die Zulieferung der Motoren weg. Jetzt kam Martin Stolle als neuer Mitarbeiter zu Victoria. Stolle, der zuvor bei BMW tätig war, entwickelte 1922/23 einen neuen, mit OHVSteuerung versehenen Zweizylinder-Boxermotor mit 9 PS, der in dieKR IIlängs eingebaut wurde. Dieses Aggregat fertigte anfänglich Wilhelm Sedlbauer in München. Später wurde dieses Werk, aus Mangel an Produktionskapazität, von Victoria aufgekauft und die Produktion nach Nürnberg verlagert. 1924 folgte dieKR IIImit 3 Gängen und 12 PS.

(Die Einbaulagen-Benennung führt stets zu Irritationen. Maßgeblich ist die Achse der Kurbelwelle, sie liegt beim Quermotor quer zur Fahrtrichtung. Die BMW-Boxer mitquerstehendenZylindern sind beispielsweise längslaufende Motoren, weil Kurbelwellenachse und Fahrtrichtung parallel liegen. Die Victoria-Zylinder liegen längs im Rahmen [Kurbelwelle quer], sodass der Victoria-Boxer ein Quermotor ist.)

VictoriaKR 50 Svon 1931 im Zweirad-Museum Neckarsulm
Victoria KR 6 1934
Victoria (1939)
VictoriaPioniervon 1942
VictoriaBergmeister“, Baujahr 1954
VictoriaVicky

1925 baute Dipl.-Ing. Steinlein den ersten deutschen Kompressormotor bei Victoria. 1926 erreichte eine 497-cm³-Kompressor-Victoria eine neue Welthöchstleistung von 165 km/h. 1927 wurden Maschinen mit 596 cm³ KR VI gebaut, 1928 hatte man diese Modelle inKR 6umbenannt und davon auch Hochleistungs-Sportmaschinen mit 24 PS und Doppelvergaser (später alsKR 7“) angeboten. Gleichzeitig erschienen die 200-cm³-sv- („KR 20“) und 350-cm³-OHV-Modelle („KR 35“), um die Programmpalette nach unten abzurunden. 1930/31 kamen zudem noch 500-cm³-sv- („KR 50“) und -OHV-Einbaumotoren („KR 50 S“) von Sturmey-Archer ins Programm.

1932 erschienen die ModelleKR 15undKR 20 Zmit Zweitaktmotoren, keine eigenen Konstruktionen, sondern Einbaumotoren von ILO in Pinneberg. Im gleichen Jahr gewann Victoria mit derKR 6die Europa-Bergmeisterschaft der Gespanne bis 600 cm³ und nannte daraufhin das Modell mit 20-PS-Motor und VierganggetriebeKR 6 Bergmeister“.

Ab 1933 wurde dieKR 8mit einem von Martin Stolle entwickelten 497-cm³-sv-Parallel-Twin gebaut. [1] Eine Besonderheit der Motorkonstruktion war der fast waagrecht vor dem Kurbelgehäuse liegende Zylinderblock.[2] Dieser Antrieb ersetzte 1934 in anderen Modellen den Sturmey-Acher-Motor, der infolge eines Einfuhrverbots nicht mehr verfügbar war.[3]

1935 erhielt dieKR 9 Fahrmeistereine weiterentwickelte Version dieses Motors mit der seltenen EOI-Ventilsteuerung (Exhaust Over Inlet). Aus demselben Jahr sind dieKR 35 BundKR 35 Gmit Lackler-Patent-Zylinderköpfen, die 1937 von derKR 35 Sportmit Columbus-OHV-Motor abgelöst wurden. Neue Zweitaktmotoren von Richard und Xaver Küchen mit Flachkolben-Steilstrom-Spülung waren für die ModelleKR 20 LN LuxundKR 25 S Aerobestimmt. Ab 1938 waren die ViertaktmodelleKR 35 SN“ (18 PS) undKR 35 SS“ (20 PS) mit Columbus-Motoren im Programm. Parallel dazu gab es die von Albert Roder entwickelten ZweitaktmodelleV 99 N Fix“, „KR 12 NundKR 15 N“.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 endete fast die gesamte Produktion von Victoria; lediglich dieKR 35 Pionierwurde weiterhin hergestellt. Die Bombardements der nächsten Jahre zerstörten das Werk weitestgehend, sodass 1945 nur noch ein geringer Teil der Produktionseinrichtungen vorhanden war.

Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Nachkriegsproduktion begann 1946 begann mit einem Fahrradhilfsmotor, demFM 38mit einem Hubraum von 38 cm³ und einer Leistung von 1 PS. Konstrukteur war Albert Roder, der kurze Zeit später zu NSU wechselte.[4] 1949 wurde das VorkriegsmodellKR 25 Aerowieder ins Programm aufgenommen und 1950 kam auch dieV 99alsV 99 BL Fixwieder auf den Markt. DieKR 25 Aerowurde jetzt mit Telegabel ausgeliefert. Zwischenzeitlich wurden die ModelleVicky IundVicky IImit den FM 38 Motoren gebaut. Zum Jahreswechsel hatten die Victoria-Werke eine Belegschaft von 1300 Mann und einen verdoppelten Umsatz im Vergleich zum Vorkriegsstand: über 40 000 Einbaumotoren, ca. 14 000 KR 25 Aero, viele 100-cm³-Motorfahrräder, Fahrräder und Freilaufnaben mit einem beträchtlichen Exportanteil.

1951 fuhr Georg Dotterweich mit einemFM 38“-Motor auf der Autobahn München-Ingolstadt einen neuen Weltrekord von 79 km/h. DieKR 25 Aerowar jetzt zusätzlich mitJurisch-Geradeweghinterradfederungzu bestellen, und das aus ihr weiterentwickelte ModellKR 25 HM Aeromit dem Hochleistungs-Motor kam neu dazu. Zudem begann die Produktion hoch entwickelter Nähmaschinen.

1953 erweiterte Victoria die Produktpalette um die (ebenfalls aus derKR 25weiterentwickelten) „KR 26 Aeround dieV 35 Bergmeister“, welche von den Gebrüdern Xaver und Richard Küchen gänzlich neu entwickelt wurde. Sie hatte einen V-Zweizylinder-OHV-Motor, 350 cm³, 21 PS, ein Kettengetriebe und Kardanantrieb. 1954 gewann Rudi Ebert mit einerV 35 Bergmeisterbei der 2500-km-Langstreckenfahrt Lüttich−Mailand−Lüttich die 500-cm³-Gespannklasse.

1955 kam der von Norbert Riedel konstruierte 200-cm³-Zweitakt-RollerPeggyauf den Markt. Dieser war mit einer neuartigen elektromagnetischen Drucktastenschaltung, Elektrostarter, Gebläsekühlung und einer Triebsatz-Hinterradschwinge versehen. Das technisch ähnliche MotorradmodellKR 21 Swingwar durch diese hochwertigen Technologien ebenso teuer in der Herstellung.

1957 wurde mit dem italienischen 175-cm³-ohv-Motor von Parilla das neue und letzte Victoria-Motorrad namensKR 17 Parillagebaut.

Bereits 1956 brachte die von den Victoria Zweirad Werken und der Maschinenfabrik Friedrich gegründete Bayerische Autowerke GmbH in Traunreut den KleinstwagenSpatz 200“, einen Roadster mit Kunststoffkarosserie, auf den Markt, um der Krise in der Zweiradbranche entgegenzuwirken. Den Vertrieb übernahm das Victoria-Händlernetz. Zunächst hatte der Spatz einen 4-Gang-191-cm³-F&S-Motor, dann einen gebläsegekühlten 250-cm³–VICTORIA-Zweitaktmotor mit einer Peggy- und Swing-ähnlichen elektromagnetischen Fünfgangschaltung. Diese stärkere Version trug den NamenVictoria 250und wurde in Nürnberg gebaut. Trotz ansprechender Form fand das kleine Auto nur wenig Käufer, sodass die Produktion im Februar 1958 eingestellt wurde. 1588Spatz 200bzw. „Victoria 250wurden hergestellt.

Das Ende der Victoria-Werke

1958 gingen in ganz Deutschland die Verkaufszahlen dramatisch zurück, was auch bei Victoria nicht durch die Moped-Modelle ausgeglichen werden konnte. Deshalb fusionierte jetzt Victoria mit den Express-Werken (Neumarkt) und DKW, der Motorradabteilung der Auto-Union GmbH (Ingolstadt), zur Zweirad Union AG. Victoria brachte seineVicky“-Moped-Linie, Express seineRadexiund DKW seinen guten Namen mit in diese neue Firma ein. Da aber von nun an keine Motorrad-Leute mehr in der Führungsetage saßen, sondern einfach nur das produziert wurde, was sich besser verkaufen ließ, war Victoria seither keine klassische Motorradfirma mehr.

1966 wurde die Zweirad Union formell von Hercules übernommen, womit der NameVictoriaendgültig aus den Preislisten der Motorradhändler verschwand.

Wiederbelebung der Marke Victoria

Die Rechte am NamenVictoriabesaß Hercules, musste sie jedoch abtreten, weil sie länger als fünf Jahre nicht genutzt wurden. Daraufhin sicherte sich 1995 die Hermann Hartje KG in Hoya an der Weser die Markenrechte und stellt Fahrräder und Pedelecs (Pedal Electric Cycles) mit Radnabenmotoren von Schachner, Heinzmann und Sanyo her. Gefertigt werden die Modelle zum Teil im Stammhaus in Hoya wie auch bei anderen Fahrradherstellern.

Technische Daten der KR-Modelle

Techn. Daten Victoria KR I bis KR VII
Modell KR I KR II KR III KR VI KR VII
Typ Zweizylinder-Boxer (SV) Zweizylinder-Boxer (OHV)
Bohrung x Hub (mm) 68 x 68 70,5 x 64 77 x 64
Hubraum (cm³) 494 499,4 596
PS bei 1/min 6,5 bei 3000 9 bei 3000 12 bei 3000 18 bei 4000 24 bei 4500
Vergaser BMW Victoria AMAC/ab 1931 Graetzin AMAC und Amal
Antrieb Zweigang handgeschaltet, Riemenantrieb Dreigang, handgeschaltet, Kettenantrieb
Rahmen Gelöteter Doppelschleifen-Rohrrahmen mit geteilten Unterzügen
Vorderradführung Kurzschwinge schraubgefederte Pendelgabel patentierte Federgabel
Bremsen Keilklotz in Riemenscheibe Trommel hinten Trommel
vorn und hinten
Leergewicht (kg) 98 110 158

Siehe auch:

Weblinks

Einzelnachweise

  1. http://www.victoria-oldtimer.de/geschichte.htm
  2. http://www.vintagebike.co.uk/Bike%20Directories/Victoria%20Bikes/pages/Victoria-KR8-34.htm
  3. http://www.victoria-oldtimer.de/geschichte.htm
  4. http://www.oldiemofa.de/html/victoria_1949.html

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