Naresar

Naresar
Naresar - Seetempel (6./7. Jh.)

Naresar ist ein kleines Dorf mit nur etwa 100 Einwohnern im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. In geringer Entfernung vom Ort stehen etwa 15 hinduistische Steintempel.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Der Ort liegt etwa 18 km (Luftlinie) in nordöstlicher Richtung von Gwalior entfernt auf einem langgestreckten Felsshügel. Bis zur ca. 20 km entfernten Ortschaft Baretha ist die die Straße in Richtung Etawah geteert, von dort führt eine ca. 5 km lange Piste westwärts und leicht bergauf nach Naresar.

Busse in Richtung Etawah halten auf Anfrage etwa 1 km hinter einem eingezäunten Flughafengelände; nördlich der Straße liegt eine langgestreckte, etwa 300 m hohe Bergkette mit einem ca. 2 km entfernten, weißgetünchten und somit gut sichtbaren Einsiedler-Tempel − von dort sind es noch etwa 1,5 km in östlicher Richtung bis nach Naresar. Die Tempelstätte befindet sich weitere 1,5 km vom Ort entfernt und ist nur zu Fuß erreichbar.

Geschichte

Zur Geschichte des Ortes und der Tempel existieren keinerlei schriftliche Aufzeichnungen. Angesichts der Vielzahl von Tempeln muss man jedoch davon ausgehen, dass es sich in mittelalterlicher Zeit um ein regional bedeutsames Pilger- und Wallfahrtszentrum gehandelt hat.

Tempel

Die meisten Tempel sind entweder nach Osten oder aber nach Westen orientiert; nur wenige Tempel weichen von diesen klassischen Ausrichtungen ab. Die Tempel haben zumeist eine quadratische Cella; offene Vorhallen sind nur bei zwei frühen Tempeln zu sehen - die späteren haben geschlossene Portalvorbauten (antaralas). Die Form der Dächer entwickelt sich von Pyramidendächern hin zu Shikhara-Türmen. Keiner der Tempel hat Jali-Fenster; Belichtung und Belüftung der Cella erfolgen ausschließlich über das stets geöffnete Eingangsportal.

Die Tempel lassen sich in drei Gruppen unterteilen: Die vier 'Seetempel' (6./7. Jahrhundert) bilden eine Gruppe an einem natürlichen Felsteich, der das ganze Jahr über Wasser führt. Vier 'Wegtempel' (7. Jahrhundert) bilden eine weitere Gruppe eingangs der Schlucht und rechts des hinabführenden Weges auf einer eigenen Terrasse. Die 'Schluchttempel' (meist 8. Jahrhundert) stehen etwa 300 m vom Teich entfernt am oberen Ende einer Schlucht, in der sich nach heftigen oder langanhaltenden Regenfällen ein Sturzbach oder sogar ein Wasserfall bildet. Das Element Wasser − gleichbedeutend mit lebenspendender Fruchtbarkeit − spielte mit Sicherheit eine große Rolle bei der Wahl des Ortes und der Platzierung der Tempel.

Seetempel

Die vier 'Seetempel' stehen in einer Reihe oberhalb des Abflussniveaus des Teichs; sowohl aus dem Felsgestein herausgearbeitete als auch von Menschenhand geschaffene, aber größtenteils zerstörte Treppenstufen (ghats) führen zum Wasser. Die Tempelbauten sind architektonisch sehr einfach gestaltet − auf Gliederungselemente und figürliches oder ornamentales Baudekor wird weitgehend verzichtet. Zwei von ihnen haben allerdings eine kleine auf zwei Pfeilern ruhende Vorhalle (mandapa). Die pyramidenförmigen Dächer sind mehrfach abgestuft. In zwei Tempeln wurden Yogini-Figuren mit kurzen Inschriften gefunden, die auf eine Entstehungszeit der Figuren im 12. Jahrhundert verweisen. Die Tempel selbst machen einen eher altertümlichen Eindruck und könnten auch im 6. oder 7. Jahrhundert errichtet worden sein.

Wegtempel

Naresar - Wegtempel (7. Jh.)

Eine weitere Gruppe von vier nebeneinanderliegenden Tempeln ('Wegtempel') steht rechts des über Treppen weiter nach unten führenden Weges auf einer eigenen kleinen Terrasse. Alle vier Tempel bestehen nur aus einer quadratischen Cella ohne Säulenvorhalle (mandapa) oder Portalvorbau (antarala); zwei haben gestufte Pyramidendächer, zwei andere einfache, leicht gegliederte und gekrümmte Shikhara-Türme ohne Spitze. Eine Unterteilung der Außenwände oder ein Nischendekor ist nicht zu erkennen. Gegliederte und in mehreren Ebenen zurückgestufte Portalgewände sind nur in Ansätzen vorhanden; der Bauschmuck beschränkt sich auf wenige einfache Figurenreliefs. Somit ist eine Datierung ins 7. Jahrhundert wahrscheinlich.

Schluchttempel

Naresar - Tempel Nr. 19 und 23 (8. Jh.)

Die 'Schluchttempel' stehen jenseits einer über den meist trockenen Bach führenden Brücke und z. T. ebenfalls nebeneinander auf mehreren von Menschenhand geschaffenen Terrassen; aus stilistischen Erwägungen sind sie der frühen Pratihara-Zeit (1. Hälfte des 8. Jahrhunderts) zuzuordnen. Nahezu alle haben einen quadratischen Grundriss mit einem vorgelagerten kleinen geschlossenen Vorraum (antarala). Die Außenwände sind stärker gegliedert als bei den See- oder Wegtempeln; die − meist fünfteilige (pancharatha) − Außenwandgliederung setzt sich auch in den steil aufragenden Shikhara-Türmen fort, die ursprünglich − fast ausnahmslos − von einem Amalaka genannten Schlussstein bekrönt wurden.

  • Tempel Nr. 19

Der rückwärtige Teil des Tempels Nr. 19 ist aus dem Fels herausgehauen; der weitaus größere Teil des Baus ist aber aus Hausteinen errichtet. Der gesamte Shikara-Turm wurde aus Bruchstücken mehr schlecht als recht rekonstruiert, die Spitze fehlt. Das Portal zeigt die beiden Flussgöttinnen Ganga und Yamuna in der Sockelzone; das vierteilige Portalgewände enthält einen reichhaltigen Ornamentschmuck, darunter an Ketten hängende Glöckchen, die in vielen Hindu-Tempeln noch real vorhanden sind und von den Gläubigen beim Betreten geläutet werden. Der Sturz des Portals zeigt einen architekturähnlichen Aufbau mit den obligatorischen Fensternischen. Darüber verläuft ein Dekorfries aus kleinen hängenden Girlanden, der um den ganzen Tempelbau herumgeführt wird.

Auf beiden Seiten des Portalgewändes findet sich eine Inschrift, die den Namen Naleshvara erwähnt, eine wahrscheinlich auf einen Beinamen Shivas Bezug nehmende Bezeichnung, von der auch der Name des Ortes abgeleitet sein könnte.

  • Tempel Nr. 20

Die Cella des erhöht auf einer eigenen Terrasse stehenden Tempels Nr. 20 ist nicht quadratisch, sondern querrechteckig gestaltet und schließt oben − konsequenterweise und im Gegensatz zu allen anderen Tempeln der Hauptgruppe − mit einem quergelagerten Schlussstein ab wie er sich auch nur wenige Jahre später am Teli-ka-Mandir in Gwalior findet.

  • Tempel Nr. 23

Der Tempel Nr. 23 steht erhöht und ist über eine Treppe erreichbar. Von allen Tempeln ist er der am besten erhaltene und wird noch immer für Kultzwecke genutzt. Auch er hat einen vorgezogenen Eingangsbereich (antarala); sein Turmaufbau zeigt im mittleren Register die für den Pratihara-Stil üblichen übereinander gestellten kleinen Fensternischen (chandrasalas oder udgamas) mit einem großen Scheinfenster in der Mitte und einem Amalaka-Schlusstein als oberem Abschluss.

Bedeutung

Das Besondere der Tempelgruppe(n) von Naresar ist die die ungewöhnliche Lage in felsigem Gelände und auf mehreren von Menschenhand geschaffenen Terrassen. Die zumeist im 7. und 8. Jahrhundert erbauten Tempel sind frühe Beispiele des zentralindischen Pratihara-Stils und gewähren Einblicke in die Entwicklung nordindischer Tempelarchitektur in dieser Zeit.

Siehe auch

Literatur

  • R. D. Trivedi: Temples of the Pratihara Period in Central India. Archaeological Survey of India, New Delhi 1990, S. 47ff
  • Michael W. Meister, M. A. Dhaky (Hrsg.): Encyclopaedia of Indian Temple Architecture. North India − Period of Early Maturity. Princeton University Press, Princeton 1991, S. 5ff ISBN 0-691-04094-X
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