Hornerschlitten

Hornerschlitten
Historischer Ziehschlitten

Der Hornschlitten (auch Horner oder Horen) ist ein spezieller Schlitten und war ursprünglich ein Arbeitsgerät (winterliches Fuhrwerk) der Bergbauern, die damit ihr Heu von abgelegenen Alphütten ins Tal transportierten oder geschlagenes Holz zum Hof beförderten; seit Jahren jedoch wird der Hornschlitten meist nur noch für sportliche Wettbewerbe und als Dekoration verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Bauweise und Funktion

Seinen Namen hat der Hornschlitten von den vorn nach oben verlängerten Kufen, die zum Lenken und Schieben des Schlittens und als Haltegriffe dienen. Gelenkt wird der Schlitten durch Druck und Zug auf diese Hörner, was den Rahmen zu leichten verziehen bringt und sich auf die Laufrichtung der Kufen auswirkt. Zusätzlich wird er mit den Füssen im Schnee gesteuert und gebremst. Daneben ist dieser Schlittentyp teils auch mit seitlichen Bremsen, den Tatzen, zwei Stangen mit eisernem Bremsbeschag, versehen, die aber in weicherem Schnee ohne Wirkung sind. Links und rechts ragen ebenfalls Stangen in die Höhe, die zum Sichern der Ladung gegen Wegrutschen und dem Festhalten und Bedienen dienen.

Der Hornerschlitten lässt sich von einer Person führen, die vorne zwischen den Hörnern Platz nimmt. Schwerere Bauarten sind für zwei Mann Besatzung ausgelegt, vorne der Lenker, und am Hinterende der Bremser – dann finden sich hinten manchmal ebenfalls geformte Stangen. Teilweise ist auch ein dritter oder vierter Mann beteiligt, das sind die Läufer, die den Schlitten anschieben und während der Fahrt durch Gewichtsverlagerung helfen, das Gerät zu kontrollieren. Mancherort wurde der Schlitten auch mit einer eisenspitzbeschlagenen Stange, dem Stackl [1] (vergl. Staken) zusätzlich bedient.

Viele originale Hornschlitten verschiedener lokaler Typvarianten und Bauweisen kann man heute in Heimatmuseen besichtigen, auch sind sie bei traditionellen Anlässen in Verwendung, und werden heute auch teils wieder den historischen Vorbildern in alter Bauweise nachgebaut.

Historische Bedeutung

Holzabfuhr auf Horn-Schlitten im Schwarzwald (um 1945)

Der Hornerschlitten ist ein klassische Gerät der Berglandwirtschaft in den Alpen und den umliegenden Mittelgebirgen. Es diente dem winterlichen Transport von in grösseren Höhen gemähten Heu (Bergheu, Almmahd) zur Hofstelle, aber auch dem Abtransport des wintergeschlagenen Lang- und Scheitholzes.

Dieses Heu- und Holzziehen war eine der gefährlichsten Arbeiten des alten Bergbauernlebens, mit hoher Unfall- und Todesrate. Die Schlitten wurden aufgrunde des mühseligen Winteraufstiegs mit dem schweren Gerät so schwer als möglich aufgetürmt, und wogen mit Heu leicht mehr als eine Tonne, mit Holz auch noch mehr – dann fand sich hinten auch noch ein zweiter Schlitten als Nachläufer (Schloapf, Gfa). Auch wurden teils ganze Konvois zusammengestellt.

Von einem Mann gelenkt, allfällig der zweite hinten als Bremser und zusätzliche Läufer, war die Talfahrt ein nur mühsam zu kontrollierendes Unternehmen. Zusätzlich war man auf ausreichenden Schnee angewiesen, und die beste Heu- und Holzzieherzeit war die, die heute als höchste Lawinenwarnstufe gilt, nämlich sehr viel in kürzester Zeit gefallener Schnee auf herter Unterlage: Er bietet Führung, ohne den Schlitten zu sehr zu bremsen, und vielleicht liegenzubleiben (was die Hilfe und den Spott anderer Bauern nach sich gezogen hätte). Daher war die Zahl der Lawinenopfer beim Schlittenziehen wohl ähnlich hoch wie die der von Schlitten überrollten („gefressenen“)[1] oder im Gelände abgestürzten.[2]

Noch heute regelt etwa die Salzburger Land- und forstwirtschaftliche Dienstnehmerschutzverordnung im § 18 (3)Vorlage:§§/Wartung/alt-URL:[3]

„Das Holzziehen mit Schlitten darf nur von erfahrenen Dienstnehmern und nur dann ausgeübt werden, wenn der Zustand des Schlittenweges einen möglichst sicheren Betrieb gewährleistet. Schlitten müssen mit betriebsfähigen Bremsen ausgestattet sein. Die Last ist gegen Verrutschen zu sichern. Bei der Talfahrt ist ein entsprechender Sicherheitsabstand zwischen den einzelnen Schlitten einzuhalten.“

Daneben wurde auch in historischen Zeiten der Hornerschlitten für diverse Bräuche verwendet, wie Umzüge, das Siedeln des Brautguts (Aussteuer), wie auch bei Leichenzügen.[4]

Rodelsport

In Deutschland, Österreich, Italien sowie der Schweiz gibt es aktive Vereine für Hornschlittenrennen, einer Variante des Naturbahnrodelns. Auch eine Europameisterschaft wird ausgetragen.

Die Rennschlitten sind Spezialanfertigungen und haben mit den ursprünglichen Hornschlitten nicht mehr viel gemein. Gefahren wird zu dritt. Das Team besteht aus einem Lenker, der Schischuhe mit angeschraubten Stahlplatten zum Lenken und Bremsen trägt, einem Bremser sowie allfällig einem Läufer – die Funktionen sind dieselben, wie sie im Viererbob üblich sind. Reglements sind verbreitet.[5]

Wichtige Veranstaltungen sind die bayerische Meisterschaft in Garmisch-Partenkirchen am Dreikönigstag (6. Januar), zahlreiche Veranstaltungen in den klassischen Schiorten der österreichischen Alpen (Meisterschaften mit wechselnden Austragungsorten, Rennserien und Pokale), in Alt St. Johann im schweizerischen Toggenburg wird jeweils im Februar ein Rennen mit karnevalistisch verzierten Hornschlitten durchgeführt.

Literatur

  • Joachim Köninger: Schleife, Schlitten, Rad und Wagen: zur Frage früher Transportmittel nördlich der Alpen. Janus, 2002 (Rundgespräch Hemmenhofen 10. Oktober 2001). 
  • Herta Maurer-Lausegger: Über Schlitten …. In: Dokumentation alter Volkskultur im Dialekt. Hermagoras, 1999, ISBN 978-3850136846. 

Einzelnachweise

  1. a b Harald Haller, Franz Lanthaler: Passeirer Wörterbuch. verlag.Passeier, 2004
  2. Hans Haid: Mythos Lawine: Eine Kulturgeschichte. Studienverlag, 2008, ISBN 3706544938
  3. Land- und forstwirtschaftliche Dienstnehmerschutzverordnung LGBl. Nr. 53/1977 idF: LGBl. Nr. 34/1983, salzburg.gv.at, PDF
  4. Gottlieb Schweiger: Der Burgfried Stall - Die Geschichte der Gemeinden Rangersdorf und Stall. Stall 1978, S. 156-16 (Das bäuerliche Brauchtum in Stall. SAGEN.at. Abgerufen am 2. Feber 2009.). 
  5. Beispielsweise: Horenschlitten-Club Habkern (Hrsg.): Reglement Horenschlitten-Rennen. Habkern 2003 (pdf). 

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  • Hörnerschlitten — Họ̈r|ner|schlit|ten …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Hornschlitten — Historischer Ziehschlitten Der Hornschlitten (auch Horner oder Horen) ist ein spezieller Schlitten und war ursprünglich ein Arbeitsgerät (winterliches Fuhrwerk) der Bergbauern, die damit ihr Heu von abgelegenen Alphütten ins Tal transportierten… …   Deutsch Wikipedia

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  • Schlitten [1] — Schlitten, Fuhrwerk mit zwei parallelen, durch Querleisten verbundenen, am vordern Ende oft aufgebogenen und meist hölzernen Gleitschienen (Läufer, Kufen), die auf der Unterseite glatt, mit Eisen beschlagen, auch wohl ganz aus Eisen hergestellt… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

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