Imervard

Imervard
Das Imervard-Kreuz

Das im Braunschweiger Dom befindliche und nach seinem Erschaffer, dem unbekannten „Meister Imervard“, benannte Imervard-Kreuz gilt als eine der kunsthistorisch bedeutendsten romanischen Skulpturen auf deutschem Boden.

Inhaltsverzeichnis

Kunsthistorische Einordnung und Beschreibung

Bei der Holzskulptur handelt es sich um ein Viernagelkreuz aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Das Material ist Eichenholz, das an einigen Stellen nur 3 cm dick ist, die Maße sind 2,77 m x 2,66 m, damit verfügt das Kreuz über eine ausgeprägte, fast quadratische, Form.

Volto-Santo-Einfluss

Das Imervard-Kreuz wird in seiner Ikonografie dem italienischen „Volto Santo“ („Heiliges Antlitz“) genannten Typ zugeordnet bzw. mit diesem in Verbindung gebracht, dessen bekanntestes und wichtigstes Beispiel und evtl. „Vorlage“ für das Kreuz im Braunschweiger Dom das Großkreuz im Dom zu Lucca in Italien gewesen sein könnte.

Aus dem Gewicht des Kreuzes und dem Fehlen von Halterungen und Griffen lässt sich schließen, dass es sich wohl nicht um ein Prozessionskreuz handelte.

Darstellung des Gekreuzigten

Seitenansicht des Kopfes

Wie in der Romanik üblich, wurde nicht die Realität abgebildet, sondern der Glaube. Die Kreuzigungsszene wirkt demzufolge stark stilisiert und nach heutigen Maßstäben „unwirklich“, wodurch das Werk eine markante Ausdruckstärke erhielt. Christus, mit vier Nägeln ans Kreuz geschlagen, wird nicht als Leidender, sondern als Triumphierender (ohne Dornenkrone, welche aber nachträglich entfernt wurde oder verloren ging) und mit (königlichem) Gewand dargestellt, der wie ein lebendiger Mensch mehr vor dem Kreuz schwebt, denn an ihm hängt. Der schmale Kopf sowie Hände und Füße sind überproportional gestreckt, der Körper ist insgesamt sehr flach dargestellt. Die Arme der Skulptur wurden an den Torso angesetzt; sie wurde also nicht aus einem Stück gefertigt.

Farbige Fassung

Heute ist an der Figur nur noch eine schwache Bemalung feststellbar. Untersuchungen haben ergeben, dass die farbige Fassung früher sehr viel kräftiger gewesen sein muss und über die Jahrhunderte hinweg wahrscheinlich mehrfach verändert wurde. So war das Untergewand ursprünglich grün, die Ärmeltunika purpurn. Später war sie jedoch blau-schwarz in der Grundfarbe und mit goldfarbenen Sternen oder Punkten verziert. Gegen Ende des Mittelalters war sie höchstwahrscheinlich braun gehalten.

Reliquienbehältnis

Im Hinterkopf des Gekreuzigten befindet sich ein kleiner Schiebedeckel, hinter dem sich ein „Reliquiendepositorium“ befindet. Die darin enthaltenen 30 Reliquien wurden 1881 entnommen und in das Reliquiengefäß einer Säule des Marienaltars verbracht, wo sie noch heute sind.

Heutiger Zustand

Die mehr als 850 Jahre seit seiner Entstehung hat das Imervard-Kreuz nicht unbeschädigt überstanden. So weist es heute einige (ältere) Beschädigungen, u. a. in Form fehlender Teile auf. Es wird angenommen, dass das Kreuz an den Seiten evtl. länger war – wahrscheinlich wurde es gekürzt. Wie bereits beschrieben, ist die farbige Fassung größtenteils verblichen. Die (wahrscheinlich) ursprünglich vorhandenen gewesene Dornenkrone fehlt vollständig. Einige der Bartsträhnen, der Finger und der Zehen sind abgebrochen und verloren. Die Füllungen der gebohrten Pupillen und der Goldblechbeschlag des Gürtels (der ursprünglich die Signatur Imervards [s. u.] verbarg) fehlen heute ebenfalls.

Meister Imervard

Imervard me fecit

Der unbekannte „Meister Imervard“, der das nach ihm benannte Kreuz wahrscheinlich um 1150 geschaffen hat, hat sein Werk auf den Enden des Gürtels Christi mit der Inschrift „IMERVARD ME FECIT“ („Imervard hat mich geschaffen“) gekennzeichnet. Diese Kennzeichnung war dem Betrachter ursprünglich durch eine Abdeckung des Gürtels aus Goldblech verborgen gewesen.

Es existiert bis heute kein weiterer Hinweis auf Namen und Wirkungskreis dieses Meisters der romanischen bildenden Kunst. Sein Name, der nordeuropäischen Ursprungs sein dürfte, also evtl. niederdeutsch, angelsächsisch oder skandinavisch, ist ansonsten nirgendwo in der Kunstgeschichte belegt.

Aufstellungsort

Seitenansicht

Aus alten Unterlagen geht hervor, dass sich das Kreuz noch Mitte des 17. Jahrhunderts in der Krypta des Domes befand. Etliche Jahrzehnte später, nämlich 1861, wurde es im Turmgewölbe „aufgefunden“ und anschließend in der Apsis des nördlichen Querarms aufgehängt.

Heute befindet es sich an dem Ort, an dem es 1956 aufgehängt wurde – der Ostwand des äußeren Nordseitenschiffes.

Literatur

  • Jochen Luckhardt und Franz Niehoff (Hrsg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125-1235. Ausstellungskatalog, 3 Bde, München 1995
  • Cord Meckseper (Hrsg.): Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150 – 1650. Ausstellungskatalog, 4 Bde, Stuttgart 1985
  • A. Quast: Der Sankt-Blasius-Dom zu Braunschweig, seine Geschichte und seine Kunstwerke, Braunschweig 1975
  • Reiner Haussherr, Das Imervardkreuz und der Volto-Santo-Typ, in: Zeitschrift für Kunstwissenschaft, 16/1962
  • August Fink, Das Imervardkreuz und das Triumphkreuz Heinrichs des Löwen für den Braunschweiger Dom, in: Braunschweigisches Magazin, 1925, S. 65-71
  • Hermann Leber, Das Imervardkreuz, 19XX

Weblinks


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