Kodak No. 1

Kodak No. 1

Die Kodak Nr. 1 (The Kodak oder in Deutschland Der Kodak) von George Eastman ist ein legendenumwobener Fotoapparat aus der Geschichte der Fotografie. Die Kamera wurde erstmals 1888 vorgestellt, die Produktion wurde jedoch bereits 1889 wieder eingestellt; der Hauptzweck der Nr. 1 bestand darin, Eastmans Rollfilm zu vermarkten, den Eastman jedoch nicht als Erster patentiert hatte und um den sich ein Rechtsstreit mit Reverend Hannibal Goodwin bis 1898 hinzog, den Eastman verlor.

Inhaltsverzeichnis

Kameragehäuse

Die Kodak Nr. 1 war eine von dem Kamerakonstrukteur Frank A. Brownell für Eastman entwickelte Amateurkamera in Box-Bauweise, die das Fotografieren ganz erheblich vereinfachen sollte. Sie bestand aus einem Holzgehäuse, das mit glattem Leder überzogen war, und hatte die kompakten Abmessungen von 8,3 x 9,6 x 16,5 Zentimetern (BxHxL) sowie ein Gewicht von gut 900 Gramm. Der Preis lag bei – für damalige Verhältnisse – recht kostspieligen 25 Dollar bzw. in Deutschland bei 120 Mark.

Der Kodak Nr. 1 fehlte – wie auch vielen zeitgenössischen Detektivkameras – ein Sucher; sie lieferte runde Negative mit einem Durchmesser von 65 Millimetern und nutzte den von Georg Walker entwickelten Rollenhalter für Rollfilm, auf dem hundert Bilder aufgezeichnet werden konnten. Die kürzest mögliche Belichtungszeit lag bei 1/25 Sekunde und wurde durch einen Zylinder- oder Walzenverschluss eingesteuert.

Das Kameragehäuse ist abgeleitet von den Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten so genannten Schülerapparaten und Geheimkameras, die mit einfachen Landschaftslinsen ausgestattet waren, im Gegensatz zum Kodak jedoch Glasplatten als Aufnahmematerial verwendeten und daher vergleichsweise umständlich zu bedienen waren. Die Gemeinsamkeit all dieser Kamerabauformen des ausgehenden 19. Jahrhunderts bestand jedoch darin, dass sie mobil, d.h. tragbar waren. Die Plattenkameras dieser Zeit erforderten dagegen immer ein Stativ, waren nur schwer zu transportieren und keineswegs permanent aufnahmebereit wie eine typische Boxkamera.

Objektiv

In die Box fest eingebaut war ein Weitwinkelobjektiv von Bausch & Lomb (Rochester) mit einer Brennweite von 75 mm und einer für Boxkameras typischen Lichtstärke von 1:9.

Rollfilm

Die Kodak Nr. 1 verwendete zunächst den so genannten Stripping Film mit Papier als Trägermaterial für die Filmschicht (seit 1884), was sich in der Weiterverarbeitung jedoch als unpraktisch erwies, da die Beschichtung dazu vom Papierträger abgelöst und auf eine Glasplatte übertragen werden musste.

Der Rollfilm mit Papier als Schichtträger war – entgegen der offiziellen Historiografie von Kodak – keine Erfindung von George Eastman; die Rollkassette mit Negativpapier wurde von Leon Warnerke in London erfunden, der bereits 1875 eine funktionsfähige Kamera mit Rollfilm auf Kollodium-Basis sowie ab 1881 mit Gelatine-Emulsion konstruiert hatte.

Eastman ersetzte das Papier daher in den Nachfolgemodellen ab 1889 (Kodak 4, Kodak Junior 3 etc.) durch einen Transparentfilm auf Zelluloidunterlage, den er als American Film patentieren ließ. Den American Film hatte Henry M. Reichenbach zwischen 1888 und 1889 für Eastman entwickelt.

Den Zelluloid-Rollfilm mit einer Bromsilber-Gelatine-Schicht hatte allerdings bereits 1887 Hannibal Goodwin für Edison erfunden und patentieren lassen; der folgende Rechtsstreit zog sich bis zur Löschung des Kodak-Patents 1898 hin, bis dahin hatte Eastman allerdings bereits eine marktbeherrschende Stellung in der aufkommenden Fotoindustrie erreicht und einen neuen Massenmarkt erschlossen.

Der Foto-Rollfilm auf Zelluloidbasis ersetzte nicht nur die Fotoplatte, sondern bildete auch die Grundlage für den Kinofilm, den Edison beidseitig perforierte und so den modernen fotografischen Laufbildträger schuf.

Entwicklungsdienst

Eine Besonderheit der Kodak Nr. 1 war der Filmentwicklungsdienst; der einprägsame Werbeslogan zur Kamera lautete: „You press the button, we do the rest“.

Der Fotograf musste bei diesem Konzept nichts weiter tun als Motive zu suchen, auf den Auslöser zu drücken und später dann die fertigen Papierbilder zu betrachten: Eastman bot einen Entwicklungsdienst für 10 Dollar, bei dem die Kamera zusammen mit dem belichteten Film über einen Händler eingeschickt wurde.

Nach Verarbeitung im Labor der Eastman Company in Rochester erhielt man dann die entwickelten Negative mit Abzügen zurück, in die Kamera war dann bereits vom Labor ein neuer Film eingelegt worden. Die Papierbilder wurden nicht vergrößert, sondern entsprachen in ihren Abmessungen der Negativgröße.

Ein Nachteil dieses Verfahren bestand darin, dass man während der Zeit der Verarbeitung – in den USA etwa vier Wochen, in Europa weitaus länger – keine Kamera mehr hatte – diese wurde ja zur Filmentwicklung mit eingeschickt.

Bedienkonzept

Eastman hatte den Kodak als „ein photographisches Notizbuch“ konzipiert; die Bedienung musste daher möglichst schnell, einfach und komplikationslos sein. Der Kodak verfügte daher nur über wenige Bedienelemente, dadurch aber auch nur über wenige Kontroll- oder Eingriffsmöglichkeiten für den Fotografen.

Der Verzicht auf einen Sucher erschwerte die Bildgestaltung und die Kontrolle des Bildausschnitts, was vor allem Berufsfotografen beklagten, die gewohnt waren, das Bild in voller Größe auf der Einstellscheibe ihrer Stativkamera betrachten zu können. Den Kodak richtete man einfach auf das Motiv und löste aus; dieses Schießen aus der Hüfte ohne sorgfältiges Zielen bezeichnete man in Anlehnung an die Jägersprache als Schnappschuss (engl. snapshot), der Kodak zählt daher – wie auch alle anderen Boxkameras – zu den Point-and-Shoot-Kameras.

Dieser Verlust an Bildkontrolle ermöglichte andererseits eine ständige Aufnahmebereitschaft, die Kameras dieser Bauform vor allen „ernsthaften“ Modellen auszeichnete.

„Die Photographie wird auf diese Weise jedem Menschen zugänglich gemacht, der von dem, was er sieht, ein Bild festhalten möchte. Ein solches fotografisches Notizbuch enthält dauerhafte Dokumente von Dingen, die man nur einmal im Leben sieht, und gibt dem glücklichen Besitzer die Möglichkeit, beim Schein des heimischen Kamins zu Szenen zurückzukehren, die anderenfalls im Gedächtnis verblassen und verlorengehen würden“ (George Eastman: The Kodak Manual, zit. in Beaumont Newhall: Geschichte der Fotografie, S. 134).

Geschichte und Rezeption

Nach Lesart von Kodak handelte es sich bei der Kodak Nr. 1 um die erste Rollfilmkamera überhaupt, sie habe den Beginn der Amateurfotografie eingeleitet und sie sei billig gewesen.

Diese Legenden sind jedoch fast ausnahmslos falsch, wie der Fotohistoriker Timm Starl nachwies. Die Kodak Nr. 1 wurde weder von Eastman persönlich entwickelt, noch hat sie die Amateurfotografie begründet, noch war sie die erste Rollfilmkamera – und billig war sie im Vergleich zu anderen fotografischen Produkten vom Ende des 19. Jahrhunderts auch nicht: Die Kodak-Geschichte „ist in den wesentlichen Teilen falsch, wichtige Personen und Fakten werden nicht genannt, andere zu Unrecht hervorgehoben“ (Starl 1995: 45).

Entwickelt wurde der Kodak von Frank A. Brownell für Eastman; die Rollkassette mit Negativpapier wurde von Leon Warnerke in London erfunden, der bereits 1875 eine funktionsfähige Kamera mit Rollfilm auf Kollodium-Basis sowie ab 1881 mit Gelatine-Emulsion konstruiert hatte; die frühe Amateurfotografie entstand parallel zur Entwicklung der Fotografie um 1840, vor allem jedoch mit der Entwicklung der Handkameras (ab den 1870er Jahren, mit der Entwicklung lichtstarker Objektive (z. B. Voigtländers Euryscop von 1878 und Steinheils Antiplanet von 1881) sowie mit der Erfindung von Maddox' Gelatine-Trockenplatte (1871). Der Gegenpol zur Amateurfotografie – die Berufsfotografie – differenzierte sich parallel dazu ebenfalls ab 1840 aus: Beide Verwendungsformen entwickeln sich bereits in den ersten Jahren der Fotografie.

Inserat für die Kodak Brownie No. 0, ca. 1914

Die Kamera war auch kommerziell wenig erfolgreich, was daran abzulesen war, dass die Produktion bereits nach einem Jahr wieder eingestellt wurde; gefertigt wurden rund 5.200 Stück. Auf die Kodak Nr. 1 folgten diverse Kodak-Varianten; die erste wirklich erfolgreiche Kodak-Kamera war die Brownie Nr. 2 von 1901 (Aufnahmeformat 6x9 cm), eine typische frühe Boxkamera.

Einer der Hauptgründe für den Misserfolg der Kodak Nr. 1 dürfte wohl der vergleichsweise hohe Preis gewesen sein; eine vergleichbare Kamera dieser Zeit, Dr. R. Krügeners Taschenbuchcamera von Haake & Albers, kostete mit 60 Mark nur rund die Hälfte; 100 Trockenplatten dazu kosteten 5 Mark, die Einrichtung eines geeigneten Fotolabors weitere 60 Mark.

Bekannt und erfolgreich wurde dagegen der Kodak-Werbespruch You press the button, we do the rest. Harper's Magazine schrieb über ihn 1891:

"Man hört ihn auf der Straße, in der Eisenbahn, im Theater, eigentlich überall, wo Männer und Frauen zusammenkommen. Die humoristischen Zeitschriften haben ihn paraphrasiert, und immer wieder verwendet man ihn als moralische Pointe oder zur Ausschmückung einer Erzählung" (in: Harper's Magazine Advertiser, Juni 1891, zit. in Beaumont Newhall: Geschichte der Fotografie, S. 133).

Bedeutung hatte der Kodak weder aufgrund seiner Konstruktion, noch wegen des anfänglich noch viel zu umständlichen und zeitaufwendigen Verarbeitungsverfahrens der Rollfilme, sondern vielmehr durch die aggressive Vermarktung durch die Eastman Company, welche die eigenen Rollfilme und Kameras unter Übergehung konkurrierender Patente über ein eigens aufgebautes Vertriebsnetz in den Markt drückte.

Namhafte Nutzer

Zu den bekanntesten Nutzern der Kodak Nr. 1 zählten u.a. die Schriftsteller Émile Zola, August Strindberg, Karel Čapek und George Bernard Shaw sowie die Maler Edgar Degas, Pierre Bonnard und Fernand Khnopff.

Vergleichbare Kameramodelle

Deutsche Hersteller griffen die Idee einer preiswerten und kompakten Boxkamera für den Massenmarkt in den 20er Jahren wieder auf; Hersteller wie Ica, Optische Anstalt Goerz und ESPI sowie Zeiss Ikon und Agfa brachten eine Flut von kastenförmigem Kameras mit einfacher Optik auf den Markt. Auch Kodak stellte neue Brownies vor, die zwar schön anzusehen waren, aber nur geringen Erfolg hatten.

Besonders großen Erfolg hatte dagegen Agfas so genannte Preis-Box von 1932, die für vier Reichsmark angeboten wurde und sich – dank flankierender Werbemaßnahmen – als überwältigender Erfolg erwies: Innerhalb weniger Monate wurden rund 900.000 Kameras verkauft – und das im Umfeld der Weltwirtschaftskrise; zum Vergleich: Von der Kodak Brownie 620 wurden nur 27.000 Stück hergestellt. Die Konkurrenz, vor allem Balda, Eho und später auch Beier und Certo, zog mit entsprechend preiswerten Modellen nach und setzte 1932 über 200.000 weitere Boxkameras ab.

Andere frühe Kompaktkamera-Bauformen:

Siehe auch

Literatur

  • Hans-Dieter Götz: Box-Cameras Made in Germany. Wie die Deutschen fotografieren lernten. Gilching: Vfv 2002. ISBN 3-88955-131-9
  • Beaumont Newhall: Geschichte der Fotografie. München: Schirmer/Mosel 1998. ISBN 3-88814-319-5
  • Timm Starl: Exkurs: Die Kodak-Legende. In: ders.: Knipser. Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980. München; Berlin: Koehler & Amelang 1995. ISBN 3-7338-0200-4

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