Legende vom Großinquisitor

Legende vom Großinquisitor

Der Großinquisitor ist das fünfte Kapitel des fünften Buches aus dem Roman Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewski, das auch unabhängig unter demselben Titel veröffentlicht worden ist.

Der russische Schriftsteller Wassili Rosanow machte es mit dem 1894 in der Zeitschrift Russkij westnik erschienen Artikel „Die Legende vom Großinquisitor“ berühmt.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Jesus hat das Bedürfnis, mal wieder auf Erden zu wandeln. Er kehrt also zurück und gelangt eher zufällig in das Sevilla des 16. Jahrhunderts. Es ist das Zeitalter der Heiligen Inquisition, die sich erfolgreich betätigt: Soeben sind hundert Häretiker qualvoll hingerichtet worden. Obwohl Jesus kein Wort spricht, wird er von allen erkannt - auch an dem Wunder, das er vollbringt: Ein totes Mädchen, das soeben beerdigt werden soll, wird zu ihm gebracht und er erweckt es zum Leben. In diesem Moment überquert der mit sich und seinem Werk sehr zufriedene Großinquisitor den Platz vor der Kirche, in der diese Szene sich abgespielt hat. Er lässt Jesus verhaften und lange Zeit alleine in der Zelle warten. Um Mitternacht besucht er ihn zum Verhör. Er erklärt ihm, dass er kein Recht habe, auf die Erde zurück zu kommen und die Ordnung, welche die Kirche in über tausend Jahren errichtet habe, zu stören. Während der Inquisitor spricht, schweigt Jesus weiterhin. Aus dem Mund des Inquisitors erfahren wir den Grund dafür: Er hat bereits alles gesagt, seine Lehre bereits verbreitet. So antwortet der Sprecher in seinem 'Monolog' auf die Bibel. Unter anderem führt er für Jesus dessen Gespräch mit dem Teufel in der Wüste fort und behandelt die drei Fragen, die der Versucher damals Jesus stellte (Mt. 4,1-11). Als der Inquisitor verstummt, gibt Jesus ihm einen Kuss – ein Kuss, der im Herzen des Greises brennt. Obwohl er vorhatte, ihn am nächsten Morgen der Inquisition zu übergeben und auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, lässt er ihn frei: Er jagt Jesus in die Dunkelheit davon.

Umstände

Die beiden getrennt aufgewachsenen Brüder Iwan und Aljoscha treffen sich (für beide ungewöhnlich) in einer Kneipe und lernen sich hier erstmals im Gespräche näher kennen. Unweigerlich lenkt sich das Gespräch auf Gott. Iwan ist der ungläubige Thomas, voll Zweifel und Zorn. Die Eintrittskarte in den Himmel, die Harmonie Gerecht bist Du, Herr! gibt er ehrerbietigst zurück an seinen Schöpfer, im Angesicht der Not und Ungerechtigkeiten. Aljoscha zweifelt nicht, seine Seele hat er dem Herrn geschenkt. Er gemahnt Iwan, dass Er alles verzeihen könne, da Er sein unschuldiges Blut für alle und alles gegeben hat.

Hier beschließt Iwan Aljoscha die Geschichte vom Großinquisitor zu erzählen, die er voller Begeisterung ersonnen, doch nie aufgeschrieben im Gedächtnis mit sich trägt: Mein Poem heißt 'Der Großinquisitor', es ist abgeschmacktes Zeug, doch ich möchte es Dir gern mitteilen. [Iwan hat schon einiges getrunken, darum ist seine Geschichte wohl durchdacht, wird von ihm jedoch leicht wirr wiedergegeben.]

Von der Art des 16. Jahrhunderts lässt Iwan den Heiland für einen Augenblick auf die Erde zurückkehren. In das Sevilla der spanischen Inquisition kommt Jesus zu den Menschen, die ihn seit Jahrhunderten anbetend erwarten, Ihn lieben, auf Ihn hoffen, für Ihn leiden, für Ihn sterben und zu seinem Ruhme im Lande täglich die Scheiterhaufen lodern lassen. ER wirkt Wunder, wird verhaftet und vom Großinquisitor verhört. Doch nur dieser ist es, der spricht.

Aljoscha ist erregt von dieser Geschichte. Ihm ist ihr Inhalt fremd, doch fasst er, dass der Katholizismus, mehr noch die Jesuiten Gegenstand der Geschichte sind. Iwan sieht im Inquisitor einen Menschen, der sich mit Askese für die Freiheit und Vollkommenheit schulte, der jedoch im Momente des höchsten Glücks, der Vollendung die Einsamkeit seiner Position erkennt. Für Aljoscha glaubt der Inquisitor nicht. Iwan stimmt dem zu, mehr noch: der Inquisitor hat die Angebote des großen Geistes, die Jesus ablehnte, angenommen, des furchtbaren Geistes des Todes und der Zerstörung, der Lüge und des Betrugs, damit die bedauernswerten Blinden nicht wissen wohin man sie führt und sich wenigstens unterwegs für glücklich halten.

Zum Abschied küsst Aljoscha Iwan auf die Lippen, macht diesen dadurch seinen Wunsch sein Leben im dreißigsten Lebensjahre mit dem Niederschmettern des Bechers zu beenden, genauso vergessen, wie Dimitrij, den ältesten der drei Brüder, der unabhängig voneinander beider – Iwans und Aljoschas – eigentliches Ziel dieses Abends war.

Bezug

Der Großinquisitor bezieht sich hauptsächlich auf die Versuchung Jesu, die von drei der Evangelisten beschrieben wurde. Die Erzählung ist vor allem eine Auseinandersetzung mit diesen Abschnitten der Bibel.

Jesu Versuchung (Matthäus 4)
Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.»
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): «Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.»
Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): «Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.»
Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.
Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): «Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.»
Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Jesu Taufe und Versuchung (Markus 1 12,13)
Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste;
und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.

Jesu Versuchung (Lukas 4)
Jesus aber, voll heiligen Geistes, kam zurück vom Jordan und wurde vom Geist in die Wüste geführt
und vierzig Tage lang von dem Teufel versucht. Und er aß nichts in diesen Tagen, und als sie ein Ende hatten, hungerte ihn.
Der Teufel aber sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich zu diesem Stein, dass er Brot werde.
Und Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): «Der Mensch lebt nicht allein vom Brot.»
Und der Teufel führte ihn hoch hinauf und zeigte ihm alle Reiche der Welt in einem Augenblick
und sprach zu ihm: Alle diese Macht will ich dir geben und ihre Herrlichkeit; denn sie ist mir übergeben, und ich gebe sie, wem ich will.
Wenn du mich nun anbetest, so soll sie ganz dein sein.
Jesus antwortete ihm und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 6,13): «Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.»
Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter;
denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): «Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren.
Und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.»
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesagt (5. Mose 6,16): «Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.»
Und als der Teufel alle Versuchungen vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeitlang.

Handlung

Jesus kehrt auf die Erde der Menschen zurück. Seine Aura, die Liebe, die Er ausstrahlt, lässt Ihn von allen erkannt werden. Die Menschen bitten um Heilung, um Erlösung durch den Heiland: Er heilt, Er wirkt Wunder.

Als Jesus einem Mädchen wie Lazarus das Leben zurückgibt, trifft Ihn der Großinquisitor. Dieser lässt Hand an Ihn legen und Ihn abführen. Der Großinquisitor wird zum Pilatus: er selbst verhört Jesus im düsteren gewölbten Kerker in dem alten Bau des Heiligen Tribunals. Doch ist es nur der Mensch, der spricht. ER schweigt. Der Großinquisitor klagt an, warum Er zurückgekommen sei, er droht Ihn am folgenden Tage verbrennen zu lassen und das Volk, das heute Seine Füße küsste, werde morgen Kohlen auf Seinen Scheiterhaufen schaufeln. Jesus habe den Menschen die Freiheit gegeben, als Er starb, gab er die Sache an die Kirche weiter. ER dürfe nicht einmal daran denken, dieses Recht wieder zu nehmen. Gerade jetzt, gerade heutzutage sind die Menschen mehr als je davon überzeugt, völlig frei zu sein; dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit gebracht und sie uns demütig vor die Füße gelegt. ER sei gewarnt worden, als der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins Ihn in der Wüste versuchte. ER habe die Warnungen ignoriert, nun dürfe Er nicht wiederkommen und die Kirche stören.

In den drei Proben des Geistes sieht der Großinquisitor das einzige wirkliche gewaltige Wunder, drei Fragen, die in drei Sätzen die ganze künftige Geschichte der Welt und der Menschheit enthalten; drei Fragen, die drei Symbole zeigen, die alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur auf Erden in sich vereinen , die drei großen Fragen, die drei großen Qualen der Menschheit.

Die erste Probe

Jesu Versuchung (Matthäus 4 2,3)
Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

Wiederholt werden zwei Begriffe in diesem Teil von Der Großinquisitor verwendet, die hier in einem unauflöslichen Widerspruch zueinander stehen: Brot und Freiheit.

Brot
Mit Brot ist bei Dostojewski nicht das Grundnahrungsmittel an sich gemeint, sondern beinahe jeder Begriff, wie er bei Maslow vorkommt und somit alle irdischen Bedürfnisse des Menschen. Es ist ein Götze, den der Mensch anbetet, selbst wenn die Welt entgöttert wäre. Das heißt, Jesus könnte Steine in Brot verwandeln, also aus dem Nichts heraus die Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte des Menschen erfüllen, wenn er es denn wollte («Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht.»).
Freiheit
Auch der Begriff Freiheit erhält bei Dostojewski eine besondere Bedeutung. Ausgehend vom Gegenstück zum irdischen Brot ist die Freiheit zunächst das himmlische Brot: ein Versprechen in die Zukunft. Darüber hinausgehend jedoch ist die Freiheit hier eine absolute Freiheit, der auch den Verzicht beinhaltet und somit zum "Brot" in Widerspruch steht, da das "Brot" Abhängigkeit schafft. Man ist abhängig von denen, die einen lieben, von denen, die einen rühmen, von denen, die man anbetet usw. Ein weiterer Aspekt ist die Wahlfreiheit: der Mensch steht stets vor der (quälenden) Entscheidung, was Gut und was Böse sei.

Das Bibelzitat ist hier somit so zu verstehen: Du gehst mit nichts in die Welt, als mit dem Versprechen, den Menschen die Freiheit zu bringen. Erfülle die Wünsche eines jeden auf Erden, damit ein jeder sein Glück im Diesseits finde und nicht erst im Himmelreich: verwandele Brot in Steine. Die Menschen werden Dir nachlaufen, dankbar, gehorsam und zitternd, denn Du könntest jederzeit Deine Hand wegnehmen - die Brote blieben Steine. Jesus lehnt dies ab, er stellt die Freiheit über das "Brot". In der Entscheidung jedoch zwischen Brot und Freiheit liegt die erste große Qual des Menschen – wobei das Brot das stärkere ist.

Der Großinquisitor weiß, dass die Menschen anders denken, und er weiß, dass auch Jesus das weiß: Keine Wissenschaft kann ihnen Brot geben, solange sie frei bleiben, doch es wird damit enden, dass sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und uns sagen werden: "Knechtet uns lieber, aber macht uns satt". Darum haben die Menschen die Freiheit aufgegeben und sich der Inquisition unterworfen.

Im Laufe der Jahrhunderte wird die Gier des Menschen nach dem Weltlichen siegen und darüber Jesus vergessen werden, Sein Tempel wird zerstört sein und die Menschen werden einen neuen Tempel, einen noch viel größeren babylonischen Turm errichten, neue Götzen anbeten. Dieser neue Turm wird noch viel schlimmer sein, aber auch er wird scheitern. Jesus hätte dies verhindern können, wenn er den Menschen Brot gegeben hätte. Die Menschen werden sich wieder dem Christentum zuwenden, da nur dieses kann den Turm vollenden, denn keine Wissenschaft kann die Menschen sättigen, solange sie frei bleiben . Die Menschen werden sagen: Knechtet uns lieber, aber macht uns satt! Sie werden endlich selber einsehen, dass beides, Freiheit und genügend Brot für jeden, zusammen undenkbar sind, denn nie werden sie untereinander zu teilen wissen! Millionen und Milliarden Geschöpfe haben nicht die Kraft, das irdische Brot um des himmlischen willen zu verschmähen. Hättest Du die Brote angenommen, so hättest Du der allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnsucht, des einzelnen wie auch der ganzen Menschheit entsprochen: «Wen sollen wir anbeten?» Und so wird es bleiben bis zum Ende der Welt, selbst dann, wenn die Welt entgöttert sein wird: einerlei, sie werden sich vor Götzen niederwerfen. Denn das Geheimnis des menschlichen Seins liegt nicht darin, dass der Mensch lebt, sondern darin, wozu er lebt.

Die Kirche aber ist ein Götze, den die Menschen anbeten, ihre Qual zu lindern.

Die zweite Probe

Jesu Versuchung (Matthäus 4 5,6)
Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): «Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.»

Jesus hat Gott nicht versucht; diese Tat wird bewahrt in der Schrift, die Tiefe der Zeiten und die äußersten Grenzen der Erde erreichend, als Beispiel dafür, dass der Mensch Seinem Beispiel folgend kein Wunder brauchen werde, um seinen Glauben an Gott zu bewahren. Doch der Großinquisitor glaubt, dass der Mensch in der höchsten Not nicht mit der freien Entscheidung seines Herzens auskommen könne, sondern auf Wunder hoffen werde. Das Wunder sei dem Menschen wichtiger als Gott; da er ohne es nicht auskommen könne, würde er sich [auch] eigene schaffen – im Aberglauben, dem Schöpfer fern.

Der freie Entschluss des Herzens, die Liebe seien Qual für den schwachen Menschen. Jesus sei einst für Götter, Ausgewählte der Ausgewählten, die Starken gekommen. Die Kirche sei jedoch da für die Schwachen, die Ohnmächtigen: Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf das Wunder, das Geheimnis und die Autorität gegründet. Und die Menschen freuten sich, dass sie wieder geführt wurden wie eine Herde und dass ihnen die furchtbare Gabe [der Freiheit; der freien Entscheidung, was gut und was böse sei], die ihnen so viel Qual gebracht hatte, endlich vom Herzen genommen war.

Der Kirche aber übergibt der Schwache sein Gewissen, die für ihn über Gut und Böse, Sünde und nicht Sünde richtet.

Die dritte Probe

Jesu Versuchung (Matthäus 4 8,9)
Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Jesus lehnte Schwert und Purpur des Kaisers ab, doch die Kirche nahm sie an und erklärte sich zu den einzigen Königen, stärker werdend bis sie Kaiser ist und über alle und alles herrscht, alles unter sich vereinigt.

Vision

An dieser Stelle entspinnt der Großinquisitor seine Vision von der Zukunft.

[...] Nur zu gut werden sie zu schätzen wissen, was es heißt, sich ein für allemal zu unterwerfen. [...] Dann werden wir ihnen das stille, bescheidene Glück schwacher Wesen geben, als die sie erschaffen sind. [...] wir werden ihnen beweisen, dass sie schwach und nur armselige Kinder sind. [...] Sie werden uns anstaunen und fürchten und stolz darauf sein, dass wir so mächtig und klug sind [...] wir werden ihnen auch die Sünde erlauben [... und ] ihnen sagen, dass jede Sünde getilgt werde, wenn sie mit unserer Erlaubnis begangen sei [...] Und sie werden keinerlei Geheimnisse vor uns haben. Wir werden ihnen erlauben oder verbieten, mit ihren Frauen und Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder nicht [...] Mit den qualvollsten Geheimnissen ihres Gewissens, mit allem, allem werden sie zu uns kommen, und wir werden alles entscheiden, und sie werden unsere Entscheidung freudig glauben, denn es wird sie von einer großen Sorge, und von den jetzigen furchtbaren Qualen der persönlichen und freien Entscheidung erlösen. Still werden sie sterben, still erlöschen in Deinem Namen und jenseits des Grabes nichts als den Tod finden. Doch wir werden sie [...] mit dem himmlischen und ewigen Lohne locken. [...]

Bedeutung

Iwan, der im Roman die Legende vom Großínquisitor erzählt, will mit dieser Legende eine Schmähung Christi formulieren. Doch unter der Hand gerät ihm diese Schmähung Christi zu einem Loblied auf Christus. Paul Watzlawick schreibt dazu in seinem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit": "Seit der Veröffentlichung der 'Brüder Karamasoff' läßt sich das Echo von Aljoschas Ausruf immer wieder vernehmen. Was ist der 'wirkliche' Sinn dieser Geschichte, deren Autor ein tief religiöser Mensch war (dessen Augen sich mit Tränen füllten, wenn der Name Christi in seiner Gegenwart eitel genannt wurde); dieser Geschichte aus dem Munde einer Romanfigur, deren Atheismus, wie Dostojewski uns erklärt, so vollkommen ist, daß ihn 'nur noch ein einziger Schritt vom vollkommenen Glauben trennt'; dieser Geschichte, die prophetisch vorwegnimmt, was vierzig Jahre später im Vaterland des Autors historische Wirklichkeit wurde - was ist ihr Sinn? Die Geschichte ist fiktiv, aber ihre Implikationen sind es keineswegs. Sowohl Christus wie der Großinquisitor haben sich dem Wohle der Menschheit verschrieben, und dennoch trennt sie eine unüberbrückbare Kluft: die Paradoxie des Helfens und das mit ihr untrennbar verbundene Problem der Macht. ... Jesus, so lautet die Anklage des Großinquisitors, wünscht spontanen Gehorsam und schafft damit eine Paradoxie, deren Lösung dem Menschen unmöglich ist. Für den Kardinal besteht die wahre Erlösung des Menschen darin, ihm die schreckliche Last der Freiheit abzunehmen; ihn unfrei, aber glücklich zu machen. Für Jesus dagegen ist das Ziel die Freiheit, nicht das Glück. Iwan Karamasoffs Poem bedeutet Grundverschiedenes, je nachdem, ob wir die Welt im Sinne Jesu oder des Großinquisitors sehen. Wem aber beide Anschauungen zugänglich sind, der verliert den sicheren Boden vermeintlicher Wirklichkeit unter den Füßen und verfängt sich in einem Universum, in dem alles wahr ist, auch das Gegenteil."

Der grandiose Psychologe und erbärmliche Christenmensch (Nietzsche) Dostojewski, der in allen seinen Werken verschiedene Eigenschaften und Typen von Menschen betrachtet und analysiert, beschreibt in Der Großinquisitor folgende drei Eigenschaften des Menschen:

  1. Der Mensch ist materiell, hat er die Wahl zwischen Abhängigkeit gepaart mit Ein- und Auskommen (die führende Hand) und asketischer Freiheit, so wird er sich für das erstere Entscheiden; der Mensch delegiert sein Gewissen und seine Freiheit an jemand anderen
  2. Der Mensch braucht stets ein Vorbild, nach dem er streben kann, an das er glaubt, und sei es ein Götze, den er anbetet
  3. Der Mensch ist stets versucht, (nicht etatisch) Teil einer möglichst weltumspannenden Bewegung zu sein

Der tiefgläubige Christ Dostojewski geißelt in Der Großinquisitor direkt den Katholizismus, doch sind diese menschlichen Eigenschaften allgemeingültiger und nicht auf Religionen beschränkt. So kann man im zweiten Punkt beispielsweise neben der Verehrung von Stars und Prominenten den Glauben an Identitätsstifter ausmachen, während der dritte zum Beispiel für sportliche Großereignisse oder das Diktat der Mode stehen kann. Dostojewski beschreibt in Der Großinquisitor die katholische Kirche als Ziel obiger Punkte: sie nimmt den Menschen die Last des Gewissens, in dem sie für sie über Gut und Schlecht richtet, sie (die Erzählung entstand lange vor den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils) ist Zentrum eines Anbetungskultes und bemüht, weltumspannend so viele Gläubige als möglich für sich zu gewinnen.

Obige Eigenschaften des Menschen stellen insofern eine Besonderheit dar, als sie so etwas wie einen wirklich universellen Charakter haben. Die meisten der von Dostojewski in seinen Werken beschriebenen menschlichen Eigenschaften sind demgegenüber an Gruppen gebunden: Russen, [von Dostojewski oftmals rassistisch gegeißelte] Polen (drastisch in Der Spieler), Deutsche, ..., Ober- und Unterschicht, freie und unfreie (Aufzeichnungen aus einem Totenhaus), Nihilisten (vor allem in Die Dämonen), Eifersüchtige und Neider (Der ewige Ehemann, Schuld und Sühne), Neurotiker (neben Der Spieler in zahlreichen Kurzgeschichten), Torheit (Der Idiot) etc.

Literatur

  • A. Maceina: Der Grossinquisitor. Geschichtsphilosophische Deutung der Legende Dostojewskijs. Kerle Verlag, Heidelberg 1952

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