Lincoln Cathedral

Lincoln Cathedral
Westseite, vom Schloss aus gesehen

Die Kathedrale von Lincoln (Cathedral Church of the Blessed Virgin Mary of Lincoln; auch: St. Mary's Cathedral) ist eines der bedeutendsten Werke der englischen Gotik. Die ältesten Teile zeigen noch normannischen Baustil.

Mehr als 200 Jahre (1311–1549) lang war die Kathedrale das höchste Gebäude der Welt.

Der Bau befindet sich am Minster Yard in der Oberstadt im Südosten der Altstadt gegenüber dem Schloss von Lincoln.

Inhaltsverzeichnis

Baukörper

Grundriss des Gebäudes

Die Kathedrale von Lincoln ist heute ein riesiger, komplizierter Baukörper, zusammengesetzt aus Bauteilen unterschiedlichster Epochen. Lincoln ist voll von Versuchen nach allen erdenklichen Richtungen der Gliederung, der Gewölbebildung und der Ornamentierung. In unerschöpflicher Mannigfaltigkeit ist von dem schwarzen Purbeck-Marmor Gebrauch gemacht worden für Dienstschäfte, Kapitelle und Sockelblenden. An Pracht und Aufwand des Details dürfte ihr keine kontinentale Kirche gleichkommen. (Hürlimann, S. 36)

In der heutigen Form ist Lincoln eine dreischiffige Emporen-Basilika mit weiten Jochen, in der Mitte zwei Querschiffen (das westliche ist länger und besitzt einen Vierungsturm). Während die englischen Kathedralklöster in der Regel frei in der Landschaft in einem eigenen Bezirk liegen, ist Lincoln wie die Kathedralen des Festlandes in die Stadt eingebaut.

Vorgeschichte

Wilhelm der Eroberer nutzte im Jahr 1067, ein Jahr nach der Eroberung Englands, die Gelegenheit, einen seiner alten Weggefährten auf eine wichtige Machtposition zu bringen. Damals lag der Sitz der Diözese noch nicht in Lincoln, sondern in der Dorchester Abbey in Dorchester-on-Thames in Oxfordshire. Der dortige angelsächsische Bischof Wulfwig war 1067 gestorben. Wilhelm holte daraufhin Remigius von der Abtei Fécamp in der Normandie nach England (Rémy de Fécamp). In der Nähe der königlichen Festung begann im Schutz alter römischer Mauern und in beherrschender Lage auf dem Hügel von Lindum der Aufstieg der Abtei noch vor dem Jahr 1075, in dem der Beschluss gefasst worden war, Bischofssitz nur in größeren Städten zu errichten.

Die Bauarbeiten begannen 1072 und waren 1092 vollendet. Zwei Tage vor der Einsegnung der Kathedrale am 9. Mai starb Remigius. Erhalten sind von diesem ca. 100 Meter langen Bau zentrale Teile der Westfassade und der untere Teil des Westturms.

1137 oder 1139 gab es einen großen Brand.

Der Wiederaufbau erfolgte unter Bischof Alexander (1123–48), genannt ‚der Prächtige’ wegen seines extravaganten und kostspieligen Geschmacks. Er ist verantwortlich für die figurenreiche Gestaltung der romanischen Westfassade. Über den Portalen der Westfassade befindet sich aus dieser Zeit noch ein Relieffries mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zuseiten der Majestas Domini (um 1141–50). Hier zeigt sich der früheste Einfluss der Ile de France (Basilika Saint-Denis) in England.

Diese Fassade aus dem 2. Viertel des 12. Jahrhunderts zeigt drei Nischen, deren Größe und Breite sich zur Mitte steigern. Oberhalb ihres Rundbogenabschlusses füllen Blendarkaturreihen die Fläche, ein Motiv, das beim Innen- und Außenbau englischer Kirchen sehr beliebt ist. Darüber steigen die Türme auf. Das Reliefband über dem romanischen Mittelportal ist späteren Datums. Es wurde im 14. Jahrhundert nachträglich eingefügt. Das große Mittelfenster stammt aus dem 15. Jahrhundert des Perpendicular Style.

Das romanische Westportal zeigt auf seinen Säulenschäften normannische Dämonen- und Zickzackornamentik. Vorbilder für die ornamentale Gestaltung vieler Motive finden sich in der Buchmalerei der „Schule von Winchester“ des 11. Jahrhunderts. Eine andere Motivquelle ist die Elfenbeinschnitzerei.

Alexander der Prächtige sorgte auch dafür, dass das Mittelschiff endlich ein Steingewölbe erhielt, damit ein möglicher nächster Brand nicht die gesamte Kirche erfassen konnte. Aber dann kam es im Jahre 1185 zu einem Erdbeben. Die Kathedrale wurde schwer beschädigt. Der Chronist Roger von Hoveden berichtet, die Kirche sei von oben bis unten gespalten worden.

Neubau 1192–1235

Die Westfassade blieb erhalten, aber die übrige Kathedrale wurde nach dem Erdbeben unter dem neuen Bischof ‘St. Hugh of Lincoln’ von Grund auf erneuert. Dieser aus Avalon in Frankreich stammende St. Hugo von Avalon regierte 1186–1200 und wurde 1220 bereits heiliggesprochen. Unter seiner Regierung begann der Architekt Geoffrey de Noiers 1192 mit einem neuen groß angelegten Steinbau, der 1235 abgeschlossen wurde.

Stilistische Grundzüge

Hauptschiff und Chorschranke

Das Aufrisssystem des 12. Jhs. wurde aufgelockert. Das Hauptschiff wurde der für die Kirchen des Early English Style bestimmende Bau. Die neuen ganz schlanken Dienstbündel des vielteiligen Rippengewölbes setzen auf Konsolen auf oberhalb der Arkadenkapitelle; die Zwickel des Emporengeschosses werden von Rosetten durchbrochen. Weder die Horizontale noch die Vertikale beherrschen die Wandfläche. Im Querhaus verbindet um 1200 zum ersten Mal eine Längsrippe (Scheitelrippe) die Scheitelpunkte des Gewölbes (ungefähr gleichzeitig mit Ely). Das Sterngewölbe kündigt die Komplexität der spätgotischen Gewölbe an. Ein Teil der Gewölberippen verschwindet in der Wand, bevor das ‚tragende’ Kapitell erreicht wird – ein frühes Beispiel einer sonst erst in der Spätgotik auftretenden „Verschneidung“.

Zwischen den Obergadenfenstern und der unteren Arkadenreihe liegt das Triforiumsgeschoss, das aber auch Emporencharakter hat, d.h. der Raum hinter den Säulen ist betretbar, aber dunkel.

Die Seitenschiffe haben zwei Fenster pro Joch wie in Salisbury, jedoch eine reichere Gewölbezeichnung. Vor allem die Sockelblenden unter den Seitenschifffenstern treten in den unterschiedlichsten Formen auf. Im Chor werden sogar zwei Schichten solchen Blenden miteinander verschränkt.

Die Blendarkaturen finden eine Fortsetzung auch in den unteren Partien der Anbauten, seitliche Abschlüsse werden durch kleine Ecktürme ergänzt. Somit entsteht eine vor die Türme geblendete Schauwand.

Bauverlauf

Man begann am östlichen Ende der Kirche mit einer Apsis und fünf kleinen Radialkapellen. Dann wurde das Hauptschiff erneuert.

Um 1200 wurde das ‚Dean’s Eye’, ein Rundfenster in die Aussenseite des nördlichen Armes des großen Querhauses eingebaut.

Ab 1220 wurde der Kreuzgang mit dem zehneckigen Kapitelhaus (frühestes gotisches) – ausnahmsweise auf der Nordseite – errichtet. Das Kapitelhaus wird seit dem 14. Jahrhundert gestützt von einem äußeren Strebenkranz. Vom inneren Mittelpfeiler strahlen die 20 Rippen des Sterngewölbes aus.

Unter Meister Geoffrey de Noiers kam ein östliches Querhaus hinzu mit je zwei halbrunden Ostkapellen, vier Chorjoche (Vorderchor) und ein westliches Querhaus mit Seitenschiffen an der Ostseite beider Flügel, die je drei Kapellen – nun aber gerade geschlossen – enthalten.

Dann folgte 1220–1230 ein gotischer Ausbau der Westfassade, der auch für die heutige extreme Breite verantwortlich ist. Eigenartig ist, dass bei dieser Westfassade das normannische Nischenmotiv für die Gestaltung der Eingangszone beibehalten wurde. Über dem Mittelportal liegt der gotische Fries mit den Königen aus dem 14. Jh. Die Waffelmuster-Verkleidung der Flächen in der großen Nische des Mittelportales wird im Englischen ’gauffrure’ genannt. Sie ist möglicherweise von islamischen Wandverkleidungen angeregt.

Vom Langhaus wurden sieben Joche 1233 eingewölbt, wobei es zu einem ersten Versuch kam, das Gewölbe mit Rippen zu bereichern, und zwar durch Scheitel- und Flechtrippen. Hier begann der Prozess der allmählichen Auffächerung des Rippenbündels, zu dem es auf dem Festland keine Parallele gab. Die neue französische Erfindung der Strebewerkes wurde ausprobiert. Das ermöglichte auch den Einbau von größeren Fenstern.

1235 wurde Robert Grosseteste, ein berühmter Theologe und Wissenschaftler, Bischof. In seinen ersten Jahren entstand an der Westseite des südlichen Querhauses ein reich dekoriertes Seitenportal mit Vorhalle, das als ‚Galiläa’ bezeichnet wird (s. Narthex)

1239 stürzt der gerade vollendete Vierungsturm ein.

Westtürme und Vierungsturm

Nach dem Einsturz des Turms

1256 bis 1320 folgten die Bauteile östlich des kleinen Querhauses, das Presbyterium und der Retrochor, der wegen seiner figürlichen Ausschmückung auch ‚Engelschor’ genannt wird und ein Frühwerk des Decorated Style darstellt mit Maßwerkformen von bis zu 18 Metern Höhe. Wegen dieser Osterweiterung der Kathedrale musste die Stadtbefestigung durchbrochen werden.

Nach Verstärkung der Vierungspfeiler wurde der Vierungsturm wiederaufgebaut. In den Jahren 1307–11 erhielt er sein heutiges Obergeschoss und darauf noch einen Turmhelm, so dass er bis 1549 mit 160 Metern das höchste Gebäude der Welt war.

1300–1320 erhielt der Innenraum die berühmte Chorschranke (choir-screen) im extrem gesteigerten Decorated-Style. Das gewaffelte Rosettenmuster wird diaper-work genannt. Es wird vermutet, dass hier islamische Fliesenverkleidungen in Steinarbeit übersetzt wurden (Hürlimann S. 38). In der französisch-englischen Buchmalerei erscheinen gleichzeitig solche Muster als ‚Damaszierung’ als Hintergrund von Figurenszenen.

1330 wurde das ‚Bishop’s Eye’ genannte Rundfenster in der Stirnfront des südlichen Armes des großen Querhauses von 1325 eingebaut. Es war ursprünglich gleichzeitig mit dem ‚Dean’s Eye’ entstanden und wurde jetzt rekonstruiert.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden unter John of Welbourne (gest. 1380) über, genauer hinter der alten normannischen Westfassade die Westtürme hochgezogen

1484 (oder 1494) wurde an der Nordseite des Chors eine Kapelle angebaut, die ‚Flaming’s Chantry’ genannt wird, später an der Südseite die Russel’s Chantry (1494) und die Longland’s Chantry (1521–30). Zwischen ihnen verblieb das alte Chorportal von 1270 mit seinem ‚Jüngsten Gericht’ im oberen Bogenfeld.

1549 zerstörte ein Sturm den Helm des Vierungsturms, der seither seinen heutigen flachen Abschluss hat.

Gewölbe

Kapitelhaus

Der Beginn der gotischen Baukunst in England wird allgemein mit dem Ostabschluss der Kathedrale von Canterbury 1175 angenommen, die eigentliche englische Gotik aber, das Early English, setzt mit dem Neubau der Kathedrale von Wells 1180 und Lincoln 1192 ein. Besonders im Gewölbebau geht England jetzt ganz eigene Wege. Es übernimmt zwar von Frankreich seine eigene Erfindung des Kreuzrippengewölbes, gebraucht es in seiner einfachen, ursprünglichen Form aber kaum, sondern entwickelt Formen, die auf dem Festland entweder keine oder nur späte Nachahmung finden (Ende 14. Jh.).

Die erste Variation des ursprünglichen Rippenschemas fand im östlichen Querschiff hier in Lincoln statt (1192–1200), wo Scheitel- und Querscheitelrippen aufgenommen wurden, allerdings nicht im selben Gewölbefeld kombiniert (mit einer gewissen, merkwürdigen Ausnahme an der nördlichen Schildwand, wo zwei „halbe“ Scheitelrippen einen rechten Kinkel bilden). Im Hauptquerschiff (1200–20) wurden dann Scheitelrippen vollständig ausgeführt, und zwar von der Schildmauer bis zur Vierung.

Eine weitere frühe und gleichzeitig die merkwürdigste Veränderung im Kreuzrippensystem hat der Baumeister des Mittelschiffs im Vorderchor um ca. 1200 geschaffen, die so genannten „crazy vaults“, deren Figuration sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt. Franz Hart spricht von einer „Spaltung der Diagonalrippe“, was als Beschreibung sicher nicht genügt. Es ergibt sich in der Aufsicht das Bild eines schräg von rechts oben betrachteten Paralleldaches – allerdings als Kippfigur, so dass sich das gleiche auch als Untersicht von links bezeichnen lässt. Die Scheitellinien der Stichkappen stehen dabei nicht senkrecht auf der Chorscheitellinie, sondern die der südlichen sind mehr nach Osten, die der nördlichen mehr nach Westen gewandt. Jedes Joch hat zwei Schlusssteine.

Der Nachfolger dieses Baumeisters in Lincoln war nicht ganz so experimentierfreudig. Er kehrte zur Symmetrie zurück und schuf 1233 im Langhaus-Gewölbe mit der Kombination von Scheitelrippe und mehreren Flechtrippen gleichzeitig das erste Stern- und Fächergewölbe, auch Strahlen- oder Palmengewölbe genannt; diese Form des Fächergewölbes ist zu unterscheiden von der später im Perpendicular-Stil aufkommenden so genannten „reifen Form des Fächergewölbes“.

Außergewöhnlich ist noch ein frühes Beispiel für ein erst in der Spätgotik angewandtes Prinzip, das der Verschneidung, wo ein Teil der Rippen vor dem Erreichen des Gewölbedienstes in der Wand verschwindet, bzw. sich optisch in den anderen Rippen auflöst.

Die Kathedrale von Lincoln war überhaupt ein großes Experimentierfeld für mehrere architektonische Richtungen, was zu einer Pracht und Detailfülle führte wie in kaum einer kontinentalen Kirche.

Gegenwart

Sie ist Sitz der Diözese von Lincoln der Church of England.

Des Weiteren beherbergt die Kirche auch eine öffentliche Bibliothek: Das Lincoln Cathedral Library. Diese beherbergt unter anderem eine der seltenen Kopien der Magna Carta sowie eine Bibel aus dem 11. Jahrhundert, die Lincoln Chapter Bible.

Die Kathedrale wurde im Jahr 2000 mit einem Kostenaufwand von ca. drei Millionen Euro restauriert.

2005 wurden hier die Szenen für den Kinofilm The Da Vinci Code – Sakrileg (statt in der Westminster Abbey) gedreht. Dies bescherte der Kirche hohe Einnahmen und verstärkte den Besucheransturm.

Literatur

  • Bock, Henning: Der Decorated Style. Untersuchungen zur englischen Kathedralarchitektur der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Heidelberg 1962
  • Bony, Jean: The English Decorated Style. Gothic Architecture Transformed 1250–1350. New York 1979
  • Coldstream, Nicola: The Decorated Style. Architecture and Ornament, 1240–1360. British Museum Press 1999. ISBN 978-0-7141-2734-7
  • Erlande-Brandenburg, Alaine: Gotische Kunst. Freiburg-Basel-Wien 1984, Abb. 355,798ff;
  • Hart, Franz: Kunst und Technik der Wölbung. München 1965
  • Hürlimann, Martin: Englische Kathedralen. Zürich 1948
  • Kowa, Günter: Architektur der englischen Gotik. Köln 1990
  • Schäfke, Werner: Englische Kathedralen. Eine Reise zu den Höhepunkten englischer Architektur von 1066 bis heute. Köln 1983. (DuMont Kunst-Reiseführer), S. 93–116, Abb. 28–32; Farbtafel 7,21;
  • Swaan, Wim: Die großen Kathedralen. Köln 1969, S. 183, Abb. 197,206–215,257;
  • Toman, Rolf (Hrsg.): Die Kunst der Romanik. Architektur – Skulptur – Malerei. Köln 1996, S. 221

Weblinks

53.234444444444-0.53611111111117Koordinaten: 53° 14′ 4″ N, 0° 32′ 10″ W


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