Jüdische Gemeinde Heilbronn

Jüdische Gemeinde Heilbronn

Die jüdische Gemeinde Heilbronn hat eine lange Tradition. Eine bedeutende Ansiedlung von Juden in Heilbronn wurde bereits im 11. Jahrhundert erwähnt, auch eine erste Synagoge bestand wohl damals schon. Nach einem ab dem 15. Jahrhundert geltenden Stadtverbot siedelten sich Juden erst wieder mit der rechtlichen Gleichstellung ab 1828 in Heilbronn an. Die Gemeinde wuchs bis um 1870 auf über 600 Personen an und erbaute 1877 die Heilbronner Synagoge, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Während der Zeit des Nationalsozialismus kamen rund 240 Personen aus dem Kreis der Heilbronner jüdischen Gemeinde zu Tode.

Heute besteht in Heilbronn das Jüdische Zentrum Heilbronn der IRGW-Filiale Heilbronn.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Erste Erwähnung und erste Synagoge

Um das Jahr 1050 wird urkundlich eine bedeutende Judensiedlung in der Judengasse (heute: Lohtorstraße) genannt. Die erste Synagoge soll sich an der Ecke Lohtorstraße/Sülmerstraße befunden haben. Im Kellergewölbe des Gebäudes Lohtorstraße 22 fand man einen hebräischen Inschriftenstein aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, der Keller selbst könnte als Mikwe gedient haben.

Rintfleisch-Pogrom 1298 und Pest-Pogrom 1349

Im Jahr 1298 wurden beim so genannten Rintfleisch-Pogrom vor allem in Franken bis zu 5000 Juden durch marodierende Anhänger des selbsternannten König Rintfleisch ermordet, unter anderem auch 143 Juden aus Heilbronn. Darunter waren der Gemeindevorsteher Ascher, der Rabbiner Jochanan ben rabi Eljakim und Ehefrau, der Lehrer Isaak, Punktator Abraham mit Sohn und die Gelehrten Muschallam und Nathan. Die jüdische Heilbronner Bürgerschaft bestand damals aus Sephardim (hebr. ספרדים), die zuerst nach Frankreich gegangen und dort von Philipp August 1181 vertrieben worden sind. Französische Namen wie Biennevenue, Salveda, Zippora, Dolce oder Maimona bezeugen die sephardische Abstammung der französischen Juden in Heilbronn.

Bald nach dem Rintfleisch-Pogrom muss es wieder eine jüdische Bürgerschaft zu Heilbronn gegeben haben, denn Ludwig der Bayer verpfändete der Stadt Heilbronn im Jahr 1316 für eine Dauer von sechs Jahren die Steuerpflicht der Heilbronner Juden, bis ein Betrag von 4000 Hellern erreicht sei.[1]

Im Zeitraum von Ende Februar bis Mitte April 1349 kam es während einer Pest-Epidemie in Europa erneut zu Ausschreitungen gegen Juden, denen man die Vergiftung der Brunnen andichtete. In der Heilbronner Chronik heißt es, dass während dieses Pestpogroms „viele Juden erschlagen“ worden seien.[2] Im Frühjahr 1349 ereignete sich in Heilbronn nicht nur zahlreiches „Judenmorden“ sondern auch viele „Judenbrände“ [3]. Mit dem Ausdruck bezeichnete man das Verbrennen von Juden, insbesondere von Jüdinnen, bei den „Hexensäulen“ am zweiten jüdischen Friedhof vor der Stadtmauer Heilbronns.

König Karl IV. übereignet am 14. April 1349 Elisabeth von Hirschhorn, der Ehefrau des Engelhard von Hirschhorn, das Haus „des reichen Juden Nathan zu Heilbronn gegenüber dem Haus des Rottinger“.[4]

Zweite Synagoge

Vermutlich im Jahr 1357[5] bestand die Synagoge am Kieselmarkt, für 1359 sind Juden in Heilbronn bezeugt.

Wiederzulassung 1361 unter Kaiser Karl IV.

Kaiser Karl IV. gemahnt Heilbronn 1361, Juden aufzunehmen und diesen Schutz zu gewähren. Dem Kaiser flossen hierdurch die Steuern der Juden in Form des „Judenregals“ und der „Kopfsteuer“ zu. Das Judenregal war eine Art käufliches Judenschutzrecht. Diese Schutzsteuer konnte von 25 bis 50 Gulden reichen. Die Kopfsteuer hingegen setzte sich aus einem prozentualen Anteil von Vermögen und Einkommen zusammen. Fällig war diese bei der Krönung des Kaisers, weswegen sie auch Krönungssteuer genannt wurde. Die jüd. Bürger dieser Zeit waren „Großkaufleute“ [6] und Heilbronn war ein Umschlagsplatz für Pelze, Sklaven, Wein, Getreide, Salz usw. 1371 verleiht Karl IV. Heilbronn die reichsstädtische Verfassung, die als paritätische Verfassung gilt, weil sie dem Heilbronner Patriziat und den ansässigen Kaufleuten zu gleichen Teilen Macht im Rat der Stadt einräumt.

Als Quellenangabe sind die Betbücher des 14. Jahrhunderts geeignet. Diese Bücher beschreiben die Vermögenssteuern, die die Heilbronner Juden zu bezahlen hatten. Um 1387 mussten 15 Heilbronner Juden diese Steuer aufbringen. Sie belief sich auf 0,5 Prozent des Vermögens. Jeder der 15 Bürger jüdischen Glaubens zahlte jeweils 20 Gulden, was die Schlussfolgerung erlaubt, dass jeder der Zahlenden über ein Vermögen von 4000 Gulden verfügte. Die erbrachte Gesamtsumme belief sich dabei auf 279 Gulden.

Die Steuerzahler aus dem Jahr 1399 waren: Von den Juden Kirchhoff 8 Gulden, Von Samsson 10 Gulden, Meyger 14 Gulden, Sauwel 8 Gulden, Vischlin 10 Gulden, Uxor Mannes 15 Gulden, Davit 10 Gulden, Richlerin von Speyer 16 Gulden.

Richlerin von Speyer

Samson Jude der Lernmeister

Köppelmann

Meyger, Vischlin und der Juden Klöpffer

Schutzbrief des Königs Sigismund

Der Schutzbrief von Kaiser Sigismund vom 15. Oktober 1414 für die Heilbronner Juden führte aus, dass sie als Gläubiger Anspruch auf Erfüllung ihrer Forderung hätten. Daneben wurden ihnen der Anspruch auf Schutz des Eigentums und der körperlichen Unversehrtheit sowie Verkehrs- und Religionsfreiheit eingeräumt. Der Gerichtsstand war in weltlichen bzw. religiösen Angelegenheiten das Gericht zu Heilbronn bzw. der Rabbiner zu Heilbronn. Schließlich wurden noch Abgaben an die königliche Kammer Heilbronn dort geregelt. [7]

  • Der Schutzbrief und seine Artikel:
  • 1. Artikel:
    • zum ersten, wo man i(h)n schuldig ist oder fur(cht)baz schuldig w(e)irdet, da(s)z man i(h)n daz nach l(a)ut i(hrer brie(f)ve, bu(e)rgen oder mu(e)ntlicher versprechung richten und beza(h)len sol(l)e, als dan(n) das von guter gewo(h)nheit herkomen und gehalden ist, und welich jud oder judin ein pfant heldet uüber ein ja(h)re und damit tut als re(c)ht ist, daz er dan(n) dasselbe pfant verkoufen, verseczen und verk(o)um(m)ern möge als ander sine eigen gut on alle anspruch und hindernisse
  • 2. Artikel:
    • item daz man (a)ouch i(h)r lie)be und i(h)r gute in st(a)e(d)ten do(e)rfern und (a)uf dem velde, (a)uf strassen und (a)uf wassern beschirmen solle, und daz in alle stra(s)zen offen s(e)in sollen und da(s)z s(e)y (a)ouch dor(a)uf aller fr(e)iheite(n), schirmes, fri(e)de(n)s und gnaden, es s(e)y fried oder krieg, geniessen und teilhaftig s(e)in sollen und mögen, des c(h)risten edel und unedel geniessen und teilhaftig sind '
  • 3. Artikel:
    • item daz man ouch die vorgenannten juden und judin mit keinerley zo(e)llen oder sachen (a)uf wasser und (a)uf lande bes(ch)wa(e)ren solle, (a)ussgenommen der zo(e)lle, die unserer vorfaren Ro(e)misch keiser und ku(e)nige (a)ufgeseczt haben und waz doran von alder herkommen und gewoehlnich gewest ist, daz man das von i(h)n ne(h)men solle und nicht mee(hr) in kein w(ei)ys
  • 4. Artikel:
    • item daz man (a)ouch keine der vorgenannten juden, i(h)r w(e)ibere oder i(h) kindere zu der t(a)oufe dringen solle
  • 5. Artikel:
    • item wan(n) s(e)y (a)ouch in unser und des r(e)ichs cam(m)er geho(e)ren, dorumb ist unser su(e)nderliche meynunge und wollen, da(s)z man s(ie)y noch i(h)r keinen furbass mehre verteilen oder eignen solle wider diese unser genade und fr(e)iheiten, s(o)under(n) da(s)z man s(ie)y (a)uss einer sta(d)t in die anderen zu allen z(e)yten (f)va(h)ren und ziehen lassen solle o(h)n(e) alle hindernisse und irrung
  • 6. Artikel:
    • item daz man s(i)y (a)ouch weder für lan(d)tgericht oder landfri(e)d ob die weren oder lan(d)ttage heischen oder laden solle oder mo(e)ge, s(o)under(n) wer zu in sa(e)mptlich oder suenderlich zu sprechen hat, da(s)z der recht ne(h)men und geben solle vor dem werntlichen gerichte in der sta(d)t zu Heilbrun, und wer es sa(g)che, da(s)z s(ei)y d(a)orou(e)ber bes(ch)weret wurden, daz das ouch weder craft noch ma(c)ht haben solle
  • 7. Artikel:
    • item daz s(ie)y (a)ouch gemeinlich oder su(e)nderlichs oder i(h)r(e)gl(e)ichs w(e)iber odere kindere ni(ch)t pflichtig s(e)in sollen, vor judischen meistern [die s(ie)y nenn i(h)re rab(b)i oder homeister] zu (b)e(a)ntworten och zu geste(h)en von yeman(d)ts, er sy hohmeister, rab(b)i, jud oder jüdin, (ver)c(k)lag(e) oder (vor)ladungen wegen.
    • (A)usgenommen einen hohmeister oder rab(b)i der zu Heilbronn gesessen ist, oder so keiner das siczet, vor dem der in der n(a)echsten r(e)ichssta(d)t by Heilbronn gelegen, gesessen oder wohnhaft ist.
    • Ob andere hohmeistere oder rabi die vorgenannten juden, i(h)re w(e)ibe oder i(h)re kindere für sich (vor)l(a)uden, in den ju(e)dischen ban(n) legten oder in andere bes(ch)werungen antreten, das soll alles weder craft noch macht haben.
    • Den vorgenannten juden und den i(h)ren keinen Schaden fuegen noch br(i)engen in keine w(ei)ys, und dorzu sollen solich rab(b)i oder hohmeister, die s(ie)y wider diese unsere ganade und fri(e)heiten ba(n)nten oder bes(ch)werten, der pene(Strafe nulla pene sine lege) in diesem brief begriffen verfallen s(e)in in unsere und des r(e)ichs cam(m)er unl(o)eslich und o(h)n myndernisse zu beza(h)len
  • 8. Artikel:
    • item welich z(e)yt das (a)ouch geschehe, da(s)z ein jud s(ch)w(o)eren sollt, da(s)z er uf Moyses buch s(ch)weren mo(e)ge mit solichen worten: "Als i(h)m Got(t) helf(e) b(e)y der ee die Got gab (a)uf dem berge Synay" und nicht anders
  • 9. Artikel:
    • item daz man (a)ouch keinen der vorgenannten juden oder jüdinnen weder an l(e)ibe noch an gut bezugen moge dan(n) mit unversprochenen c(h)risten und unversprochenen juden, die ni(ch)t offenbar viende sint.
  • 10. Artikel:
    • item daz (a)ouch ein i(je)glichen jud und jüdin, die über dr(e)izehen ja(h)r sind, den guldenen opferpfennyg in unser und des richs cam(m)er alle ja(hr) (a)uf w(e)ihenachten und als herkommen ist geben solle.
    • Welcher jud aber des almusens lebt, der bedarf solchen opferpfennyg ni(ch)t gebe.
  • 11. Artikel:
    • item daz...[]

Der Schutzbrief brachte zunächst einen Aufschwung der jüdischen Gemeinde, die 1415 vom Heilbronner Rat einen Platz für einen neuen Friedhof vor dem Brückentor erhielt. 1422 verlieh König Sigismund den Heilbronner Juden dieselben Rechte wie den Nürnberger Juden. Doch führte ab etwa 1420 die Verschuldung von Heilbronner Bürgern bei Juden zu Spannungen.

Stadtverbot von 1437

Die jüdischen Bürger Heilbronns erhielten ab 1437 Stadtverbot und wurden aus der Stadt vertrieben. In einem Brief der Stadt Heilbronn an Konrad von Weinsberg meinten Bürgermeister und Rat, dass sowohl in der Predigt als auch in der Beichte „gestraft und gewarnt worden sei, wie sehr man sich gegen Gott und den Nächsten versündige, wenn man Juden halten und ihnen wissentlich zu wuchern gestatte.“[8] Das allergrößte sei jedoch, daß man sich wegen der Juden den Nachbarn gegebüer habe „unwirdigen“ müssen.

Wiederzulassung am 8. Oktober 1439 unter König Albrecht II

Albrecht II. vom Haus Habsburg, der Schwiegersohn Sigismunds, wurde im März 1438 zu dessen Nachfolger gewählt. Sein Reichskämmerer Konrad von Weinsberg ludt den Rat von Heilbronn und die jüdische Bürgerschaft am 27. Juli 1438 vor den neuen König und seinen Kanzler Kaspar Schlick zum Reichstag nach Nürnberg. Dort verurteilte Albrecht II. die Stadt Heilbronn „wegen Verwüstung der königlichen Kammer“ (wegen Steuerausfällen) dazu, die jüdische Bürgerschaft „wie bisher sitzen zu lassen“ und drohte mit einer Schadensersatzklage. Die Juden der Stadt durften am 8. Oktober 1439 zurückkehren und bezahlten 200 Gulden an Konrad von Weinsberg.[9] Die Huldigung, die Heilbronn Albrecht II. daraufhin entgegenbrachte, ist die erste, die wortwörtlich im Vertragsbuch der Stadt Heilbronn erhalten ist.[10]

Stadtverbot durch den Rat und Kaiser Friedrich III. 1490

Anfang 1469 vertrieb der Kurfürst Friedrich von der Pfalz die Kurpfälzer Juden und setzte die Reichsstadt Heilbronn sofort davon in Kenntnis. Der Rat der Stadt beteiligte sich an der Vertreibungsaktion des Kurfürsten und erneuerte 1469 den Beschluss, den Heilbronner Juden Stadtverbot zu erteilen. Im Jahre 1476 beschloss der Rat, das Stadtverbot von 1469 jährlich zu erneuern. Dies erhielt 1490 auch die Zustimmung Kaiser Friedrichs III. Die ehemals in Heilbronn ansässigen Juden ließen sich in den umliegenden Orten Neckarwestheim, Talheim und Neckarsulm nieder und bemühten sich in der Folgezeit um Wiederaufnahme in die Stadt, was ihnen jedoch bis auf weiteres verwehrt bleiben sollte.[11] 1490 wurde die Synagoge am Kieselmarkt verkauft.

Auszüge aus den Ratsprotokollen für die jährliche Erneuerung des Stadtverbots von 1490:

Handel während des Stadtverbots

Ein Ratsprotokoll von 1527 bestätigt das Stadtverbot. Dort wird, wie jedes Jahr seit 1469, das Verbot bestätigt und entschieden, von ihnen „ganz abzustehen“, außer den Ärzten aus Wimpfen und Löwenstein. 1529 verbot der Rat der Stadt den Bürgern bei Androhung des Verlusts des Bürgerrechts, mit Juden Handel zu treiben. 1530 gebot Kaiser Karl V. zwar freien Handel und Wandel für die Juden, der Heilbronner Rat hielt jedoch an seinen Sanktionen gegen Juden fest. Juden blieben Warenhandel verboten und ausschließlich Geldgeschäfte erlaubt. Weiterhin durften sich keine Juden ansiedeln und jüdische Kaufleute durften die Stadt nur gegen Entrichtung eines Schutzzolls von 7 Pfennigen und in Begleitung eines Stadtknechts betreten. 1620 wurde der „Judenleibzoll“ auf 12 Pfennige erhöht, 1667 wurde Warenhandel mit jüdischen Kaufleuten in beschränktem Rahmen erlaubt. Im Jahr 1770, nachdem in Heilbronn bereits drei Märkte bestanden, wurden Juden von Leib- und Brückenzöllen befreit, um die Märkte durch mehr Händler zu beleben. Das Ansiedlungsverbot für Juden bestand auch nach Mediatisierung der Stadt durch Württemberg 1802 fort.

Gleichstellungsgesetze 1828 und 1864

Nach dem „Gesetz in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen“ der Königlich Württembergischen Regierung von 1828, zog 1830 der erste jüdische Neubürger, ein Tuchhändler namens Isidor Veit aus Sontheim (s. Jüdische Gemeinde Sontheim), wieder in die Stadt Heilbronn und erhielt 1831 das Bürgerrecht. Mit den Emanzipationsgesetzen wurden nämlich jüdische Bürger rechtlich andersgläubigen Bürgern gleichgestellt. Aus ursprünglichen „Schutzjuden“ wurden Bürger Württembergs, die allen bürgerlichen Gesetzen unterworfen waren und alle „Pflichten und Leistungen der übrigen Untertanen zu erfüllen“ hatten. Der Artikel 3 des neuen Gesetzes bezog sich auf das Führen bestimmter Familiennamen, Artikel 15 war die Anspruchsgrundlage auf das Bürgerrecht und Artikel 49 beinhaltete, die Bildung von „Kirchen-Gemeinden zum Zweck der gemeinschaftl. Gottes-Verehrung“. 1849 zog mit Moritz Kallmann der erste jüdische Neubürger in den Gemeinderat ein. Der israelitische Wohltätigkeitsverein wurde 1857 von Liebmann Strauss gegründet. Aus dem Wohltätigkeitsverein heraus ist 1861 die jüdische Gemeinde Heilbronn entstanden. 1862 umfasste die jüdische Gemeinde 137 Personen, 1864 wurden 369 Gemeindemitglieder gezählt. 1864 kam mit dem Emanzipationsgesetz die völlige rechtliche Gleichstellung:“ Die im Königreiche einheimischen Israeliten sind in allen bürgerlichen Verhältnissen den gleichen Gesetzen unterworfen, welche für die übrigen Staatsangehörigen maßgebend sind; sie genießen die gleichen Rechte und haben die gleichen Pflichten und Leistungen zu erfüllen“. 1868 wurde der heute noch bestehende neue Judenfriedhof unterhalb des Wartbergs eröffnet.

Vereinsleben

  • 15. April 1857, Gründung des Israelitischen Wohltätigkeitsvereins; mit Liebmann Strauss als Vorsitzenden. Aus diesem Verein geht 1861 die jüdische Gemeinde Heilbronns hervor.[12] Am 16. November 1907 feiert der Verein sein 50-jähriges Bestehen. 1915–1938 gibt es dort folgende Vereinsleitung: Louis Reis, Karl Kern, Albert Scheuer und Isy Krämer.
  • 1877 bis 1928, Verein Alliance; Vorsitzende waren dabei Ludwig Bär, L.Herz, Nathan Wachs, M. Karlsruher und Maier Stein. Von 1915–1928 gibt es dort folgende Vorsitzende: Maier Stein und Eugen Krichheimer. Vereinslokal war der Württemberger Hof.
  • 1877 bis 1934, Verein Einklang; Vorsitzende waren: J. Schlüchterer, Dr. Mainzer, Louis Reis und Adolph Adler. Rechner waren L. Reis, Sigwart Henle. Von 1901 bis 1914 gibt es dort folgende Vorsitzende: J. Schlüchterer, Dr. Mainzer, S. Stein, Hermann Nathan, A. Oppenheimer, Louis Reis und Adolph Adler. Von 1915 bis 1934 gibt es dort folgende Vorsitzende: Adolph Adler, Fritz Kirchheimer, Dr. Hugo Kern, Willy Rostenthal jun. und Max Reis. Vereinslokale waren Sonne und Harmonie.
  • 1899, Verein für jüdische Geschichte; mit Hermann Wollenberger als Vorsitzenden.
  • 1899, Verein Synagogenchor; mit J. Erlanger, H. Freitag, Maier Stein, M. Stein und Elsa Rypinski als Vorsitzende.
  • 1928, Verein Geselligkeit Klub 1928; mit Lothar Schwarzenberger als Vorsitzenden.

Central-Verein

Die Ortsgruppe Heilbronn des Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) wurde 1920 in Heilbronn gegründet. Der Central Verein hatte insgesamt 31 Landesverbände mit ca. 500 Ortsgruppen. Die Heilbronner Ortsgruppe repräsentierte die Mehrheit der assimilierten bürgerlich-liberalen Juden in Heilbronn und war die bedeutendste Organisation unter den zahlreichen jüdischen Vereinen und Verbänden in Heilbronn, die sich als Reaktion auf den erstarkenden Antisemitismus im Kaiserreich bildeten. Der erste Vorsitzende war Siegfried Gumbel, ihm folgte Max Rosengart.

Am 17. April 1924 hält die Ortsgruppe Heilbronn einen Aufklärungsabend bzgl. Antisemitismus. Dieser war nach vorausgegangenen Attacken seitens der NSDAP nötig geworden. Die Heilbronner "Abendzeitung" schreibt: "Der Abend hat gezeigt, daß im breiten Bürgertum Heilbronns die Kulturschande des Antisemitismus keinen Raum hat."[13] Am 13. Mai 1931 lädt die Ortsgruppe Heilbronn des CV dazu ein, eine Aussprache über Judenfragen zu führen, die von Rosengart geführt wurde. Gumbel hob den jüdischen Glauben hervor und meinte, "wenn die Juden die ausgesprochenen Materialisten wären, als die man sie hinstellt, hätten sie längst ihren Glauben aufgegeben.".

Die Ortsgruppe Heilbronn des CV veröffentlichte die Handbücher:

ANTI ANTI-(Semitismus) und
Tatsachen zur Judenfrage

Verein zur Abwehr des Antisemitismus

Die Heilbronner Ortsgruppe des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus wurde am 30. Oktober 1928 gegründet und hatte bis 1933 Bestand. Der Abwehr-Verein war die Dachorganisation für zahlreiche Landesverbände mit vielen Ortsgruppen.

Dritte Heilbronner Synagoge ab 1877

Heilbronner Synagoge, Foto von 1900

In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Heilbronner Jüdischen Gemeinde stark angewachsen. Um 1871 hatte sie etwa 610 Mitglieder. Die damals einzige Synagoge der Stadt befand sich seit 1856 im Mittelbau des Deutschhofes beim damaligen Schwurgerichtssaal, wo jedoch beengte Raumverhältnisse herrschten. Die Gemeinde erwarb ein Grundstück an der Allee, wo die Heilbronner Synagoge 1877 eingeweiht wurde. Das Gebäude im Stil des Eklektizismus war eine Kreuzbasilika mit einem hohen Mittelschiff, einem Querschiff und niedrigeren Seitenschiffen. Das Querschiff wurde von einem flachen Walmdach gedeckt und von vier kleineren Seitenkuppeln gekrönt. Die Zentralkuppel hatte zwölf Rundbogenfenster und war nach außen hin mit patiniertem, grün schimmerndem Kupfer eingedeckt. Im Rahmen der Reichspogromnacht wurde die Heilbronner Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört, die Ruine später abgerissen.

Instrumentalmusik und Bestattung

Die israelitische Kirchengemeindenversammlung entschied sich mit 60 zu vier Stimmen für die Einrichtung einer Orgel in der Heilbronner Synagoge.[14] Dabei ist Instrumentalmusik in orthodoxer Liturgie nicht vorgesehen. Dies führte zu heftigen Kontroversen. Eine weitere kulturelle Adaption der Gegenwart war die Feuerbestattung - in Heilbronn ermöglicht durch das 1905 von Emil Beutinger geschaffene Krematorium auf dem Hauptfriedhof in Heilbronn –, die eine Spaltung der Gemeinde auslöste. Die Einäscherung eines Mitglieds der jüdischen Glaubensgemeinschaft und die Beisetzung seiner Aschenurne auf einem jüdischen Friedhof führte zur Gründung der neuen israelitischen Religionsgemeinschaft Adass Jeschurun, die sich von der zentralen Synagogengemeinde trennte.[15] Die Kremation galt sowohl mit der Tradition der jüdischen Totenbestattung, als auch mit Maimonides (und seinem 13. Glaubensbekenntnis) und Jecheskiel (Weissagung Kap. 37 von der Auferstehung der Gebeine am Jüngsten Tage) als unvereinbar, da das Judentum die strenge Trennung von Leib und Seele nicht kennt. Daher umfasst auch die Vorstellung von der Auferweckung zu neuem Leben die ganze Person. Wenn nun aber die ganze Person eingeäschert würde, bestünde demnach auch keine Auferstehung. Unter der Leitung der Heilbronner Bürger jüdischen Glaubens, David Reis und Emanuel Kaufmann, entwickelte sich eine Abspaltung von der als assimiliert geltenden zentralen Synagogengemeinde Heilbronn. Diese neue Gemeinschaft nannte sich die Heilbronner Israelitische Religionsgemeinschaft Adass Jeschurun. Folgende Worte des Tenach waren für die zweite Heilbronner jüdische Gemeinde maßgebend: Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern!

Rabbinat und Rabbiner

Als Leiter der Liturgie war von 1864 bis 1889 Moses Engelbert (*13. Juni 1830 in Budenberg bei Kassel; † 17. Januar 1891 in Heilbronn) als Rabbiner der zentralen Synagogengemeinde in Heilbronn tätig. Er war bis zur Auflösung des Bezirksrabbinats Lehrensteinsfeld bzw. seiner Verlegung nach Heilbronn (s. Jüdische Gemeinde Lehrensteinsfeld) der dortige Rabbiner. Ihm folgte 1889 bis 1892 der Rabbiner Bertold Einstein (* 31. Dezember 1862 in Ulm; † 4. Juni 1935). Als Rabbinatsverweser war es Einstein, der nach dem Tode von König Karl von Württemberg in der Heilbronner Synagoge bei der Gedächtnisfeier die Trauerrede hielt. Diese Feier fand am 11. Oktober 1891 statt.[16][17]

Ludwig Kahn (*17. Juni 1845 in Baisingen, † 9. Oktober 1914)[18][19] war von 1892 bis 1914 in Heilbronn tätig. Kahn, der am 19. April 1892 nach Heilbronn kam, sicherte sich bald den Ruf eines hochgebildeten Mannes und fürsorglichen Geistlichen. Er wurde, nach der Gründung der Israelitischen Oberkirchenbehörde dem ersten theologischen Mitglied des Rates zur Unterstützung beigegeben. Bei der Mobilmachung im Ersten Weltkrieg bat Rabbiner Kahn in der Synagoge um Gottes Schutz und Beistand für Deutschland. Ludwig Kahn spielte eine bemerkenswerte Rolle bei Kriegsausbruch 1914, als die Oberkirchenbehörde in Stuttgart ein gleichmäßiges Verfahren bei der Vereidigung christlicher und jüdischer Soldaten verlangte. Im Kasernenhof von Heilbronn waren zu diesem feierlichen Akt die Soldaten aller Konfessionen angetreten, und die Geistlichen der drei Konfessionen standen vor dem Feldaltar. Rabbiner Kahn war auch für die israelitische Seelsorge in der königlichen Heil- und Pflegeanstalt Weinsberg (Kreis Heilbronn, Württemberg) zuständig.[20]

Dem Rabbiner Kahn folgte von 1914 bis 1935 Max Beermann (* 5. April 1873 in Berlin; † 1935 in Heilbronn). Er lehrte in vielen Kursen in der Volkshochschule Heilbronn und war aus dem kulturellen Leben der Kommune nicht wegzudenken. Weiterhin war er in der Israelitischen Loge (Heilbronn) Mitglied und hielt dort viele Vorträge. Er hatte am 1. Juni 1915 „unter ärztlicher Führung Gelegenheit... die einzelnen Kranken und ihre Personalien kennenzulernen“. Seit dem 3. Juni 1914 wurden mindestens einmal im Monat dort Gottesdienste abgehalten und Shabbat gefeiert.[21] Eine Israelitische Seelsorge wurde dort im zunehmenden Maße zur Zeit des Nationalsozialismus nötig, bevor im Rahmen der Aktion T4 die Betroffenen nach Grafeneck oder in die Anstalt Hadamar deportiert und ermordet worden sind.

1935 kam der aus Bromberg gebürtige Rabbiner Harry Heimann (* 1. April 1910) nach Heilbronn. Er konnte 1938 nach Amerika auswandern.

Kantor

Als einer der ersten Kantoren wurde 1885 Moritz Dreifus angestellt, (*23. August 1845 in Richen, † 28. Dezember 1924 in Heilbronn) der als Lehrer und Kantor arbeitete.

Seit 1903 arbeitete Isy Krämer (*9. August 1877 in Mönchsrot, † 16. April 1963 in Brooklyn) als Kantor. Seine Frau war Julie, eine geborene Würzburger, welche am 12. April 1888 in Heilbronn geboren wurde. Weiterhin war Krämer als Musikkritiker in den Zeitungen Heilbronns tätig. Hier wäre seine Tätigkeit für die Heilbronner Zeitung zu nennen, als damals die Zeitung noch von Carl Wulle verlegt worden war. Des Weiteren ab 1910 war er für die Neckar-Zeitung unter den Chefredakteuren Ernst Jäckh und Theodor Heuss tätig. Der spätere Bundespräsident Heuss und Krämer waren Freunde. Am Morgen des Novemberpogrom 1938 um 6.30 Uhr, als Krämer wie alltäglich zu seiner Synagogenarbeit eilte, konnte er nur noch das brennende Gebäude sehen und musste zur Gestapo gehen. Dank einem Polizeidirektor „W.“ konnte Krämer die Deportation insbesonderer älterer Mitglieder der israelitischen Gemeinde verhindern.

Krämer war später Vorsteher der israelitischen Kirchengemeinde und half bei der Auswanderung. 1939 wanderte er selbst nach Amerika aus und starb 1963 in Brooklyn.

Der letzte Kantor zu Heilbronn war Karl Kahn (* 26. Dezember 1890 in Hollenbach; † 6. Oktober 1944 in Auschwitz). Karl Kahn heiratete Rita (* 23. April 1906 in Heilbronn; † 6. Oktober 1944 in Auschwitz), eine gebürtige Meyer. Kahn und seine Frau kamen am 22. August 1942 nach Theresienstadt und am 6. Oktober 1944 wurden sie in Auschwitz ermordet.

Kirchenvorsteher, Oberkirchenbehörde und Oberrat

In einer ersten Phase der kulturellen Adaption der kirchlichen Gegenwart des Landes erging ein Gesetz von 1828, das als Betreuer der israelitischen Gemeinde ein Kirchenvorsteheramt vorsah.

In einer zweiten Phase wurde am 27. Oktober 1831 aufgrund einer königlichen Verfügung eine königliche Israelitische Oberkirchenbehörde Württembergs gegründet, die sich aus dem Vorstand und Regierungs-Kommissar Dr. Johann Balthasar von Steinzhardt , dem Rabbiner Dr. phil. Joseph Maier und als Vikar der Heilbronner Rabbiner Ludwig Kahn, dem Sekretär Dr. phil Carl Weil, als Oberkirchenvorsteher weltliche Mitglieder wie Jacob Schloß (1903-1910) und Isidor Flegenheimer (1912-1935) aus Heilbronn zusammensetzte.

In einer dritten Phase der Assimilation wurde durch die Königliche Oberkirchenbehörde 1861 die „Israelitische Kirchengemeinde Heilbronn“ gegründet.

Der Kirchenvorstand der israelitischen Gemeinde setzte sich zusammen aus Kantor, Rabbiner und einigen Vertretern der Gemeinde. Diese waren:

  • Moritz Ullmann (* 7. Mai 1820 in Affaltrach, † 18. Juli 1880 in Heilbronn). Ullmann heiratete Lina Kohn.
  • Nathan Wachs (* 3. Januar 1839 in Stein a.K., † 4. Januar 1905 in Heilbronn).
  • Liebmann Strauss (* 8. August 1833 in Obergimpern, † 12. August 1907 in Heilbronn).
  • Max Kirchheimer (* 11. Januar 1839 in Berwangen, † 14. Oktober 1901 in Stuttgart).
  • Mayer Stein (* 20. September 1890 in Obergimpern, † 13. September 1941 in Heilbronn). Seine Ehefrau Frieda Wollenberger (* 11. November 1869 in Siegelsbach, † 23. März 1942 in Theresienstadt/Maly Trostinec) wurde im Konzentrationslager Maly Trostinec ermordet.

In einer vierten Phase wurde 1912 die Kirchenverfassung geändert und eine verfassungsgebende Landesversammlung einberufen wurde, wobei das Rabbinat Heilbronn durch Louis Reiss und Rabbiner Dr. Max Beermann in der Landesversammlung vertreten wurden. Es gab für israelitische Gemeinde Heilbronn einen Weiteren Rat.

In einer fünften Phase wurde am 18. März 1924 die Kirchenverfassung erlassen, wonach der „Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg“ gemäß der Reichsverfassung und Landesgesetzes der Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts zugestanden wurde. Dabei wurde der Israelit. Religionsgemeinschaft als juristische Person nunmehr Selbstständigkeit erlaubt und diese konnten eine Israelitsche Landesversammlung als Legislative und einen Israelitischen Oberrat als Exekutive einrichten.

Im Israelitischen Oberrat waren folgende Mitglieder der israelit. Gemeinde zu Heilbronn tätig.

  • Isidor Flegenheimer (* 24. März 1858 in Odenheim, † 12. Juli 1940 in Heilbronn). 1912 war Felgenheimer Oberkirchenvorsteher.Seit 20. Januar 1913 Mitglied der Israleitischen oberkirchenbehörede. Seit 1924 Oberrat bis 1935. 1931 wurde eine Stiftung gegründet, das seinen Namen trug, die die Ausbildungsförderung israelitischer Religionslehrer zur Aufgabe hatte. 1936 wurde die Stiftung um den Aufgabenbereich Flucht und Auswanderungshilfe erweitert.
  • Dr. Manfred Scheuer (* 8. August 1893 in Heilbronn).Jurist und Zionist und wanderte mit seiner Frau und drei Kindern 1938 nach Palästina aus.
  • Dr. Siegfried Gumbel (* 22. September 1874 in Heilbronn; † 27. Januar 1942 im KZ Dachau).

50- und 100-Jahr-Jubiläum

Am 25. Mai 1927 wurde der Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Synagoge begangen worüber der Heilbronn Dr. Oskar Mayer eine Festschrift zur Geschichte der Juden in Heilbronn herausgab. Es erfolgte in der Synagoe ein Festgottesdienst, später ein Festabend in der Harmonie. In der Festrede ist die Ernüchterung Dr. Gumbels zu spüren. Der Heilbronner Kaufmann Hermann Wolf zeigte in einem Festspiel sechs Bilder, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der israelitischen Religionsgemeinschaft Heilbronn versinnbildlicht.

Am 23. Dezember 1931 wurde der Festakt zum 100-jährigen Bestehen der Israelitschen Oberkirchenbehörde in der Synagoge begangen, wobei der Oberrat Siegfried Gumbel eine Rede hielt und der Gemeinde die Gründung einer Jubiläumsstiftung mitteilte, das für Ausbildung und Wohltätigkeit gedacht war.

B'nai B'rith

B'nai B'rith (hebr.: בני ברית, dt.: „Söhne des Bundes“) ist eine seit 1843 bestehende jüdische Wohlfahrtsorganisation. Im Jahr 1910 wurde die 480. Tochterloge bzw. 39. deutsche Loge[22] in Heilbronn gegründet. Die Loge wurde nach Johann Gottfried Herder alsbald auch Herder-Loge genannt und avancierte zum geistigen Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde in Heilbronn.[23] Der Gründungsvorsitzende war Siegfried Gumbel, ihm folgten von 1915 bis 1937 Gottfried Gumbel, Dr. Max Beermann, Fritz Kirchheimer und Hermann Kern mit den Rechnern Karl Siegler und Wilhelm Rosenthal.[24] Zu den bedeutenden Rednern der Loge zählen: Julius Bab, Kurt Pinthus, Nahum Goldmann und Oberrabbiner Leo Baeck.[25] Am 16. April 1937 wurde die Loge aufgelöst.

Jakob Schloß, Max Rosengart und Siegfried Gumbel im Gemeinderat

Siegfried Gumbel

Mehrere jüdische Bürger waren Gemeinderäte in Heilbronn:

  • 1895–1907: Jakob Schloß (*14. November 1831 in Laudenbach; † 22. Februar 1910 in Heilbronn), Gemeinderatsmitglied und zeitweilig Stellvertreter des Oberbürgermeisters Paul Hegelmaier. Bereits von 1885–1895 war Jakob Schloß im Bürgerausschuß der Stadt Heilbronn, wo er für neun Jahre verblieb. Er übergibt als Vertreter eben dieses Gremiums dem von der Regierung eingesetzten Regierungsrat Holland die Denkschrift des Bürgerausschusses, in der die Absetzung des Oberbürgermeisters Hegelmaiers gefordert wurde. Am 5. August 1896 ist er Vertreter der Stadt, als die Haltestelle Karlstor in Betrieb genommen wurde. Am 1. November 1897 wurde er bei der Einführung des Gewerbegerichts zum Stellvertreter des Vorsitzenden Hegelmaier gewählt.
  • 1890–1928: Max Rosengart (*18. Juni 1855 in Hundersingen, Münsingen, † 19. Mai 1943 in Stockholm), Gemeinderatsmitglied und teilte sich zeitweilig mit Georg Härle und Gustav Kiess die Geschäfte des Oberbürgermeisters Hegelmaier.
  • 1932–1933: Siegfried Gumbel (* 1874; † 27. Januar 1942 im KZ Dachau), war Gemeinderatsmitglied und Präsident des Oberrats der Israelischen Religionsgemeinschaft Württemberg.

Am 5. April 1933 wurde der Gemeinderat suspendiert.

Abraham Gumbel gründet 1909 den Heilbronner Bankenverein

Eine 1880 an Reichskanzler Bismarck eingebrachte Petition für die „Beschränkung des Einflusses der Juden“ fand im Heilbronner Gemeinderat keine Zustimmung. Überhaupt hatten am wirtschaftlichen Aufschwung Heilbronns im 19. Jahrhundert gerade die jüdischen Einwohner beträchtlichen Anteil: Jüdische Likör-, Metall-, Schuh- und Zigarrenfirmen entstanden. Das Bankhaus Abraham Gumbel finanzierte zahlreiche Industrieprojekte. 1889 wurden 994 jüdische Einwohner in Heilbronn gezählt.

Direktoren jüdischen Glaubens des Heilbronner Bankvereins waren Abraham Gumbel (1909), Otto Igersheimer (1930), Sigmund Gumbel (1933):

  • Abraham Gumbel (* 21. Dezember 1852 in Stein a. K.; † 25. Dezember 1930 in Heilbronn), war der erste Vorsitzende und Gründer des Vereins.
  • Otto Igersheimer (* 14. März 1879 in Heilbronn; † 13. Juli 1942 in Auschwitz), war 1909 Prokurist und später Nachfolger Abraham Gumbels als Direktor des Heilbronner Bankvereins. An einem Montag als Igersheimer wieder in sein Büro im Bankverein gegangen war, drangen zum Teil gewaltsam in den Heilbronner Bankverein, Kaiserstraße 34, und seine Wohnung jeweils 30 SS und SA-Leute ein. Die Volksmenge wurde gegen Igersheimer aufgehetzt. Etwa 300 Personen versammelten sich dann vor dem Heilbronner Bankverein und forderten in Sprechchören die Auslieferung des altbekannten Bankdirektors: (Zitatanfang)..„Jud Igersheimer raus! “ … [] [2] Nach der Deportation von David Vollweiler übernahm er die Aufgabe, die Beratungsstelle für Fürsorge und Unterstützungswesen der jüdischen Gemeinde Heilbronn zu übernehmen. Ihm wurde seitens der NSDAP befohlen als Gemeindepfleger für den Arbeitseinsatz und die Kontrolle des Abtransports zu sorgen. Er wurde am 20. Mai 1942 nach Obersdorf deportiert und von dort nach Auschwitz. Sein Haus in der Karlstraße 43 wurde für 26.000 RM „arisiert“. [2]
  • Sigmund Gumbel, Dr. (* 1867 in Heilbronn; † 1942 in London), der jüngste Bruder von Abraham Gumbel, erklärt am 25. April 1933 noch seinen Austritt aus dem Aufsichtsrat des Heilbronner Bankvereins.[26]

Religionsgemeinschaft Adass Jeschurun ab 1910

Im Jahr 1910 wurde die orthodoxe Heilbronner Israelitische Religionsgemeinschaft Adass Jeschurun als zweite israelitische Gemeinde der Stadt gegründet. Im Jahre 1911 eröffnete sie einen eigenen Betsaal. Die Gemeinde zählte 1933 rund 60 Mitglieder.

Drittes Reich und Shoa

Generelle Stimmung in Heilbronn um 1930

Die Stimmung in Heilbronn war auf Grund der Heilbronner Gesellschaftsstruktur (ein großer Teil der Bevölkerung stammte aus dem Arbeitermilieu) generell nicht sehr antisemitisch.

Entwicklung der Heilbronner Juden nach der Machtergreifung der Nazis

Die Gemeinde reagierte gewappnet. Jedoch gab es im Gemeindeblatt keinen besonderen Hinweis auf dieses bedeutende Ereignis. Erst nach Erlass der Anti-Juden-Gesetze fand sich dort erste Kritik. Im Inneren litt die Gemeinde von Anfang an. Sie begann sich eine „jüdische Welt“ zu errichten, mit eigenen Schulen, eigenem Seniorenheim und Krankenhaus. Die israelitische Religionsgemeinschaft bot ab dem 6. Juni 1934 Unterricht in der Gaststätte Adlerkeller an, weil für jüdische Kinder Schulverbot erlassen worden war. Weiter wurden drei jüdische Bürgerinnen wegen Beschäftigung einer nichtjüdischen Haugehilfin verurteilt. Sie hatten das Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes damit verletzt. Zur Versorgung der Juden ohne Einkommen wurden Vereine gegründet.

Novemberpogrome 1938

Der Höhepunkt bei den Novemberpogromen war hier der 10. November 1938: die noch etwa 350 Personen umfassende jüd. Gemeinde musste mit ansehen, wie ihre prachtvolle Heilbronner Synagoge an der Allee am Morgen nach der reichsweiten Pogromnacht in Flammen aufging und der Betsaal der Israelitischen Religionsgemeinschaft Adass Jeschurun verwüstet wurde. Januar 1940 wurde die Synagoge abgebrochen. Die Synagogensteine wurden für den Obstkeller der Jugendkunstschule verwendet. Geschäfte sowie Wohnungen von Juden wurden geplündert und deren Habe verbrannt. Führende Gemeindemitglieder flohen, oder wurden nach Dachau deportiert.

Deportation der Heilbronner Juden

In Heilbronn gab es verschiedene Deportationen, wobei 234 jüdische Bürger und Bürgerinnen aus Heilbronn und Sontheim ihr Leben in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern verloren:

Leben der jüd. Heilbronner Gemeinde nach Zusammenbruch der eigentlichen Gemeinde

Bis 1940 gelang rund 600 Juden die Emigration bzw. Flucht ins Ausland. 240 Menschen aus dem jüdischen Kulturkreis fielen in Heilbronn dem Nationalsozialismus zum Opfer.

Judendiskriminierung am Beispiel der jüd. Heilbronner Wirtschaft

Von den vor der Machtergreifung 150 jüdischen Betrieben blieben bis zum 1. März 1939 noch viele übrig, d. h. sie waren noch rentabel, bzw. noch nicht „arisiert“. Folgende Firmen wurden in Heilbronn „arisiert“:

  • Gebrüder Landauer: Warenhaus,
  • Dreyfuß und Söhne: Metall- und Schrotthandel,
  • Gumbel und Co.: Silberwarenfabrik,
  • Anselm Kahn: Zigarrenfabrik,
  • Hammer-Brennerei: Landauer und Macholl,
  • Kahn: Zigarrenfabrik,
  • Schürzenfabrik: Ludwig Maier und Co.,
  • Madaform: Seifenbabrik,
  • Meth und Co.:Woolworth,
  • Oppenheimer und Co.: Darmfabrik,
  • Schloss: Kurzwarenhandlung,
  • Heinrich Schwarzenbarerger: Putzwollfabrik,
  • Steigerwald und Co: Likörfabrik,
  • Heinrich Stobetzki: Zigarren,
  • Schuhfabrik Wolko,
  • Gummersheimer: Konfektionshaus,
  • Modehaus Flesch,
  • Thalheimer: Schrott und Metallgroßhandlung,
  • Marx & Co: Darmgroßhandlung,
  • Schuhhaus: Mandellaub,
  • Victor: Lederfabrik Heilbronn
  • Wollenberger: Spirituousen,
  • Adler-Brauerei: Würzburger.

Denkmäler

Verschiedene Denkmäler in Heilbronn erinnern an das Schicksal der jüdischen Gemeinde: In der Allee wurde am 9. November 1966 eine Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus enthüllt, 1996 folgte in unmittelbarer Nähe das Kuppel-Denkmal, das an die Kuppel der Synagogenruine erinnern soll.

IRGW Filiale Heilbronn

Bis 1980 bestand die jüdische Gemeinde in Heilbronn aus nur sechs Familien, die der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg (Stuttgart) angehörten. Seit 1990 ist die Glaubensgemeinschaft aufgrund der Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion auf etwa 150 Mitglieder angewachsen. Das Jüdische Zentrum Heilbronn der „Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg Filiale Heilbronn“ (IRGW Filiale Heilbronn) befindet sich seit 2005 in einem Geschäftsgebäude an der Allee in Heilbronn gegenüber dem Platz der 1938 zerstörten Heilbronner Synagoge. Die IRGW Filialgemeinde Heilbronn gehört zur orthodoxen Gemeinde Stuttgart und wird zurzeit durch den Rabbiner Shneur Trebnik betreut. Ein Zuzug jüdischer Migranten nach Heilbronn wird erfolgen. So heißt es in der Gemeindezeitung der IRGW zu Rosch-ha-Shana unter der Rubrik Aus Vorstand und Repräsentanz - Sitzung der Repräsentanz am 27. Mai 2008 [27]:

„Bei einem Gespräch mit dem Oberbürgermeister von Heilbronn, Herrn Helmut Himmelsbach, an dem auch der Landesrabbiner und Frau Avital Toren teilnahmen, informierte der Vorstand diesen über die verstärkte Zuweisung jüdischer Neuzuwanderer nach [...] Heilbronn.“

Literatur

  • Hans Franke: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Vom Mittelalter bis zur Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050–1945). Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1963, ISBN 3-928990-04-7
  • Wolfgang Angerbauer, Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn, Schriftenreihe des Landkreises Heilbronn, Band 1, 1986
  • Friedrich Battenberg: Heilbronn und des Königs Kammerknechte. Zu Judenschutz und Judennutzung in Stadt, Region und Reich. Schriftenreihe „Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Heilbronn“, Band 1: „Region und Reich“, Stadtarchiv Heilbronn, 1992.
  • Beschreibung des Oberamts Heilbronn. Erster Teil. Kohlhammer, Stuttgart 1901
  • Gemeindezeitung Ausgabe August/September 2008 (Hg. Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs), Tamus/Aw/Elul/Tischri 5768/5769, Nr. 08/09, August/September 2008.

Einzelnachweise

  1. Die Germanica Judaica vermutet angesichts des hohen Betrages von 4000 Pfund Haller einen Schreibfehler und nimmt als korrekte Summe 400 Pfund Haller an.
  2. a b c Hans Franke: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Vom Mittelalter bis zur Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050–1945). Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1963, ISBN 3-928990-04-7
  3. statist.LandesamtBeschreibgOberamtsHN Seite 46
  4. Knupfer, S. 89 Nr. 199 „König … giebt … Haus des reichen Juden Nathan zu Heilbronn … “
  5. Angerbauer/Frank betonen, dass das Jahr unsicher ist, da in der Literatur abweichend auch 1457 genannt wird.
  6. Gerhard Heß: Um 1400 gab es Millionäre in Heilbronn In: Neckar-Echo, Freitag, 23. März 1956
  7. Urkundenbuch der Stadt Heilbronn in württemberg. Quellen herausgegeben von der württemberg. Kommission für Landesgeschichte, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 1904. Band 1 Seite 210 Nr. 451
  8. Angerbauer, Wolfram:Synagoge Affaltrach – Museum zur Geschichte der Juden in Kreis und Stadt Heilbronn. Katalog. Heilbronn 1989. ISBN 3-9801562-2-2, Seite 36
  9. Kneuper „Heilbronner Urkundenbuch“ Nr. 581 Seite 291 (Zeile 33 ff.)„Streit der Stadt Heilbronn mit dem Reichserbkämmerer Konrad von Weinsberg wegen Vertreibung der Juden – 14. Januar 1438 bis 8. Oktober 1439“
  10. statist. Landesamt BOberamtHN Seite 63
  11. Quelle: Angerbauer, Jüdische Gemeinden in Kreis und Stadt Heilbronn.
  12. Das war das 20. Jhdt Seite 11
  13. Das war das 20. Jahrhundert in Heilbronn Seite 28
  14. Reis, Arthur: Der eiserne Steg. Heilbronn, 1987 und von Helibrunna nach HN von Dr.Christard Schrenk u.a. Seite 158
  15. Reis: Der eiserne Steg. Seite 18
  16. Gedächtnisrede bei der Trauerfeier für den König Karl von Württemberg in der Synagoge Heilbronn den 11. Oktober 1891 gehalten von Rabbinatsverweser Dr. Einstein. Heilbronn J. Stern. Buchhandlung 1891.
  17. Franke: Geschichte der Juden in HN.
  18. http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2026/Heilbronn%20Friedhof%20172.jpg
  19. http://www.alemannia-judaica.de/images/Images10/Heilbronn%20Friedhof07.jpg
  20. Schwaben und Franken: Israelitische Seelsorge, Februar 1984, Nummer 2, S. III.
  21. Schwaben und Franken, Februar 1984, Nummer 2, S. III.
  22. Franke Geschichte der Juden Seite 100
  23. Franke, S.97
  24. Franke S. 101
  25. siehe oben Seite 100
  26. Warum die Synagogen brannten, Seite 21
  27. Gemeindezeitung Ausgabe August/September 2008 (Hg. Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs), Tamus/Aw/Elul/Tischri 5768/5769, Nr. 08/09, August/September 2008, S. 17

Weblinks

Siehe auch


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