Nationaler Mythos

Nationaler Mythos

Ein politischer Mythos ist eine intellektuelle und emotionale Erzählung über eine historische Person, einen politischen Sachverhalt oder ein politisches Ereignis mit einem kollektiven, sinn- und identitätsstiftenden Wirkungspotential.[1] Sein integratives Potential entfaltet der Mythos dabei über soziale, kulturelle oder politische Gräben hinweg und erlangt auf diese Weise eine selbstverständlich-fraglose Geltung. Seine Wirkung ist komplexitätsreduzierend; unüberschaubare Zusammenhänge werden mit Hilfe einfacher Wahrnehmungsschemata in geordnete Strukturen gebracht. Charakteristisch für einen politischen Mythos ist, dass das kommunizierte politisch-soziale Geschehen nicht gemäß den empirisch überprüfbaren Tatsachen interpretiert wird, sondern auf eine erzählerisch selektive und stereotypisierte Weise.[2] Spielt bei einer Utopie oder Ideologie die Zukunft eine herausragende Rolle, so steht bei einem politischen Mythos die historische Erinnerung im Mittelpunkt. Im Gegensatz zum religiösen Mythos fehlt dem politischen Mythos der Bezug zu einer transzendenten, jenseitigen Welt.[2]

Inhaltsverzeichnis

Charakteristika

Typisierung

Die Historikerin Heidi Hein-Kircher unterschied in ihrem wissenschaftlichen Aufsatz Politische Mythen zwischen Personen-, Ereignis-, Raum- und Zeitmythen. Unter einen Personenmythos verstand sie ein auf Heroen bezogenes geistiges Konstrukt, mit dem „die Gegenwart als Ergebnis der Leistung der mythisch verklärten Person gesehen wird“. Beispielhaft führte sie Staats- und Reichsgründer sowie Gründer von politischen Bewegungen an, die als Führer, Vater oder Lehrer zu Vorbildern von Gesellschaften stilisiert werden. Zu den Ereignismythen seien demgegenüber vor allem verklärt thematisierte Schlachten oder Revolutionen zu zählen. Als wesentliches Merkmal von Raummythen stellte Hein-Kircher sakralisierte Vorstellungen von Territorien und von Zeitmythen die Erzählungen von politischen Blütezeiten heraus, die als konstitutiv für die jeweilige Gesellschaft angesehen werden.[2]

Merkmale

Der politische Mythos beglaubigt narrativ, was im Gemeinwesen ist und sein soll (Legitimation) und bildet so eine Art "Charta der sozialen Ordnung" (Claus Leggewie).

Politische Mythen enthalten als Konstrukte eine Mischung aus Wahrheit und Lüge, aus Geschichtsschreibung und Prophetie, aus Vergangenheitsbewältigung und Zukunftserwartung.

Indem jeder politische Mythos einen neuen Anfang setzt, hat er eine abrupt-gewalttätige Natur, auch wenn dies durch Kanonisierung bzw. interne Autorisierung verschwiegen wird (siehe auch Zeitrechnung). Geltung erreicht ein politischer Mythos durch seine orale und intellektuelle Fort-Erzählung.

Ernst Cassirer hat 1949 im Blick auf den "Mythos des Staates" den Begriff als soziologisch-philosophische Kategorie eingeführt. Dabei macht er den Versuch, die Wiederkehr des politischen Totalitarismus philosophisch zu begreifen, d. h. aus den Ursachen herzuleiten. Cassirer ist der Auffassung, dass der politische Mythos nicht endgültig überwunden, sondern nur - u.a. durch die Philosophie - "gezähmt" werden könne. Diese Zähmung geschehe durch Verstehen und Bekämpfung, während die Widerlegung durch rationale Argumente nicht möglich sei.

Georges Sorel und Carl Schmitt sprachen dem politischen Mythos eine polemische Funktion zu. Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts nutzen politische Mythen gezielt, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Dabei ist der nationalsozialistische "arische Mythos" wohl die extreme Ausprägung (vgl. z.B. Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, 1930). An ihm wurde die destruktive Macht politischer Mythen deutlich.

Abgrenzungen

Verhältnis zur Ideologie

Als wesentliche Kriterien zur Abgrenzung des modernen politischen Mythos zur Ideologie wird in der Literatur angeben, dass der politische Mythos eine stark narrative Anlage habe und keine umfassende Weltdeutung liefere.[3] Eine genauere Unterscheidung zwischen politischen Mythen, Utopien und Ideologien hat der Politikwissenschaftler Yves Bizeul vorgenommen. Bizeul, der die Ideologie in Anlehnung an eine Definition von Cornelius Castoriadis als handlungsorientierte Überzeugungskomplexe von Ideen, Idealen, Glaubensaussagen, Doktrinen und Symbolen zu fassen versuchte, sah in ihr „das Substrat, auf dem Utopien und politische Mythen gedeihen“.[4] Dieser Definition zufolge ist die Ideologie (in der Regel) eine Bedingung für die Existenz eines politischen Mythos. Nur in Ausnahmefällen ergebe sich eine umgekehrte Kausalität, indem „eine Ideologie einem Mythos entstammt und durch ihn geformt wird“.[5]

Eine Unterschied zwischen dem älteren, vorindustriellen Mythos und der Ideologie sei, so Bizeul, dass der Mythos Menschen zusammengebracht und für einen Zusammenhalt gesorgt habe; somit eine integrative Wirkung entfaltet habe. Ideologien, vor allem „Abschottungs- und Verschlussideologien“, würden demgegenüber spaltend wirken und Kräfte gegen Andersdenkende mobilisieren. Betont wurde mit diesem Ansatz eine strukturelle Differenz: Während eine Ideologie eine Entweder-oder-Struktur aufweise, sei die Sowohl-als-auch-Struktur ein Merkmal des älteren Mythos gewesen. Bizeul konstatierte, dass „diese Offenheit bei den modernen politischen Mythen teilweise verloren gegangen“ sei: „Denn sie wurden eingesetzt, um willentlich eine (nationale, soziale, ‚rassische‘ oder weltanschauliche) Gruppe von anderen abzusetzen.[6] Diese moderne Abgrenzung erfolge aber nicht durch den Mythos selbst, sondern aufgrund seiner modernen Dienstfunktion für die Ideologie. Ideologien seien auf die Emotions- und Vorstellungswelt des politischen Mythos angewiesen, um sich in einer Bevölkerung verwurzeln zu können. Entsprechend ihrer Struktur und Funktion seien politische Mythen somit ein Bestandteil von modernen Ideologien.[5]

Verhältnis zur Utopie

Neben der analytischen Gegenüberstellung von Ideologien und politischen Mythen, versuchte Yves Bizeul ebenso die Differenzen zwischen politischen Mythos und Utopie herauszuarbeiten. Ebenso wie Hein-Kircher diagnostizierte er für den politischen Mythos den damit verbundenen Wunsch nach Abschaffung von Komplexität und Unübersichtlichkeit. Jedoch würde dieses Merkmal nicht primär auf die Utopie zutreffen, für die in erster Linie die Hoffnung auf eine versöhnte Totalität sowie der letztendliche Wunsch nach Abschaffung des Politischen schlechthin charakteristisch sei.[7] Die Gemeinsamkeit zwischen dem älteren, vorindustriellen Mythos und der Utopie sei indes, dass beiden eine Erzählfunktion zugerechnet werden müsse. Dementsprechend könne ein Mythos mithin im Kern einer Utopie vorhanden sein.[7] Der Unterschied liege aber auch darin, dass Utopien Staatsentwürfe mit Bezug zu einer imaginären Zukunft seien; hingegen sei der ältere Mythos eine Erzählung über einen Schöpfungsakt, mit der im Gegenwartsbezug ein Sinn sowie Orientierung vermittelt wird.[8]

Nicht zuletzt auf der Grundlage seiner Bloch-Lektüre gelangte Bizeul zu dem Ergebnis, dass die Utopie im 20. Jahrhundert ihre ehemalige Bedeutung und Funktion verloren habe. Nach ihm seien die großen, „konkreten Utopien“ gescheitert. Das allgemeine Bewusstsein darüber werde allerdings von einer Reaktivierung von Mythen begleitet.[9] Die gerne vertretene Auffassung, dass dem modernen politischen Mythos aufgrund seines Vergangenheitsbezugs im Gegensatz zur Utopie, die als progressiv ausgerichtet angesehen werde, ein konservativer Zug zueigen sei, teilte Bizeul mit Blick auf eine Studie von Jan Assmann indessen nicht. Nach Assmann habe sich im politischen Mythos eine „utopische Erinnerung“ aufbewahrt, weshalb der politische Mythos auch emanzipatorische und die Gesellschaft transformierende Kräfte entfalten könne.[10] So stellte Bizeul für das Verhältnis von modernem politischen Mythos und Utopie fest: „Mythos und Utopie weisen beide eine regressive und eine progressive Janusköpfigkeit auf und erfüllen ähnliche Funktionen. Sie integrieren, stiften Sinn und mobilisieren Energien, die befreiend sein können, dienen aber immer wieder auch der Legitimation von Herrschaft.[10] Die strenge Dichotomie fortschrittlich/rückwärtsgewandt gelte demzufolge nicht. Zwar könne der politische Mythos - wie die Utopie - auf eine Zukunft verweisen, aber, im Gegensatz zur Utopie, eine Alternativgesellschaft niemals detailliert beschreiben.[11]

Weitere Abgrenzungen

Neben den Abgrenzungen zur Ideologie und Utopie wird in der Literatur auch eine Abgrenzung zum Begriff Geschichtspolitik vorgenommen. Als wesentlicher Unterschied wird herausgestellt, dass sich der Begriff politischer Mythos eben nicht allein auf historische Ereignisse beziehe. Der Begriff Geschichtspolitik sei deshalb weitaus enger gefasst.[3]

Siehe auch

Literatur

  • Cassirer, Ernst: Vom Mythus des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens (unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1949), 2002.
  • Conermann, Stephan (Hg.): Mythen, Geschichte(n), Identitäten. Der Kampf um die Vergangenheit, EB-Verlag, Schenefeld/Hamburg 1999 (Asien und Afrika, Bd. 2). ISBN 3-930826-52-6
  • Link, Jürgen / Wülfing, Wulf (Hgg.): Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen und Funktionen von Konzepten nationaler Identität. Klett-Cotta, Stuttgart 1991 (Sprache und Geschichte 16). ISBN 3-608-91062-X
  • Wülfing, Wulf / Bruns, Karin / Parr, Rolf: Historische Mythologie der Deutschen 1798-1918. Wilhelm Fink, München 1991. ISBN 3-7705-2605-8
  • Berding, Helmut (Hg.): Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit 3, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1246). ISBN 3-518-28846-6
  • Dörner, Andreas: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermann-Mythos: zur Entstehung des Nationalbewußtseins der Deutschen. Reinbek 1996.
  • Speth, Rudolf: Nation und Revolution. Politische Mythen im 19. Jahrhundert. Opladen 2000.
  • Zimmering, Raina: Mythen in der Politik der DDR. Opladen 2000.
  • Voigt, Rüdiger (Hg.): Mythos Staat. Carl Schmitts Staatsverständnis. Baden-Baden 2001.
  • Bernek, Rüdiger: Dramaturgie und Ideologie. Der politische Mythos in den Hikesiedramen des Aischylos, Sophokles und Euripides. 2004.
  • Knabel, Klaudia / Rieger, Dietmar / Wodianka, Stephanie (Hgg.): Nationale Mythen - kollektive Symbole. Funktionen, Konstruktionen und Medien der Erinnerung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005 (Formen der Erinnerung, Bd. 23). ISBN 3-525-35581-5
  • Galli, Matteo / Preusser, Heinz-Peter (Hgg.): Deutsche Gründungsmythen. Heidelberg: Winter 2008 (Jahrbuch Literatur und Politik 2). ISBN 978-3-8253-5416-9
  • Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen. Berlin: Rowohlt. ISBN 978 3 87124 607 1

Einzelnachweise

  1. Andreas Dörner: Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos - Zur Entstehung des Nationalbewusstseins der Deutschen. Reinbek bei Hamburg 1996, S. 42-62, ISBN 3-499-55568-9.
  2. a b c Heidi Hein-Kircher: Politische Mythen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 11 (2007). Online verfügbar: APuZ-Archiv
  3. a b Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft. Theorien, Methoden, Begriffe. 3., aktualisierte und erw. Aufl., München 2005, S. 774 f., ISBN 3-406-54117-8. Google Books
  4. Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 10, ISBN 3-8260-3242-X.
  5. a b Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 15.
  6. Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 14.
  7. a b Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 17 f.
  8. Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 19.
  9. Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 21.
  10. a b Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 24 f.
  11. Yves Bizeul: Politische Mythen, Ideologien und Utopien. In: Peter Tepe (Hrsg.): Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Bd. 2: Politische Mythen. Würzburg 2006, S. 28.

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