Wallonerkirche (Magdeburg)

Wallonerkirche (Magdeburg)

Die Wallonerkirche (Sankt-Augustini-Kirche) ist eine evangelische und evangelisch-reformierte Kirche im Magdeburger Stadtteil Altstadt.

Wallonerkirche

Inhaltsverzeichnis

Architektur

Bei der Kirche handelt es sich um eine hochgotische, dreischiffige, mit sieben Jochen versehene, aus Bruchsteinen errichtete Hallenkirche. Sie ist 65 m lang und 20 m hoch. Als ehemalige Klosterkirche eines Bettelordens ist ihr Erscheinungsbild schlicht. Südlich der Kirche befanden sich ursprünglich Klostergebäude.

Südseite der Wallonerkirche

Daher sind auf dieser Seite nur 4 schmale Fenster vorhanden. An der Südseite sind noch Reste des alten Kreuzgangs zu finden.

Der Langchor war ursprünglich gewölbt und wird heute von einer Holzbalkendecke überspannt.

An der südlichen Seite des Chores befindet sich eine mit Kreuzrippengewölbe versehene Kapelle aus dem 14. Jahrhundert. Die Kirche verfügt zwischen Langhaus und Chor über einen kleinen achteckigen Turm aus dem 15. Jahrhundert.

Geschichte

Augustinerkloster

Die Grundsteinlegung zur Kirche erfolgte 1285 durch Brüder des Augustinerordens, die hier das Kloster Sankt Augustini gründeten. Der Legende nach soll der Heilige Martinus einem Bruder Heinrich, genannt Pfau, dreimal im Traum mit der Aufforderung erschienen sein, in Magdeburg das Kloster zu gründen. Der Papst Martin IV. hatte sich gegenüber der Stadt für die Aufnahme des Ordens eingesetzt.

Zunächst wurde noch 1285 die Martinskapelle errichtet.

Ein wichtiger Förderer des Klosters in seiner Anfangszeit war um 1300 der Ritter Werner Feuerhake, der 1311 im Chor der jedoch wohl noch im Bau befindlichen Kirche beigesetzt wurde.

Im Jahr 1355 erwarb das Augustinerkloster Teile der Bibliothek des Klosters Berge. Hierunter befanden sich kommentierte Ausgaben der Paulusbriefe und Werke von Augustin und Origenes. Westlich der Martinskapelle entstand an der südlichen Wand des Chores ein zweigeschossiges Bibliotheksgebäude zur Unterbringung der Neuerwerbungen. In der unteren Etage des Gebäudes befand sich eine mit einem Kreuzrippengewölbe versehene Kapelle. Auf deren Schlussstein befand sich eine Darstellung von Christus auf dem Löwenthron.

Die Kirche selbst wurde 1366 als Hallenkirche fertiggestellt. Die Weihe erfolgte durch Erzbischof Dietrich.

Westseite der Wallonerkirche

Vom 1. September 1395 bis zum 31. August 1396 fand, bewilligt durch Papst Bonifatius IX., ein Jubiläums-Ablassjahr statt. Magdeburg war für den Umkreis von 50 Meilen zur Gnadenstätte ernannt worden. Zahlreiche Pilger erschienen in Magdeburg und im Kloster Sankt Augustini um eine vollkommene Sündenvergebung zu erhalten. Die daraus entstehenden erheblichen Einnahmen für das Kloster wurden um 1400 zum Teil zur Errichtung eines kleinen achteckigen Turms, gekrönt mit acht Wetterfahnen, verwandt. Auch wurde an der Westseite der Kirche eine Vorhalle erbaut. Die Ordensregeln verboten den Bau eines sonst üblichen Westturms.

Reformation

1516 suchte der Distriktsvikar des Augustinerordens, Martin Luther, das Kloster zwecks Visitation auf. 1524 predigte Luther hier. Während seines Aufenthalts in Magdeburg wohnte er auch in einer der Klosterzellen. Noch im selben Jahr übergab der letzte Prior des Klosters die Klosteranlage der Stadt Magdeburg. Das Kloster war damit aufgelöst.

Die Anlage dient nun verschiedensten weltlichen Zwecken. So waren hier zeitweise ein Gymnasium, ein Armenhospital, ein Zucht- und Spinnhaus, die Stadtbibliothek und eine Kanonen- und Glockengießerei untergebracht.

Dreißigjähriger Krieg

Bei der weitgehenden Zerstörung Magdeburgs durch kaiserliche Truppen unter Tilly am 10. Mai 1631 wurde die Klosteranlage nur verhältnismäßig geringfügig beschädigt. Die Kirche verlor zwar durch ein Feuer das Dach, das Kirchengewölbe und auch das sonstige Innere der Kirche blieben unbeschädigt. Die Kirche wurde daher ab dem 1. Adventsonntag 1632 wieder für Gottesdienste genutzt.

Die notwendigen Instandsetzungsarbeiten an der Kirche unterblieben jedoch aus Geldmangel. Eindringende Nässe und Frostschäden führten 1639 zum teilweisen Einsturz des Gewölbes. Wegen Baufälligkeit musste daher die Nutzung der Kirche eingestellt werden.

Einzug der wallonischen Gemeinde

Auf den Befehl des Kurfürsten Friedrich Wilhelm wurde die Ruine 1690 an wallonische protestantische Glaubensflüchtlinge übergeben. Es erfolgte eine am 2. Dezember 1694 abgeschlossene Restaurierung. Die Kirche wurde nun von der wallonisch-reformierten Gemeinde genutzt und wird seit dieser Zeit als Wallonerkirche bezeichnet.

An Pfingsten 1699 erfolgte die Weihung einer neuen 500 Pfund schweren Glocke. Der Kurfürst hatte sich mit einer Stiftung von 200 Talern an der Glocke beteiligt.

Im Jahr 1754 wurde eine von Philipp Wilhelm Grüneberg geschaffene Orgel eingeweiht, die fast 100 Jahre bis 1850 genutzt wurde.

In der Zeit des siebenjährigen Kriegs und der französischen Besatzung diente die Klosteranlage als Mehlspeicher und Lager für Proviant. 1851 begannen Reparaturarbeiten um die Kirche wieder für religiöse Zwecke herzurichten. Am 13. März 1853 erfolgte die Übergabe an die Kirchengemeinde.

Anlässlich der 200 Jahrfeier der wallonisch-reformierten Gemeinde wurde 1894 eine Heizung installiert und ein Lettner errichtet. 1904 folgte der Einbau einer neuen Orgel und die farbliche Gestaltung der nördlichen Kirchenfenster.

Zerstörung im 2. Weltkrieg

Bei dem schwersten Bombenangriff auf Magdeburg im 2. Weltkrieg am 16. Januar 1945 wurde auch die Wallonerkirche stark beschädigt.

Wiederaufbau in der DDR

Um einen Einsturz des Turmes zu verhindern wurde 1951 der Triumphbogen zwischen Chor und Kirchenschiff zugemauert. Im Jahr 1961 begann der Wiederaufbau der Kirche, wobei die gewölbte westliche Eingangshalle nicht wiedererrichtet wurde. Der erste Gottesdienst konnte wieder am 20. Oktober 1968 gefeiert werden. Zugleich fand die Grundsteinlegung für das benachbarte evangelische Gemeindezentrum statt.

Die Evangelisch-reformierte Gemeinde nutzte ab dem 3. August 1975 die südliche Kapelle als Raum für ihre Gottesdienste. Am 25. Oktober des gleichen Jahres begann die Nutzung des Chors durch die evangelische Altstadtgemeinde. Ein aus der St. Ulrich-Kirche Halle stammender spätgotischer Schnitzaltar wurde zugleich geweiht. 1976 wurde ebenfalls aus der Ulrichskirche in Halle (Saale) auch ein 1430 in Magdeburg gegossenes Taufbecken aufgestellt.

Der Kirchenturm wurde 1978 vom Blitz getroffen und musste von 1980 bis 1991 saniert werden.

Nachwendezeit

Am 19. Juni 1994 erfolgte die Einweihung einer neuen Orgel. 1998 begann eine Restaurierung des Schnitzaltars.

Seit 2004 befindet sich in den renovierten Nebenräumen die Evangelische Studentengemeinde (ESG).

Literatur/Quelle

  • Hans-Joachim Krenzke, Kirchen und Klöster zu Magdeburg, Stadtplanungsamt Magdeburg, 2000
  • Sabine Ullrich, Magdeburg - Architektur und Städtebau, 2001, ISBN 3-929330-33-4

52.1344211.646247Koordinaten: 52° 8′ 4″ N, 11° 38′ 46″ O


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