Zweite Türkenbelagerung

Zweite Türkenbelagerung
Zweite Türkenbelagerung von Wien
Teil von: Großer Türkenkrieg (1683-1699)
Zeitgenössisches Gemälde der Belagerung Wiens von 1683. Im Vordergrund das Entsatzheer von König Jan III. Sobieski in der Schlacht gegen die Türken, im Hintergrund die belagerte Stadt.
Zeitgenössisches Gemälde der Belagerung Wiens von 1683. Im Vordergrund das Entsatzheer von König Jan III. Sobieski in der Schlacht gegen die Türken, im Hintergrund die belagerte Stadt.
Datum 15. Juli12. September 1683
Ort Österreich, Wien
Ausgang Die Osmanen werden vom Entsatzheer geschlagen.
Konfliktparteien
Osmanisches Reich und seine Vasallen (Siebenbürgen, Walachei, Moldau, Khanat der Krim) Heiliges Römisches Reich und seine Verbündeten (Polen-Litauen, Kirchenstaat, Republik Venedig)
Befehlshaber
Großwesir Kara Mustafa Pascha Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg
König Jan Sobieski (Entsatzheer)
Truppenstärke
ca. 120.000[1]
–350.000[2]
16.200[3]–30.000[1] in Wien und 60.000–70.000[1] Entsatzheer
Verluste
unbekannt 15.000

Die Zweite Wiener Türkenbelagerung fand vom 15. Juli bis 12. September 1683 statt, wobei sich die Truppen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und seiner Verbündeten abermals behaupten konnten. Österreich, der Staat der Habsburger, stieg zur europäischen Großmacht auf. Die Türkengefahr, die seit der Niederlage von Nikopolis 1396 und dem Fall Konstantinopels 1453 Europa in Bann hielt, war endgültig vorbei.

Bereits 1529 war es im Zuge der Ersten Wiener Türkenbelagerung zu einer ähnlichen Situation gekommen. Damals konnte das knapp 100.000 (manche Quellen: 150.000) Mann starke Heer, das vom Wintereinbruch überrascht wurde, abgewehrt werden. Diesmal bestand die Streitkraft des Osmanischen Reichs aus rund 120.000[1] Soldaten. Nach anderen Angaben sollen es rund 150.000[3] oder 350.000[2] Soldaten gewesen sein.

Auch 1664 konnte ein türkisches Heer unter Köprülü Fazıl Ahmet Pascha vom Feldherrn Raimund Montecuccoli in der Schlacht bei Mogersdorf vom Angriff auf Wien abgehalten werden.

Als Residenzstadt des römisch-deutschen Kaisers galt den Osmanen Wien in mehrfacher Hinsicht als ideales Ziel ihres Heereszugs, der 1683 in Edirne nahe der heutigen Grenze Bulgariens begonnen hatte.

Inhaltsverzeichnis

Ausgangssituation

Die Expansionspolitik der Osmanen hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der größte Teil des Königreichs Ungarn unterstand ab 1541 der osmanischen Kontrolle, teils direkt (Zentralungarn), teils als Vasall (Fürstentum Siebenbürgen); die unterworfenen ungarischen Gebiete lieferten – da vertraglich dazu verpflichtet – Geld und teilweise auch Truppen. Der Goldene Apfel (wie die Moslems u. a. Wien nannten) war zum Greifen nahe.

1672 überfielen die Osmanen die damals polnisch-beherrschte Ukraine, das Königreich Polen-Litauen, eroberten die Festung Kamieniec Podolski und stießen bis Lemberg in Galizien vor. Das durch innere Konflikte zerrissene, besonders durch die Kriege der „Blutigen Sintflut“ völlig zerrüttete und militärisch beträchtlich geschwächte Königreich schloss im Vertrag von Buczacz einen Vorfriedensvertrag. In diesem Abkommen verpflichteten sich die Polen Podolien mit Kamieniec Podolski, sowie die rechtsufrige Ukraine (Gebiet westlich des Dnepr) an die Kosaken unter Hetman Doroschenko als osmanische Vasallen abzutreten. Zusätzlich verpflichtete sich das Land einen jährlichen Tribut an die Hohe Pforte zu leisten. Die Verweigerung der Ratifikation des Buczaczer Vertrages durch den polnischen Reichstag, den Sejm, führte zur Erneuerung der Kriegshandlungen. Ein Jahr später, 1673, führten die Polen unter ihrem Feldmarschall Jan Sobieski erneut ein Heer gegen die Türken und schlugen sie bei Chotyn vernichtend. Doch wenige Wochen später standen tatarische und türkische Truppen unter Großwesir Kara Mustafa erneut im Land. Nach wechselvollen Kämpfen wurde der Osmanisch-Polnische Krieg 1672–1676 schließlich 1676 im Vertrag von Żurawno beendet. Die Osmanen blieben dennoch weiter eine Bedrohung für Polen.[4]

Das Heilige Römische Reich war durch seine Religionskriege und den Dreißigjährigen Krieg zerrüttet, durch die Pestepidemie von 1679 geschwächt[5], und stand gegen Frankreich unter Ludwig XIV. und die Osmanen unter Sultan Mehmet IV. in einem Zweifrontenkrieg.

In Ungarn und der Slowakei unterdrückten die Habsburger den protestantischen Adel, der sich im Kuruzen-Aufstand unter der Führung von Emmerich Thököly gegen Kaiser Leopold I. 1678–1682 erhob.[6]

Strategische Bedeutung Wiens

Wiens wirtschaftliche Bedeutung war durch seine Lage am Schnittpunkt zweier wichtiger Handelswege, nämlich der Donau und der Bernsteinstraße, begründet.

Aus militärischer Sicht war Wien zum flachen Ungarn hin nur schwer zu verteidigen und vom Norden – und damit wichtigen Teilen des Reichs – durch die breite Donau militärisch schwierig zu unterstützen. Gleichzeitig aber war es durch die eigene große Donauflotte günstig für den eigenen Nachschub und den Transport der schweren Artillerie.

Strategisch gesehen war die Stadt als Symbol der Christenheit und als Vorposten Richtung Passau und Salzburg durch seine Lage zwischen den Alpen und Karpaten von großer Bedeutung. Insgesamt stellte Wien für die Osmanen also ein Tor nach Westeuropa dar.

Festung Wien

Bitte beachten: Der Ausdruck Bastei in diesem Artikel wird umgangssprachlich häufig analog zum Begriff Bastion verwendet, welcher den äußerer Teil einer Festung bzw. einer militärischen Befestigungsanlage bezeichnet. Neuzeitliche Bastionen wurden häufig an der Stelle von mittelalterlichen Basteien angelegt. In Wien wurde zu Zeiten der zweiten Türkenbelagerung dieser Begriff vermehrt verwendet, so etwa in allen Zeichnungen und Beschreibungen über die Festung Wien, unter anderem jenen des österreichischen Festungsbauingenieurs Daniel Suttinger. Siehe auch: Fachbegriffe Festungsbau und Wiener Stadtmauer

Das befestigte Wien um 1609/1640, hier noch ohne den Ravelin
Radierung von Jacob Hoefnagel (1609)/Claes Jansz Visscher (1640)

Nach der ersten Wiener Türkenbelagerung wurden im Jahre 1548 die Stadtmauern, die 1194 aus den Lösegeldern des Richard Löwenherz gebaut worden waren, dem aktuellen militärtechnischen Stand angepasst. Italienische Festungsbauer errichteten eine Festung, die damals den modernsten Standards entsprach. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Festung aus der altitalienischen Manier in die neuitalienische Manier erweitert. An der besonders kritischen Stelle zwischen Schottenbastei und Augustinerbastei, in der der Graben nicht mit Wasser gefüllt war, errichtete man vier Ravelins, die bis 1672 fertig gebaut waren. Die Kontereskarpe als vorderer Rand des Grabens wurde mit einem Gedeckten Weg ausgebaut.

Die Burgbastei (der linke Flügel der Verteidiger, der rechte Flügel der Angreifer) war ein regelmäßiges Viereck mit je neun Kanonen, aber sie verfügte über keine Minenanlage. Hinter der Burgbastei befand sich der Kavalier, die Spanierbastei, eine überhöhte Artilleriefestung. Die Löwelbastei (der rechte Flügel der Verteidiger, der linke Flügel der Angreifer) war kleiner als die Burgbastei, und dahinter der Kavalier, genannt die „Katze“, nahm nochmals Platz weg. [7]

Kritik: Die über 200 Meter lange Stadtmauer zwischen den Basteien war zu lang für einen wirksamen Kartätscheneinsatz. Dazu kam, dass der Ravelin etwas zu weit in den Graben vorgeschoben und etwas zu hoch gebaut war, so dass der Artilleriebeschuss im Graben hinter dem Ravelin von den Basteien nur eingeschränkt möglich war. Die ersten Häuser der Vorstadt waren nur 200 Meter von der Stadtmauer entfernt, außerdem konnte das Glacis in den letzten Tagen vor der Belagerung nicht mehr eingeebnet werden.[7]

Querschnitt der Wiener Stadtmauern

Im Minenkrieg um Wien waren die Osmanen mit 5.000 Mineuren eindeutig im Vorteil. Sie hatten nicht nur mehr Material und Personal, sondern auch mehr Erfahrung im Minenkrieg. 1682, nach Scheitern der Friedensverhandlungen zwischen Kaiser Leopold I. und den Türken, warb der Kaiser den Festungsbaumeister Georg Rimpler für 2.000 Golddukaten an und stellte ihn als Ingenieur und Oberstleutnant in den Dienst. Er stammte aus der sächsischen Stadt Leisnig und hatte sich in der Bastion St. Andrea bei der Belagerung von Candia auf Kreta (1669) einen Namen gemacht.[8]Georg Rimpler verstärkte die Kontereskarpe, baute zwischen dem Ravelin und den Basteien Kaponniere, und hinter ihnen an der Kehle zwischen Kurtine und Bastei wurde der Niederwall angelegt. Er ließ Palisaden vor dem Gedeckten Weg aufstellen und empfahl das Ausheben einer Künette im Graben. Er erkannte richtig, dass zwischen Burg- und Löwelbastei der Hauptangriff der Türken stattfinden sollte.[9] Er stellte Bergleute aus Tirol, Niederländer und Lothringer zu diesem schwierigen Dienst ein, und auch Frauen wurden anfangs verwendet. Mit den Frauen hatte Georg Rimpler wenig Freude. Seiner Meinung nach hielten sie die Männer in den dunklen Stollen vom Arbeiten ab.[10]

Der Ablauf vor der Belagerung

Am 10. August 1664 hatten Kaiser Leopold I. und der Großwesir Ahmed Köprülü in Eisenburg/Vasvár einen 20 Jahre währenden Friedensvertrag abgeschlossen. Eine Verlängerung dieses Friedensvertrages kam 1682 nicht zustande. Am 26. Jänner 1683 schloss Leopold I. ein Defensivbündnis mit Bayern gegen Frankreich und das Osmanische Reich.[11] Am 31. März sammelte sich die Osmanische Armee bei Adrianopel (heute Edirne) mit 168.000 Mann und 300 Geschützen. An diesem Tag gelang es Papst Innozenz XI., den polnischen König Jan Sobieski und Kaiser Leopold I. (HRR) zu einem Defensivbündnis zu überreden. Innozenz XI. unterstützte das Bündnis und den Kampf gegen die Türken mit 1,5 Millionen Gulden. Es wurde folgender Vertrag unterzeichnet:[12]

  1. Der Heilige Römische Kaiser soll jährlich während des Türkenkrieges 60.000 Mann und die Krone Polens 40.000 Mann stellen.
  2. Wenn der König von Polen selbst am Krieg teilnimmt, übernimmt er die Führung der Truppen.
  3. Gegenseitiger Beistand bei der Belagerung von Krakau oder Wien.
  4. Beide Seiten sollen christliche Verbündete suchen und diese in die Allianz einladen.
  5. Der Kaiser zahlt an die polnische Krone 200.000 Reichstaler.
  6. Alle Steuern (300.000 Reichstaler) der venetianischen Kirchen in der Lombardei werden für ein Jahr als Sold der polnischen Soldaten für den Türkenkrieg verwendet.
  7. Der Kaiser übernimmt alle Schulden der Polen gegenüber Schweden aus dem letzten schwedischen Krieg und verzichtet auf alle Schulden gegenüber Österreich.
  8. Kein Allianzpartner macht ohne Einverständnis des anderen Waffenstillstand oder Frieden mit den Türken.
  9. Seine kaiserliche Majestät, die Krone Polens und die Kardinäle Pio und Barberini schwören einen heiligen Eid auf diesen Vertrag.
  10. Von beiden Seiten sollen kriegskundige Ratgeber abgestellt werden, die der anderen Seite die Notwendigkeit zur Aufstellung eines Heeres übermittelt.
  11. Eroberte Gebiete in Ungarn gehören seiner kaiserlichen Majestät, eroberte Gebiete in der Walachei und der Ukraine gehören Polen.
  12. Diese Allianz geht auch an die Erben und Nachfolger des Römischen Kaisers über.


Am 3. Mai erreichte die türkische Armee Belgrad. Sultan Mehmed IV. übertrug den Oberbefehl seinem Großwesir Kara Mustafa Pascha. Später wurde in Stuhlweißenburg als Ziel des Feldzuges Wien, die Reichshauptstadt des Heiligen Römischen Reiches, bekanntgegeben. Herzog Karl V. von Lothringen versuchte durch die Belagerung bei Neuhäusel die türkischen Truppen abzulenken, gab aber die Belagerung am 9. Juni auf und zog die österreichischen Truppen nach Raab zurück. Die Türken überschritten die strategisch wichtige Brücke bei Esseg am 13. Juni, aber die Brücke war für das schwere Belagerungsgerät zu schwach. Die türkischen Pioniere bauten eine neue Brücke auf.

Am 1. Juli trafen die Türken bei Raab ein. Tata, Neutra, Veszprém und Pápa ergaben sich den Türken. In Wien ergriff Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg die ersten Maßnahmen für die Verteidigung und ließ die Stadtmauern instand setzen. Raab sollte die türkischen Truppen aufhalten und zermürben, aber Herzog Karl V. ließ nur eine verstärkte Besatzung in Raab und setzte sich mit seinen Truppen Richtung Wien ab. Die Türken folgten ihm. Schon am 4. Juli standen die Türken an der österreichischen Grenze. Drei Tage darauf ritten 40.000 Krimtataren, sämtlichen Verteidigern im Land um Wien zahlenmäßig um das Doppelte überlegen, in das 40 Kilometer östlich gelegene Petronell. Bei Regelsbrunn stießen sie auf zurückgehende österreichische Savoyendragoner. Der Kommandant Prinz Oberst Ludwig Julius von Savoyen (der Bruder von Prinz Eugen von Savoyen) erlitt tödliche Verletzungen und starb einige Tage später in Wien. Nach diesen Gefechten verließen Kaiser Leopold  I. und die hochschwangere Kaiserin mit ihren Kindern Wien und flüchtete über Korneuburg, Melk und Linz nach Passau. Er bereute später oft seine Flucht, politisch war sie aber notwendig, um das Entsatzheer zu organisieren. Mit ihm verließen auch etwa 80.000 Einwohner die Stadt.

Der Feldzeugmeister Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg übernahm die militärische Führung in der Hauptstadt. Alle Truppen von Kaiser Leopold I. wurden alarmiert und nach Wien zu Herzog Karl V. an das linke Donauufer bei Wien beordert. Feldzeugmeister Graf Leslie wurde mit der Infanterie von der Insel Schütt auf dem linken Donauufer in Eilmärschen nach Wien beordert, um die Besatzung von Wien zu verstärken. Tags darauf zog Herzog Karl V. mit seinen Truppen von Schwechat kommend über die Donaubrücken in die Leopoldstadt und Tabor. Dort lagerte er mit seinen Truppen. Die Bewohner der Vorstädte wurden aufgefordert, alles in die Stadt zu schaffen (vor allem Lebensmittel). Am 12. Juli wurden die Vorstädte Wiens (heute 3. bis 9. Wiener Gemeindebezirk) auf Befehl von Graf Starhemberg in Brand gesetzt. Die übrig gebliebenen Ruinen boten den Türken aber immer noch genug Schutz. Die Bürger und Studenten Wiens wurden für die Verteidigung eingezogen. Munition (1.000 24-pfündige Kugeln) aus Steyr traf über den Wasserweg in Wien ein.

Die Verbindung von Wien nach Wiener Neustadt war bereits durch die Tataren unterbrochen. In Hainburg spielten sich inzwischen dramatische Szenen ab. Am 11. Juli eroberten die Türken nach 3 Tagen Belagerung die Stadt und brannten sie nieder. 8.000 Menschen kamen durch eine Massenpanik ums Leben. Nicht viel anders erging es den Orten Baden, Schwechat, Inzersdorf und der Favorita bei Wien. Sie wurden in den folgenden Tagen eingenommen und zerstört. Die Bevölkerung von Perchtoldsdorf wurde ebenso massakriert und der Ort niedergebrannt, wie in Mödling, wo die Bewohner, die in die St.Othmarkirche flüchteten, umgebracht wurden. In Bruck wurde die Vorstadt von den Bewohnern selbst in Brand gesteckt. Nach vorheriger Weigerung einer Übergabe der Stadt, kapitulierten sie ebenso, wie bereits vorher Eisenstadt und Ödenburg. Die Stadt musste Kontributionen leisten, unter anderem 50 Wagen Gerste und Mehl für das Lager vor Wien. Am 14. Juli plünderten und verbrannten die Türken das Stift Heiligenkreuz.[11]

Die Akteure im Bild

Der Ablauf in und um Wien während der Belagerung

Heereslager Karls V. von Lothringen bei Jedlesee (Norden ≈ Ecke rechts unten)

Geschütze der Türken

  • 50 Balyemezgeschütze mit einem Kaliber von 13 bis 40 Kilogramm (10 bis 30 Okka)
  • 15 bis 20 Kolumbrinegeschütze mit einem Kaliber von 4 bis 11 Kilogramm (3 bis 9 Okka)
  • 5 Bombenmörser
  • 120 Sahigeschütze

Größere Geschütze wurden von Großwesir Kara Mustafa nicht mitgenommen, obwohl genügend Geschütze in ungarischen Festungen für die Türken vorhanden waren.[13]

Geschütze der Wiener

  • 130 Kartaunen und Doppelkartaunen mit einem Kaliber zu 40 Kilogramm
  • 11 Kolumbrinegeschütze mit einem Kaliber zu 5 Kilogramm (4 Okka)

Als Großwesir Kara Mustafa die eigenen und die Wiener Geschosse abwiegen ließ, war er schwer besorgt. Eventuell lag hier einer seiner Fehler bei der Belagerung, die zur Niederlage der Osmanen führte.[13]

Geschütze der Entsatzarmee Heiliges Römisches Reich und Polen-Litauen

Am 7.–8. September 1683 führte die anrückende Entsatzarmee bei Tulln an der Donau folgende Geschütze aufgeteilt nach Landsmannschaften mit sich:

Kartaune Festung Ehrenbreitstein
Truppen Geschütze
Kaiserliche* 70
Polen 28
Bayern** 26
Sachsen 16
Südwestdt. Fürstentümer*** 12
Gesamt 152 Kartaunen
  • *Truppen des Heiligen Römischen Reiches, ** Bayern und Franken, *** Schwaben, Baden, Vorderösterreich

Einteilung der türkischen Truppen

Abschnitt: Links Mitte Rechts
Festungsbauwerk darin: Löwelbastei (eigentlich "Löblbastei") Ravelin Burgbastei
Truppen/Befehlshaber Janitscharenkorps
Ahmed Pascha
rumelinische Truppen Kara Mehmed Pascha,
Wesirs Abaza Sari Hüseyin Pascha

Juli

Belagerungsbeginn

Festung Wien vor der Belagerung
Kupferstich von Folbert van Alten-Allen

Am 14. Juli erreichten die Türken Wien und schlossen es von Süden, Westen und Norden ein. Der Großwesir Kara Mustafa errichtete seine Zeltburg auf der Schmelz. Französische Ingenieure im türkischen Heere traten für den Angriff auf die Kärntner Bastei ein, nahe am Wienfluss. An diesem Abschnitt scheiterten die Türken schon 1529. Achmed Bey war türkischer Ingenieur und entlaufener Kapuziner im Heer von Kara Mustafa. Er hatte bereits 1682 als Mitglied einer Gesandtschaft des ungarischen Rebellen Tökölys die Festung Wien ausgekundschaftet. Er riet Kara Mustafa zu einem Angriff gegen die von Georg Rimpler inzwischen vorbereiteten Befestigungen im Südwesten zwischen Burgbastei und Löwelbastei.[10] Der Großwesir bestimmte die Position der Geschützstellungen und den Beginn der Schanzgräben. Er setzte ein Schreiben zur Kapitulation und Übergabe der Stadt auf und ließ es nach Wien bringen.

Eroberung der Leopoldstadt

Am 15. Juli erkannte Großwesir Kara Mustafa, dass die Umschließung der Stadt beim Donaukanal noch nicht vollständig war und über Inseln in der Donau (heute 2., 20. und Teile des 21. und 22. Bezirks) die Stadt weiter mit Truppen, Material und Nachrichten versorgt werden könnte. Er schickte den Beylerbeyi von Damaskus, Hüseyin Pascha, um mit seinen Truppen die Stadtbewohner von dieser Insel zu vertreiben. Da der Donauarm an mehreren Stellen passierbar war und die Insel niedriger lag als die Stadt (Problem für die Artillerie) zog sich Herzog Karl V. am 16. Juli mit der Kavallerie über die Donau nach Jedlesee zurück und räumte alle Inseln auf der Donau und bezog am linken Donauufer Stellung.[14] Nun umschlossen die Türken die Stadt vollständig. Die Leopoldstadt wurde in Brand gesteckt, die Brücken abgerissen. Da den Bürgern der Leopoldstadt gesagt worden war, dass dieser Teil verteidigt und von den Türken nicht erobert wird, wurde nur wenig zu Sicherung nach Wien geschafft und so ein Raub der Flammen. Nach der Eroberung der Leopoldstadt bestimmte Großwesir Kara Mustafa den Beylerbeyi von Bosnien, Hizir Pascha, mit seinen Truppen die Leopoldstadt zu sichern und auch von dort die Stadt zu beschießen. Die Wiener sollten keine Ruhe haben. Am nächsten Tag brachen die Türken die letzte Brücke und damit die letzte Verbindung Wiens über die Donau ab.

Feuer

Schon am Tag des Eintreffens der Türken schlugen in Wien die ersten Geschützkugeln ein. Die Wiener wurden von der Feuergefahr der Granaten und Bomben überrascht. Am Schottenhof brach ein Feuer aus, das bald wieder gelöscht werden konnte. Die Bevölkerung lynchte daraufhin zwei mutmaßliche Brandstifter. Graf Starhemberg gab den Befehl, alle Schindel- und Holzdächer abzudecken, um die Brandgefahr herabzusetzen, und setzte eine eigene Kompanie zur Brandbekämpfung ein. Das Komödienhaus zwischen Burg und Augustinerkloster wurde aufgrund seiner vielen Holzaufbauten sofort vollständig abgetragen. Es wurde durch Absägen der Säulen zum Einsturz gebracht und das Holz für die Palisaden und Schanztätigkeiten verwendet. Feuer war ab nun eine latente Bedrohung, denn schon wenige Tage später, am 19. Juli, verursachte eine Bombe, die im Buchheimschen Saal bei der Löwelbastei, dem Quartier des spanischen Botschafters, einschlug, ein großes Feuer und drohte auf die angrenzenden Stallungen überzugreifen. Die dafür aufgestellte Kompanie löschte den Brand sehr schnell.

Einen Tag nach Eintreffen der Hauptarmee vor Wien lehnte Graf Starhemberg die Kapitulation ab. Er hoffte mit etwa 11.000 Soldaten und 5.000 Bürgern und Freiwilligen bis zum Entsatz durchzuhalten. Bei der Inspektion eines Grabens wurde er durch einen herabfallenden Ziegel leicht verletzt und fiel für zwei Tage aus. Am 27. Juli wurde in Wien angeschlagen, dass alle Männer, die noch nicht unter Waffen stehen, sich nun melden sollen. Auch erste Maßnahmen gegen Krankheiten wurden getroffen.

Nachrichtenkrieg

Einen Boten, der sich am 18. Juli aus Wien zu den kaiserlichen Truppen in Jedlesee durchschlagen wollte, griffen die Türken auf. Im Verhör nannte er die Truppenstärke Wiens.

Ein erster Aufruf in Wien für einen Kundschafter zum Lager von Herzog Karl V. nach Jedlesee erfolgte am 20. Juli. Es wurde eine hohe Belohnung von 100 Dukaten in Aussicht gestellt, doch niemand meldete sich freiwillig. In der Nacht kam ein Kürassier und brachte Graf Starhemberg einen Brief von Herzog Karl V. Noch in derselben Nacht machte sich der Soldat auf den Rückweg, wurde aber mit den verschlüsselten Briefen von den Türken abgefangen.

Minenkrieg (Laufgräben durchs Glacis und erste Minen)

Beschuss der türkischen Belagerungswerke aus der Stadt
Radierung von Romeyn de Hooghe

Mit dem Eintreffen osmanischer Truppen begann ein Wettlauf bei den Schützengräben auf den Glacis. Beide Parteien gruben Laufgräben aufeinander zu. Schon am nächsten Tag führten die Wiener erste Ausfälle durch, um die Grabungsarbeiten zu stören. Innerhalb von drei Tagen kamen die Türken bis auf Angriffsweite an die Wiener Schanzen heran.

Inzwischen wurden im Graben die letzten Vorbereitungen getroffen. Eine Künette wurde ausgehoben, die bis zum Grundwasser heranreichte, und drei Kaponniere, ein Niederwall wurden vor der Kurtine errichtet und eine dritte Verteidigungslinie rechts und links von der Löwelbastei gebaut. Zusätzlich wurden Querwälle und Palisaden gezogen, die verhinderten, dass die Türken bei der Eroberung eines Teils der Verteidigungsanlage einer Linie sofort die ganze Linie erobern konnten. Auch die Türken waren nicht untätig. Am 18. Juli, als der Großwesir Kara Mustafa die Schanzarbeiten besichtigte, entdeckten die Türken eine Wasserleitung aus den Vorstädten, gruben den Wienern die Leitung ab und verwendeten sie nun selbst. Die Stimmung im türkischen Lager war sehr gut. Die Türken waren nun mit ihren Schanzen nur noch zwanzig Meter von der Kontereskarpe entfernt. Vor den Spitzen der Burg- und Löwelbastei, wo auch die Kontereskarpe in das Glacis vorsprang, waren die Türken nur noch sechs Meter entfernt. Hier wurde bereits mit Flinten und Handgranaten gekämpft. Ein „glücklicher Bombenwurf“ brannte Teile der vordersten Palisaden der Belagerten nieder.

Ab dem 20. Juli begannen sich die Türken tiefer in die Erde einzugraben. Man holte Bauholz aus Schönbrunn und begann, in jedem Abschnitt eine Mine gegen die Palisaden zu graben. Am 23. Juli kam es zur ersten Minensprengung der Türken vor dem Abschnitt des Ravelin und der Burgbastei. Ein Angriff der Türken auf die Palisaden wurde unter großen Verlusten beiderseits großteils abgewehrt. In der Stadt wurde jeder Hausbesitzer dazu verpflichtet, einen Mann abzustellen, der im Keller horchte, ob gegraben oder geklopft wird. Das Schlechtwetter tags darauf gab den Belagerten einen Tag Pause. Aber am folgenden 25. Juli ging der Minenkampf weiter. Die Türken ließen eine Mine vor der Löwelbastei hochgehen und sprengten einen Teil der Palisaden weg. Meter für Meter rückten sie näher. Am folgenden Tag sprengten die Wiener die erste Mine unter den Schanzen der Türken. Die Wirkung war gering und schlug teilweise nach hinten aus.

Am 28. Juli wurden vor dem Ravelin die nächsten Minen der Türken gesprengt. Die Palisaden, der gedeckte Weg und die Kontereskarpe wurden in einer Breite von sieben Metern gesprengt und in den Graben geworfen. Ein Ausfall der Wiener ermöglichte die Befestigung des eingestürzten Teiles der Kontereskarpe. Es gab hohe Verluste für die Wiener, unter ihnen wurde auch Georg Rimpler verwundet. Er starb eine Woche später zwischen dem 2. und 3. August.

Vor der Burgbastei sprengten die Türken und die Wiener am 30. Juli je eine Mine, die die Laufgräben und den gedeckten Weg auf der Kontereskarpe beschädigten. Nach einem Angriff der Türken und Gegenangriff der Wiener zogen sich letztere von den eigenen Laufgräben auf den instandgesetzten gedeckten Weg zurück. Vor dem Ravelin stürmen die Türken bis vor die Palisaden der Wiener. Vor der Löwelbastei wurden 5 Kolumbrinegeschütze und 25 Sahigeschütze durch die Laufgräben nach vorne gezogen und in Stellung gebracht. Diese zerschossen am 31. Juli den Kavalier der Löwelbastei, die „Katze“. Die Geschütze darin wurden zerstört oder aus der Katze herausgeholt. In den Resten der Katze wurden Schießscharten gebrochen. Die Brustwehr der Bastei wurde etwas abgetragen, um ein besseres Schussfeld gegen die eingegrabenen Türken zu haben. Die Laufgräben waren an manchen Stellen so nah, dass es zu Nahkämpfen kam.

Der Hofschatzmeister inspiziert die Belagerung

Am 19. Juli kam der Hofschatzmeister des Sultans Mehmed IV., Ali Aga, ins türkische Lager nach Wien. Er brachte Ehrengewänder, Prunksäbel und Dolche für Großwesir Kara Mustafa mit. Er berichtete, dass Sultan Mehmed IV. bestürzt war über die Entscheidung, Wien anzugreifen. Sein Befehl war, die ungarischen Rebellen und die Feste Neuhäusl zu unterstützen und weitere Festungen in Ungarn zu nehmen und nicht auf Wien zu marschieren. Der Großwesir versuchte, durch militärische Erfolge den Hofschatzmeister zu beschwichtigen, und machte verstärkt Druck auf seine Truppen. Doch bis zur Abreise des Hofschatzmeisters Ali Aga nach Edirne am 30. Juli zur Berichterstattung beim Sultan konnte er diese nicht vorlegen.

Ablauf der Türkenbelagerung in der Umgebung von Wien

Ein erster Angriff auf Klosterneuburg wurde am 17. Juli abgewehrt. Klosterneuburg hatte eine Schlüsselstellung für die Sicherung des türkischen Belagerungsheeres vor Wien. Die Verteidigung leitete der 50-jährige Kammerschreiber Marcelinus Ortner, ein Laienbruder des Stifts, der von Beruf Tischler war. Die untere Stadt wurde geplündert und angezündet, doch konnte Klosterneuburg dank der Maßnahmen Ortners den Angriffen standhalten. Zwei Tage später schlug er einen weiteren Angriff der Türken auf Klosterneuburg zurück.[11]

Chronik in Europa

Graf Philipp von Thurn traf am 14. Juli in Warschau ein und überbrachte die Nachricht von der Belagerung Wiens. König Sobieski gab Anweisungen, das Heer zu sammeln, und wollte noch vor Monatsende aufbrechen.

Kaiser Leopold I. reiste weiter und erreichte am 17. Juli Passau. Dort trafen am 23. Juli die ersten bayerischen Hilfstruppen (10.000 Mann) ein. Am 27. Juli überbrachte Graf Philipp von Thurn in Passau die Botschaft, dass König Sobieski und sein älterer Sohn Prinz Jakob Ludwig Heinrich mit 50.000 Mann bis Ende August nach Wien komme. Der Jesuit Pater Wolff meldete Kaiser Leopold I., dass 10.000 Mann aus Sachsen noch diesen Monat aufbrechen werden. Wenige Tage später kam die Nachricht aus Polen, dass König Sobieski bis 20. August vor Wien sein werde. Er marschiere über Schlesien und Mähren.

August

Belagertes Wien

Lebensmittelknappheit

Am 1. August mussten in Wien die Lebensmittelpreise fixiert werden. Erfolgreich war man mit dieser Verordnung nicht, sie musste in den nächsten 7 Wochen fast täglich wiederholt und auf Medikamente und andere Gegenstände des täglichen Bedarfs ausgedehnt werden. Am 6. August wurde eine Verordnung für hygienische Maßnahmen beschlossen. „In Gassen und Plätzen der Stadt herumliegende Kranke sollen in den Passauer Hof gebracht werden. Fisch verkaufen wird verboten, Bier muss sofort getrunken werden und darf nicht mehr weiter gebraut werden, Blut und Innereien von geschlachtetem Vieh darf nicht mehr auf die Gasse geschüttet werden“. Zusätzlich wurde die Unterbringung der vielen Leichen geregelt. Auch diese Regelungen mussten alle paar Tage unter Androhung schwerer Strafen wiederholt werden. Je länger die Belagerung dauerte, desto härter musste die Stadtregierung gegen Preiswucherer durchgreifen. Der Schwarzhandel blühte.

Den Türken ging es nicht besser. Aus Ofen trafen 200 Wagen mit Lebensmitteln ein, weil in der näheren Umgebung von den Tataren sehr viel zerstört worden war. Am 16. August schickte der Großwesir erneut 4.000 Wagen nach Ofen, um Lebensmittel, Munition und Schwarzpulver zu holen. Die Belagerung zog sich schon länger hin als geplant. Es gingen die Vorräte aus. Drei türkische Bäcker, die den Wienern Brot verkauften, wurden am 21. August zu der drakonischen Strafe von 300 Stockhieben verurteilt. Bis Ende August waren alle Lebensmittel im türkischen Lager verbraucht.

Wiener Chronik

Am 1. August beschossen die Türken während der Heiligen Messe den Stephansdom und begingen damit, ohne es zu merken, einen Wortbruch (siehe Eintrag am 15. September). Tags darauf wurde die Kapuzinerkirche bombardiert, sodass das Dach einstürzte.

Am 8. August wurde ein 15-jähriger Junge als Spion aufgegriffen. Die Stadtbevölkerung war aber extrem nervös, und obwohl er alles abstritt, wurde er am 27. August geköpft. Die „Rote Ruhr“ brach aus und dezimierte die Stadtbevölkerung stark. Am 11. August erkrankte Graf Starhemberg daran und konnte sich erst am 20. August wieder erholen.

Ein Einberufungsbefehl erging am 26. August an alle Männer von Wien, die sich bisher von der Stadtverteidigung drücken konnten, weil sie nicht tauglich waren oder nicht wollten, und zwei Tage später musste Graf Starhemberg die Todesstrafe für jene, die sich noch immer vor der Einberufung drückten, erlassen.

Am 27. August wurden in der Nacht 30 Raketen vom Stephansdom abgeschossen. In der nächsten Nacht waren es bereits 100 Raketen.

Die Wiener erkannten am 31. August erste Vorbereitungen der Türken für den bevorstehenden Entsatz und begannen Hoffnung zu schöpfen. Graf Starhemberg setzte alle Mittel für die Kämpfe ein, ließ die Straßen und Häuser rund um den Bereich Burgbastei und Löwelbastei in Verteidigungszustand setzen und richtete dort eine weitere Verteidigungslinie ein.

Chronik der Türken

Sicht der türkischen Gräben vom Stephansdom

Großwesir Kara Mustafa ließ am 3. August den Alaybeyi vom rechten Flügel (Burgbastei) wegen mangelnder Erfolge absetzen. Er wollte ihn hinrichten lassen, begnadigte ihn dann aber auf 400 Stockschläge.

Großwesir Kara Mustafa begab sich am 10. August zur Inspektion in die Laufgräben. Er besah sich die Tunnel und die vorgeschobenen Stellungen im Graben. Auf die Kritik, dass es nicht genügend Kriegsmaterial gebe, reagierte er mit der Absetzung von Arsenaloberst Fazli Aga und bestellte stattdessen Abaza Siyavus Aga.

Der Fürst von Siebenbürgen traf mit seinen Truppen am 22. August im türkischen Lager ein. Er kritisierte stark die Pläne für die Eroberung von Wien. Er war der Meinung, dass man ein Land von außen angreifen solle und nicht von innen. Großwesir Kara Mustafa war verärgert und schickte ihn zurück zur Überwachung der Brücken bei Raab.

Nachrichtenkrieg

Ein berittener Bote von Herzog Karl V. drang am 4. August bis zur Stadt durch und brachte Nachrichten. Die Belohnungen und Bezahlungen für Kuriere wurden immer teurer. Als Leutnant Michael Gregorowitz am 8. August von Wien zu Herzog Karl V. nach Jedlesee drei Briefe überbrachte, wurde er zum Kompaniechef befördert. Er schaffte es durch das türkische Lager und den Wienerwald bis zum 16. August Herzog Karl V. zu erreichen.

Der Orientwarenhändler Georg Franz Kolschitzky wurde am 13. August als Kurier aus der Stadt zu Herzog Karl V. entsandt und kam am 15. August dort an. Am 17. August kehrte Kolschitzky als Held zurück. Er war durch die türkischen Truppen nach Wien mit Nachrichten von Herzog Karl V. zurückgekommen. Er brachte die Nachricht, dass ein Entsatzheer mit insgesamt 70.000 Mann sich bei Wien sammle und die ungarischen Rebellen geschlagen habe. Kolschitzky erhielt die versprochene Belohnung von 200 Dukaten.

Der Kurier Seradly, der Diener von Kolschitzky, wurde am 19. August aus Wien ins kaiserliche Feldlager nach Jedlesee entsandt. Die Hälfte des Lohnes von 200 Dukaten erhielt er vor seinem Abmarsch. Am 21. August kehrte er mit einigen Briefen von Herzog Karl V. von Lothringen aus Jedlesee zurück.

Der Kurier Georg Michaelowitz (wird von manchen Zeitzeugen mit Kolschitzky oder Leutnant Gregorowitz verwechselt) brach am 27. August mit einigen Briefen zu Herzog Karl V. auf. Er erhielt dafür die Belohnung von 100 Dukaten. Bei seiner Rückkehr am 1. September erhielt er weitere 100 Dukaten.

Minenkrieg (durch die Palisaden und die Kontereskarpe in den Graben)

Krieg unter der Erde

Weitere Minen der Türken beschädigten am 1. August die Kontereskarpe. Tags darauf nahmen die Türken die Palisaden vor der Löwelbastei ein. Am Abend ließen die Wiener unter den türkischen Laufgräben vor der Löwelbastei eine Mine hochgehen. Eine weitere Mine der Wiener ging vor dem Ravelin am 3. August hoch. Aber die Wirkung der Wiener Minen war um einiges schlechter als die der türkischen. Am Abend erfolgte beim Ravelin ein Angriff der Türken und warf die Wiener aus den Palisaden und dem gedeckten Weg die Kontereskarpe hinunter in den Graben. Die Wiener räumten am folgenden Tag die Stellungen an der Palisade vollständig. Eine Mine der Wiener am 5. August bei der Burgbastei schlug nach hinten aus und zerstörte einen großen Teil des gedeckten Weges. Der folgende Angriff der Janitscharen wurde abgewehrt. Die Stimmung der Türken war noch gut.[15]

Grabenkämpfe

Die Osmanen legten vor der Löwelbastei und dem Ravelin einen Tunnel an, der bis in den Graben führte. Gegen Abend des 6. August drangen die ersten Türken vor dem Ravelin in den Graben ein. Graf Starhemberg kam mit den besten hundert Mann und vertrieb die Türken wieder. Alle Wollsäcke, die die Türken zum Schanzen mitgebracht hatten, wurden in die Stadt gebracht. Es gab viele Tote auf beiden Seiten. Doch schon am nächsten Morgen drangen die Türken über die Tunnel in den Graben vor den Bastionen ein, setzten sich fest und begannen sich in Richtung Ravelin vorzuarbeiten. Es wurde eine erste Mine im Graben zwischen Löwelbastei und Ravelin gesprengt, deren Erdaufwurf für weitere Schanzen verwendet wurde. Durch heftigen Beschuss stürzte der Tunnel vor der Burgbastei ein und begrub 30 Türken unter sich. Am 8. August erreichte der erste Türke bei einem Sturmangriff die Stadtmauer, dann streckte ihn eine Kugel nieder. Tags darauf sprengten die Türken eine Mine vor der Löwelbastei und verschütteten ein Kaponnier. Damit öffneten sie den Weg für den Tunnel in den Graben und setzten sich damit endgültig fest.

Minenkrieg (Angriff auf die zweite Verteidigungslinie)

Die Türken sprengten am 9. August die erste Mine unter dem Ravelin und rissen sieben Meter Mauer mit. Die Bresche in der Mauer wurde von den Wienern sofort abgeriegelt. In den folgenden Tagen wurden auch die Löwelbastei und die Burgbastei angegriffen. Die Kaponniere wurden vollständig verschüttet und mit der nächsten Mine zerstört. Ausfälle der Wiener, um die Tunnel in den Graben zu zerstören und damit den Zugang in den Graben zu blockieren, scheiterten mit hohen Verlusten. Der Druck der Türken ließ nicht nach.

Am 12. August gab es weiter heftige Gefechte um das Ravelin, und zwei Minen unter der Burgbastei wurden gesprengt. Die Wirkung war schwach und schlug teilweise nach hinten aus, der anschließende Sturmangriff scheiterte unter hohen Verlusten der Türken. Eine weitere Mine unter der Spitze des Ravelins zeigte gute Wirkung. Das Ravelin wurde in zwei Teile geteilt. Außerdem wurde auf dem Ravelin und auf dem Basteien Vorkehrungen getroffen, damit, wenn Teile in türkische Hand fallen, der Festungsabschnitt trotzdem verteidigungsfähig bleibt. Die Stimmung der Türken schwankte.

Angriff der Wiener auf eine Mine unter der Burgbastei
Kupferstich von Jacobus Peeters

Die Wiener lernten langsam, Minen zu graben und zu bekämpfen. Mitte August wurde eine Mine der Türken durch Palisaden unbrauchbar gemacht, eine zweite Mine durch Kanonen zerstört und eine dritte Mine durch Gegensprengung vernichtet. Am 15. August setzten sich die Türken im Festungsgraben vor der Löwelbastei fest und gruben sich bis zur Künette in der Grabenmitte vor. Nach einem Ausfall der Wiener töteten sie alle dort verschanzten Türken, zündeten ihre Rampen, Stützbalken und alles Holz an, zerstörten ihre Minen und kehrten auf die Löwelbastei zurück. Es dauerte zwölf Tage, bis die Türken diese Stellung wieder voll unter ihrer Kontrolle hatten. Die Stimmung der Türken wurde weiter schlechter.

In den nächsten Tagen kam es im gesamten Graben zu schweren Gefechten ohne merklichen Fortschritt einer Seite. Die Wiener unternahmen am 18. August einen erfolglosen Ausfall bei der Burgbastei. Es handelte sich dabei um eine aus den Stadtbürgern gebildete Freiwilligenkompanie, die auf eigene Faust handelte. In Wien erging drei Tage später die Verordnung, dass niemand mehr ohne Befehl Ausfälle wagen darf. Die Türken sprengten unter der Burgbastei am 20. August zwei Minen und unter dem Ravelin eine Mine. Den gesamten Tag wurden die Basteien erfolglos von den Türken gestürmt. Ein Angriff der Wiener gegen die Tunnel vor der Burgbastei am 22. August zeigt wenig Wirkung. Die Türken flüchteten aus dem Graben, besetzen ihn aber einige Stunden später wieder. In den nächsten Tagen gab es jede Menge kleinerer Minen, Stürme, Ausfälle und vor allem Tote auf beiden Seiten. Außer einigen abgeschlagenen Köpfen konnten die Türken aber nichts erreichen. Die Überbringer dieser Köpfe an Großwesir Kara Mustafa wurden reich belohnt. Den Janitscharen dauerte es schon zu lange. Sie waren verärgert auf Großwesir Kara Mustafa wegen der langen Belagerungsdauer.

Tags darauf verschlammte starker Regen in der Früh und am Vormittag die türkischen Gräben. Am Nachmittag wurde wieder gekämpft. Nach einer gesprengten Mine unter dem Ravelin griffen die Türken wieder erfolglos an und hatten hohe Verluste. Zur Feier der Türken am 29. August für die Köpfung von Johannes dem Täufer zündeten sie eine besonders große Mine unter dem Ravelin und sprengten das meiste in die Luft. Der letzte Rest des Ravelins wurde auf Befehl der Wiener Offiziere geräumt. Von der Stadtregierung ging die Aufforderung, Wasserbottiche in der Stadt verteilt aufzustellen, um Grabungstätigkeiten schneller zu erkennen.

Bei einem Zufallstreffer der Türken am 31. August hinter der Löwelbastei wurde ein Munitionslager getroffen, das auch die nebenliegenden Schwarzpulverlager entzündete. Die Schwarzpulvervorräte wurden dadurch empfindlich reduziert.

Brennende Dörfer um Wien

Ablauf der Türkenbelagerung in der Umgebung von Wien

Die Türken eroberten am 3. August Pottendorf, Ebreichsdorf und Götzendorf. Am 24. August griffen die Janitscharen erneut Klosterneuburg an, das sie als Stützpunkt gegen das Entsatzheer verwenden wollten. Der Angriff dauerte bis zum 26. August und konnte erfolgreich abgewehrt werden.[11]

Chronik in Europa

Um den 3. August gab es viele kleinere und größere Scharmützel zwischen polnischen Hilfstruppen und kaiserlichen Truppen gegen Tataren, ungarischen Rebellen und Türken. Der August war durch langes Warten des Kaisers Leopold I. in Passau auf Truppen für das Entsatzheer gekennzeichnet. Vom 9. August bis 11. August erkrankte Kaiser Leopold I. und lag mit Fieber, Durchfall und Erbrechen im Bett.

Am 8. August traf Prinz Eugen von Savoyen in Passau ein. Er berichtete, dass alle anderen französischen Offiziere, die sich den Österreichern anschließen wollten, eingesperrt wurden. Am 12. August stießen 1.000 Mann von dem Regiment des Prinzen Ludwig von Neuburg dazu und am 21. August 8.000 Franken.

Erst am 14. August und nicht wie versprochen Ende Juli startete König Sobieski mit seiner Armee von Krakau aus Richtung Wien. Er war am 22. August bei Gleiwitz und erreichte am folgenden Tag Troppau.

Am 24. August brach Herzog Karl V. mit seinen Truppen donauaufwärts auf, um zum Treffpunkt in Tulln zu kommen. Bei Bisamberg traf er auf Türken und ungarische Hilfstruppen und besiegt sie mit seiner Kavallerie.

Am 25. August brach das Entsatzheer unter Kaiser Leopold I. Richtung Wien auf. Leopold I. fuhr mit dem Schiff von Passau nach Linz, erreichte es 3 Tage später und setzte seinen Marsch auf Wien unverzüglich fort. Am 31. August traf König Sobieski mit Herzog Karl V. in Hollabrunn zusammen.

September

Laufgräben der Türken vor dem belagerten Wien in der letzten Ausbauphase
Kupferstich des kaiserlichen Hauptmanns und Ingenieurs Daniel Suttinger

Die Nahrung geht aus

Anfang September ging in der Stadt wie auch im Türkenlager die Nahrung aus. Die Preise stiegen stark an. Dies konnte etwas gemildert werden, als am 3. September bei zwei weiteren Ausfällen beim Schottentor 22 Ochsen, zwei Pferde und ein Wagen eingebracht wurden.

Am 9. September kamen im Lager der Türken Lebensmittel aus Ofen an, die vor dem Zelt des Scharfrichters zu normalen Marktpreisen angeboten wurden.

Wiener Chronik

Am 3. September wurden vom Stephansdom in der Nacht 30 Raketen abgeschossen, am 6., 7. und 8. September waren es bereits so viele, dass sie nicht gezählt werden konnten.

Drakonische Maßnahmen gegen Deserteure und Wehrdienstverweigerer wurden am 6. September in Wien beschlossen. Wer krank oder zu alt für die Arbeit war, musste ein ärztliches Attest vorweisen.

Am 9. September starb der Wiener Bürgermeister Johann Andreas von Liebenberg nach einer mehrwöchigen Krankheit.

In den Straßen hinter der Burg- und Löwelbastei wurde am 10. September heftig gegraben, Palisaden wurden gebaut und Laufgänge für eine weitere Verteidigungslinie angelegt. Es wurde hier ganz nach der Philosophie von Georg Rimpler die Festung um weitere Verteidigungslinien erweitert. Die Wiener hatten das Ende der Belagerung schon vor Augen und feierten schon den Entsatz, aber Graf Starhemberg ließ sie nicht übermütig werden. Noch war das Entsatzheer nicht da, und wenn die Türken im letzten Moment die Stadt genommen hätten, wäre der Entsatz umsonst gewesen.

Chronik der Türken

Am 7. September hielt Großwesir Kara Mustafa eine Musterung ab. Er wollte die Stadt noch vor Eintreffen des Entsatzheeres erobern. In einer großen Umgruppierung stellten sich die Türken in den nächsten Tagen für die Entsatzschlacht neu auf. Großwesir Kara Mustafa hielt Kriegsrat über die bevorstehende Schlacht gegen das Entsatzheer. Er nahm seine Anführer an einem Erkundungsritt zu den Aufmarschwegen mit, auf denen das Entsatzheer anrücken könnte.

Nachrichtenkrieg

Am 1. September brachte Georg Michaelowitz unter Lebensgefahr Nachrichten von Herzog Karl V. in die Stadt: der Entsatz sei unterwegs und werde in einigen Tagen eintreffen. Bereits am nächsten Tag brach er wieder mit neuen Botschaften aus der Stadt auf. Er erhielt dafür gegen den ausdrücklichen Willen des Rechnungsbeamten, 200 Dukaten im voraus. In der Botschaft an den Kaiser wurde darauf gedrängt, den Entsatz zu beschleunigen. Die Verteidiger wären nahe am Ende ihrer Kräfte angelangt.

Stefan Seradly erhielt am 4. September 120 Dukaten für die Überbringung von Briefen an das Entsatzheer. Er verriet aber die Wiener und lief zu Großwesir Kara Mustafa über. Dieser erfuhr dadurch von der geplanten Entsetzung Wiens und zog Verstärkung heran.

Am 8. September wurden zwei deutsche Kuriere auf dem Weg nach Wien abgefangen.

Minenkrieg (Angriff auf die Stadtmauer)

Ausfall der Wiener.
Radierung von Roman de Hooghe

Am 1. September hatten die Türken mehrere Minen bei der Löwelbastei unter die Kurtine getrieben. Die Wiener machten einen Ausfall, um die Minen zuzuschütten, scheitern aber am starken Widerstand der Türken. Am nächsten Tag ließen die Türken bei der Burgbastei eine Mine hochgehen. Die Wirkung war minimal. Durch die Mine war es aber den Türken jetzt leichter, in die Burgbastei zu kommen. An der Löwelbastei unterwühlten die Türken die Stadtmauer. Bei einem Ausfall der Wiener gegen die Minen der Türken wurden alle Angreifer getötet. Am 3. September ging die nächste Mine an der Burgbasteispitze hoch. Es fielen etliche Quaderstücke heraus. Die Wiener machten wieder einen Ausfall, um weitere Minen zu zerstören, aber die Ergebnisse waren mager. An diesem Tag war die Anzahl der Toten auf beiden Seiten sehr hoch. Graf Starhemberg gab die letzten Reste vom Ravelin, Kontereskarpe und Kaponniere auf, das dortige Holz räumte man vorher aus.

Die Minen der Türken kamen schon zwei bis drei Meter unter die Stadtmauer. Beim Minieren und Kontraminieren gerieten die Türken und Wiener auf einmal aufeinander. Es entstand ein blutiges Gemetzel.

Am 4. September kam es zur ersten Minensprengung unter der Kurtine. Die Wirkung war sehr stark, die Mauerteile fielen aber nach außen, wodurch der Angriff erschwert und verzögert wurde und scheiterte aber am Verteidigungswillen der Bevölkerung, die in kürzester Zeit durch Einschlagen von Palisaden den Durchgang sperrten. Bei einer weiteren Minensprengung und Sturm der Türken an der Burgbastei wurde eine acht Meter breite Bresche in die Burgbastei geschlagen. Von allen Seiten kamen Türken für den Angriff. Jeder wollte dabei sein, wenn die Stadt fällt. Erste Janitscharen wurden auf der Bastei gesichtet. Aber die Steigung im Geröll auf die Burgbastei war zu stark. Durch reihenweises Feuer, zurückgehen und nachladen, während die nächste Reihe schoss, konnte der Angriff nach zwei Stunden abgewehrt werden. Mit spanischen Reitern und Sandsäcken schlossen die Wiener die Bresche. Allein dieser Sturm kostete die Wiener 200 Mann, darunter mehrere Offiziere. In der Nacht wurde die Bresche vollständig geschlossen. Holz von Dächern und anderen Bauteilen in Wien wurde abgerissen, um es als Palisaden bei Burg- und Löwelbastei zu verwenden. Die Stimmung der Türken langte nach diesem Tag auf einem Tiefpunkt an. Am nächsten Tag versuchten es die Türken erneut. Sie wollten die Stadt über die Löwelbastei nehmen. Die Stadtverteidiger hatten sich neu in 64 Kampfgruppen gruppiert. Nach der Sprengung von zwei weiteren Minen an der äußersten Spitze der Löwelbastei gelang es, unter hohen Verlusten für beide Seiten, den Sturm auf die Löwelbastei abzuwehren. Als die Sperren immer dichter wurden, nahmen die Türken wieder den Minenkampf auf. In Wien standen zu diesem Zeitpunkt nur noch ca. 5.000 verteidigungsfähige Männer zur Verfügung.[16]

Die Türken eroberten am 8. September den Niederwall. Die Wiener versuchten in einem Gegenangriff den Niederwall wieder zurück zu erobern, aber die Türken schlugen diesen Versuch zurück. Gleichzeitig bereiteten sie an dieser Stelle weitere Minen an der Kurtine vor und sprengten nachmittags zwei Minen unter der Löwelbastei. Jede Menge Mauerwerk landete im Graben. Trotzdem war die Mauer nachher eher steiler als flacher und so konnte der folgende Angriff leicht zurückgeschlagen werden. Es kam zu ersten Meutereien im türkischen Lager. Am 12. September stellten sich die Türken für die Entsatzschlacht beim Kahlengebirge (heute Leopoldsberg) bis Hütteldorf auf und trieben gleichzeitig fünf Minen bis unter die Stadtmauern. Sie waren bis zu zwei Meter tief unter der Kurtine eingedrungen und standen kurz davor, die Ladungen zu setzen und zu sprengen.

Chronik in Europa

Am 4. September war Kriegsrat zu Stetteldorf am Wagram auf Schloss Juliusburg bei Tulln unter dem Vorsitz König Sobieskis. Zusammen mit Herzog Karl V. wurde die weitere Marschroute und Taktik zum Entsatz von Wien festgelegt. Herzog Karl V. sah nicht ein, warum Kaiser Leopold I. nicht an der Entsatzschlacht um Wien das Kommando führen sollte, sondern diese Ehre an den Polenkönig abtreten. Doch Kaiser Leopold I. hatte das Kommando, neben vielen anderen Leistungen, bereits vertraglich an Sobieski abgetreten, um diesen überhaupt zu einer Teilnahme am gemeinsamen Krieg gegen die Türken bewegen zu können. Die großen Differenzen zwischen Herzog Karl V. und König Sobieski wurden schließlich durch diplomatische Intervention von Marco d'Aviano, päpstlicher Legat und Beichtvater von Leopold I. beseitigt.

Am 6. September kam der Kurfürst von Bayern nach Linz. Fränkische, sächsische, bayrische und schwäbische Kontingente überquerten die Donau bei Krems und rückten weiter Richtung Tulln vor. Am Tag darauf überquerte die Polnische Armee die Donau bei Tulln und vereinigte sich mit den Truppen Sachsens, den Kaiserlichen, den Bayern und den fränkisch-schwäbischen Reichstruppen in der Stadt, 30 km stromaufwärts von Wien. Die Tataren, die für die Bewachung dieser Brücke abgestellt waren, verhinderten den Brückenkopf nicht.

Für Kaiser Leopold I. war es ein Freudentag, denn an diesem Tag gebar seine Frau um 6 Uhr früh ein Mädchen, das auf den Namen Maria Anna Josepha Antonia Regina getauft wurde. Am nächsten Tag musste er schon wieder von seiner Familie weg. Kaiser Leopold I. fuhr von Linz Richtung Wien mit dem Schiff ab. Aber er konnte noch nicht bis nach Wien fahren. In Dürnstein machte er am 9. September Station. Da er König Sobieski die Leitung der Schlacht abgetreten hatte, durfte er nicht bei seinen Truppen sein. Er setzte Herzog Karl V. an seine Stelle zur Leitung der kaiserlichen Truppen.

Beim letzten großen Kriegsrat der christlichen Allianz wurde auf Anraten Herzog Karls V. beschlossen, durch den Wienerwald unter Zurücklassung des Trosses in 3 Kolonnen auf Wien vorzurücken. Der Weg für das Entsatzheer durch den Wienerwald war beschwerlich, da es nur wenige schlecht befestigte Wege gab und die Artillerie nicht oder nur begrenzt mitgenommen werden konnte. Es mangelte während des Anmarsches auch an Verpflegung. Da der Tross zurückgelassen wurde, gab es keinen Lebensmittelnachschub. Die Truppen mussten ohne etwas zu essen zwei Tage marschieren. Dafür gab es aber keine weiteren Schwierigkeiten beim Vormarsch.
Großwesir Kara Mustafa hatte es versäumt, die Donaubrücken zu sichern, Klosterneuburg zu erobern (diese wurde zu einem wichtigen Brückenkopf der Alliierten) und eine Befestigung des Kahlengebirges vorzunehmen. Am Morgen des 12. September stiegen die Alliierten vom Kahlengebirge herunter für die Schlacht am Kahlenberg.

Schlacht am Kahlenberg

Hauptartikel: Schlacht am Kahlenberg
Angriff des Entsatzheeres in der Schlacht am Kahlenberg

Am 11. September besetzten die alliierten christlichen Truppen das Kahlengebirge. In den Morgenstunden des 12. September griff das Entsatzheer mit Truppen aus Venedig, Bayern, Sachsen, Franken, Schwaben, Baden, Oberhessen und Polen an, ca. 54.000 bis 60.000 Mann. Die osmanischen Kriegsherren konnten sich über eine Taktik für einen Zweifrontenkrieg nicht einigen. Nach zwölfstündigen Kampf griff die Kavallerie unter dem Oberkommando von König Sobieski) von den Höhen des Wienerwaldes her ein. Die gesamte christliche Streitmacht ging zum Generalangriff über, denn auch die Wiener begannen mit einem Ausfall, als sie sahen, dass die Schlacht am Kahlenberg zugunsten der Christen ausging, und stürmten die Laufgräben der Türken. Das Türkenheer flüchtete überstürzt und sammelte sich bei Győr/Raab.

Ablauf nach der Belagerung

Die Übergabe der grünen Fahne des Propheten Mohammed an König Jan III. Sobieski nach der Schlacht um Wien
Gläserner Sarg Papst Innozenz XI. im Petersdom in Rom

Am 13. September betrat König Sobieski die Stadt. Die kaiserlichen Truppen drängten auf eine sofortige Verfolgung der Truppen, aber König Sobieski wollte sein Pferd nicht weiter belasten. So begann die allgemeine Plünderung der von den Türken zurückgelassenen Tiere, Lebensmittel, Güter, Materialien, Waffen, Geschütze und Munition. Das meiste, insbesondere die Zeltburg von Großwesir Kara Mustafa, wurde von König Sobieski einbehalten, während die kaiserlichen Truppen fast leer ausgingen.[17]
Die Wiener verschossen wahllos Munition als Freudenschüsse. Schwarzpulver der Türken wurde zur Belustigung der Leute angezündet. Die Wiener besichtigten die Zerstörungen der Belagerung. An der Stadtmauer hinter dem zerschossenen und aufgegebenen Ravelin wurden mehrere sechs Meter tief unter der Kurtine und mit Schwarzpulver gefüllte Minen gefunden, die fertig zur Sprengung waren, aber infolge der Niederlage nicht mehr gezündet wurden.
Kaiser Leopold I. erfuhr vom Sieg der Entsatztruppen und fuhr mit dem Schiff von Dürnstein nach Klosterneuburg. Am nächsten Tag fuhr er mit dem Schiff nach Wien und zog in die Stadt ein. Dort besuchte er die Befreiungsmesse in St. Stefan.

Großwesir Kara Mustafa suchte am 14. September einen Schuldigen. Er ließ Ibrahim Pascha, den Beylerbeyi von Ofen, hinrichten, weil er angeblich der Erste war, der sich vom Schlachtfeld zurückgezogen hatte. Wahrscheinlich wollte er sich aber nur eines Zeugens entledigen, der hätte aussagen können, dass Ibrahim Pascha die Zweifronten-Taktik gegen Wien und das Entsatzheer für falsch hielt.

Am 15. September wurden der Stern und der Halbmond am Stefansdom, der seit der Ersten Türkenbelagerung dort die Spitze zierte, wegen Wortbruchs der Türken (niemals den Stefansdom zu beschießen), heruntergenommen und durch ein Kreuz ersetzt.
Kaiser Leopold I. und König Sobieski trafen sich zu Pferde in der Nähe von Schwechat. Nach der Schlacht waren die beiden Herrscher schlecht aufeinander zu sprechen. Der Ruhm der gewonnenen Entsatzschlacht ging an König Sobieski, und dass Kaiser Leopold I. diesen vertraglich abtreten musste, um die Unterstützung von König Sobieski überhaupt zu erhalten, war trotz Einhaltung des Protokolls für alle Beteiligten spürbar. Der Stolz des Kaisers Leopold I. war gegenüber König Sobieski schwer verletzt. An der Stelle, an der sich die beiden Herrscher trafen, wurde später das sogenannte Kugelkreuz aufgestellt. Es ist ein auf vier Türkenkugeln ruhender Obelisk.[18][11] In Schwechat wurde von den alliierten Truppen eine Parade abgehalten. Die Kurfürsten von Bayern und Sachsen zogen anschließend mit ihren Truppen wieder ab.

Erst am 18. September begannen König Sobieski und Herzog Karl V. mit der Verfolgung der Türken. Da aber die fliehenden Türken nicht sofort verfolgt wurden, konnten sie sich bei Párkány wieder sammeln. Entgegen den Empfehlungen von Herzog Karl V., und ohne auf weitere kaiserliche Truppen von Herzog Karl V. zu warten, die einen Tagesmarsch hinter den polnisch-österreichischen Truppen lagen, zog König Sobieski am 7. Oktober Richtung Párkány. Der König ignorierte alle Warnungen. Er vertraute lieber den Berichten der türkischen Gefangenen, dass die Besatzung in Párkány nur sehr klein sei. Er wusste aber nicht, dass sich bereits ein 40.000 Mann starkes türkisches Kontingent bei Párkány versammelte, das in großen Teilen aus Truppen bestand, die nicht an der Schlacht um Wien teilgenommen hatten.

Die Vorhut, unter dem Kommando von Stefan Bidzieński, wurde sofort in ein Gefecht verwickelt und fast vollständig aufgerieben (ca. 2.000 Mann). Die fliehenden Reste der Vorhut sehend, ließ der König seine Infanterie und Artillerie hinter sich und stellte sich mit nur 4.000 Mann Hussaria dem zahlenmäßig überlegenen Feind entgegen. Trotz minimaler Erfolge war die polnische Front, aufgrund der fehlenden Infanterie und Artillerie, nicht zu halten und brach schließlich zusammen. König Sobieski wollte dennoch weiterkämpfen, woraufhin ihn die Senatoren und der österreichische Feldmarschall von Dünewald, der dem polnischen König während der Schlacht zur Seite stand, baten, an sein Leben zu denken. Erst als er von einer Welle in Panik verfallener Soldateska ergriffen und mit sich gerissen wurde, konnte er so dem Schlachtentod entkommen. Aus einem Bericht des polnischen Adligen und Schriftstellers, Jan Chryzostom Pasek, ist zu entnehmen: „Der König kam also mit dem Heer auf gleiche Höhe mit jenen Leichen der Vorhut, gleich verließ die unseren den Mut, und da sprangen uns die Türken wie die Rasenden an. Man begann zuerst, ihnen schwachen Widerstand zu leisten. Als sie aber der Eskradon der ruthenischen Wojewoden des Kronhetmanns in den Rücken gekommen waren, da begann die Husareneskradon davonzulaufen, eine zweite nach, eine dritte, schließlich gab das ganze Heer Fersengeld, mit dem König und allen Hetmannen, alle zu ihrer großen Schande und zum Gelächter für die Deutschen. Schimpflich flohen sie eine gute Meile, bis sie sich auf die Kaiserlichen stützen konnten.“[19] Nach Auflösung der Hussaria, der polnischen Kavallerie, zogen sich die Polen fluchtartig zurück. König Sobieski entkam nur mit großer Mühe dank der Hilfe seiner tatarischen Hilfstruppen unter Kommando des Lipka-Tataren, Oberst Samuel Mirza Krzeczowski.[20] Zwei Tage später, am 9. Oktober, nach Verstärkung der polnischen Kavallerie durch Infanterie, Artillerie und kaiserliche Truppen, wurden die Türken in der zweiten Schlacht von Párkány durch Sobieski geschlagen.

Am 21. Oktober eroberten die kaiserlichen Truppen und die Polen Gran.

Am 25. Dezember wurde Großwesir Kara Mustafa, auf dem Rückzug in Belgrad angekommen, auf Befehl des Sultans erdrosselt. Er hatte die Schlacht um Wien trotz dreifacher Übermacht verloren.

Als Dank für die Befreiung Wiens wurde in der Katholischen Kirche am 12. September das Fest Mariä Namen eingeführt.

Spuren der Türkenbelagerung in unserer Zeit

Wien

Gedenktafel am Kahlenberg
  • Im Türkenschanzpark im 18. Bezirk haben sich türkische Einheiten (u. a. Janitscharen) besonders heftig gegen die Angriffe des Entsatzheeres zur Wehr gesetzt. Der Türkenschanzpark erinnert mit seinem Namen noch heute an dieses Gefecht sowie die Türkenschanzstraße gleich in der Nähe.
  • Nahegelegen am Türkenschanzplatz erinnert die Rimplergasse an den obersten Festungsbauer und Mineur Oberstleutnant Georg Rimpler[10].
  • Der Türkenritthof an der Hernalser Hauptstraße im 17. Bezirk erinnert an einen alten Brauch aus der Belagerungszeit, bei dem ein verkleideter Türke auf einem Esel zur allgemeinen Belustigung der Menge durch die Straßen paradierte.[21] Der Gemeindebau aus den 1920er-Jahren und eine Statue über dem Eingang erinnern noch an diesen Brauch.[22]
  • Im 9. Bezirk findet man die Türkenstraße.
  • Die Heidenschussgasse im 1. Bezirk beherbergt eine Statue eines türkischen Janitscharen am Palais Montenuovo. Die Statue erinnert an eine Legende, nach der die Türken versuchten, an dieser Stelle die Stadtmauern unterirdisch zu sprengen und fast Erfolg hatten. Der Legende nach wurden sie von einem schlafenden Bäckergesellen entdeckt, der die Wache alarmierte.
  • Aus der Bronze der zurückgelassenen Kanonen der Türken wurde die Pummerin, die größte Glocke des Stephansdoms, gegossen.[23]
  • Weitere Gassen, Straßen, Plätze sogar Gebäude wurden nach den Helden der Belagerung benannt, wie die Graf-Starhemberg-Gasse im 4. Bezirk, die Starhemberg-Kaserne im 10. Bezirk, die Sobieskigasse und der Sobieskiplatz im 9. Bezirk. Denkmäler sind das Liebenberg-Denkmal gegenüber der Universität an der Ringstraße, das Denkmal im Stephansdom, die Gedenktafel an der Kirche am Kahlenberg usw.

Perchtoldsdorf

Quellen

Gedenktafel zum 300jährigen Jubiläum 1983
  1. a b c d Bernd Rill, Ferenc Majoros: Das Osmanische Reich 1300–1922. Marix, Wiesbaden 2004, ISBN 3-937715-25-8, S. 280–285
  2. a b Georg Graffe und Daniel Gerlach: Sturm über dem Bosporus. Komplett-Media 2007, ISBN 978-3-8312-9362-9 (Imperium, 2. Staffel, 3. Teil), S. 173–175.
  3. a b Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter, Teil 1. In: Herwig Wolfram (Hg.), Österreichische Geschichte 1522 - 1699. (Wien 2004), ISBN 3-8000-3528-6, S. 164
  4. Klaus-Peter Matschke: Das Kreuz und der Halbmond. Die Geschichte der Türkenkriege. Artemis und Winkler, Düsseldorf 2004, S. 360 f. (Sekundärliteratur)
  5. http://www.wien-vienna.at/tuerkenkriege2.htm
  6. Slowakei in der frühen Neuzeit
  7. a b Walter Sturminger: Die Türken vor Wien. Karl Rauch, Düsseldorf 1968, S. 32 (Sekundärquelle) zitiert Oberstleutnant Johann Georg von Hoffmann aus dem Jahresbericht des Realgymnasiums der Theresianischen Akademie in Wien 1937 S. 3–17 von Dr. Stefan Hofer (Primärquelle).
  8. Klaus-Peter Matschke, Das Kreuz und der Halbmond. Die Geschichte der Türkenkriege, S358f. (Sekundärliteratur)
  9. Klaus-Jürgen Bremm: Im Schatten des Desasters. Zwölf Entscheidungsschlachten in der Geschichte Europas. Books on Demand, Norderstedt 2003, ISBN 3-833-40458-2, S. 160
  10. a b c Lebensgeschichte Georg Rimpler S. 178 ff
  11. a b c d e http://geschichte.landesmuseum.net/
  12. Matthaeus Merian: Theatri Europaei continuati Zwölffter Theil. Merian, Frankfurt am Main 1691, S. 524 f (Sekundärquelle)
  13. a b Richard Franz Kreutel (Hrsg.): Kara Mustafa vor Wien. Das türkische Tagebuch der Belagerung Wiens 1683, verfasst vom Zeremonienmeister der Hohen Pforte. Tyria, Graz 1955, S. 141 f.
  14. Sturminger 1968, zitiert Oberstleutnant Johann Georg von Hoffmann, S. 116
  15. Sturminger 1968, zitiert Oberstleutnant Johann Georg von Hoffmann, S. 185
  16. Sturminger 1968, zitiert Oberstleutnant Johann Georg von Hoffmann, S. 300
  17. Klaus-Jürgen Bremm: Im Schatten des Desasters. Zwölf Entscheidungsschlachten in der Geschichte Europas. Books on Demand, Norderstedt 2003, ISBN 3-833-40458-2, S. 166
  18. http://www.sagen.at/doku/fo_fotos/Kugelkreuz.jpg
  19. Maximilian Lorenz von Starhemberg S8
  20. Izabella Gawin, Dieter Schulze: KulturSchock Polen. Reise-Know-How-Verlag, Bielefeld 2004, ISBN 3-831-71295-6, S. 126
  21. Der Abzug der Türken 1683 Stich aus einem Flugblatt von 1684
  22. Magistrat der Stadt Wien: Türkenritthof
  23. www.sagen.at

Siehe auch

Literatur

  • Johannes Sachslehner: Wien anno 1683. Pichler, Wien 2004, ISBN 3-85431-344-6.
  • Walter Sturminger: Die Türken vor Wien in Augenzeugenberichten. Karl Rauch, Düsseldorf 1968.
  • Klaus-Peter Matschke. Das Kreuz und der Halbmond. Die Geschichte der Türkenkriege. Artemis und Winkler, Düsseldorf 2004, ISBN 3-538-07178-0
  • Balthasar Kleinschroth: Flucht und Zuflucht. Das Tagebuch des Priesters Balthasar Kleinschroth aus dem Türkenjahr 1683. Böhlau, Graz 1983, ISBN 3-205-07205-7.
  • Isabella Ackerl: Von Türken belagert – von Christen entsetzt. Das belagerte Wien 1683. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1983, ISBN 3-215-04445-5.
  • Richard Franz Kreutel, Karl Teply: Kara Mustafa vor Wien. 1683 aus der Sicht türkischer Quellen. Styria, Wien 1982, ISBN 3-222-11435-8.
  • Thomas M. Barker: Doppeladler und Halbmond. Entscheidungsjahr 1683. Styria, Wien 1982, ISBN 3-222-11407-2.
  • Ernst Werner, Walter Markov: Geschichte der Türken von den Anfängen bis zur Gegenwart. Akademie‑Verlag, Berlin 1978.
  • Cezary Harasimowicz: Victoria. TopInvest, Warschau 2007, ISBN 978-83-925589-0-3 (Roman).

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