Das hölzerne Bengele

Das hölzerne Bengele
Pinocchio – Darstellung von Enrico Mazzanti
Noch unvollendete Pinocchiofiguren

Pinocchio [pi'nɔk:jo] ist eine bekannte Kinderbuchfigur des italienischen Autors Carlo Collodi. Bekannt wurde sie vor allem, als 1881 in einer italienischen Wochenzeitung unter dem Titel Le Avventure Di Pinocchio: Storia Di Un Burattino (Abenteuer des Pinocchio: Geschichte eines Hampelmanns) die ersten kleinen Fortsetzungsgeschichten mit der Holzfigur Pinocchio erschienen. Sie wurden damals so populär, dass Collodi 1883 beschloss, ein Buch daraus zu machen und unter dem Namen Le avventure di Pinocchio zu veröffentlichen. Das Buch erschien 1905 erstmals in deutscher Sprache unter dem Titel Hippeltitsch's Abenteuer (in anderen Übersetzungen auch Das hölzerne Bengele), seit 1948 aber zumeist unter Die Abenteuer des Pinocchio.[1]

Der Stoff regte verschiedene Schriftsteller zu Adaptionen an, so Otto Julius Bierbaum (Zäpfel Kerns Abenteuer) und Alexei Nikolajewitsch Tolstoi (Burattino oder das goldene Schlüsselchen).

Inhaltsverzeichnis

Handlung

Eines Tages findet Tischlermeister Kirsche ein Holzscheit, das zu sprechen anfängt, als er es bearbeiten will. Da ihm die Sache nicht geheuer ist, schenkt er es seinem Freund, dem Holzschnitzer Geppetto. Geppetto ist von dem Holzklotz begeistert und beginnt sogleich mit dem Schnitzen einer Holzpuppe, die er nach getaner Arbeit Pinocchio tauft.

Zu Geppettos Erstaunen beginnt die Puppe zu leben und reißt seinem Schöpfer aus. Beim Versuch, Pinocchio wieder einzufangen, landet Geppetto sogar im Gefängnis, kommt dann aber wieder frei und findet Pinocchio ausgehungert und reumütig in seinem Haus. Dieser verspricht, in Zukunft artig zu sein und zur Schule zu gehen. Trotz eisiger Kälte verkauft Geppetto seine einzige Jacke, um Pinocchio eine Fibel zu kaufen.

Auf dem Weg zur Schule lässt sich Pinocchio von einem Puppentheater ablenken und schwänzt die Schule. Die anderen Puppen erkennen ihn sogleich als einen der ihren und es beginnt eine ausgelassene Feier. Der Theaterdirektor Feuerfresser ist darüber erbost und will Pinocchio als Feuerholz verwenden. Später bekommt er aber Mitleid mit ihm und schenkt ihm fünf Goldstücke für seinen kranken Vater Geppetto. Freudig macht sich Pinocchio auf den Heimweg, wo er den Fuchs und den Kater trifft, denen er leichtsinnigerweise von seinem neuen Reichtum erzählt. Sie schlagen ihm vor, das Geld auf dem Wunderfeld zu vergraben, wo es sich von selbst vermehren soll. Nach einer Übernachtung in der Herberge 'Zum Roten Krebs' trennen sich zunächst ihre Wege wieder. Pinocchio wird kurz darauf von zwei verkleideten Räubern verfolgt. Da es ihnen nicht gelingt, ihm die Goldstücke zu entreißen, die er in seinem Mund versteckt hat, wird er von ihnen am Ast einer Eiche aufgehängt, doch in letzter Minute rettet ihn eine Fee mit dunkelblauen Haaren. Sie pflegt ihn gesund, ermahnt ihn, künftig auf dem rechten Weg zu bleiben und schickt ihn heim zu seinem Vater.

Auf dem Heimweg trifft Pinocchio abermals auf den Fuchs und den Kater, die ihn noch einmal überreden, sein Geld auf dem Wunderfeld zu vergraben. Auf diese Weise schaffen sie es dieses Mal, ihm sein Geld zu rauben. Als Pinocchio den Diebstahl anzeigt, kommt er paradoxerweise selbst ins Gefängnis, kann nach vier Monaten aber fliehen, um wiederum von einem Bauern festgehalten zu werden, der ihn zwingt, für ihn den Wachhund zu spielen. Auch dort entkommt er schließlich.

Mit Hilfe einer Taube und einer sprechenden Grille macht sich Pinocchio auf, zu seinem Vater zurückzukehren, doch der hat sich in Sorge um ihn inzwischen ein Boot gebaut, um ihn zu suchen. Pinocchio eilt seinem Vater nach, doch am Meer angekommen, sieht er nur noch, wie Geppetto von einer großen Welle erfasst wird. Mutig stürzt er sich in die Fluten, um seinen Vater zu retten, doch von diesem ist keine Spur zu sehen. Erschöpft gibt Pinocchio auf und wird auf die Insel der fleißigen Bienen gespült. Dort will ihm niemand etwas zu essen geben, weil er nicht arbeiten will. Schließlich hilft er doch einer Frau, einen schweren Korb nach Hause zu tragen.

Die Frau entpuppt sich als die Fee mit den dunkelblauen Haaren, die ihn schon vorher aus Schwierigkeiten gerettet hatte. Wieder zeigt Pinocchio Reue und verspricht, sich in Zukunft zu bessern und zur Schule zu gehen. Dafür verspricht ihm die Fee, dass er eines Tages ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut werden würde. Sein Vorsatz hält sogar eine Weile, bis ihm sein Klassenkamerad mit dem Spitznamen "Kerzendocht" vorschlägt, mit ins Land der Spielereien zu kommen, in der alle Jungen ausschließlich das tun, wozu sie Lust haben. Nach einigem Zögern erliegt Pinocchio der Verlockung und er reist mit seinem Freund ins Spielland.

Zunächst sind Pinocchio und seine Freunde begeistert vom Paradies der Nichtstuerei, doch eines Tages verwandeln sich alle Menschen in Esel. Die Esel werden verfrachtet und an einen Zirkus verkauft, doch als Pinocchio sich während einer Vorstellung verletzt, wird er an einen Mann weiterverkauft, der aus Pinocchios Eselshaut eine Trommel fertigen möchte. Er versucht, den Esel zu töten, indem er ihn ins Meer wirft, doch als sich die Fische über den Esel hermachen, bleibt nur Pinocchio übrig und der Mann geht leer aus. Von nun an treibt Pinocchio wieder im Meer und wird, ehe er sich versieht, von einem Wal gefressen. Er glaubt sich schon verloren, bis er im Bauch des Wales unerwartet seinen Vater entdeckt. Mit vereinter Kraft entkommen sie aus dem schrecklichen Walbauch und Pinocchio verspricht, von da an endlich ein ehrlicher und verantwortungsbewusster Junge zu sein. Als er diesen Vorsatz erfolgreich durchführt und durchhält, wacht er eines Tages als richtiger Junge aus Fleisch und Blut auf.

Deutung

Figuren

Pinocchios Abenteuer begleiten eine Vielzahl von phantastischen Figuren. So ist es beispielsweise jederzeit möglich, auf sprechende Tiere oder gar eine blaue Fee zu treffen. Darüber hinaus verhält sich Pinocchio trotz seiner hölzernen Konsistenz wie ein richtiger Junge und verwandelt sich im Verlauf der Geschichte in einen Esel und wieder zurück. Demzufolge ist Pinocchio in das Genre der märchenhaft-phantastischen Erzählungen einzuordnen, wobei auch komisch-phantastische Elemente mit einfließen. Hier sind einige der im Buch auftauchenden Charaktere:

  • Pinocchio ([piˈnokːjo]) wird zunächst als eine unartige und freche aus Kiefernholz geschnitzte Marionette eingeführt, die sich erst im Verlauf des Buches ändert.
  • Meister Geppetto ([dʒepˈːɛtːo]) ist ein älterer Holzschnitzer, der in ärmlichen Verhältnissen lebt. Er ist zudem der "Vater" von Pinocchio, den er aus Kiefernholz selber kreiert. Geppetto ist nur ein Spitzname für Giuseppe.
  • Die Fee mit den dunkelblauen Haaren (la Fata dai Capelli turchini) ist die Kraft des Waldes, die Pinocchio rettet und ihn erst als Bruder, später als Sohn adoptiert.
  • Die Sprechende Grille (il Grillo parlante) - in vielen Adaptionen auch Jiminy Cricket oder Pepe genannt - ist eine Grille und ein Gefährte Pinocchios. Nachdem sie durch ein unüberlegtes Handeln Pinocchios bei ihrem ersten Aufeinandertreffen getötet wird, erscheint sie im weiteren Verlauf als Geist, der dem Holzjungen als Berater zur Seite steht. Gegen Ende des Buches wird die Grille wieder lebendig.
  • Kater und Fuchs (il Gatto e la Volpe) sind zwei zwielichtige Gesellen, die mehrmals in der Geschichte auftauchen und mit allerlei Tricks versuchen, Pinocchio um seine Goldstücke zu bringen.
  • Kerzendocht (Lucignolo; in älteren Übersetzungen "Röhrle") ist ein großer, dünner Junge und der beste Freund von Pinocchio. Er bringt ihn des Öfteren in Schwierigkeiten, so hat er auch die Idee mit Pinocchio ins Spielzeugland zu reisen.
  • Feuerfresser (Mangiafuoco, [mandʒaˈfwɔko]) ist Puppenspieler. Trotz seiner bösartigen Erscheinung als rotäugiger langbärtiger Mann ist er nicht böswillig.
  • Meister Antonio ([anˈtonjo]) ist Tischler. Er findet den Holzstamm, aus dem später Pinocchio wird. Als er versucht daraus ein Tischbein zu machen, schreit der Stamm auf „Sei bitte vorsichtig!“.

Gegensätze

Im Buch werden immer wieder die Gegensätze deutlich, von denen ein heranwachsendes Kind beeinflusst wird. Auf der einen Seite versucht Pinocchio, auf der Insel der fleißigen Bienen furchtbar fleißig zu sein, auf der anderen Seite lässt er sich im Land der Spielereien komplett gehen - zwei Orte des absoluten Gegensatzes. Ein anderer Punkt ist die klassische Aufteilung zwischen Gut und Böse - Pinocchio, der als „unfertiger“ Mensch stets an Gut (Geppetto) und Böse (Feuerfresser, Kerzendocht) aneckt, um sich zuletzt an der guten Seite zu orientieren, stellt dabei den Mittelpunkt dar, um den sich die jeweiligen Parteien bemühen.

Die pädagogische Intention

Pinocchio verwandelt sich am Ende der Geschichte nur in einen richtigen Jungen, wenn er hilfsbereit und fleißig wird. Des Weiteren wächst Pinocchios Nase bei jeder Lüge beträchtlich, was ihn natürlich verrät und letztlich vom Lügen abbringt. Kindern wird also vermittelt, dass Faulheit, Lügen und Ungehorsam nicht ungestraft bleiben. Allerdings reagieren die Figuren mit Erzieherfunktionen im Roman (Geppetto) weniger autoritär, sondern mehr verständnisvoll und mit Nachsicht, ebenso wie es Eltern, Familie oder andere geheime Erzieher wohl tun würden. Wenn Pinocchio ein richtiger Junge, d.h. ein richtiger Mensch werden will, kann dies als Prozess des Erwachsenwerdens gesehen werden.

Verfilmungen

Vertonung

  • Pinocchio, burattino di talentoOper in zwei Akten von Pierangelo Valtinoni, Libretto von Paolo Madron (Vicenza 2001), deutsche Textfassung von Hanna Francesconi (Berlin 2006)
  • Oooh, Pinocchio – Kindermusical von Ernst A. Ekker, Musik von Viktor Fortin (Graz 1994)
  • PinocchioMusical von Claus Martin (Freilichtbühne Coesfeld 2007)
  • Pinocchio – Ein italienischer Traum in 12 Bildern, Oper für Kinder von Wilfried Hiller und Rudolf Herfurtner (Libretto) (München, 2001). Simultane Uraufführung 12. Oktober 2002 München und Trier

Literatur

  • Carlo Collodi: Pinocchio, Dressler Verlag, Oktober 2001, ISBN 3791535676
  • Carlo Collodi, Kestutis Kasparavicius: Pinocchio – Coppenraths Kinderklassiker, Coppenrath, Münster Juni 2005, ISBN 3815739209
  • Dieter Richter: Carlo Collodi und sein Pinocchio. Ein weitgereister Holzbengel und seine toskanische Geschichte, Wagenbach, Berlin 2004, ISBN 3803124956
  • Carlo Collodi / Roberto Innocenti (Illustrationen): Pinocchio, Sauerländer bei Patmos, Düsseldorf 2005, ISBN 978-37941-6054-9

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Werner Habicht, Wolf-Dieter Lange: Der Literatur Brockhaus: Bd. A-Ft. Mannheim: F. A. Brockhaus, 1988. S. 420.

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