Kultur der Armut

Kultur der Armut

Kultur der Armut (Englisch: Culture of Poverty) ist ein von Oscar Lewis geprägter Begriff. Nach Lewis ist die Lebensweise der Mitglieder der "Kultur der Armut" von Denk- und Handlungsmustern geprägt, die von Generation zu Generation innerhalb der kulturellen Einheit weiter vererbt würden. Lewis betont jedoch, dass nicht alle Armen Mitglieder der Kultur der Armut sein. Es gebe in armen Ländern unter der verarmten Bevölkerung auch andere kulturelle Milieus. Die Kultur der Armut ist geprägt durch den Wunsch nach sofortiger Bedürfniserfüllung. Langfristige Strategien dagegen werden kaum verfolgt.[1][2] Lewis selbst beschreibt die Kultur der Armut folgendermaßen: "Die Armen sind gezwungen, in überfüllten Elendsquartieren zu leben; auf jede Möglichkeit des Alleinseins zu verzichten; ein Herdendasein zu fristen; immer wieder beim Alkohol Zuflucht zu suchen und nicht nur beim Schlichten ihrer Streitigkeiten, sondern auch in der Erziehung ihrer Kinder häufig rohe Gewalt anzuwenden. Kennzeichnend für die Lebensweise dieser Volksschichten ist ferner, dass die Frauen oft von ihren Männern geschlagen werden. Das Sexualleben beginnt früh; man heiratet aufgrund mündlicher Übereinkunft und lebt in freien Verbindungen; viele Männer verlassen Frau und Kind, daher gibt es unzählige Familien, deren Mittelpunkt die Mutter mit ihren Verwandten bildet. [... Typisch ist] eine starke auf die unmittelbare Gegenwart gerichtete Orientierung mit nur geringer Bereitschaft, sich einen augenblicklichen Wunsch zu versagen und für die Zukunft zu planen; ein Gefühl der Resignation und des Fatalismus, das in der eigenen schweren Lebenslage seine Begründung hat; der Glaube an die männliche Überlegenheit, der sich bis zum Maskulinintätskult (machismo) steigert; ein diesem Glauben entsprechender Märtyrerkomplex unter den Frauen und ein hoher Grad von Toleranz gegenüber allen Arten psychologischer Pathologie."[3] Weitere Merkmale der Kultur der Armut sind:[4]

  • Mangelnde Integration in gesellschaftliche Institutionen (mit Ausnahme von der Armee, Gefängnissen und wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen)
  • ständige Geldknappheit, Leihen von Geld, Verpfänden von Gegenständen
  • ungenügende Bildung, Analphabetismus
  • Misstrauen gegenüber der Polizei und der Regierung

Lewis wandte sich gegen eine Stigmatisierung der Armen. Die Kultur der Armut reflektiere ökonomische Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Materielle Umverteilung reiche jedoch nicht aus, um die Kultur der Armut aufzubrechen. Sie sei fest im Sozialisationsprozess der armen Bevölkerungsschichten verwurzelt. Lewis hoffte auf eine Überwindung durch Reformpolitik, den Ausbau der Sozialarbeit und Therapien für Arme und verhaltensauffällige Mitbürger. [5]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Lewis, Oscar: Five Families; Mexican Case Studies In The Culture Of Poverty, 1959
  2. Lewis, Oscar: La Vida. A Puerto Rican Family In The Culture Of Poverty, San Juan/New York, 1966
  3. Oscar Lewis (1963 - 1. Auflage): "Die Kinder von Sanchez - Selbstportrait einer mexikanischen Familie". Düsseldorf und Wien: Econ Verlags GmbH, S. 28/29
  4. revision.notes.co.uk: Poverty [1] abgerufen am 19. Juni 2008
  5. Manfred Berg: "Struktureller Rassismus oder pathologisches Sozialverhalten?". In: Winfried Fluck, Helf Werner (2003): "Wie viel Ungleichheit verträgt die Demokratie? Reichtum und Armut in den USA". Frankfurt und New York: Campus Verlag, S. 58

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Armut — bezeichnet primär den Mangel[1] an lebenswichtigen Gütern (beispielsweise Nahrung, Obdach, Kleidung), im weiteren und übertragenen (metaphorischen) Sinn allgemein einen Mangel. Eine veraltete Bezeichnung für „sehr große Armut“ ist Mendizität. Ein …   Deutsch Wikipedia

  • Armut in der Schweiz — Armut bezeichnet primär den Mangel[1] an lebenswichtigen Gütern (beispielsweise Essen, Obdach, Kleidung), im weiteren und übertragenen (metaphorischen) Sinn allgemein einen Mangel (beispielsweise wird ein Landstrich als tierarm, ein Mensch als… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Name der Rose — ist der erste Roman von Umberto Eco, mit dem ihm ein Welterfolg gelang. Das Werk erschien 1980 im italienischen Original als Il nome della rosa und 1982 in der deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber. Das mehrschichtige Werk, Epochenporträt,… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Staat bin ich — Geflügelte Worte   A B C D E F G H I J K L M N O …   Deutsch Wikipedia

  • Kultur-Zyklus — Die Kultur ist eine fiktive anarchistisch sozialistische und utopische Gesellschaft, die vom schottischen Autor Iain M. Banks erfunden und in mehreren seiner Romane und Kurzgeschichten beschrieben wurde. Die Kultur existiert nach Angaben des… …   Deutsch Wikipedia

  • Der vierte Stand — Il Quarto Stato (Der vierte Stand) Giuseppe Pellizza da Volpedo, 1901 Öl auf Leinwand, 293 cm × 545 cm Museo del Novecento, Mailand „ …   Deutsch Wikipedia

  • Relative Armut — Der Begriff der relativen Armut bedeutet Armut im Vergleich zum jeweiligen sozialen (auch staatlichen, sozialgeographischen) Umfeld eines Menschen. Inhaltsverzeichnis 1 Übliche Definition 1.1 Armut im Vergleich zur Relativen Armut 1.2 Einfluss… …   Deutsch Wikipedia

  • Name der Rose — Der Name der Rose ist der erste Roman von Umberto Eco, mit dem ihm ein Welterfolg gelang. Das Werk erschien 1980 im italienischen Original als Il nome della rosa und 1982 in der deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber. Das mehrschichtige Werk …   Deutsch Wikipedia

  • Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland — Kinderarmut bezeichnet hier die Armut von Personen eines vorgegebenen Altersrahmens; definiert im Allgemeinen als: Kinder ab Geburt und Jugendliche bis 18 Jahre. Kinderarmut kann auf verschiedene Arten berechnet werden, wobei normative… …   Deutsch Wikipedia

  • Geschichte der First Nations — Die Geschichte der First Nations, der in Kanada lebenden und nicht ganz zutreffend als Indianer bezeichneten ethnischen Gruppen, reicht mindestens 12.000 Jahre zurück.[1] Der Begriff First Nations ist relativ jung[2] und bezeichnet die… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”