7. Brief (Platon)

7. Brief (Platon)

Der siebte Brief stammt aus einer Sammlung von dreizehn Briefen, die in der Antike Platon zugeschrieben wurden. Die Echtheit der Briefe ist umstritten; die meisten werden heute als zweifelhaft oder unecht betrachtet. Der siebte Brief wird in der Forschung besonders intensiv diskutiert. Die meisten Gelehrten halten ihn für sehr wahrscheinlich echt. Von großer Bedeutung ist er in verschiedener Hinsicht: historisch als autobiographische Quelle für Platons Leben und politische Aktivität und als Quelle für die Geschichte Siziliens; philosophisch besonders wegen der Ausführungen über Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Philosophie (in Zusammenhang mit Platons ungeschriebener Lehre); literaturhistorisch als frühes Beispiel für einen autobiographischen Text.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte und historischer Hintergrund

Der Brief ist Platons Antwort auf eine Bitte um Rat und um eine Stellungnahme zur politischen Lage in der Stadt Syrakus auf Sizilien. Platon, der sich in Athen aufhielt, richtete den Brief an die sizilianischen Verwandten und Gefährten seines Freundes Dion, eines Politikers, der im Jahre 354 v. Chr. ermordet worden war.

Dreimal weilte Platon in Syrakus. Auf der ersten Reise (um 389/388 v. Chr.) hatte er Dion, den damals erst zwanzigjährigen Schwager des Tyrannen Dionysios I., kennengelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen. Die zweite Reise unternahm Platon 366–365 auf Dions Wunsch, nachdem der Tyrann 367 gestorben war und dessen Sohn Dionysios II. die Nachfolge angetreten hatte. Dion hoffte, mit Platons Hilfe seinen Einfluss auf den neuen Herrscher zu verstärken; er unterlag aber in einem Machtkampf am Hof und wurde 366 in die Verbannung geschickt. Er begab sich nach Griechenland. Im folgenden Jahr reiste auch Platon ab, nachdem es ihm nicht gelungen war, Dionysios II. für eine Umsetzung der platonischen Staatslehre in Syrakus zu gewinnen.

Zum dritten Mal fuhr Platon 361 v. Chr. nach Syrakus, diesmal auf Drängen von Dionysios II., der ihn unter Druck gesetzt hatte, indem er eine Begnadigung Dions davon abhängig machte, dass Platon der Einladung folgte. Dionysios hoffte Platon für sich zu gewinnen, während Platon sich für Dion einsetzen und auch auf die politischen Verhältnisse im Sinne seiner Überzeugungen Einfluss nehmen wollte. In Platons Begleitung befanden sich einige seiner Schüler, darunter Speusippos, der ein radikaler Anhänger Dions war. Wiederum erreichte Platon nichts, vielmehr verschlechterte sich die Lage für Dion noch; mit der Beschlagnahmung von Dions Vermögen vollzog der Tyrann den endgültigen Bruch. Wegen seiner Freundschaft mit Dion geriet Platon selbst in Schwierigkeiten und konnte nur mit Mühe die Erlaubnis zur Heimkehr erlangen. 360 v. Chr. reiste er ab.

Auf der Heimreise traf Platon mit Dion zusammen, der nun entschlossen war, Dionysios mit militärischer Gewalt zu stürzen. Er warb Söldner an und unternahm im Jahr 357 seinen Feldzug gegen den Tyrannen. Es gelang ihm, Dionysios aus Syrakus zu vertreiben und damit die Tyrannenherrschaft zu beenden. Die Stadt kehrte zu ihrer früheren demokratischen Verfassung zurück; Dion konnte sein Programm einer Verfassungsreform nicht durchsetzen. Er wurde verdächtigt, selbst nach der Tyrannenherrschaft zu streben, und unterlag im Machtkampf mit der demokratischen Partei. Nachdem er sich an der Ermordung eines politischen Gegners, Herakleides, maßgeblich beteiligt hatte, wurde er 354 selbst ermordet. Darauf übernahm Kallippos, ein Widersacher Dions, die Rolle des führenden Politikers. Als Kallippos sich 353 auf einem Feldzug befand, nutzte Hipparinos, ein Halbbruder Dionysios' II., diese Gelegenheit, sich der Stadt zu bemächtigen, und machte sich zum Tyrannen.

Die Verwandten und Gefährten Dions waren mit Hipparinos verbündet. Sie erbaten den Rat und die Unterstützung Platons. Ob dessen Antwort, der siebte Brief, schon vor der Vertreibung des Kallippos verfasst wurde, also 354/353, oder erst während der Herrschaft des Hipparinos (353–351), ist umstritten.

Inhalt des Briefes

Der Brief enthält viele autobiographische Informationen, doch äußert sich Platon nur über politisch oder philosophisch Relevantes; Privates wird ausgeblendet.

Ausführlich geht er auf sein bisheriges politisches Eingreifen in Syrakus ein, schildert Vorgeschichte und Verlauf seiner Aktivitäten, begründet und rechtfertigt seine einzelnen Entscheidungen und teilt seine Einschätzung der Beteiligten mit. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er hinter der Politik seines Freundes Dion steht, die er trotz des katastrophalen Ausgangs weiterhin für richtig hält. Er lobt Dion auch als hervorragenden Schüler auf dem Gebiet der Philosophie, der im Unterschied zu vielen anderen die philosophischen Lehren konsequent in seinem Leben umgesetzt habe. Dion habe stets die richtige Gesinnung gezeigt und sich für die Freiheit seiner Heimatstadt und für die Einführung der „besten Gesetze“ (also einer Verfassung im Sinne von Platons Staatsphilosophie) eingesetzt. Falls die Empfänger des Briefes bereit seien, Dions Vorbild zu folgen, wolle er sich an ihren Bemühungen beteiligen.

Besonders betont Platon seine Forderung, dass der Staat nach „gerechten“ Gesetzen regiert werden soll, die nicht zum Nutzen der einen oder anderen Partei, sondern zur Förderung des Gemeinwohls zu erlassen sind. Die Bürger sollen frei sein, also nicht der Willkür eines Tyrannen ausgeliefert. Ihr Schicksal soll auch nicht davon abhängen, welche Partei sich in den ständigen gewaltsamen Machtkämpfen durchsetzt und dann die Anhänger der unterlegenen Seite umbringt oder in die Verbannung schickt. Damit an die Stelle der Rechtlosigkeit und Willkür die Herrschaft der Gesetze tritt, müssen sich die Sieger, die sich in den innenpolitischen Auseinandersetzungen durchgesetzt haben, selbst disziplinieren. Sie müssen also auf Rache verzichten und Maßnahmen ergreifen, die gleichermaßen zum Vorteil aller sind und die Unterlegenen nicht benachteiligen. Die Gesetzgebung (als einmaliger Akt) ist einer verfassunggebenden Versammlung zu übertragen, die aus den fünfzig „besten“ Männern bestehen soll. Die fünfzig Gesetzgeber sollen ältere Männer sein, die sich als Familienväter bewährt haben. Sie sind nicht unter den Bürgern von Syrakus auszuwählen, sondern unter allen Griechen. Dann soll man sie um ihre Mitwirkung bitten und nach Syrakus holen; dort werden sie auf Unparteilichkeit vereidigt. Den so zustande gekommenen Gesetzen schulden dann alle Syrakusaner unbedingten Gehorsam, besonders diejenigen, deren Partei an der Macht ist.

Platon kritisiert Dionysios II., der sich zu Unrecht eingebildet habe, die platonische Lehre zu verstehen. Der Tyrann hatte sogar ein Buch darüber geschrieben und dabei sein Wissen aus mündlichem Unterricht Platons verwertet. Die Kompetenz dazu spricht ihm Platon jedoch ab. In diesem Zusammenhang äußert er sich zum Verhältnis zwischen schriftlicher und mündlicher Weitergabe philosophischer Lehren und hebt die prinzipiellen Mängel einer schriftlichen Fixierung hervor. Er selbst habe seine Lehren niemals schriftlich niedergelegt und werde dies auch nie tun, und jeder, der das versucht habe, verstehe von der Sache nichts. Das Wesentliche lasse sich nämlich nicht durch Lektüre erfassen, sondern sei nur durch langes Zusammensein von Lehrer und Schüler vermittelbar. Nach langer mündlicher Belehrung, nachdem das Thema durch Fragen und Antworten von allen Seiten beleuchtet wurde, entstehe plötzlich in der Seele des Schülers die Erkenntnis.

Dann geht Platon näher auf seine Erkenntnistheorie ein, wobei er fünf Erkenntnisstufen bzw. Erkenntnismittel angibt, die alle mangelhaft seien. Die Stufenleiter beginnt mit der geringsten Form der Erkenntnis, nämlich dem Namen des zu erkennenden Objekts. Es folgen als zweites der Definitionssatz, als drittes das Abbild, als viertes das Wissen von dem jeweiligen Seienden (das gedankliche Erfassen des Objekts und die wahre Meinung darüber) und schließlich das wirklich Seiende selbst, also die platonische Idee des Erkenntnisobjekts. Dies illustriert Platon mit dem Beispiel eines Kreises, der zuerst als solcher bezeichnet wird, dann definiert, dann gezeichnet und dann gedanklich erfasst wird; erst nach diesen vier Schritten kann man sich der Idee des Kreises zuwenden. Schriftlich fixierte Aussagen können nach Platons Überzeugung wegen ihrer Starrheit dieser Prozesshaftigkeit der Erkenntnis niemals gerecht werden. Diese Darlegungen Platons sind der wichtigste Ausgangspunkt für die in der modernen Forschung vertretene Ansicht, dass der Kern von Platons Philosophie nicht in seinen Dialogen zu finden sei, sondern in der sogenannten „ungeschriebenen Lehre“.

Textausgaben

  • Platonis epistulae, hrsg. Jennifer Moore-Blunt, Teubner, Leipzig 1985

Übersetzungen

  • Platons Siebter Brief. Einleitung, Text, Übersetzung, Kommentar, übersetzt von Rainer Knab, Olms, Hildesheim 2006. ISBN 3-487-13168-4

Literatur

  • Michael Erler: Platon, Basel 2007 (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Bd. 2/2) ISBN 978-3-7965-2237-6 (S. 308-322 über die Briefe, mit Forschungsübersicht)
  • Eugen Dönt: Platons Spätphilosophie und die Akademie. Untersuchungen zu den platonischen Briefen, zu Platons „Ungeschriebener Lehre“ und zur Epinomis des Philipp von Opus, Wien 1967.
  • Andreas Graeser: Philosophische Erkenntnis und begriffliche Darstellung. Bemerkungen zum erkenntnistheoretischen Exkurs des VII. Briefs, Stuttgart 1989. ISBN 3-515-05471-5
  • Rainer Thurnher: Der siebte Platonbrief. Versuch einer umfassenden philosophischen Interpretation, Meisenheim 1975. ISBN 3-445-01155-9

Weblinks

  • Platon, 7. Brief, deutsch (von Rudolf Haller, nach Schleiermacher, Susemihl u.a.)
  • Platon, 7. Brief, griechisch (nach John Burnet: Platonis Opera, Oxford 1903) und englisch (nach R.G. Bury: Plato. Plato in Twelve Volumes, Bd. 7, Cambridge, Mass. 1966)

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