Sulukule

Sulukule
Das ehemalige Sulukule mit der Theodosianischen Landmauer im Januar 2008

Sulukule (türkisch: Wasserturm / wässriger Turm) ist ein historisches Viertel des Istanbuler Stadtteils Fatih.

Inhaltsverzeichnis

Name

Sulukule ist eine Sammelbezeichnung für die heutigen Ortsteile Kürkçübaşı, Atikmustafapaşa, Balat, Karabaş, Tahta Minare, Neslişah und Hatice Sultan. Das Gebiet direkt innerhalb der Theodosianischen Landmauer war vor der osmanischen Eroberung Konstantinopels der westliche Teil des byzantinischen Stadtteils Phanari.

Geschichte

Sulukule galt als das älteste Roma-Viertel der Welt. Hier lebten schon seit mehr als tausend Jahren [1] Roma. Die legendären Musiker des Viertels waren im byzantinisch-kaiserlichen Hof gefragt.

Sulukule war in den Augen der Stadtverwaltung ein Problemviertel. Arbeitslosigkeit und – daraus resultierend – Armut waren weit verbreitet. Hinzu kam, dass viele Gebäude ohne Baugenehmigung und mit unzureichenden Mitteln gebaut wurden. Die seit Generationen hier lebenden Bewohner hatten sich eine Wirtschaftsform erschaffen, die auf den Unterhaltungsangeboten in bestimmten Vergnügungsstätten basierte. Die Kundschaft bekam Essen, Alkohol, Roma-Musik und spärlich bekleidete Tanzmädchen angeboten. Außer den direkt in diesem Bereich Arbeitenden waren im Umfeld Einnahmequellen für Straßenhändler und Taxifahrer entstanden. Unter dem Vorwand, hier würde Prostitution betrieben, wurden diese Orte, von denen praktisch das gesamte Viertel wirtschaftlich abhängig war, im Lauf der 1990er Jahre offiziell geschlossen.[2]

Neubauten, Zustand im Oktober 2011

Im Frühjahr 2007 wurden einige der einfachen Häuser abgerissen. Im November 2007 beschäftigte sich auch das Europaparlament mit den Abriss- und Umsiedlungsplänen. Im April und Mai 2009 wurde das historische Viertel nahezu komplett eingeebnet und mit einem Zaun abgeriegelt. Die bis dahin verbliebenen 3400 Bewohner, überwiegend Roma, mussten in andere Stadtgebiete weichen.[3] Ende 2011 war ein großer Teil der Neubebauung, bestehend aus drei- bis viergeschossigen Reihenhäusern entweder fast fertig gestellt oder befand sich im Rohbau. Nur wenige Spuren der ehemaligen Gebäude waren noch erkennbar. Sulukule gilt als typischer Fall für eine als Gentrifizierung bezeichnete wirtschaftliche und soziale Umstrukturierung eines traditionellen Unterschicht-Wohngebiets.

Kultur

Charakteristisch für Sulukule waren die berühmten Roma-Musikstile Çiftetelli und Karşılama. Die wichtigsten Musikinstrumente waren Geige, çifte nağara (kleines Bechertrommelpaar) und die Rahmentrommel def. Die Tänzerinnen spielten Fingerzimbeln (zil). Ende des 19. Jahrhunderts wurde der ältere Tanzstil raks durch Einflüsse des ägyptischen Bauchtanzes ergänzt. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich daraus ein oryantal genannter Stilmix, der auch von professionellen wandernden Tanztruppen aufgeführt wurde.

Diskographie

  • Rom Music of Istanbul. Sulukule. Traditional Crossroads 4289, produziert von Harold G. Hagopian und Uzeli Plak. New York 1998

Einzelnachweise

  1. Die Geschichte der Roma wird einfach weggebaggert. Spiegel Online, 21. Januar 2008
  2. Otan Karaman: Remaking Space for Globalization: Dispossession through Urban Renewal in Istanbul. (Diss.) University of Minnesota, 2010, S. 101–103
  3. Sinan Cökçen: Requiem for Sulukule. Roma Rights Journal, 1, 2009, S. 49f

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Игры ⚽ Поможем решить контрольную работу

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Sulukule — (literally: the Water Tower) is an old settlement within the area of Istanbul’s historic peninsula, in Fatih municipality adjacent to the western part of the Theodosian Wall, which has historically been occupied by Romani communities. Roma… …   Wikipedia

  • Hüsnü Senlendirici — Hüsnü Şenlendirici (* 1976 in Bergama) ist ein türkischer Musiker. Er stammt aus einer traditionsreichen Musikerfamilie: Sein Großvater Hüsnü Şenlendirici spielte Klarinette und Trompete, der andere Großvater Fahrettin Köfteci Klarinette, sein… …   Deutsch Wikipedia

  • Senlendirici — Hüsnü Şenlendirici (* 1976 in Bergama) ist ein türkischer Musiker. Er stammt aus einer traditionsreichen Musikerfamilie: Sein Großvater Hüsnü Şenlendirici spielte Klarinette und Trompete, der andere Großvater Fahrettin Köfteci Klarinette, sein… …   Deutsch Wikipedia

  • Demographics of Turkey — Demographics of Republic of Turkey 1961–2007 Population: 72,586,256[1] (2009 est.) Growth rate: 1.45% (2009 est …   Wikipedia

  • Culture of the Ottoman Empire — Eighteenth century mirror writing in Ottoman calligraphy. Depicts the phrase Ali is the vicegerent of God in both directions …   Wikipedia

  • Fatih — (in turkish: conqueror ) is one of the largest and central districts of Istanbul, Turkey, in the heart of the city. Since it constitutes the old quarter of the city conquered by Mehmed II the Conqueror, even today it is also called as the real… …   Wikipedia

  • European Roma Information Office — (ERIO) is an international advocacy organization for Romani people based in Brussels, [cite web | url = http://www.radio.cz/en/article/51670 | title = Hungary asks will Roma riot here? | date = December March 12, 2004 | author = Petra Hajdu |… …   Wikipedia

  • Hüsnü Şenlendirici — (* 1976 in Bergama) ist ein türkischer Musiker. Er stammt aus einer traditionsreichen Musikerfamilie: Sein Großvater Hüsnü Şenlendirici spielte Klarinette und Trompete, der andere Großvater Fahrettin Köfteci Klarinette, sein Vater Ergün… …   Deutsch Wikipedia

  • Istanbul — Istanbul …   Deutsch Wikipedia

  • Yusuf Yeşilöz — (* 1964 im Dorf Gölyazi Landkreis Cihanbeyli in Konya) ist ein aus der Türkei stammender deutschsprachiger Autor Schweizer Staatsangehörigkeit und kurdischer Volkszugehörigkeit. Inhaltsverzeichnis 1 Werdegang 2 Werke …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”