Torontosegen

Torontosegen

Torontosegen bezeichnet im Sprachgebrauch der Neocharismatischen Bewegung ungewöhnliche ekstatische Reaktionen der Teilnehmer auf das Gebet oder den durch Handauflegung persönlich empfangenen Segen. Die Verhaltensweisen werden als vom Heiligen Geist gewirkt angesehen und auch als Salbung bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung und Verbreitung

Der Name leitet sich von der Toronto Airport Christian Fellowship (TACF) her, einer Freikirche in der Nähe des Flughafens der kanadischen Stadt Toronto, die ehemals zur Vineyard-Bewegung zählte und in der die Reaktionen in den 1990er-Jahren verstärkt auftraten. Die Phänomene fanden in der neocharismatischen Bewegung jedoch rasch weltweite Verbreitung, nachdem viele Charismatiker nach Toronto gereist waren und der Torontosegen sich auf andere Gemeinden ausweitete.

In den Folgejahren ließen die extremen „Manifestationen“ langsam nach. Sie wurden entweder normaler Bestandteil von speziellen Veranstaltungen oder - je nach Umgang der Gemeinden mit dem Segen - unterbunden, indem man in Gottesdiensten auf persönliche Segnung verzichtete.

Beobachtete Reaktionen

Beim Torontosegen sind unter anderem aufgetreten:

  • umfallen, was als Ruhen im Geist gedeutet wird
  • lachen oder weinen, das dem Heiligen Geist zugeschrieben wird, euphorische Zustände
  • Zungenreden
  • zittern, Schütteln
  • außergewöhnliche Bewegungen und Laute unterschiedlichster Art
  • lautes Schreien, das als Ausfahren böser Geister gedeutet wird
  • Ohnmachten
  • lähmungsähnliche Erscheinungen
  • histrionisches Verhalten.

In Anlehnung an die Bibel (z.B. Apg. 2,13) werden einige dieser Zustände von den Anhängern auch als Trunkenheit im Geist bezeichnet (z.B. das Lachen). Sie können spontan auftreten, werden aber auch gern gezielt ausgelöst und verstärkt, indem man Teilnehmern segnend die Hand auflegt, ihnen Luft zufächelt oder mit dem Mund Luft entgegenbläst, da Wind und Atem als Symbole für den Heiligen Geist gelten.

Beim Ruhen im Geist versucht man, Verletzungen zu vermeiden: Wenn abzusehen ist, dass jemand umfallen wird, stellen sich hinter ihm Leute als Fänger auf, um ihn aufzufangen und sanft auf dem Boden abzulegen.

Das häufig auftretende Zittern (Schütteln) sowie andere Phänomene wurden anderswo bereits vorher beobachtet, so etwa bei den Quäkern, die von ähnlichen Erscheinungen her ihren Namen haben.

Religionswissenschaftliche Einordnung

Religionswissenschaftlich entspricht der Torontosegen dem Phänomen, das man im Hinduismus Shakti Pat nennt. [1] [2] Auch der Form nach weist der Torontosegen eine große Ähnlichkeit mit einer Shaktipat-Initiation auf. [3] [4]

Bewertungen

Der Torontosegen wird sehr unterschiedlich bewertet.

Die Befürworter sehen im Torontosegen das Wirken des Heiligen Geistes. Sie verweisen darauf dass der Geist Gottes Kraft sei und die Beteiligten die „Manifestationen“ meist als befreiend, erfrischend und entspannend empfänden. Sie schreiben ihnen darum Prozesse der Heilung und Befreiung zu.

Innerhalb charismatischer Gruppen werden die sogenannten „Manifestationen“ teilweise skeptisch betrachtet.

Andere sehen die Phänomene eher als dämonisch geprägt und entweder negativ als Zeichen von Besessenheit oder umgekehrt als Zeichen der Befreiung von dunklen Mächten. Insgesamt wird der Torontosegen selbst innerhalb der charismatischen Bewegung weithin kritisiert und abgelehnt. Manche machen darauf aufmerksam, dass klinische Symptome wohl kaum als vom Geist gewirkt angesehen werden dürften und vermutlich rein natürlich Ursachen hätten. Andere stoßen sich auch an der Geschäftstüchtigkeit der Toronto Airport Christian Fellowship, die u.a. Heilungswochen zum Preis von 1.200 Dollar anbietet.

Einzelbelege

  1. Vgl. Alexaner Seibel: Das Fallen auf den Rücken
  2. Vgl. Kurt E. Koch: Christus oder Satan?
  3. Vgl. Joachim Reinelt: Kundalini. Die kosmische Kraft im Inneren des Menschen
  4. Vgl. Seraphim Rose: Orthodoxie und die Religion der Zukunft, Straelen 2010, ISBN 978-3-937129-60-0, Rn. 463, S. 260.

Literatur

Weblinks


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